Verlierer und Gewinner der Hyperinflation 1923 (Fakten und Legenden)?

Dieses Thema im Forum "Die Weimarer Republik" wurde erstellt von Melchior, 16. April 2012.

  1. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    Das ist mit Sicherheit ein eigenes Thema wert.

    Die Inflation (Hyperinflation) hat sich m.E. tief in das kollektive Gedächtnis der Deutschen eingegraben, das gibt immer auch Raum für Legendenbildung bis hinein in die Literatur.

    Die wichtigste Legende besagt, daß Besitzer von Sachgütern gut davon gekommen sind, während Arbeiter, Angestellte, Beamte und Rentner die großen Verlierer waren und große Monopole (Konglomerate) wie z.B. auch Stinnes entstanden sind.

    Ein paar Thesen zur Diskussion:

    1)
    Eigentlich hätte das Bankensystem zusammenbrechen müssen, tat es aber nicht, alle großen Banken haben überlebt. Die Rentenmarkeröffnungsbilanzen hätten, theoretisch, eigentlich nur noch im wesentlichen Anlagevermögen (A) und Eigenkapital (P) verzeichnen dürfen, abgesehen von sehr wenig Ausnahmen. Denn die Legende besagt, die Sachgutbesitzer und anderen Kreditnehmer haben ihre Kredite zurückgeführt, im Gegenzug haben die Banken ihre Schulden (Einlagen) mit wertlosen Papiergeld zurückgeführt.

    2)
    Eine weitere Legende besagt, die großen Verlierer waren die Beamten und Pensionäre. Prima facie während der Hyperinflation wahrscheinlich ja, allerdings blieben die Rechtsansprüche auf Pensionszusagen unberührt und wurden in Rentenmark bzw. Reichsmark dann getreulich erfüllt, Kürzungen blieben dann erst Herrn Brüning vorbehalten. Ich habe noch nie in der Literatur gelesen, daß Rentenversicherungsträger, seien es private oder die Zusage von Pensionsansprüchen ehemaliger Bundesstaaten, Gebietskörperschaften oder des Reiches versucht haben, selbige Versorgungszusagen zu kapitalisieren und mit mehr oder weniger wertlosen Mark zurückzuführen.

    3)
    Die nächste Legende. Die Grundbesitzer haben sich entschuldet. Was sehen wir aber 8, 9, 10 Jahre später, die nächste Agrarkrise z.T. ausgelöst wegen struktureller Schwäche der deutschen Landwirtschaft aber auch Überschuldung der Betriebe. Hier gibt es in einem Forum allerdings ein Argumentationsproblem, den Verschuldungsgrad der Landwirtschaft bekäme man wahrscheinlich aus statistischen Jahrbüchern noch hin, die Streichungen in III. der Grundbücher wahrscheinlich nicht, ebenso die Neueintragungen nach November 1923. Vllt. kennt ein Mitdiskutant da regionale Untersuchungen.

    Das wären aus meiner Sicht so ein paar Ansatzpunkte zur Diskussion.

    M.

    P.S.: Verbriefte Staatsverschuldung wäre ein weiterer Diskussionspunkt und dann fielen mir ganz weit am Horizont noch Hypothekenpfandbriefe ein.
     
  2. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Hallo Melchior,

    vielen Dank für das Aufgreifen der Fragestellung, und für den Einstieg in das Thema. Die "üblichen Verdächtigen" nach beiden Seiten (Gewinner/Verlierer) sind demnach benannt:

    - Immobilienbesitzer, Großgrundbesitzer
    - Industrielle, von der Großindustrie bis zu den Kleinunternehmern
    - Banken
    - Rentner, Pensionäre
    - Beamte
    - Staat

    Da ich den Hinweis aus der Hand gegeben habe: etwas Bedenkzeit.:winke:
     
  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Das wäre die Hypothese, basierend auf den weitverbreiteten Annahmen zur Hyperinflation.

    Leider gibt es wohl keine konsolidierte Gesamtbilanz der Bankensektors für Ende 1923, allerdings gibt es für Teilsegmente des Bankenwesens entsprechende Statistiken.

    Zum 31.12.1923 weisen diese Teilbilanzen durchaus wieder übliche Strukturen auf der Aktivseite auf. Näheres folgt. Die Ungenauigkeiten mangels Konsolidierung wird man in Kauf nehmen können, da Interbankenforderungen und -verbindlichkeiten (die wesentlichen Posten, die konsolidierungsbedingt entfallen können) in den Teilbilanzen ausgewiesen sind.

    Bei den Grundbüchern, Abteilung III, gibt es mW keine Statistiken. Allerdings handelt es sich dabei im Wesentlichen um unabhängig von den konkreten Valutierungen eingetragene Kreditsicherheiten. Prima vista würde ich wegen Unsicherheiten bzw. vermuteter größerer Differenzen zwischen Kreditvalutierung und eingetragenen Sicherheiten den Aspekt erst einmal außen vor lassen.
     
  4. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Die Thematik ist mir nicht sonderlich vertraut, sodass ich einige deiner Argumente nicht verstehe:

    Dass die Pensionen und Renten weitergezahlt wurden, ist sicher zutreffend. Allerdings war das gesamte angesparte Vermögen der Beamten und Angestellten verloren, das für den Lebensabend vorgesehen war.

    Während das Spar- und Barvermögen der breiten Bevölkerung verloren war, blieb der Besitz an Immobilien unberührt. Schon bald also konnten die Grundbesitzer wieder Mieteinkünfte erzielen und wer seine Immobilie selbst nutzte, brauchte keinen Mietzins zu entrichten. Damit waren die Grundbesitzer um ein vielfaches besser dran, als die nichtgrundbesitzende restliche Bevölkerung, ergo also von der Inflation bei weitem nicht so hart betroffen.

    Die Opfer der Inflation waren die deutschen Mittelschichten, die Lohn- und Gehaltsempfänger. Die deutschen Sparer verloren das Letzte, nicht hingegen die Grund- und Immobilienbesitzer. Nutznießer der Inflation waren Finanzspekulanten, Großindustrielle und Großgrundbesitzer.
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. April 2012
  5. Legat

    Legat Aktives Mitglied

    Schuldner sollen auch ganz einfach ihre Schulden abbezahlt haben können.
     
  6. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    @silesia

    Du stellst dezidiert auf die Aktivseite ab; wenn die Aktivseite der Bankbilanzen zum 31.12.1923 die "übliche Strukturen" aufwiesen, läßt dieser Tatbestand eigentlich nur zwei Schlüsse zu. Entweder haben die Banken bankbetriebswirtschaftlich einen rasanten Kreditprozeß vorgelegt (sollte die Hypothese stimmen, daß die Kreditnehmer mit wertlosen Geld und unter Ausnutzung der "Mark = Mark" Politik, ihre Kredite zurückgeführt haben) oder es gab zwischen den Banken bzw. Kreditnehmern Abmachungen, die Kredite nicht so ohne weiteres zurückzuführen. Stimmt letzteres, wäre die allseits vertretene Hypothese der Kreditrückführung während der Hyperinflation, zumindest in Teilbereich obsolet und beträfe eventuell nur Einzelfälle.

    M.
     
  7. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    ... da sich in dem Brennpunkt das Bankenengagement und - vice versa - die Geld(Kredit-)versorgung der Wirtschaft spiegeln.

    Richtig, eine Kredit-Hausse kurz vor dem 31.12.1923 sehe ich nicht.

    Bleibt das Problem, was eigentlich mit der Verschuldung gegenüber dem Bankensektor während der Hyperinflation passiert ist? Hier gibt es zunächst den rechtlichen Aspekt zu beachten: Kündigungsmodalitäten. Ein großer Teil der Verschuldung dürfte aus rechtlichen Gründen überhaupt nicht rückführbar (=kündbar) gewesen sein. Dem folgend sind sicher zunächst die täglich fälligen Verpflichtungen "leergelaufen", das kann man wohl als ökonomisch rationales Verhalten unterstellen.

    Im Übrigen entwickelte sich die Hyperinflation in ein paar Monaten. Reaktions- und Transaktionszeiten legen hier eine weitere, rein praktische Schranke in den Weg. Die Reaktionsstrecken sind lang.

    Soweit ich weiß, wurden Verbindlichkeiten (zB mit Besicherungen durch Grundschulden) während der Hyperinflation auch indexiert. Damit entfiele in diesen Fällen der Anreiz der Rückführung.

    Alles in allem haben wir den Neustart Ende 1923: hier wurde wiederum umbewertet. Alte Verbindlichkeiten wurden umgestellt, Zins und Tilgung als Kapitaldienst wurden angepasst. These wäre, dass gerade alle langlaufenden Verbindlichkeiten durch die Hyperinflation und anschließende Umbewertung durchtauchten, und dann 1924 ff. fortgeführt wurden.

    Die Relation zu den durch Tilgung und "Gewinnmitnahme" in der Hyperinflation leerlaufenden Kreditlinien ist extrem schwer abzuschätzen, mW gibt es dazu keine empirische Studie oder auch nur verläßliches Zahlenmaterial.

    Was bleibt, ist das Hintergrundrauschen der interessierten Öffentlichkeit, die "kollektive Erinnerung" an "Spekulanten" und "Gewinner der Inflation".

    Eine valide Basis - Bestätigung oder Widerlegung - hat dieses Hintergrundrauschen ("das muss doch so gewesen sein") jedenfalls nicht erfahren. Wer sich etwas näher mit den volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen der Weimarer Republik beschäftigt, wird ein "muss so sein" wohl kaum unterschreiben können. Dazu hat die Rechnung zu viele Unbekannte, wie selbst der 100-Jahres-Bericht der Bundesbank 1976 ausweist: das Jahr 1923 ist weitestgehend blank, was die Statistik des Geldmarktes betrifft. In der Hyperinflation haben auch übliche statistische Erfassungen wohl versagt, vergleichbar durchgeknallten Sicherungen.
     
  8. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    Ich habe mir mal die Jahresbilanz der Deutschen Bank von 1923 und 1924 angeschaut. Da die Bilanz 1923 noch in M ist, die von 1924 bereits in RM ausgewiesen wurde und ich mir nicht die Mühe machenn wollte, alle Bilanzpositionen mit dem Umrechnungskurs nachträglich in RM umzurechnen, habe ich als Kennzifer die Eigenkapitalquote, als Verhältnis von EK und herausgelegten Krediten kurz berechnet. 1923 betrug sie 4,05% und 1924 0,52%. Von einer massiven Kreditrückführung, zumindest bei der Deutschen Bank, kann wohl in 1923 nicht gesprochen werden.

    M.

    Quelle: Historische Gesellschaft der Deutschen Bank e.V.
     
  9. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Wenn ich Deine Kennzahl richtig verstanden habe, läge also entweder sogar eine Kreditausweitung ("Nenner") oder ein Verzehr des nominellen Eigenkapitals ("Zähler", ... durch Verluste in der Hyperinflation?, Abwertungen?) vor.

    Feststellen kann man anhand der Bilanzmeldungen im Bankensektor eine deutliche Kreditausweitung 1924/1925. Wird das mglw. als Nachholeffekt einer Kreditklemme bzw. von Kreditrückführungen in der Hyperinflation interpretiert?
     
  10. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    Ja, EK dividiert durch Kredite, in den Bilanzen stand damals noch "Schuldner".

    M.
     
  11. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    mal eine Zwischenfrage: wie hat sich denn das Zinsniveau damals entwickelt?

    Bei vollständiger Antizipation der erwarteten Inflationsrate gilt, dass auf dem Realzins noch die Inflationsrate aufgeschlagen wird (Fisher-Effekt ? Wikipedia). Ich habe so auf die Schnelle keine Werte für die damaligen Zinssätze im DR finden können.
     
  12. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    @Carolus

    Finanzmathematische Modelle helfen da nur bedingt etwas, da die Reichsbank eine, in der wirtschaftshistorischen Literatur und auch seinerzeit kritisierte Währungspolitik betrieb, angefangen von der "Mark = Mark -Politik", bis hin zu einer eher inflationsfördernder, auf Kreditausweitung setzende Zinspolitik. Ich kann jetzt nicht valides statistisches Material vorlegen, aber in der nachstehenden verlinkten Veröffentlichung wird angeführt, daß der Rediskontsatz der Reichsbank noch in 1922 5% betrug, während die Geschäftsbanken im gleichen Zeitraum ihren Diskontsatz auf bis zu 50% erhöhten.

    Die Ursachen der Deutschen Inflation- Vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zum ... - Markus Mill - Google Books

    (dort S. 15)

    Das ist eine, ex post betrachtende, inflationsfördernde Geldmarktpolitik seitens der Reichsbank. Das ist aus heutiger Sicht, eine völlig verfehlte Zentralbankpolitik, wenn das Metaziel, Stabilisierung der Mark, unterstellt werden kann. Eine derartige Differenz zwischen Zentralbankzinssatz und am Markt durchgeholtem Zinssatz durch die Geschäftsbanken ist einer Inflation eher förderlich.

    M.
     
  13. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Zwischen Juli 1922 und April 1923 stieg der Diskontsatz von 6 auf 16%. In der Hyperinflation kenne ich keine Zahl, der Kreditmarkt im Neugeschäft dürfte aber zum Erliegen gekommen sein. Parallel gab es bereits vor einen gewaltigen Verfall des Außenwerts der Mark.
     
  14. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Bei den Diskont- und Lombardsätzen ist noch eine Anmerkung nachzutragen.

    Von April bis September 1923 stiegen die Zinssätze auf 30%, dann auf über 90% (!), schließlich ab Oktober auf 108% (der Satz blieb - formal - bis Anfang 1924 stehen, kam aber nach der Währungsumstellung faktisch nicht zur Anwendung).

    Dabei handelte es sich um wertgesicherte Darlehen, bei denen die Inflation in den Nominalbetrag laufend eingepreist worden ist.

    Der Markt für nicht wertgesicherte Darlehen (ohne "Indexklausel") war bereits im Frühjahr 1923 zusammengebrochen, weswegen die Reichsbank auch keine "gemischten" Statistiken zwischen wertbeständigen und nicht gesicherten Kreditzinssätzen mehr in 1923 erstellte.

    Quelle: DtBundBank, Geld- und Bankwesen in Zahlen 1876-1975, S. 276, 278.
     

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