Versailler Vertrag v. Potsdamer Abkommen

Dieses Thema im Forum "Die Weimarer Republik" wurde erstellt von Gregor24, 15. Mai 2016.

  1. Gregor24

    Gregor24 Neues Mitglied

    Hallo ich beschäftige mich im Moment im Rahmen einer Präsentation mit diesen beiden Verträgen. Ich möchte die Frage betrachten, inwieweit man bei der Potsdamer-Konferenz aus Versailles gelernt hat und ob die beiden Verträge so zu dem Aufbau eines demokratischen Deutschlands und europäischen Friedens beigetragen haben?

    Wenn ich den Versailler-Vertrag betrachtet, würde ich sagen, dass er keineswegs zum Aufbau eines demokratischen Systems in Deutschland beitrug, da er aufgrund seiner harten Bedingungen Deutschland so stark schwächte, dass Hitler die besten Voraussetzungen gegeben waren.
    Wäre das als These richtig oder habt ihr noch bessere Argumente?
    Für mich stellt sich nur noch die Frage, inwieweit Versailles zum europäischen Frieden beigetragen hat?
    Diese Fragen müsste ich ja erst einmal beantworten, um Potsdam bewerten zu können.
    Bei der Bewertung Potsdam im Hinblick auf seinen Beitrag zu einem demokratischen Deutschland bin ich mir noch ziemlich unschlüssig.

    Ich bin schon sehr gespannt auf eure Argumente.
    Vielen Dank dafür.
     
  2. romanus00I

    romanus00I Aktives Mitglied

    Kann man beide Verträge überhaupt miteinander vergleichen? Denn nur wenn beide der gleichen Kategorie von Übereinkünften entsprächen, könnte man überhaupt Parallelen und Unterschiede ausmachen.

    Jedoch handelt es sich beim Versailler Frieden um einen Friedensvertrag zwischen zwei Kriegsparteien (Alliierte und Deutschland), beim Potsdamer Abkommen aber um einen Vertrag zwischen mehreren, miteinander verbündeten Besatzungsmächten. Mit dem Versailler Vertrag ist höchstens der 2+4 Vertrag von 1989 vergleichbar, der anstelle eines Friedensvertrages geschlossen wurde.
     
  3. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Eine generelle Vorbemerkung zur Fragestellung. Sie ist – aus welchen Gründen auch immer - in ihrer Sichtweise sehr stark auf die Auswirkungen des VV reduziert. Damit überdeterminiert sie folgende Entwicklungen.

    Der VV hatte eine historische Konstellation zur Voraussetzung, die durch ein militaristisches autokratisches Kaiserreich geprägt war, das die Klassengegensätze durch die Ausgrenzung großer Teile der Bevölkerung von der Teilhabe an der politischen Macht bis 1917 verschärft hatte. Der innere Frieden war 1918 nicht mehr gewährleistet und der "Burgfrieden" lediglich nur noch eine brüchige Fassade.

    Durch den Krieg waren die extrem chauvinistischen, nationalistischen Sichten in allen beteiligten Kriegsnationen deutlich verschärft worden. Teils noch verschärft auf alliierter Seite durch die Vorwürfe in Richtung Deutschland einen nicht völkerrechtsgemäßen Krieg (Belgien und unbeschränkter U-Bootkrieg) zu führen und teils natürlich auch beeinflußt durch die massiven Zerstörungen der industriellen Einrichtungen, die zu Frankreich bzw. zu Belgien gehört haben.

    Nicht unwesentlich, weil es Maßstäbe für einen Friedensschluß gesetzt hatte, waren die harten Bedingungen, die das Deutsche Reich der Sowjetunion in 1917 im Rahmen von Brest Litowsk auferlegt hatte.

    Ein weiterer Aspekt, der gerne übersehen wird, sind die „imperialen“ Zerfallsprozesse, die die Sowjetunion und Österreich-Ungarn trafen und politische Prozesse hervorgebracht haben, die die Situation in Europa mit beeinflußt haben, wie die revolutionäre Situation in Ungarn beispielsweise, aber durch die Beratungen in Paris nicht zu beeinflussen waren.

    Vor diesem Hintergrund war der Friedensschluß für die beteiligten Delegationen in nahezu jeder Hinsicht „überkomplex“ in sachlicher Hinsicht und „emotional“ nicht zu steuern, da von allen Seiten nicht selten völlig überzogene extreme Positionen bezogen wurden. Nicht zuletzt, weil die jeweilige „veröffentlichte Meinung“ einen hohen Druck auf die Delegationen ausübte, vor allem auf die von Frankreich.

    Es ist insgesamt wohl Z. Steiner zuzustimmen, wenn sie schreibt: „ The Treaty of Versailles was unquestionable flawed, but the traty itself did noch shatter the peace that it established“ (S. 16)

    Die stärksten Hoffnungen auf einen „milden“ Frieden ging von der Losung aus, die Wilson formulierte, indem er sagte, dass er einen „peace without victrory“ anstreben würde, wie Dietl es ausführt (S. 224ff). Vor allem der danach einsetzende unbeschränkte U-Bootkrieg durch das DR veränderte die Haltung in der US-Öffentlichkeit und verhärtete sich.

    Dennoch war es Wilson, der in der US-Rolle vor allem die Aufgabe sah: „der Welt ein leuchtendes Beispiels zu geben und als desinteressierter Mittler für einen Verständigungsfrieden einzutreten (Dietl, S. 227). Vor diesem Hintergrund sind die Verhandlungen in Paris zu bewerten.

    Die Beratungen in Paris wurden von Mazower und Neff als zentral für die Entwicklung eines modernen positiven internationalen Rechts angesehen. In den jeweiligen Delegationen waren die führenden Juristen für internationales Recht vertreten.

    Es wurde die Basis für den Völkerbund gelegt, die zentrale Aspekte der UNO vorwegnahm.

    Ansonsten stellt sich die Frage, ob es überhaupt eine Möglichkeit gab, durch einen einzigen Akt der „Friedenherstellung“, Europa Frieden zu bringen. Mit dem Hinweis auf die gravierenden politischen und sozialen Umbrüche, teils als Revolutionen, konnte man in Paris lediglich einen sehr begrenzten Teil der Interessen befriedigen. Und die konzentrierten sich auf 2 Aspekte, die militärische Entmachtung der Mittelmächte und die Kompensation für Frankreich, Belgien und auch GB.

    Am Rande sei erwähnt, dass die Ausgrenzung der revolutionären Bolschewiken ebenfalls eine zentrale Größe war für die Formulierung des VV.



    Neff stellt die Pariser Konferenz in den Kontext zum Westfälischer Frieden und den Wiener Kongress. Insofern ergibt sich ein etwas „längerer“ Pfad des Lernens.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Westf%C3%A4lischer_Friede

    https://de.wikipedia.org/wiki/Wiener_Kongress

    Ergänzt man diese Sicht durch die Friedensabschlüsse nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und dem Frieden von Brest Litowsk, dann ergeben sich die analytisch relevanten Unterschiede.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Friedensvertrag_von_Brest-Litowsk

    Und findet seinen vorläufigen Abschluss der Radikalisierung in der bedingungslosen Kapitulation des 3. Reichs am Ende des WW2.

    Insofern hat man aus den „Fehlern“ des Friedenschlusses am Ende des WW1 gelernt, dass man noch radikaler den Umbau des besiegten Landes erzwingen wollte. Und somit den „preußischen Militarismus“ in seiner weiteren Bedeutung komplett neutralisieren wollte. Der „Neustart“ in Deutschland sollte so "begleitet" werden, dass eine Wiederholung des WW1 und des WW2 ausgeschlossen sein sollte.

    Nein, das stimmt so nicht in der Einfachheit der Determinierung von Hitler.

    Sofern man zentrale Gründe für die Radikalisierung der zwanziger und dreißiger Jahre benennen will – und ich folge da Stern „Deutschland 1933 – fünfzig Jahre danach, S. 144 ff- dann war es die durch den Krieg verursachte Hyperinflation und die spätere „Große Depression“ , wie bei Eichengreen beschrieben.

    Der „Enteignung“ des Mittelstandes durch den Krieg und die damit zusammenhängende Angst vor einem weiteren sozialen Abstieg ist der Nährboden, auf dem die radikalen Positionen von links und noch stärker von rechts sich entwickeln konnten.

    Es war die Angst, die die Voraussetzung war, damit einer der größten Demagogen sein politisches Ziel der "Machtergreifung" (offizielle Bezeichnung der NS-Propaganda!) erreichen konnte. Und es war sicherlich nicht der Vertrag von Versailles!

    http://www.geschichtsforum.de/763217-post2.html

    Dietl, Ralph (1998): Friedensvermitllung oder Siegfrieden? Wilhelm Jenning Bryan und der Erste Weltkrieg. 1914 - 1917. In: Ragnhild Fiebig-von Hase und Jürgen Heideking (Hg.): Zwei Wege in die Moderne. Aspekte der deutsch-amerikanischen Beziehungen 1900-1918. Trier: WVT, Wisschaftlicher Verlag Trier (Mosaic, 2), S. 211–230.
    Eichengreen, Barry J. (1995): Golden fetters. The gold standard and the Great Depression, 1919-1939. New York: Oxford University Press
    Mazower, Mark (2012): Governing the world. The rise and fall of an idea. London: Allen Lane.
    Neff, Stephen C. (2014): Justice among nations. A history of international law. Cambridge, Massachusetts: Harvard University Press.
    Steiner, Zara (2005): The lights that failed. European international history, 1919-1933. Oxford, New York: Oxford University Press
    Stern, Fritz (2006): Der Traum vom Frieden und die Versuchung der Macht. Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert. München: Siedler Verlag.
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. Mai 2016
  4. Gregor24

    Gregor24 Neues Mitglied

    Danke für deine Antwort, hat mich dazu gebracht es nochmal von einer anderen Seite zu betrachte.

    Ist es auch ein entscheidender Unterschied zwischen den beiden Konferenzen, dass in Versailles noch Frankreich teilnahm und "Rache" an Deutschland üben konnte? Denn bei den Kriegskonferenzen des 2.WK und der Potsdamer Konferenz nahm Frankreich ja nicht teil. Wurden sie ausgeschlossen und wenn warum?
     
  5. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Ist der Begriff "Rache" nicht ein wenig verharmlosend, angesichts der Tatsache, das Millionen von Toten zu beklagen waren?

    Es ging um deutlich seriösere Fragen, die eher Fragen der "Sicherheit" für Frankreich betrafen und um die Frage, wie ein derartiger Krieg für die Zukunft verhindert werden konnte.

    Zu Frankreich siehe hier:

    http://www.geschichtsforum.de/f68/warum-wurde-frankreich-vierte-siegermacht-18249/
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. Mai 2016
  6. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Gregor, aus der Literatur oder auch ein paar links kannst Du herausfinden, welche Kriegslasten Frankreich zu tragen hatte. Das kann man zunächst - ohne jede Wertung und ohne "Aufwiegen" mit den deutschen Opfern und Schäden - in den Kontext stellen, wie die öffentliche Meinung in Frankreich darauf reagiert hat und welche Forderungen daraus resultierten. Es geht hierbei nur um das "Verstehen" von Forderungen. Was daraus wurde, steht auf einem anderen Blatt.

    Dazu kam der von thanepower angesprochene Sicherheitsaspekt.
     

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