Verhältnis zwischen Türken und Kurden

Dieses Thema im Forum "Das Osmanische Reich" wurde erstellt von Tenger, 21. Oktober 2019.

  1. Tenger

    Tenger Neues Mitglied

    Hallo. Mich würde mal interessieren, wie das Verhältnis zwischen Türken und Kurden bezogen auf die gesamte Zeit des Osmanischen Reiches war. Gab es schon immer ein angespanntes oder misstrauendes Verhältnis zwischen den beiden Völkern? Oder ging man sich aus dem Weg nach dem Motto "leben und leben lassen? Wann begann das Verhältnis zu kippen? Nach oder vor dem nicht umgesetzten Vertrag von Sevres oder erst nachdem die Türkei gegründet und die Kurden unterdrückt wurden?

    Lg Tenger
     
  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die Periode kann man mit Reynolds in die Phase zwischen 1908 und 1918 verlegen (S. 2)

    Mit der Wiederherstellung der Verfassung 1908 wurden weitgehende Hoffnungen auf eine Modernisierung und eine "transform the empire into a more harmonius place" (S. 2) geweckt. Politisch ist diese Phase eng mit dem Wirken der "Jung-Türken" bzw. auch der Person von Enver Bey verbunden.

    "Imans, rabbis, and priest embraced, Greeks steped wirth Turks, and Armenians stood with Curds. It was a auspicious moment, filled with promise, and those who lived it knew it would change their lives." (S. 2)

    Der WW1 veränderte an diser Situation sehr viel. Deutlich kann man diese Veränderungen in Anatolien zeigen, das einem Populationsmix glich, mit Kurden, Armeniern, Türken, Tscherkessen und Assyrern.

    Neben dem normalen Zusammenleben ergaben sich auch Konflikte zwischen diesen einzelnen Populationen. Wie beispielsweise Streit um territoriale Ansprüche zwischen Kurden und Armeniern. Mit Interventionen des europäischen Auslands für die Armenier und der Unterstützung der Kurden durch die Innenpolitik des Osmanischen Reichs.

    Bartov (S. 263) verweist darauf, dass die Jung-Türken bereits im April 1916 die ethnische Integration z.B. in der Provinz Trabzon problematisierten und die soziale Integration beispielsweise der Kurden in die türkische Gesellschaft untersuchten.

    Zudem ergaben sich Großmachtinteressen in der Region zwischen dem Osmanischen Reich und Russland und man wollte u.a. die Kurden instrumentalisieren, als "Schutzschild" gegen das weitere Vordringen Russlands in Richtung Süden zu fungieren.

    Mit dem Zusammenbruch von 1918 und einer nahezu grenzenlosen Verarmung gerade auch der östlichen türkischen Gebiete wurden die Verteilungskämpfe verstärkt.

    Gleichzeitig war ein Merkmal des Friedensstiftungsprozesses in Versailles, dass die Peripherie - also auch der östliche Teil des Osmanischen Reichs - eher einem Prozess der Realpolitik unterworfen war. Es wurden Fakten geschaffen, die man nur teilweise zentral steuern bzw. kontrollieren konnte. Vor diesem Hintergrund verfolgten sowohl die Armenier wie die Kurden Ideen, die auf eine eigenständige Gründung eines Staates hinausliefen (vgl. Leonhard, S. 280-281)

    In dieser Phase nahm die polarisierende Wirkungen ultra-nationalistischer Ideologien in Verbindung mit religiösen Konfliktlinien zu und wirkten teilweise in Kombination.



    Als Referenz zu diesem Thema ist wohl McDowall zu empfehlen.

    Barṭov, ʾOmer (Hg.) (2013): Shatterzone of empires. Coexistence and violence in the German Habsburg Russian and Ottoman borderlands. Bloomington, Ind.: Indiana Univ. Press.
    Leonhard, Jörn (2018): Der überforderte Frieden. Versailles und die Welt 1918-1923. München: C.H. Beck.
    McDowall, David (2017): A modern history of the Kurds. 3 ed. London: I.B. Tauris.
    Reynolds, Michael A. (2011): Shattering empires. The clash and collapse of the Ottoman and Russian empires, 1908-1918. Cambridge: Cambridge University Press.
     
    Zuletzt bearbeitet: 22. Oktober 2019
    silesia gefällt das.
  3. schaf

    schaf Mitglied

    Helmuth von Moltke (Generalfeldmarschall) – Wikipedia
    1835 erhielt er Urlaub für eine Bildungsreise in den Südosten Europas. Auf Einladung des osmanischen Kriegsministers Hüsrev Mehmed Pascha wurde er von 1836 bis 1839 als Instrukteur der osmanischen Truppen abkommandiert. In dieser Zeit bereiste er Konstantinopel, die Schwarzmeerküste, das Taurusgebirge und die Wüste von Mesopotamien und nahm 1838 an einem Feldzug gegen die Kurden teil.
     
  4. Tenger

    Tenger Neues Mitglied

    Hallo vielen Dank für die Antworten.
    Also ist das Verhältnis in Betracht auf die Gesamtexistenz des Osmanischen Reiches ein eher "frischer" Konflikt? Wie war denn das Verhältnis vor den von euch genannten Konflikten? Sowohl zwischen der einfachen Bevölkerung als auch zwischen dem Reich und der Kurden? Mir ist zwar bekannt, dass das Osmanische Reich über Nomadenstämme wie z.B die Afscharen kaum die Herrschaft hatte, aber galt sowas auch bei Kurden?
     
  5. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

  6. schaf

    schaf Mitglied

    Nein.
    Von Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum Jahre 1880 und dann weiter bis zum Ersten Weltkrieg gab es zahlreiche kurdische Aufstände, in deren Folge die kurdischen Fürsten ausgeschaltet wurden und die autonomen Herrschaftsstrukturen ein Ende fanden. Teile der kurdischen Eliten fassten daraufhin den Entschluss, einen unabhängigen Staat zu gründen.[2]

    Kurden in der Türkei – Wikipedia
    Zu den ersten offiziellen Beziehungen zwischen Kurden und dem osmanischen Reich kam es im Jahre 1514. Bei der Schlacht von Çaldıran nahmen die Kurden auf Seiten der Osmanen teil. Dadurch erlangten sie die Möglichkeit, ihre autonomen Herrschaftsformen im osmanischen Reich fortzuführen. Die autonome Struktur der kurdischen Fürstentümer dauerte bis ins 19. Jahrhundert, ohne zu weiteren Konflikten zu führen.

    Kurden – Wikipedia
    Einen großen Wendepunkt in der kurdischen Geschichte stellte 1514 die Schlacht bei Tschaldiran zwischen Osmanen und Safawiden dar, bei der sich die mehrheitlich sunnitischen Kurden mit den Osmanen verbündeten. Die Osmanen sicherten sich die Unterstützung der kurdischen Lokalfürsten, indem sie ihnen die Umwandlung ihrer Besitztümer in erbliche Fürstentümer anboten. Diese kurdischen Herrschaften (Kürt Hükümetleri) mussten keinen Tribut zahlen und keine Soldaten für die osmanische Zentralregierung stellen. Daneben gab es noch die kurdischen Sandschak, deren Gouverneure per Erbe bestimmt wurden, aber trotzdem wie alle Sandschaks Steuern zahlten und Soldaten bereitstellten. Im Osmanischen Reich war das nicht üblich. Normalerweise wurden Ländereien nur auf Lebenszeit an kriegsverdiente Soldaten verteilt (Timar-System).
     

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