War Carausius Christ?

El Quijote

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Durch römische Münzen auf Island bin ich auf Carausius gestoßen: Eine These, wie römische Münzen nach Island gekommen seien, ist, dass dies im Zuge der Piratenbekämpfung des Admirals und späteren Usurpators Carausius geschehen sei. Diese These - dies nur am Rande - ist eher eine Nebenthese, die Hauptthese ist die, dass die römischen Münzen durch Norweger während der Landnáma nach Island kamen.
Jedenfalls habe ich in den Wikipedia-Artikel zu Carausius geschaut und dort die Abbildung eines Grabsteins gesehen, der Carausius' Namen trägt:

The_Carausius_Stone_at_St_Tudclud%27s_Church_Penmachno_%281%29.jpg



CARAUSIU[S ]
HICIACIT
INHOCCON
GERIESLA
PIDUM

Carausius hic iacit in hoc congeries lapidum. Carausius liegt in diesem Steinhaufen.


Dieser Stein wurde allerdings in Zusammenhang mit anderen an einer Römerstraße gefunden, die man dem 4. und 5. Jhdt. zuordnet.

Carausius, obwohl Usurpator, versuchte seine Herrschaft als dritter Augustus zu legitimieren und ließ Münzen von sich mit Maximianus und Diocletian, den beiden legitimen Augusti prägen: CARAVSIVS ET FRATRES SVI - Carausius und seine Brüder.

CARAUSIUS_RIC_V_pt._2.1-_621074.jpg



Da stellt sich doch die Frage, warum der offenbar christliche Grabstein eines Carausius, der wahrscheinlich Jahrhunderte nach dem Tod des Admirals und Usurpators Carausius lebte und starb, in der deutschen Wikipedia* dem Usurpator Carausius zugeordnet wird?


*in anderen Wikipedien (dänisch, englisch, spanisch, weitere habe ich nicht geprüft) wird das nicht getan. Die englische Wikipedia zeigt ein Bild dieses Steins im Artikel zum hypothetischen Carausius II., der auf 20 Münzen des 4. Jhdts. vorkommt, die aber als antike Fälschungen angesehen werden, weist aber daraufhin, dass Evans, der diesen Stein ins Spiel gebracht hat, auch der Auffassung war, dass es unwahrscheinlich sei, dass dieser Grabstein etwas mit dem hypothetischen Carausius II. zu tun habe.

Also ein Carausius wird Christ gewesen sein. Aber sicher nicht der historisch relevante - oder?
 
Also ein Carausius wird Christ gewesen sein. Aber sicher nicht der historisch relevante - oder?
wäre der abtrünnige "General" Christ gewesen, hätten sich die Quellen zur Rückeroberung Britanniens (293 fällt Carausius´ "Nachfolger" Allectus) zur Zeit von Diocletian, der für eine große Christenverfolgung verantwortlich zeichnete, sicher vermerkt, dass der/die brit. Usurpatoren sich vom Kaiserkult zu einer ungelittenen und verfolgten Religion bekannt hatten.
Der historisch relevante war ziemlich sicher kein Christ.
 
Zuletzt bearbeitet:
Allerdings ist die Quellenlage zu Carausius und Allectus miserabel. So miserabel, dass wir als Quellen zu einem Gutteil auf einige der Lobreden (so problematisch sie als Geschichtsquellen natürlich sind) der sog. "Panegyrici Latini" angewiesen sind.
Außerdem interessierten sich die nichtchristlichen Quellen eher wenig für Christenverfolgungen. Es waren die christlichen Quellen, die eine große Sache daraus machten. Natürlich könnte man annehmen, dass Autoren wie Lactantius oder auch Eusebius es erwähnt hätten, wenn Carausius bekennender Christ gewesen wäre. Vielleicht war er für deren Perspektive aber zu weit ab vom Schuss. Außerdem gehörte seine Bekämpfung zu den Hauptaufgaben von Constantius I., dem Vater von Konstantin I., sodass es sich vielleicht nicht so gut gemacht hätte zu erwähnen, dass Konstantins Vater einen christlichen Kaiser bekämpfte.

Aber worüber diskutieren wir überhaupt? Es gibt doch überhaupt keinen Hinweis, dass der Kaiser Carausius Christ gewesen sein könnte, ebensowenig dass sich der Grabstein auf ihn bezog.
 
wäre der abtrünnige "General" Christ gewesen, hätten sich die Quellen zur Rückeroberung Britanniens (293 fällt Carausius´ "Nachfolger" Allectus) zur Zeit von Diocletian, der für eine große Christenverfolgung verantwortlich zeichnete, sicher vermerkt, dass der/die brit. Usurpatoren sich vom Kaiserkult zu einer ungelittenen und verfolgten Religion bekannt hatten.
Der historisch relevante war ziemlich sicher kein Christ.
An die diokletianische Christenverfolgung habe ich auch gedacht. Nebenbei scheint sich Carausius nicht sehr christlich verhalten zu haben. Das war zwar in späteren Zeiten kein Kriterium, aber ich denke im 3. Jhdt. schon noch.
 
Aber worüber diskutieren wir überhaupt? Es gibt doch überhaupt keinen Hinweis, dass der Kaiser Carausius Christ gewesen sein könnte, ebensowenig dass sich der Grabstein auf ihn bezog.
Eben. Aber der deutsche Wikipedia-Artikel zu Carausius zeigt den Grabstein. Hätte der nicht das Christusmonogramm gehabt, wäre mir das wahrscheinlich nicht einmal näher aufgefallen und ich hätte die Zuordnung wahrscheinlich gar nicht in Frage gestellt.
 
An die diokletianische Christenverfolgung habe ich auch gedacht. Nebenbei scheint sich Carausius nicht sehr christlich verhalten zu haben. Das war zwar in späteren Zeiten kein Kriterium, aber ich denke im 3. Jhdt. schon noch.
Schon im frühen 4. Jhdt. führte Konstantin I. ein alles andere als "christliches" Leben. Allein die Morde an seinem Sohn Crispus und seiner Gattin Fausta ...
 
Carausius wurde nach 7 Jahren Herrschaft von seinem Schatzmeister Allectus ermordet, der danach die Herrschaft übernahm. Kaum anzunhmen, dass er für seinen Vorgänger ein Grab hat anfertigen lassen. Tatsächlich sind die in der Kirche gefundenen Grabsteine aus dem 5.-6. Jh. Offenbar galt Carausius zu dieser Zeit als eine Art "Held" Britanniens, da er den Brexit schon so früh veranlasst hatte. So schreibt die wiki:
In Geoffrey of Monmouth's History of the Kings of Britain (1136) Carausius is a Briton of humble birth, who by his courage persuades the Roman Senate to give him command of a fleet to defend Britain from barbarian attack.
Ein solcher Held musste natürlich Christ sein. Entsprechend wird die mittelalterliche Legende auf ihn als Christ gewendet samt Kirche und Heiligenlegende, wie Inscribed Stones at Penmachno in Wales – The Journal Of Antiquities es beschreibt:
The Carausius Stone is a flat-shaped grave cover inscribed in Latin to the memory of CARAUSIUS HICIACIT INHOCCON GERIESLA PIDUM or ‘Here lies Carausius in this heap of stones.’ Also inscribed on this stone are the Greek letters “X” and “P” the first two letters of the word Christ (Christos), which here form a four-rayed cross known as a Chi-Rho monogram. Legend tells us that Carausius, also known as Crair or Caron, was the hero of the Britons during the 3rd century AD. He proclaimed ‘himself’ King and Emperor of the Celtic West, and stood up to the might of the Roman army, who in turn, regarded him as ‘something of an annoyance.’ A church was dedicated to him at Tregaron, Gwynedd, because he was regarded as a saint in this part of the Celtic fringe.
 
Carausius wurde nach 7 Jahren Herrschaft von seinem Schatzmeister Allectus ermordet, der danach die Herrschaft übernahm. Kaum anzunhmen, dass er für seinen Vorgänger ein Grab hat anfertigen lassen.
Wenn es sich um den Grabstein des Kaisers handeln würde - wofür nichts spricht -, dann wirkt er für mich eher wie eine Verhöhnung. In der Inschrift werden keinerlei Titel angeführt, keine Leistungen, nichts. Einfach nur der Name und dass Carausius hier in diesem Steinhaufen liegt. Dazu die recht schmucklose Ausführung. Ein solches Grabmal würde ich seinem Mörder schon zutrauen.

Nur spricht absolut nichts dafür, dass es sich um den Grabstein des Kaisers handelt.
 
Der Stein ist im Stil spätantik bis frühmittelalterlich, trotzdem gut und aufwendig verarbeitet, mit gut ausgestalteter christlicher Symbolik. Er ist eher ein "Memento mori", gerade auch im pointierten Spruch, der gute Lateinkenntnisse voraussetzt. Ein Gedenkstein aus späterer Zeit, nicht ein zeitgenössischer Grabstein.
 
Ich sehe das wie Ravenik:

Nur spricht absolut nichts dafür, dass es sich um den Grabstein des Kaisers handelt.

Offenbar galt Carausius zu dieser Zeit als eine Art "Held" Britanniens, da er den Brexit schon so früh veranlasst hatte. [...]
Ein solcher Held musste natürlich Christ sein. Entsprechend wird die mittelalterliche Legende auf ihn als Christ gewendet samt Kirche und Heiligenlegende, wie Inscribed Stones at Penmachno in Wales – The Journal Of Antiquities es beschreibt:
[...]Legend tells us that Carausius, also known as Crair or Caron, was the hero of the Britons during the 3rd century AD. He proclaimed ‘himself’ King and Emperor of the Celtic West, and stood up to the might of the Roman army, who in turn, regarded him as ‘something of an annoyance.’ A church was dedicated to him at Tregaron, Gwynedd, because he was regarded as a saint in this part of the Celtic fringe.
Sicher, dass Crair/Caron mit Carausius identisch ist? Oder ist das eine Hypothese, die sich als Faktoid verselbständigt hat?
 
gerade auch im pointierten Spruch, der gute Lateinkenntnisse voraussetzt.
Welche guten Lateinkenntnisse?
- Es müsste "iacet" heißen, nicht "iacit".
- "Congeries" ist feminin, das darauf bezogene "hoc" maskulin oder neutrum.
- "Congeries" ist jedenfalls nicht Ablativ.
Also wenn schon, dann müsste es "Carausius hic iacet in hac congerie lapidum" heißen, wobei das auch noch kein wirklich schönes Latein wäre.
 
Ein Gedenkstein aus späterer Zeit, nicht ein zeitgenössischer Grabstein.
Warum ein Gedenkstein aus späterer Zeit? Für wen? Für Kaiser Carausius? Dann hätte man doch wohl irgendeine Titulatur angebracht. (Man denke etwa an das "Fake"-Grab von Artus, das im 12. Jhdt. in Glastonbury gefunden worden sein soll und in dessen Inschrift Artus ausdrücklich als "rex" bezeichnet wurde.)
Wenn sich der Stein aber auf irgendeinen Carausius bezog, warum sollte er dann nicht zeitgenössisch (zu diesem irgendeinen Carausius) sein?
 
Ein "Steinhaufen" ist kein typisches Grab des 5. bis 8. Jahrhunderts, oder? Und wenn Carausius eine sagenhafte Gestalt ist, auf die man sich gerne beruft, dann ergäbe ein solches (de facto Leer-)Grab einen legitimierenden Sinn.
 
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