Verkauf der Bevölkerung

Dieses Thema im Forum "Absolutismus und Aufklärung (1648-1789)" wurde erstellt von Nergal, 4. September 2012.

  1. Nergal

    Nergal Aktives Mitglied

    Erinnere mich gerade wieder an die "Kammerdienerszene" aus "Kabale und Liebe" wo der Kammerdiener Ladyy Milford erklärt dass der Fürst seine Bevölkerung in den Kriegsdienst verkauft hat um ihre Juwelen zu erwerben.

    Wie war das zu dieser Zeit eigentlich genau mit dem "Menschenhandel"?
    Wurden nur Soldaten bzw. Wehrfähige verkauft, oder Getauscht (August d. starke soll ja ein Dragonerregiment gegen Geschirr getauscht haben), oder auch Jeder der Sonst irgendwie verwertbar war (Arbeit etc.)?
    Konnten sich die Untertanen irgendwie gegen das Verschachertwerden wehren?
     
  2. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Die Soldaten wurden ja nicht verkauft, sie wurden vermietet. Man muss sich das eher wie ein Bündnis vorstellen, nur dass ein Bündnispartner kein Land erbeutete, sondern dafür Geld bekam. Die Untertanen eines Herrschers waren ja auch keine Sklaven. Sie waren durch Untertanentreue an ihn gebunden. In Friedensschlüssen oder anderen Verträgen wie Landverkäufen wechselte Grund und Boden samt den Untertanen, die darauf wohnten, den Landesherrn.
     
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  3. YoungArkas

    YoungArkas Neues Mitglied

    Meistens wurden Militäreinheiten, also ganze Regimenter, als solches "Vermietet", so kämpften viele Hessische Soldaten, aber auch Soldaten anderer deutscher Fürstentümer, im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg auf britischer Seite. Wikipedia hat da einen kleinen Überblick:

    Soldatenhandel ? Wikipedia
     
  4. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Dass Soldaten "vermietet" werden, ist historisch gesehen außerdem keineswegs ein Einzelfall, sondern kommt auch heute noch vor. Dass in den letzten beiden Jahrzehnten UN-Truppen - anders als in den Jahrzehnten davor - zunehmend aus Soldaten aus Dritte-Welt-Ländern bestanden, lag und liegt auch nicht daran, dass diesen Staaten der Weltfrieden ein ganz besonderes Anliegen wäre, sondern dass die UN die Entsendestaaten gut für diese Truppen bezahlen und nur ein (mehr oder weniger geringer) Teil des Geldes den Soldaten selbst zugutekommt, der oft größere Teil von den Entsendestaaten eingesteckt wird. Insofern gibt es das Vermieten von Soldaten auch heute noch.

    Warum hätten sie sich wehren sollen? Viele Kriege des 18. Jhdts. hatten nur wenig mit den unmittelbaren Interessen der Teilnehmerstaaten, also einer Verteidigung des Vaterlands, zu tun. Es wurden auch innerhalb Europas laufend Truppen im Rahmen irgendwelcher ohnehin häufig wechselnder Bündniskonstellationen hin- und hergeschickt, um im Rahmen der üblichen Kabinettskriege für Ziele zu kämpfen, die zwar dem Herrscher opportun erschienen, aber auch im Erfolgsfall der Heimat des kämpfenden Soldaten wenig bis nichts einbrachten. Ich glaube nicht, dass es für einen Soldaten einen allzu großen Unterschied machte, ob er an die Engländer vermietet wurde, weil er für sie einen Aufstand niederschlagen sollte, oder ob sich sein Landesherr mit dem Herrscher B verbündet hatte und er jetzt gegen C am anderen Ende Deutschlands, wenn nicht gar Europas, kämpfen sollte, weil eine Schwächung von C den momentanen machtpolitischen Interessen seines Landesherrn diente oder er sich mit B gut stellen wollte. Ich bezweifle z. B., dass der einfache russische Soldat, der im Siebenjährigen Krieg gegen Preußen kämpfte, darin einen unmittelbaren Nutzen für sich und Russland sah. Vermutlich tat er es einfach, weil es ihm befohlen wurde und er (außer Desertion) somit ohnehin keine andere Wahl hatte. Ich glaube, bei den vermieteten Soldaten wird es nicht viel anders gewesen sein.
     
  5. Cécile

    Cécile Neues Mitglied

    Ein Bekannter drückte es mal, etwas flapsig, aber dennoch gut zutreffend mit den Worten aus "Die war'n halt auf Montage"
    Man muss ja auch sehen, dass im 18.Jh. das Soldatsein noch quasi als "Handwerk" aufgefasst wurde, wenn man z.B. als Alternative hatte in einem Bergwerk zu arbeiten, oder sich in einer Manufaktur eine Staublunge zu holen, so war das Todesrisiko bestimmt nicht so extrem Abschreckend für die Männer damals.
     
  6. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Man muss die damalige sozusagen "schlechte Presse" bei Schiller aber auch anderen Autoren gegen den Soldaten"handel" in der Zeitströmung sehen. Bei den Intellektuellen war die Beteiligung von Deutschen auf der Seite der Briten oft verpönt. Später erfreuten sich rasch Drucke nach Gemälden, welche Ereignisse des Unabhängigkeitskrieges darstellten in Deutschland großer Beliebtheit.

    Auf der anderen Seite könnte man ja auch behaupten, dass sich die Deutschen in den französischen Fremdtruppen für Angelegenheiten totschießen ließen, die nicht ihre eigenen waren. Man denke an das Regiment Royal-Deuxponts, das vom Pfalzgraf von Zweibrücken-Birkenfeld aufgestellt worden war. Wie auch das Régiment Royal-Deuxponts trug die Légion Lauzun hellblaue Uniformen, wohl auch da sie sich zu keinem geringen Teil aus Deutschen zusammensetzte.
     
  7. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Ein wenig kritischer und differenzierter wird man das Thema wohl sehen dürfen. Aber vermutlich ist es - für manche - meistens akzeptabel und auch einer Rechtfertigung wert, was die damaligen königlichen Herrschaften so im Rahmen ihrer von Gottes Gnaden erworbenen Legitimation an politischem Handeln gezeigt haben.

    Und der Verweis auf Schiller belegt, dass es bereits zeitnah zu den damaligen Vorfällen eine durchaus kritische Öffentlichkeit gab, die moralische Maßstäbe an das Handeln der Monarchen anlegte, die diese offensichtlich nicht erfüllen konnten.

    Soldatenhandel unter Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel ? Wikipedia

    Die verkauften Hessen im Unabhängigkeitskrieg der USA - Soldatenhandel im Merkantilismus und Absolutismus hessische Söldner

    vgl. kriegsreisende.de: "Aber anders als in den meisten Armeen bestand der Großteil der hessischen Söldner aus Landeskindern, deren Verwandte für Deserteure haftbar gemacht wurden. Die Gemeinen wurden durch das sogenannte Kantonsystem rekrutiert, durch das jedem Regiment ein bestimmtes Rekrutierungsgebiet, eben ein Kanton, zugewiesen wurde. In gewisser Weise waren die Hessen also eher Wehrpflichtige als richtige Söldner."

    "Die Toten wurden zwar bezahlt, mußten aber ersetzt werden. Außerdem forderten die Engländer Verstärkungen. Da die echten Freiwilligen bereits mit den ersten Einheiten ausgezogen waren, mußten die Werber zunehmend zum Zwang greifen, um ihr Soll zu erfüllen. In Hessen begann es bereits an Arbeitskräften zu mangeln, Felder lagen brach und Höfe verkamen, da in manchen Familien nur Frauen, Kinder und Alte zurückgeblieben waren."


    @ Cécile: Und da ist der Vergleich mit der Montage nicht nur flapsig, sondern gemessen an dem Leid, das über diese Familien gebracht wurde, unverständlich.
     
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  8. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Diese Rekrutierungszustände waren allerdings kein Spezifikum bei der Vermietung von Soldaten, sondern damals in den europäischen Staaten gang und gäbe. Mit der Freiwilligkeit war es auch bei der Anwerbung von Soldaten für den Eigenbedarf nicht weit her, auch da wurden Personen ganz offen zwangsrekrutiert oder besoffen gemacht und dann "angeworben", oder es wurden sogar potentielle Rekruten über Grenzen verschleppt.

    Wesentlich interessanter ist der Punkt, dass die "verkauften" Hessen eben nicht nur verschacherte Zwangsrekruten waren, denen man mit dem Erschießen drohen musste, sondern sich anfangs auch viele Freiwillige darunter befanden.

    Ich stimme Céciles Verweis auf das "Handwerk" zu.
    Es fanden sich auch in der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg noch stets eine Menge deutscher Söldner, z. B. für die Kriege der Polen in der Ukraine oder als Truppen in Übersee für die Kolonialmächte.
     
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  9. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Sicher ist jedenfalls, dass die deutschen Landesfürsten im 18. Jh. nicht die geringste Scham dabei empfanden, ihre Soldaten gegen beträchtliche Summen ins Ausland zu vermieten bzw. zu verkaufen. Dort kämpften die deutschen Truppen im Dienst vor allem Spaniens, Frankreichs und Englands an zahlreichen Kriegsfronten, während der Soldatenverkauf an die englische Krone während des nordamerikanischen Unabhängigkeitskriegs besondere Ausmaße annahm, was schon damals Vertreter der Aufklärung verurteilten.

    Die Einnahmen aus dem Verkauf ihrer Untertanen verwendeten die Landesherren zur Begleichung ihrer Schulden und zur Finanzierung einer prunkvollen Hofhaltung und nicht wenige repräsentative Barockschlösser beruhen auf dem Blutgeld des Soldatenhandels.
     
  10. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ich kann da keine besondere Ausmaße erkennen. Schau Dir mal an wie die Niederländer im Spanischen Erbfolgekrieg die gewaltigen Heere zusammen brachten.

    Ich denke, dass schlichtweg dem Soldatenhandel des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges aus ein paar anderen Faktoren heraus mehr Beachtung als die früheren ähnlichen Projekten geschenkt wurde.
    1. Es gab eine zunehmende deutsche Öffentlichkeit. Man denke allein schon an die zunehmende Zahl der Zeitungen. Die Aufklärung durchdrang die Bevölkerung.
    2. Die Armeen dienten fernab der Heimat.*
    3. Der Krieg bzw. die Kriegspartei wofür die Truppen geworben wurden, war unpopulär.
    4. Der Krieg hatte keine direkten Auswirkungen auf Dtl..

    Ich wollte auch anführen, dass es eine andere Größenordnung ist, wenn ein Staat wie Anhalt-Zerbst über 1.000 Mann entsendete, wenn man an die Bev.zahl denkt. Aber dann ist mir das von mir selbst bereits an anderer Stelle angebrachte Schwarzburg-Rudolstadt eingefallen, das auch zuerst an die Niederlande und dann an Preußen praktisch fast die gesamte Infanterie, die es besaß, vermietete und das war vor dem Siebenjährigen Krieg.

    Auch das große Preußen hatte für Subsidiengelder in großer Höhe noch im Spanischen Erbfolgekrieg die Truppen marschieren lassen, freilich konnte man da noch den Deckmantel gebrauchen, dass es gegen den Reichsfeind ging...

    Einige Staaten vermochten sich überhaupt bloß ein Militär zu finanzieren, weil eben dasselbe durch dauerhafte Subsidien, die auch außerhalb des Kriegsfalles gezahlt wurden, gewährleistet wurde.
    Der Grund, weshalb das in Deutschland gerade so erfolgreich war, liegt doch eher darin begründet, dass sich hier eben viele Staaten ein auf gewöhnliche Wege kaum bezahlbares Militär hielten.

    * Wobei das in niederländischen Diensten natürlich zuvor auch schon viele getan hatten.
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. September 2012
  11. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Das müsste man dezidiert untersuchen. Meines Erachtens ging es generell um die Generierung von Staatseinnahmen. Auch Staaten mit einer völlig bescheidenen Hofhaltung griffen zu dem Mittel. Den meisten Staaten, die sich am Soldatenhandel beteiligten ist meines Erachtens gemein, dass sie ein überproportional zu den staatlichen Ressourcen angewachsenes Militär hatten.
    Viele kleine Fürstentümer konnten bei sowas garnicht mitmachen, weil sie eben bis auf ein bisschen Schlosswache und die paar Mann für das Reichskontingent garkeine Truppen hatten (und brauchten).
     
  12. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Ich finde dazu im Netz diesen Eintrag:

    Soldatenhandel und Unabhängigkeitskrieg

    Wenn angesichts der Größe Hessen-Kassels 19 000 hessische Soldaten in Amerika "kein besonderes Ausmaß" sind, dann ich weiß ich nicht, was ein "besonders Ausmaß" sein soll.

    Einige zehntausend weitere Soldaten steuerten noch Braunschweig-Lüneburg, Braunschweig-Wolfenbüttel, Anhalt, Ansbach, Waldeck usw. bei. Man muss das alles schließlich in Relation zur oftmaligen Winzigkeit der Herkunftsländer sehen.

    Entschuldigen lässt sich dieser fürstliche Handel mit Landeskindern nicht.
     
  13. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Eine hübsche Umschreibung!
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. September 2012
  14. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ich meinte das im Vergleich zu dem, was man ehedem gestellt hatte. Schon im Siebenjährigen wurden gewaltige Subsidientruppen ins Feld geführt.
    Hesse-Kassel Army - Project SYW

    Die Niederlande stellten im Spanischen Erbfolgekrieg über 100.000 Mann überwiegend Deutsche. Dann würde ich das auch als besonderes Ausmaß bezeichnen.

    Ich glaube aber manchmal auch, dass Du mich partout nicht verstehen willst. Macht aber auch nichts, Hauptsache man kann drüber schwätze... ;)
     
  15. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ist ja auch nicht unser Job. Unterhalten wir uns über Moralphilosophie oder über Geschichte? Was nutzt es mir, wenn ich mich über die angeblichen und tatsächlichen Verfehlungen von dem und dem vor soundsovielen Jahren aufrege? Ich versuche es im zeitgenössischen Kontext zu untersuchen. Sonst wäre man wieder bei der sozialistischen Geschichtsschreibung, wo moralische Beurteilung einer Handlung 50 % des Buches ausmachte und die reinen Fakten dann die andere Hälfte, überspitzt formuliert. Dem Soldaten von damals, war es sicher gleich, ob er nun da oder dort getötet wurde, das Leid für die Angehörigen und sein eigenes, vielleicht ein Schicksal als Kriegsversehrter wird dadurch nicht tangiert. Und ich bin mir auch sicher, dass Cécile keineswegs irgendwas beschönigen wollte. So ein Gedanke allein, ach ich spar mir die Worte. :autsch:
     
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  16. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Es tut mir leid, aber ich verstehe deine Argumentation in der tat nicht.

    Was immer auch in den Niederlanden, Russland oder sonstwo passiert ist: Die Vermietung von Landeskindern durch Fürsten deutscher Kleinstaaten zur Finanzierung ihrer Hofhaltung oder ähnliches ist ein unmoralisches, schmutziges Geschäft. Das wird auch durch etwaige Vergleiche nicht anders.
     
  17. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Hessen- Kassel hatte seit dem späten 17. Jahrhundert eine stehende Armee aufgestellt, die im Grunde genommen für die Wirtschaftskraft einer Mittelmacht, eines Agrarstaats total überdimensioniert war. Gemessen an der Einwohnerzahl gab es im 18. Jahrhundert in Hessen mehr Soldaten, als in Preußen. Um diese Armada zu finanzieren waren die Landgrafen praktisch gezwungen, sie an Interessenten zu vermieten. Der Soldatenhandel war durchaus riskant, mancher Reichsfürst, selbst der geschickte Karl von Hesssen Kassel musste gelegentlich drauflegen. Um für Interessenten attraktiv zu sein, musste die Armee schlagkräftig sein, was wiederum voraussetzte, dass Militärstaaten wie Hessen- Kassel aufrüsten mussten und abhängig von Subsidien wurden. Polititisch wollte sich Wilhelm VIII.heraushalten, bzw. mit beiden Seiten verhandeln. Im Österreichischen Erbfolgekrieg diente sein Sohn, Erbprinz Friedrich II. in der Armee Karl VII., während gleichzeitig hessische Truppen in britischem Sold in der pragmatischen Armee Georg II. dienten. 1743 trafen bei Dettingen hessische Truppen auf beiden Fronten aufeinander, doch Wilhelm VIII. hatte auch für diesen Fall vorgesorgt und Klauseln einfügen lassen, dass die eigenen Truppen nicht gegeneinander kämpfen mussten.

    Das Kalkül Wilhelm VIII ging aber im folgenden großen Weltkrieg, dem Siebenjährigen nicht mehr auf. Die hochgerüstete Armee diente in britischen Diensten unter Ferdinand von Braunschweig und stand am Rhein und an der Weser, war also gar nicht imstande, Hessen zu verteidigen, das zum Aufmarschgebiet der französischen und alliierten Armeen wurde. Städte wie Marburg und Kassel wechselten ein Dutzend Mal den Besitzer. Hessen wurde von den Franzosen und Alliierten gleichermaßen ausgeplündert. Die Franzosen mussten ihre Kontributionen senken, da die Bauern zu passivem Widerstand übergingen und aufhörten, die Felder zu bestellen. Aber auch die verbündeten machten wenig Federlesen. In einem Dorf nahe der Festung Ziegenhain, die 1761 heftig belagert und von den eigenen Truppen mit Brandbomben beschossen wurde, plünderten Soldaten der berüchtigten Legion Britannique die Vorräte.

    Im gegensatz zu seinem Vater glaubte Friedrich II. nicht an das Bündnis mit Preußen und England. Die Verbündeten fürchteten, er könnte die Fronbt wechseln, weshalb man ihn in Braunschweig kaltstellte, aber großzügig unterbrachte. Die britischen Subsidien wurden freundlicherweise nach Kriegsende weitergezahlt.

    Für den kommenden Konflikt in Nordamerika wollten die Briten eigentlich lieber mit Katherina II. ins Geschäft kommen, da die deutschen Fürsten, zumal die Hessen ihnen zu teuer waren. Schon im Siebenjährigen Krieg waren Hessen und Braunschweiger dreimal so teuer wie preußische Soldaten und man hätte nur mit einem Anbieter verhandeln müssen. Friedrich II. gelang es nicht zuletzt dank britischer Subsidien das Land wieder aufzubauen. Größter Arbeitgeber in Hessen aber waren die Armeee und der landgräfliche Hof. Vor allem die Residenz Kassel profitierte von großzügigen Bauprojekten. Es erstand´dort das Fridericianum, das erste Museum Europas, das der Öffentlichkeit zugänglich war und 1785 wurde Wilhelmshöhe gebaut.

    Um aber weiterhin eine politische Rolle spielen zu können, musste wieder aufgerüstet werden, und wenn der Begriff der Staatsräson, der oft bemüht wurde und wird, überhaupt einen Sinn ergeben soll, wird man den deutschen Reichsfürsten zubilligen müssen, dass es keinen Sinn ergeben hätte, wenn sie sich diese Gelegenheit hätten entgehen lassen. Die teuren, arbeitslosen Armeen waren plötzlich wieder gefragt, und es zahlte der Hof von St. James großzügige Subsidien in harter Währung, während man die Truppe in deutschem Geld bezahlte. Und die Briten konnten nicht genug Soldaten bekommen, sie heuerten 80 % der gesamten Armee an.

    Die Werber hatten einiges zu bieten, und zu Kriegsbeginn fehlte es nicht an Freiwilligen. Um die Arbeitskraft der heimischen Landwirtschaft zu erhalten, warb man im "Ausland" vor allem um die Reichsstadt Frankfurt und in Thüringen.
     
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  18. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ich habe ja auch nicht behauptet, dass das eine tolle Sache war.:winke:

    Was ein Fortschritt wäre, wäre vielleicht sämtliche Subsidienverträge aufzulisten.

    Wobei wir damit freilich am Thread vorbeigingen.
    Es ging ja darum, ob es generell neben der Vermietung von Truppen quasi Handel mit Landeskindern im 17./18.Jh. gab.

    @ Nergal
    Haben wir Deine Eingangsfrage hinreichend beantwortet?

    Mir selber sind keine Auswege aus dem, was Du unter Verschachert meinst, bekannt. Man konnte im Falle des Militärdienstes desertieren, aber das hatte dann bisweilen schlimme Folgen für die Familie, weil man dort natürlich zuerst nach dem Entflohenen suchte. Bekamen Gemeinden nicht die gewünschte Zahl an Soldaten zusammen, dann wurden als Druckmittel fremde Soldaten in die Gegend gelegt.

    In besetzten Gebieten gab es Aufstände bisweilen. Man denke dann an das spätere Beispiel Tirols, das an Bayern kam. Natürlich spielten neben der Neigung der Tiroler für das Erzhaus bzw. Österreich auch andere Faktoren eine Rolle.

    Ansonsten gab es Unruhen, wenn man den Landesherren per Vertrag wechselte v.a., wenn damit unangenehme Veränderungen verbunden waren, bspw. ein erzwungener Glaubenswechsel oder aber höhere Belastungen.
     
  19. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Topbeitrag

    Vielen Dank, den Begriff der Staatsräson hatte ich unterschlagen. :rotwerd:
     
  20. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    So ist es und vermutlich haben die zeitgenössischen Kritiker, wie beispielsweise Schiller, es auch so gesehen. Und genau dieses ist bei diesem Thema auch anzumerken.

    Also ergänzen wir die Argumentation, dass es nicht nur die verschwenderische Hofhaltung der absolutistischen Autokraten des HRR war, die zum Verleih von Soldaten geführt hat, sondern auch die zwingende Berücksichtigung der "Staatsräson".

    Und die angebliche "Staatsräson" bestand darin, Truppen auszuheben, bzw. auch teilweise zu pressen, und sie nicht etwa, wie es die Staatsräson eigentlich nahelegen würde, für eigene politische Ziele in Europa zu nutzen, nein, sie wurden aus Gründen der Staatsräson in Amerika eingesetzt. In einem Gebiet, in dem sie der Staatsräson nicht wirklich dienlich sein konnten.

    Vgl. Staatsräson

    Staatsräson ? Wikipedia

    Verwunderlich ist, dass nicht zusätzlich auf dynastische Verbindlichkeiten und Rücksichtnahmen hingewiesen wird, da die europäische Diplomatie des Absolutismus zu einem nicht unerheblichen Anteil durch diesen Aspekt gepägt war.
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. September 2012

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