Wahlerfolg der NSDAP 1933: Nicht viel komplexer?

Dieses Thema im Forum "Die Weimarer Republik" wurde erstellt von Portugreece, 8. Januar 2020.

  1. Portugreece

    Portugreece Mitglied

    In der Schule wird einem der Wahlerfolg der NSDAP 1933 ja so gelehrt, dass man denkt, die 44% NSDAP-Wähler waren alles wirklich fest überzeugte politische und hasserfüllte Wähler.

    Ich denke aber, der Wahlerfolg der NSDAP rührt auf viel komplexeren Ursachen. Ich denke das sich die Stimmenanteile für die NSDAP in Wirklichkeit aus folgenden Gruppen zusammensetzte:

    - Protestwähler: Wähler, die die NSDAP nur wählten, um den demokratischen Parteien ihre Wut auszudrücken und sie zum besseren politischen Handeln zu bewegen

    - Pragmatische Wähler: Wähler, die die NSDAP nur wählten, weil sie keine bessere Alternative sahen, sich aber wenig mit ihrer Ideologie identifzieren konnten

    - Desinformierte Bauchgefühl-Wähler: Wähler, die nur nach ihrem Bauchgefühl wählten, weil sie nicht wussten, für welche Partei sie stimmen sollten

    - Oberflächliche unpolitische Wähler: Wähler, die sich nur sehr wenig über das Parteiprogramm der Partei informierten und für die die Wahl grundsätzlich nur eine sehr geringe Bedeutung hatte

    - Monarchisten: Wähler, die sich mit der Weimarer Republik nicht identifizieren konnten und deshalb durch die Wahl der NSDAP nach der Wirtschaftskrise 1929 einen größeren Wohlstand erhofften

    - Verantwortungslose: Wähler, die aus rein eigennützigen wirtschaftlichen oder persönlichen Interessen die NSDAP wählten

    Ich denke nur eine ganz kleine Gruppe war wirklich leidenschaftlich von der Ideologie der Nazis überzeugt. Denkt ihr das nicht auch? Ansonsten müsste ja fast jede 2. Familie in Deutschland Vorfahren gehabt haben, die überzeugte Rassisten waren. Ich kann mir das nicht vorstellen.
     
  2. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Ich greife zu später Stunde nur mal einen Punkt heraus:
    Die NSDAP war keine monarchistische Partei. Es stand nicht auf dem Plan, ein Kaiserreich wiederzuerrichten.
    Die DVP und die DNVP waren offen monarchistische Parteien in der Weimarer Republik, die auch jedem potentiellen NSDAP-Wähler zur Verfügung standen.
     
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  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ist das so? Ich kenne ja manches schlechte Schulgeschichtsbuch, aber eine solche Darstellung habe ich darin noch nie entdeckt.

    Die NSDAP der Weimarer Republik war eine Partei, die Politik in Saalschlachten umgemünzt hat. Wer die NSDAP wählte, wusste, egal was seine Motive dafür waren, dass er Gewalt wählt.
    Was ich nicht verstehe an deiner Darstellung: Du redest von der Wahl 1933 und da sollen die Wähler aus Protest gegen die demokratischen Parteien - als H. bereits Reichskanzler war und anderthalb Monate asymmetrischen Wahlkampf mitbekommen hatten - die NSDAP gewählt haben? Protest wogegen?
    Pragmatismus darf man dann wohl mit Opportunismus gleichsetzen?

    Die Monarchisten hatten die Kampffront Schwarz-Weiß-Rot als Vertretung, das war im Prinzip die alte DNVP und die wurde mit 8 % gewählt. Das entspricht auch den Ergebnissen der DNVP im November '32.

    Es ehrt dich, dass du dir nicht vorstellen willst, dass in jeder zweiten Familie Rassisten waren. Und es werden auch sicher nicht bei 100 % der NSDAP-Wähler antisemitische Überlegungen Grund für die Wahl der NSDAP gewesen sein. Aber der Antisemitismus und Rassismus wurden mindestens(!) in Kauf genommen, sie waren Markenkern der Partei.

    Aber selbst wenn dem so gewesen wäre, dass nur ein verschwindend geringer Teil der Wähler der Nazis im März 1933 der NS-Ideologie tatsächlich angehangen hätte - ob "leidenschaftlich" oder nicht, sei dahingestellt - das macht die Einrichtung zunächst wilder Konzentrationslager, bald aber organisierter Konzentrationslager, die medial gefeiert wurden nicht ungeschehen. Es macht auch die späteren Verbrechen nicht ungeschehen.

    Du magst andere Motive haben, aber letztlich bagatellisierst du die Wahl von Rassisten und Antisemiten 1933 indem du versuchst, für die Wahl irgendwie entlastende Gründe zu finden.
     
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  4. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Darf ich mal fragen wo?

    Natürlich hat der komplexere Ursachen. Angefangen damit, dass durch Repression der Wahlkampf aller anderen Parteien zu diesem Zeitpunkt schon arg behindert war, Funktionäre und bekannte Kandidaten mitunter längst in Haft saßen oder sich im Untergrund befanden oder ins Ausland geflüchtet waren.

    Njet.
    Ganz einfach, weil der Putschist Hitler ja kein unbekannter war und die Gewaltakte der SA offenkundig. Zudem musste man, wenn man antidemokratisch eingestellt war ja nicht gleich zur NSDAP laufen, die DNVP oder die KPD zu wählen, hätte es auch getan, wenn man nur die Schnauze von der Demokratie voll hatte, beide Parteien verloren aber bei der "Wahl" 1933, die KPD sogar recht stark.

    Bescheidene Frage:
    Die Weimarer Parteien waren bekanntermaßen wesentlich stärker klientelgebunden als heute, während die NSDAP neben dem Zentrum, was die soziale Schichtung angeht, noch mit der offenste Verein war.
    Mit welcher Ideologie, außer reinem Nazitum hätte man sich also identifizieren können um da zu landen?

    Für Linksaußen gab es die KPD, für alles gemäßigt Linke die SPD, für die Liberalen die DDP für Konservative und Katholiken das Zentrum, als dezidiert konservativ-protestantische Partei die DVP, als Vertretung der Monarchisten und aller sinst, die geistig zurück ins Kaiserreich wollten die DNVP.
    Mit welcher Ideologie konnte man sich also nirgendwo außer bei den Nazis vertreten fühlen?

    Das halte ich angesichts marodierender SA überall im Land, die lautstark herumgröhle, wofür die NSDAP so stand, für eine steile These.

    Jemand für den Wahlen keine Bedeutnug haben, pflegt in der Regel nicht zu wahlen zu gehen, oder täusche ich mich da?

    Wer knallharter Monarchist und Legitimist war, konnte sich naturgemäß aber auch nicht mit dem "Führer" identifizieren, denn wo ist der Platz für die Reinstalation von Wilhelm dem Letzten oder dessen Brut, wenn man den gebrochen deutsch schreienden "Böhmischen Gefreihten" mit dem seltsamen Schnauzbart zum Chef der ganzen Veranstaltung macht?

    Verantwortungslose Wähler gab es sicherlich viele. Wenn diese aber gebildet gewesen sind, die Positionen der Nazis für die eigenen Interessen für vorteilhaft zu halten, ist da zweifelsfrei eine gewisse grundsätzliche ideologische Übereinstimmung oder mindestens die kalkulierte Akzeptanz der NS-Ideologie unbestreitbar.

    Und warum genau sollte man sich das nicht vorstellen können? Ein latenter Rassismus war der Gesellschaft grundsätzlich zu eigen. Innerhalb des Bürgertums ohnehin, mitunter bis in die Reihen der Sozialdemokratie (man denke etwa an Gestalten wie August Winnig August Winnig – Wikipedia , wenn man etwa dessen Schwarte "Das Reich als Republik" kennt, in der Ergüsse über die Auseinandersetzung von "Germanentum vs. Slawentum" nachzulesen sind, die auch orriginal vom Alldeutschen Verband hätten kommen können).

    Mal eine Rückfrage an dich:

    Wäre die Gesellschaft, die ja im Grunde genommen noch weitgehend personelle Kontinuität ins Kaiserreich hinein hatte, nicht latent rassistisch zumindest in dem Sinne gwesen, dass sie die Welt in "höhere" und "niedere" Kulturen einordnete, wie konnte sie sich dann so für das Projekt des Imperialismus begeistern und die "Zivilisierung" des "Negers" und des "Gelben Mannes" für eine anständige und richtige Aufgabe halten?
    Hätte es keine sozialdarwinistische Grundstimmung in der Gesellschaft gegeben, hätten gegen dieses Projekt und vor allem die Art, wie das praktiziert wurde, ja gesamtgesellschaftlich Sturm gelaufen werden müssen.
    In regelmäßigkeit, tat das aber nur der linke Flügel der Sozialdemokratie (ausgenommen, es kam zu unapetitlichen Massakern, dann war auch anderswo anstandshalber mitunter mal kurzzeitig Betroffenheit da).

    Dann liegt dazwischen der Weltkrieg, in dem die Bevölkerungen Europas schön gegeneinander gehetzt wurden, gefolgt von einer Reihe von Friedensverträgen, die keine wirklichen Lösungen Produzierten (konnten sie auch nicht, dafür war die Lage zu komplex) und in deren Folge es immer wieder zu territorialen Konflikten kam.

    Im Hinblick auf Deutschland wurde man ja nicht nur Elsass-Lothringen, Nordschleswig, Eupen-Malmedy, Posen und große Teile Westpreußens mit Danzig los, sondern der Prozess im Hinblick auf den Status der Grenzgebiete (Masuren, Kreis Marienwerder, Oberschlesien, Memelgebiet, Rheinland), war bis 1923/1924 ein mehr oder minder offener Konflikt, der sich immer mal wieder entzündete.

    Man bedenke die "schlesischen Aufstände", die Förderung Rheinischer Separationsbestrebungen durch Frankreich, die Ruhrbesetzung und die Annexion des Memelgebietes durch Litauen.
    Wenn man das tut, könnte man ketzerisch behaupten, dass der Krieg, jedenfalls, im Bezug auf die endgültige Grenzziehung Deutschlands, erst 1924 endete, als klar wurde, dass man mit Frankreich zu einem Modus vivendi kommen würde und die Gefahr, einer wie auch immer gearteten Abtrennung des Rheinlands sich verflüchtigte.
    Die interalliierten Besatzungstruppen in Teilen des Rheinlands bleiben bis 1929 vor Ort und mussten vor den bisherigen Hintergründen in Teilen auch wie eine Drohkulisse wirken.
    Hinzu kommen Massenarbeitslosigkeit, soziale Deklassierung durch die gesellschaftlichen Umbrüche nach die Krieg, wie traumatischer Erlebnisse und Physische Verluste und Schäden durch den Krieg (der im Bewusstsein der Bevölkerung nach wie vor ein von außen augfgezwungener Verteidigungskrieg war) oben drauf, als massenhafte Einzelschicksale und Katalysatoren der Grundstimmung.
    Ohne es entschuldigen zu wollen, kann vor diesem Hintergrund eigentlich kaum verwundern, das ein latenter Rassismus in der Mehrheitsbevölkerung mindestens mal akzeptiert war.
    Der Krawall-Antisemitismus der Nazis, ist da noch einmal eine speziellere Angelegenheit, aber auch in dieser Hinsicht, nahmen diverse Kritiker zwar an der Form, wie das vorgetragen wurde Anstoß, nicht aber an der Sache an und für sich.
     
    Zuletzt bearbeitet: 8. Januar 2020
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  5. schaf

    schaf Mitglied

    Weltwirtschaftskrise – Wikipedia
    Tatsache ist, dass bei der Reichstagswahl Juli 1932 nur die NSDAP mit einem Programm massiver, reflationärer Kreditausweitung und Arbeitsbeschaffung auftrat und so ihren Stimmenanteil mit 37,3 % mehr als verdoppeln konnte. Das Zentrum, aber auch die gemäßigte Linke – Letztere unter dem Einfluss von Rudolf Hilferding und Fritz Naphtali – blieben den Vorstellungen finanzieller und wirtschaftspolitischer Orthodoxie verhaftet und hatten so der wirtschaftspolitischen Propaganda der extremen Rechten wenig entgegenzusetzen. Auch der um die Jahreswende 1931/32 erstellte expansive WTB-Plan (benannt nach Wladimir Woytinsky, Fritz Tarnow und Fritz Baade) konnte angesichts dieser internen Widerstände keine propagandistische Wirkung entfalten. Während Franklin D. Roosevelt in den USA mit seinem expansiven Programm des New Deal die Demokratie stabilisieren konnte, erzielte in Deutschland die rechtsextreme NSDAP bei diesen Wahlen ihren endgültigen Durchbruch.

     
  6. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Und was ist davon zutreffend?

    Siehe hier als Beispiel für so ein Geschreibsel:
    Der Kapitalismus und seine soziale Ungleichheit

    Kann der Autor kurz die Mechanik "reflationärer Kreditausweitung" an den deutschen Geldaggregaten erklären, und was davon "NS-Wirtschaftsprogramm" darstellen soll, welches Gegenstand der Wahlen 1930/33 gewesen sei: A8998D4E-59F2-4855-BD8E-32F267680807.jpeg
     
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  7. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

  8. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Mglw. sind das Themenstränge aus dem Bereichen Presse/Fernsehen.
    Hier haben wir das Problem, dass die Forenbereiche beim Systemwechseln nicht übertragen worden sind.
    Der Admin wollte nach Lösungen suchen, ob einzelne Bereiche aus der Sicherung rekonstruierbar sind.

    Die Moderation kann da leider nichts machen.


    EDIT nach Hinweis: das kann nicht der Grund sein, da die Verlinkung in 2019 erfolgt ist.
     
  9. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Ein komplexes Thema, das mit "Ich glaube" kaum abzuhandeln ist. Im Rahmen einer komparativen Studien wurde im Rahmen einer statistischen Analyse nach den Bestimmungsgründen für "faschistisches Wahlverhalten" gesucht. Zentral für die Erklärung ist, ob eine Gesellschaft zu den Gewinnern oder Verlierern des WW1 zählte. Eine wichtige Determinante, die die politische Kultur von Weimar massiv beeinflußte und u.a. für die Militanz der Auseindersetzung mit verantwortlich war.

    Es liegen eine Reihe von Untersuchungen vor, über die wir mehr erfahren haben zum Wahlverhalten in der Weimarer Republik.

    1. Die NSDAP hatte eine Kernklientel, die ihr wohlgesonnen war. In wesentlichen ist es der von Deprivation betroffene "untere Mittelstand" aus einem eher evangelischen Milieu. Teils ländlich geprägt.

    Bei den letzten Wahlen erhielt die NSDAP einen Zustrom aus fast allen Bevölkerungsschichten, was Falter zu der leicht provokanten Zuspitzung veranlasst hatte, von der NSDAP als der "ersten Volkspartei" zu sprechen.

    2. Im Verlauf der Wahlen um 1930 gab es eine schrittweise Wählerwanderung vor allem an den rechten Rand und erklärt in der Abfolge den Erfolg der NSDAP. Wobei es durchaus plausibel ist anzunehmen, dass mit der einsetzenden wirtschaftlichen Erholung, die NSDAP bei späteren Wahlen diesen Erfolg nicht hätte wiederholen können.

    3. Auf die NSDAP wurden viele Dinge projiziert, dennoch stand sie für Nationalismus, Antisemitismus und Anti-Marxismus. Und teilweise wird die These vertreten, dass auf Hitler vor allem der Wunsch nach "Stabilität" projiziert wurde. Was sich damit deckt, dass Hindenburg Hitler erst ab dem Zeitpunkt für einen akzeptablen Kandidaten hielt, als wichtige "Referenzpersonen" aus seinem Umfeld, Hitler eine hohe Wirtschaftskompetenz zugesprochen haben.

    Die typischen Unterschiede in den Weltbildern der unterschiedlichen Wählergruppen kann man, trotz mangelnder Repräsentativität, in der Studie von Fromm erkennen.

    Die Arbeiten von Childers und Falter haben vor allem die Wählerwanderungen, inklusive Radikalisierung etc., und den soziostrukturellen Hintergrund ausgeleuchtet, wer Hitler bzw. die NSDAP gewählt hat.

    Bei Mühlberger steht die empirische Analyse der NS-Organisationen im Vordergrund.

    Abel, Theodore (2017): The Nazi movement. Abingdon, Oxon, New York, NY: Routledge.
    Childers, Thomas (1983): The Nazi voter. The social foundations of fascism in Germany, 1919-1933. Chapel Hill: University of North Carolina Press.
    Falter, Jürgen W. (1991): Hitlers Wähler. München: C. H. Beck.
    Falter, Jürgen W. (1993): Die Parteistatistische Erhebung der NSDAP 1939. Einige Ergebnisse aus dem Gau Groß-Berlin. In: Ernst Nolte, Thomas Nipperdey, Anselm Doering-Manteuffel und Hans-Ulrich Thamer (Hg.): Weltbürgerkrieg der Ideologien. Antworten an Ernst Nolte : Festschrift zum 70. Geburtstag. Berlin: Propyläen, S. 175–206.
    Falter, Jürgen W.; Lindenberger, Thomas; Schumann, Siegfried (1986): Wahlen und Abstimmungen in der Weimarer Republik. Materialien zum Wahlverhalten, 1919-1933. München: C. H. Beck
    Fromm, Erich (1983): Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches. Eine sozialpsychologische Untersuchung. München
    Mühlberger, Detlef (2003): The social bases of Nazism, 1919-1933. Cambridge, New York: Cambridge University Press
     
    Zuletzt bearbeitet: 8. Januar 2020
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  10. schaf

    schaf Mitglied

  11. schaf

    schaf Mitglied

    Vielleicht war das Morden seit 1917 in der SU (Klassenkampf durch Ausrottung einer Klasse) auch ein Grund für Verrohung.
    Oder auch der Völkermord.
    Holodomor – Wikipedia
     
  12. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    1. Es geht nicht primär bei der Frage des TE um die Radikalisierung, sondern um die Frage der Wahlentscheidung für Hitler bzw. die NSDAP. Breite Wählerschichten haben Hitler trotz der Radikalität gewählt und weniger wegen der radikalen Positionen und noch weniger wegen der Militanz beim Durchsetzen der Ziele.

    2. Weil Nolte diesen Unsinn behauptet hat, muss man es nicht ungeprüft weiter diskutieren. In der aktuellen historischen Forschung wird diese These schon lange nicht mehr vertreten. Und man fragt sich, was dieser Bezug soll, außer der von Nolte angezielten Relativierung der Verbrechen des NS-Regimes. Und damit sind wir beim "Historikerstreit".

    3. Die Radikalisierung - vor allem - der extremen Rechten erfolgte auf anderen Wegen und hat ihre Wurzeln in der deutschen Kolonialpolitik, der Brutalität des Grabenkriegs und dem Wirken der Freikorps im Baltikum. Wie man unschwer an den Biographien erkennen kann.

    https://www.geschichtsforum.de/thema/die-radikalisierung-der-rechten-in-der-weimarer-republik.52652/
     
  13. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Vermutlich meinst Du - etwas schräg formuliert - mit dem ersten Satz, dass die Mefo-Finanzierung staatliche Verschuldung damals verschleierte (verschleiern sollte).

    Selbstverständlich ist sie trotzdem Teil der Verschuldung und selbstverständlich wird sie in historischen Analysen als Verschuldung erfasst. Selbstverständlich ist sie in der wirtschaftshistorischen Darstellung - oben in der Tabelle übrigens eine fundamentale zur Ns-Geldpolitik - erfasst.

    Die beiden anderen Halb-Sätze sind Unsinn.
    Mit der Geldmenge hat das (nämlich Mefo-Verschuldung) gerade nichts zu tun. Die Mefo-Finanzierung blähte vielmehr einen Forderungskreislauf auf. Staatliche Verschuldung hat mit Geldmengen oder Geldaggregaten in ihren Quantifizierungen nichts zu tun.

    Zum Verständnis der obigen Kennzahl:
    Die Inflationsmessung orientiert sich lediglich an der nominellen Inflation (ohne verdeckte), weil sie zur Preisbereinigung (Glättung) der übrigen Nominalgrößen dient. Ansonsten würde man Äpfel durch Birnen teilen.

    Zum eigentlichen Aussagekern:
    eine ökonomische NS-Programmatik 1932/33 war schlicht nicht existent und ist (der Bevölkerung) in den Wahlen 1932/33 nicht als Faktor wahrnehmbar, somit auch nicht wahrgenommen worden.

    Der oben zitierte Wikipedia-Absatz steht konträr zum Stand der Forschung (und logischerweise mangelt es ihm an Belegen).
    Einfacher ausgedrückt: Müll.
     
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  14. Lafayette

    Lafayette Gast


    Das verstehe ich jetzt nicht. Die DNVP mit Alfred Hugenberg koorperierte doch mit der NSDAP und war offen antisemitisch. Außerdem wird doch als ein Grund für das Scheitern der Weimarer Republik genannt, dass sich die meisten Menschen nicht mit der Republik und Demokratie identifizieren konnten, also monarchistisch eingestellt waren.
     
  15. Lafayette

    Lafayette Gast

    Aber selbst wenn dem so gewesen wäre, dass nur ein verschwindend geringer Teil der Wähler der Nazis im März 1933 der NS-Ideologie tatsächlich angehangen hätte - ob "leidenschaftlich" oder nicht, sei dahingestellt - das macht die Einrichtung zunächst wilder Konzentrationslager, bald aber organisierter Konzentrationslager, die medial gefeiert wurden nicht ungeschehen. Es macht auch die späteren Verbrechen nicht ungeschehen.

    Dem widerspricht der Thread-Ersteller doch nicht. Was er nur sagt ist, dass der Wahlerfolg der NSDAP darauf zurückzuführen ist, dass in der Weimarer Republik die Menschen normalerweise republikfeindlich und somit auch demokratiefeindlich eingestellt waren. Spätestens seit den Überlieferungen von Nicolo Machiavelli ("Republik bedeutet ein gewähltes Staatsoberhaupt") sollte doch einem jedem klar sein, dass Monarchie und Diktatur nicht nur oft zusammen vorhanden sind, sondern genau dasselbe sind. Republik und Demokratie sind wie zwei Seiten einer Medaille.
    Und sag mir bitte nicht, dass das Vereinigte Königreich, das eines der Ursprungsländer der Demokratie ist, eine echte Monarchie ist.

    Du magst andere Motive haben, aber letztlich bagatellisierst du die Wahl von Rassisten und Antisemiten 1933 indem du versuchst, für die Wahl irgendwie entlastende Gründe zu finden.[/QUOTE]

    Tut der Fragesteller doch gar nicht. Das ist vielleicht Deine Interpretation. Aber subjektive Eindrücke und Interpretationen haben in einem Hobby-Geschichtsforum wie diesem hier, wo sich Bücherwürme, Freaks und Nerds objektiv-deskriptiv mit Geschichte auseinandersetzen sollen, nichts verloren!
     
  16. Lafayette

    Lafayette Gast

    Die NSDAP der Weimarer Republik war eine Partei, die Politik in Saalschlachten umgemünzt hat. Wer die NSDAP wählte, wusste, egal was seine Motive dafür waren, dass er Gewalt wählt.

    Bist Du dir da so sicher?

    Saalschlachten kamen oft vor, aber auch nicht immer. Oft unterhielten sich auch Sozialdemokraten, Konservative, Liberale, Kommunisten, Nationalisten und andere politische Menschen in Kneipen über Politik und tranken ein Bier. Man muss ja nicht gleich Gewalt anwenden, nur weil man unterschiedlicher Meinung ist. Sonst würden alle Brexiteers in Großbritannien auch alle Brexitgegner schlagen und mit Gewalt behandeln. Und Du willst mir doch etwa nicht sagen, dass z. B. eine Frau sich nur deshalb von ihrem Mann scheiden gelassen hat, weil er die NSDAP wählte?


    Es ehrt dich, dass du dir nicht vorstellen willst, dass in jeder zweiten Familie Rassisten waren. Und es werden auch sicher nicht bei 100 % der NSDAP-Wähler antisemitische Überlegungen Grund für die Wahl der NSDAP gewesen sein. Aber der Antisemitismus und Rassismus wurden mindestens(!) in Kauf genommen, sie waren Markenkern der Partei.

    Meiner Meinung nach schon wieder so eine unterschwellige dreiste Unterstellung gegenüber dem Fragesteller. In der heutigen Zeit ist es durchaus nachvollziehbar, dass man sich so etwas nicht vorstellen kann. Und deshalb ist man nicht gleich jemand, der Rassisten bagatellisieren oder verharmlosen will. Aber ja, die Zeit wandelt sich.
     
  17. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Die DNVP war antisemitisch und monarchistisch. Die NSDAP war antisemitisch und wollte keine Monarchie, sondern einen autoritären Ständestaat ohne Kaiser.
    Nicht jeder, der sich in der Weimarer Republik nicht mit der parlamentarischen Demokratie identifizieren konnte, war gleichzeitig ein Monarchist - die NSDAP ist ein Beispiel, die KPD mit dem Ziel einer Räterepublik ein anderes Beispiel.
     
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