Wandel in der Wahrnehmung der Kreuzzüge

Dieses Thema im Forum "Rittertum und Kreuzzüge" wurde erstellt von -muck-, 1. September 2017.

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  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    In dem mit Timothy Venning gemeinsam verantworteten Buch A Chronology of the Crusades sind, zumindest was den spanischen Schauplatz betrifft, einige Fehler drin. Sowohl chronologischer Natur (z.B. gibt es ein Ereignis, was früher auf 1089 datiert wurde, heute aber auf 1088 datiert wird, das datiert die beiden auf 1090), als auch semantischer Natur. Da werden z.B. mehrfach aus den reinos de taifas (Taifakönigreichen) die reynas de taifas (Taifaköniginnen). Kann man für lässlich halten, untergräbt aber das Vertrauen in die Expertise der Verfasser.
     
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  2. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Bei der Suche nach der Beantwortung der Frage, ob Papst Urban II. in Clermont den vollständigen Erlass aller Sünden versprochen hat oder nicht, bin ich auf folgendes Dokument gestoßen:

    https://www.mag.geschichte.uni-muenchen.de/downloads/strack_letters.pdf

    Strack beschäftigt sich darin vor allem mit der Frage, ob der Papst tatsächlich Jerusalem als Ziel des Kreuzzugs im Sinn hatte. Doch in einem Brief von Papst an die Gläubigen in Flandern – siehe den Abschnitt “The letter to the Flemings“ – steht auch folgender Satz:

    While the canon defined the crusade as a substitution of penance, the letter guarantees a complete ‘remission of all sins’.

    Während der Kanon [des Konzils von Clermont] den Kreuzzug als Ersatz für die [kirchliche] Buße definiert, garantiert der Brief einen vollständigen "Erlass aller Sünden"


    Das mit dem „vollständigen Erlass aller Sünden" sagt auch Fulcher von Chartres, der wahrscheinlich in Clermont, ganz sicher aber während des Kreuzzugs dabei war, der aber nach Strack keine Kenntnis dieses Papst Briefes hatte.

    Ich halte es daher für möglich, dass die offizielle Zusammenfassung dessen, was in Clermont gesagt wurde, redaktionell bearbeitet worden ist.

    Die zweite Sache, die mir bei dieser Recherche wieder in den Sinn kam, war Youth Bulge. Es ist bekannt, dass es in Europa zu jener Zeit wegen der mittelalterlichen Wärmeperiode zu einem enormen Bevölkerungswachstum kam, was zu einer Konkurrenz der jungen Adeligen um die gleichbleibende Ressource Land führte, die den Papst in Clermont laut Robert dem Mönch zu dieser Aussage veranlasste – Zitat:

    “Denn das Land, das ihr bewohnt, das überall vom Meer eingeschlossen und von Berggipfeln umgeben ist, kann eure bloße Zahl nicht ernähren: es besitzt keine ergiebigen Reichtümer im Überfluß und stellt wahrhaftig kaum genügend Nahrung bereit, selbst für die, die es bebauen. Das ist der Grund, warum ihr euch gegenseitig bekämpft und zerreißt, unablässig im Krieg seid und einander verwundet und tötet. So hört denn auf mit allen Fehden zwischen euch, schlichtet den Streit, beendet Kampfhandlungen, und mögen Händel um jegliche Meinungsverschiedenheiten ruhen. Macht euch auf zum Heiligen Grab, entblößt dieses Land von einer verruchten Rasse und nehmt es selbst an euch – das Land, welches von Gott den Söhnen Israels geschenkt wurde, ein Land, darin Milch und Honig fließt, wie die Heilige Schrift sagt."
     
  3. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    @Dion dieses Zitat aus einer Übersetzung hat mich erstaunt wegen der Verwendung des Begriffs "Rasse" - weißt du, was da im Original steht?
     
  4. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Bei dem Autor der verlinkten Seite, der in einer rechtslastig-völkischen Partei aktiv ist, erstaunt mich das überhaupt nicht.
    Im Original steht gens.
    Recueil des historiens des croisades. Historiens occidentaux. Tome troisième / publ. par les soins de l'Académie royale des inscriptions et des belles-lettres
     
    Ugh Valencia, Shinigami und dekumatland gefällt das.
  5. Papa_Leo

    Papa_Leo Aktives Mitglied

    Das scheint aber im Deutschen eine Standardübersetzung (gewesen) zu sein, "Rasse" taucht auch in Teilen meiner Literatur auf. Evtl. liegt das daran, dass diese Teile älter sind ... in anderer Literatur taucht "Volk" auf.

    Bzgl. der Frage, ob Vergebung der Sünden (remission of sins) oder nur Erlass der weltlichen Sündenstrafen: Da kontere ich den Brief des Papstes an die Flamen mit dem Brief an die Bürger von Bologna:
    "Ihr mögt aber wissen, dass wir all denen, die sich nicht aus Habgier nach irdischem Vorteil, sondern nur für das Heil ihrer Seele und zur Befreiung der Kirche auf dem Weg machen, die gesamten Bußstrafen der Sünden, über die sie aufrichtig und vollständig gebeichtet haben, erlassen ..:"

    Ja, beide Formen der Belohnung wurden gepredigt, "remission of sin" war sicher die größere, attraktivere Belohnung. Aber der Papst in Clermont hat mMn vom Erlass der Sündenstrafen gesprochen (wie die offiziellen Quellen zum Konzil, vgl. Concilium Claromontanum, c. II (Mansi XX, 816), auch aussagen), die Vergebung der Sünden wurde von Teilen des Klerus hinterher gepredigt - und evtl. hat der Papst nicht widersprochen.

    Und Edit: Dass sich auch ein Papst selbst widersprechen kann (oder andere Kleriker dem Papst), sieht man hier ja auch. Den Bürgern von Bologna gesteht er als "richtiges" Motiv Seelenheil und Befreiung der Kirche zu, schließt "Habgier" aus ... während zumindest eine Quelle in Clermont eben davon spricht, reiche Gebieten den "Ungläubigen" zu entreißen und sich zu eigen zu machen.

    Andererseits, Dion, hast Du weiter oben Robert dem Mönch die Glaubwürdigkeit etwas abgesprochen, weil bestimmte Formulierungen, die Urban gemäß ihm benutzt, nicht zu einem Papst passen ... ?
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. September 2021

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