Wahlkampf 1933 in Lippe

Dieses Thema im Forum "Das Dritte Reich" wurde erstellt von silesia, 1. Januar 2008.

  1. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    vor 75 Jahren: Wahlkampf und Wahl in Lippe am 15.1.1933

    Der letzte freie Wahlkampf kurz vor der "Machtergreifung": die NSDAP wirft nach dem vielbeachteten Stimmenrückgang bei den Reichstagswahlen im November 1932 und den diversen Krisenerscheinungen in der Partei (in der Frage einer Regierungsbeteiligung, der Modalitäten, der Finanzen, etc.) ihre gesamten Propagandaresourcen und die Auftritte ihrer Führungsriege in die Landtagswahl im Zwergstaat Lippe. Eine regelrechte Wahlschlacht setzt ein, die regionale Bedeutung von Lippe wird durch das Signal auf Reichsebene weit überspielt.

    Ziel der NSDAP: durch einen Prestigeerfolg im Januar 1933 den bereits angeschlagenen Eindruck wiederherzustellen, dass Hitlers Machtübernahme unvermeidlich ist. Der Aufwand ist so groß, dass man den Eindruck gewinnen kann, in Lippe gehe es um die Macht in Berlin.

    Das Ziel wird mit großem Aufwand erreicht, der Wahlsieg gelingt: die Lippische Landesregierung wird ab dem 7.2.1933 durch die drei NSDAP-Parteimitglieder Dr. Krappe - Wedderwille - Klöpper gestellt. Das eigentliche Ergebnis der Wahlen in Lippe geht im nachfolgenden politischen Wirbel um den Antritt des Kabinetts Hitlers am 30.1.1933 unter, niemand im übrigen Reich interessiert sich nach der Wahl groß für die Lippische Landesregierung.

    Der Gauleiter Westfalen-Nord (Dr. Meyer) hatte sich in besonderem Maße für den Wahlsieg der NSDAP in Lippe engagiert, Hitlers "Dank" ist ihm gewiß und erreicht ihn nach der folgenden "Machtergreifung":

    - der Zwergstaat bekommt tatsächlich einen eigenen Reichsstatthalter (als Vertreter des Reichskanzlers Hitler in und zur Gleichschaltung der Länder)
    - durch Hitler ausgewählt wird Dr. Meyer, der sich gegen die möglichen Konkurrenten aus der lippischen Landesregierung (Dreierrat) geschickt und intrigenreich innerparteilich durchsetzt, damit den Dank für den sieg-/signalreichen Wahlkampf einstreicht und als eine der ersten Amtshandlungen die Landesregierung absetzt.

    Dr. rer. pol. Meyer (Thema der Dissertation: Der belgische Volkskrieg), später Stellvertreter von Rosenberg, zuständig für die Ostgebiete, Teilnehmer der Wannsee-Konferenz, beging 1945 Selbstmord.
    http://www.historisches-centrum.de/index.php?id=285
    http://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Meyer


    Die Bedeutung des Wahlkampfes in Lippe 1933: nach dem Rückschlag im November 1932 ein aus Sicht der NSDAP notwendiges Signal für die Machtübernahme Hitlers? Oder ein Randereignis für die vertraulich geführten Kontakte zur "Machtergreifung"?
     
  2. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Noch einiges zur Ausgangslage:

    In Lippe ging es insgesamt um rd. 100.000 Stimmen; die NSDAP war bei den Novemberwahlen 1932 (Reichstag) auf 33.000 abgerutscht, nach rd. 42.300 bei den Reichstagswahlen im Juli. Der rückläufige Trend, die Ablehnung Hitlers zur Vize-Kanzlerschaft vom August 1932 und Rumoren und Enttäuschung in der eigenen Partei führten zu Hitlers Vorgabe Ende Dez32, die erste Wahl 1933 für ein Signal zu nutzen, um den Machanspruch propagandistisch zu unterlegen.

    Dabei war der eigentliche Wahlkampf in Lippe mit ersten Hälfte im Dez.33 (vor Weihnachten) bereits abgeschlossen, als diese Entscheidung für die zweite Phase vom 3.-14.1.33 fiel. Tatsächlich gelang der NSDAP am 15.1.33 ein Stimmenzuwachs von 6.000 auf rd. 39.000, der für Berlin propagandistisch ausgenutzt wurde. Goebbels erzielte dabei in den Bereichen+Gemeinden, in denen er auftrat, höhere Zuwächse als Hitler. Themen der NSDAP waren durchweg die "großen" außen- und reichspolitischen Fragen, keine lippischen Landesaspekte.

    Für dieses Ergebnis von 6.000 gewonnen Stimmen (wesentlich durch Wählertausch mit der DNVP - mit dort 3.400 verlorenen Stimmen, Lippe ist Hugenbergs alter Listenplatz für die Reichstag; die SPD hatte mit einem landespolitisch geführten Wahlkampf 4.000 Stimmen Zuwachs auf rd. 30.000) wurde von der NSDAP gewaltig aufgefahren, Lippe wurde in den Januar-Tagen regelrecht von NSDAP-Prominenz überrollt, im erklärten "Kampf ums Hermannsland":

    Hitler hielt Reden:
    4.1.33 Bösingfeld und Detmold
    5.1.33 Leopoldshöhe und Oerlinghausen/Scherenkrug
    6.1.33 Augustdorf und Horn
    7.1.33 Kalldorf und Hohenhausen
    8.1.33 Schwalenberg
    9.1.33 Lage
    10.1.33 Ruhetag, Reise nach Berlin und Interviews
    11.1.33 Lemgo
    12.1.33 Lipperode und Schlangen
    13.1.33 Barntrup und Blomberg
    14.1.33 Abschlußkundgebung vor 15.000 in Bad Salzuflen.

    Goebbels sprach an 14 Orten im Januar 1933, dazu wurden eingesetzt: Göring, Frick, Rosenberg, Rust, Darré, Kube, Dr. Ley, Kerrl, Prinz August-Wilhelm v. Preußen, Meinberg, Oberlindober, Dr. Frank, Loeper, Klagges, Josef Wagner, Karwahne.

    Nach Berichten wurden etwa 2.000 arbeitslose SA-Leute aus dem übrigen "Westfalengauen" nach Lippe verbracht, die NSDAP-Berichterstattung gab später etwa 800 zu: allein in Detmold wurden während des Wahlkampfes von auswärts 100 SA-Männer sowie 50 Mann SS-Motorsturm platziert. Die Masse der 2.000 SA-Männer kam Ende Dez32 aus Kostengründen in langen Fahrradkolonnen in Lippe an, von den SA-Trupps verblieben etwa 240 nach der Wahl grippekrank in Lippe. Während des Wahlkampfes gab es zahlreiche Schlägereien mit Verletzten, 1 Toter.

    Die NS-Zeitung Lippischer Kurier wurde während des Wahlkampfes von 3.000 auf 30.000 hochgetrieben (zum Vergleich: die Landeszeitung hatte üblicherweise etwa 13.000), mit täglichen Ausgaben, daneben wurden 48.000 Broschüren der NSDAP verteilt. Es gab Plakatwerbung sowie durch die Orte fahrende Lautsprecherwagen mit Hausbesuchern. Hitler hatte sich auf der Grevenbrug des Frhr. von Oeynhausen einquartiert, die NSDAP-Wahlkampfzentrale wurde im Hotel Kaiserhof in Detmold aufgeschlagen.


    P.S.
    Hugenberg sprach nur vor geladenen Gästen, hinter verschlossenen Türen.

    Die nach dem 7.2.33 in die lippische Landesregierung Berufenen waren:
    Dr. Ernst Krappe, Leiter des Finanzamtes Lemgo
    Adolf Wedderwille, Malermeister aus Lemgo
    Heinrich Klöpper, Vorarbeiter aus Hiddesen
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. Januar 2008
  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Nach diversen Ausschreitungen und rücksichtslosen Prügeleien, die dem Wahlkampf der NSDAP im ländlichen Lippe nicht förderlich waren, erging folgende fast militärische Anweisung im Lippischen Kurier vom 9.1.1933:

    "Anordnung der SS zum lippischen Wahlkampf
    1. Ich verbiete allen SS-Angehörigen, die am lippischen Wahlkampf beteiligt sind, den Besuch der Wahlversammlungen anderer Parteien.

    2. Ich verbiete allen SS-Angehörigen die Ansammlung vor den Versammlungslokalen anderer Parteien

    3. Um zu verhüten, dass alleingehende SS-Angehörige überfallen werden (siehe Lemgo), sorgen die SS-Führer aller Formationen und Kommandos dafür, dass in unruhigen Gegenden nach Möglichkeit nur mehrere SS-Männer in aufgelöster Ordnung und unter geeigneter Führung sich auf der Straße zeigen.

    4. Um der Regierung keine Handhabe zu weiteren Maßnahmen zu bieten, mache ich alle SS-Führer für strengste Ordnung und Disziplin in ihren Verbänden und für gewissenhafte Befolgung meiner obigen Anordnungen verantwortlich.

    5. Dieser Befehl..., dass von heute nachmittag 17 Uhr ab die unbedingte Befolgung meiner Anordnungen gewährleistet ist.
    7.1.1933 Der Führer der SS, Abschnitt 17, Heißmeyer - SS-Oberführer."

    Zur Veröffentlichung sah man sich seitens der NSDAP gezwungen, weil inzwischen ein Demonstrationsverbot durch die gewalttätigen Ausschreitungen befürchtet wurde.
     

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