Verweise eines Gedichts auf deutsche Geschichte - Unklarheiten

Dieses Thema im Forum "Die Weimarer Republik" wurde erstellt von Ungebildet, 16. März 2020.

  1. Ungebildet

    Ungebildet Neues Mitglied

    Liebe Forenmitglieder,

    ich beschäftige mich zurzeit mit einem Gedicht "An Gerhart Hauptmann" des jüdischen Literaturkritikers Alfred Kerr aus dem Jahre 1932, das in den ersten beiden Strophen (für mich unklare) Anspielungen auf die politische Situation Deutschlands beinhaltet. Ich habe Schwierigkeiten, an den entsprechenden Stellen zu identifizieren, worauf genau Bezug genommen wird. Womöglich hat jemand Interesse und das nötige Wissen, um mir weiterzuhelfen. Die entsprechenden Stellen möchte ich hier zitieren.
    I
    "Demokratie beleckt heut jeden;
    Was steif und festlich stelzt, ist ... leer und wüst.
    Laß mich im schlichten Volkston zu dir reden -
    Und sei gegrüßt.
    Der Zustand dieser Zeit ist schlimm:
    Am Hause frißt der Brand, im Leib der "Brand".
    Sie krächzt und ächzt in Freud-verdrängtem Grimm,
    Der Haß ersetzt den..Mangel an Verstand.
    Aus dem vermauert-schwachen Seelentor
    Bricht urzeitalte Viecherei hervor
    Im deutschen Vaterland"

    II
    "Die Zukunftsträume purzeln, schollern, kollern.
    Die Republik ist ohne Putsch
    So gut wie futsch
    Und wartet auf den Hohenzollern.
    Die Monarchie kommt aus dem Busch wie Ziethen,
    Beglückerin des deutschen Jammertals.
    Bald kann sie dir den Schillerpreis verbieten -
    Wie dunnemals.
    Indeß befehlen Junkerexzellenzen;
    In festen Fäusten halten sie das Heft.
    Auch Femesöldner, die in braun scharwenzen,
    dem "welschen" Muster mannhaft nachgeäfft."
    Ob du nun, Gerhart, grübelst oder grollst,
    Dies ist das Jahr, in dem du feiern sollst,
    In dem wir deine siebzig Jahre kränzen;
    Du hast dir nette Zeiten ausgesucht -
    Verflucht-verflucht!

    Meine Fragen sind die folgenden:
    1) Meine Auffassung der Zeilen aus der ersten Strophe ist folgende: War sich das Volk im Zuge der parlamentarischen Demokratie zu Zeiten der Weimarer Republik bewusst, dass eine Demokratie "nicht gut" ist? Hier habe ich große Probleme, das "nicht gut" zu präzisieren. Wieso besteht diese Sicht auf die Demokratie? Die Viecherei verstehe ich als triebhaftes Denken, dass z.B. die Juden für Missstände verantwortlich gemacht werden, was fern von rationalem Denken ist.

    2) Auf welchen Putsch könnte hier Bezug genommen werden?

    3) Was ist mit Junkerexzellenzen gemeint?

    4) Sind mit "Femesöldner" in "braun-schwarwenzen" die braunen Uniformen der SS gemeint? 'Welsch' ist (nach Wikipedia) eine Bezeichnung für Römer und Kelten.

    Ich bin für jede Anregung, für jeden Verweis, etc. sehr Dankbar!

    LG
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. März 2020
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich kenne das Gedicht nicht und du zitierst es nur unvollständig. Es wäre besser, du würdest es in Gänze zitieren.
    Die Frage 1 kann zumindest ich - andere vielleicht schon - dir so nicht seriös beantworten.

    Junkernexzellenzen: Wer ist die Funktionsleite in der Weimarer Republik?
    Hier solltest du auch mal nachschauen, was ein Junker ist, bzw. für wen der Titel Exzellenz verwendet wird.

    Die SS spielte 1932 noch nicht die Rolle, wie später und war zudem schwarz uniformiert. Braun ist die Farbe der Nazis insgesamt und im Besonderen der SA.
    Recherchiere auch mal Fememord.
    Zum zweiten Teil deiner Frage: Wo kamen denn die ersten Faschisten her? In einem Comic der 1970er und 80er gab es eine Figur, die hieß "Schussolini".

    leer und wüst könnte ein Bibelverweis sein: Tohuwabohu
     
  3. Ungebildet

    Ungebildet Neues Mitglied

    Hallo El Quijote,

    vielen Dank für deine Anregungen. Ich werde die ersten beiden Strophen vollständig abtippen; im restlichen Gedicht geht es um den Empfänger des Gedichts, Gerhart Hauptmann.
     
  4. Tannhaeuser

    Tannhaeuser Aktives Mitglied

    Beim angesprochenen Putsch denke ich an den "Preußenschlag"
     
    El Quijote gefällt das.
  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Vielleicht muss man das
    Die Republik ist auch ohne Putsch so gut wie futsch
    lesen. Also dass - auch ohne dass die Reichswehr putscht - die Republik ziemlich am Ende sei. Bei Vers 2 denke ich an die Karikatur "Sie tragen die Buchstaben der Firma aber wer trägt den Geist", also dass das republikanisch-demokratische nur noch als hohles Ritual zelebriert wird, ohne dies wirklich mit Inhalt zu füllen.
     

Diese Seite empfehlen