War die BEIC wirklich eine "rein britische Gesellschaft"?

Dieses Thema im Forum "Absolutismus und Aufklärung (1648-1789)" wurde erstellt von Griffel, 6. Januar 2022.

  1. Griffel

    Griffel Mitglied

    Da ich gerade Weihnachtsurlaub habe, bleibt mir wieder mehr Zeit zum Sinnieren oder Nachdenken. Dabei kam mir mal wieder die BEIC in den Sinn! Und nicht nur wegen unserem "Freund" Jack Sparrow.

    Diese Handelskompanie oder Gesellschaft, ist fast einmalig, in der Geschichte der Menschheit:rolleyes:! Natürlich, hatte diese Entwicklung, auch ihre Schattenseiten. Aber wir dürfen nicht vergessen, wir sprechen hier vom 18. Jhrd.! Auch wenn, in diesen Zeiten, das Model des Merkantilismus vorherrschend war, so galt der Spruch von Marx: Kapital kennt kein Vaterland; schon damals.:p

    Deswegen würde mich interessieren, ob die Gesellschaft nicht auch ausländische sprich deutsche Anteilseigner hatte? Immerhin, verschlagen die Aktivitäten eine Unmenge Geld. Ich glaube kaum, dass dieses alles aus GB gekommen ist. Mir ist zwar bekannt, dass die britische Regierung die Konkurrenz im Keim erstickt hat. So unter anderem, Die Ostender Kompanie.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Ostender_Kompanie

    Besonders mit der VOC gab es ja immer wieder Ärger.

    Auch Preußen, hatte ja eine Handelsgesellschaft.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Emder_Ostasiatische_Handelskompanie

    Mich wundert nur, dass sich Friedrich so leicht ins Bockshorn jagen ließ.
     
  2. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Mich nicht! Die Aktivitäten der Emdener Handelskompanie waren durchaus sehenswert. Abgesehen von einer leichten Havarie vor Borkum ging kein Schiff verloren, und als Friedrich die Kompanie schließlich liquidierte, konnte er zumindest den Anteilseignern ihre Einlagen und noch eine Dividende auszahlen.

    Es war aber auf jeden Fall der Fernhandel auch mit sehr großen Risiken verbunden, und um wirklich so große Gewinne einzufahren wie er vermutlich erhofft hatte, wären jedenfalls deutlich größere Investitionen an Kapital und Schiffsraum erforderlich gewesen, als Preußen sich leisten konnte. Preußen verfügte nicht mal über eine nennenswerte Handelsflotte verfügte, produzierte auch keine Waren, die im Chinahandel besonders interessant gewesen wären.

    Gemessen daran, dass die Zahl der Kapitalanleger recht überschaubar war und die Flotte der Handelskompanie aus nur wenigen Schiffen bestand, war die Emdener Handelskompanie durchaus erfolgreich. Es gab zumindest keinen grandiosen Flop, keine Pleite und keine Spekulationsblase. Das war´s dann aber auch schon. Die Zahl möglicher Investoren war recht überschaubar, und auch das Kapitalaufkommen der Investoren und die Zahl der zur Verfügung stehenden Schiffe war recht bescheiden. Das Risiko und die Investitionsanforderungen waren dagegen sehr hoch und die zu erwartende Konkurrenz groß. Im Laufe des Siebenjährigen Krieges wurde Emden von den Franzosen besetzt, und einige der Anteilseigner mussten ins Ausland fliehen. Damit wurde der Kompanie natürlich wichtiges Kapital entzogen. Ein Schiffbruch und der Verlust auch nur eines Schiffes musste für die Handelsgesellschaft weitreichende Folgen haben. Wenn Friedrich II. die Handelsgesellschaft liquidierte, tat er das unter dem Eindruck, dass zwar Porzellan, Seide, Tee und Opium Gewinn abwerfen konnten, dass aber die Erwartung, mit minimalen Investitionen große Gewinne erzielen zu können, nicht eintraf, dass mit starker Konkurrenz zu rechnen war und für größere Gewinne auch weit größere Investitionen erforderlich waren, die Preußen nicht aufbringen konnte.

    Die Emdener Handelskompanie zog sich eigentlich ganz achtbar aus der Affäre: Es gab keinen Riesenflop, keinen Konkurs, keine Blase, die Investoren erhielten ihre Einlagen und eine Dividende zurück. Der Traum, vom ganz großen Gewinn, von märchenhaftem Reichtum, gewonnen mit minimalen Investitionen-das hatte sich aber auch als eine Illusion erwiesen. Preußen hatte keine Handelsflotte, war eine Landmacht, nicht einmal eine globale Macht.


    Im Chinahandel hatte bis Ende des 18. Jahrhunderts die Chinesen die besseren Karten. Für Porzellan, Seide und Tee floss viel Silber von Europa nach China. Erst am Ende des 18. Jahrhunderts änderte sich die Handelsbilanz. Sie änderte sich nicht zuletzt deshalb, weil die Europäer nun über einen Handelsartikel verfügten, der in China ähnlich begehrt war wie Porzellan und Seide im Westen: Opium. Vor allem in Bengalen gab es riesige Opium-Plantagen. Die Bauern mussten Opium zu von der Kompanie festgesetzten Preisen verkaufen. Opium war nicht nur eine Rauschdroge, sondern auch (bis heute) der wichtigste Grundstoff für Medikamente.



    Die Idee, in den Fernhandel einzusteigen oder Produkte wie Seide, Zucker oder Tabak Baumwolle selbst zu erzeugen, war nicht neu. Schon Friedrichs Urgroßvater, der Große Kurfürst, hatte eine Kolonie, Groß-Friedrichsburg an der Guineaküste gegründet. Es zeigte sich aber, dass die zu erwartenden Gewinne in keinem Verhältnis zu den Risiken und Widerständen standen, dass jedenfalls dazu weit mehr an Kapital und Schiffsraum nötig war und nicht zuletzt auch an maritimer Macht und Schlagkraft, um sich gegen Konkurrenten behaupten zu können. Preußen hatte aber nicht mal eine nennenswerte Handels- und Kriegsflotte.
     
  3. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Einmalig war die Britische East India Company nicht. Im Mittelalter hatte die Hanse zeitweise großen Einfluß im Ostseeraum, und auch das Wirtschaftsimperium, das Jacob Fugger kontrollierte verfügte über ein großes Fernhandelsnetz und über ähnlich großen politischen Einfluß wie später die East India Company. Jacob Fugger hielt Karl V. einmal vor, dass er 1519 ohne ihn nicht Kaiser geworden wäre.

    In Frankreich, den Niederlanden, Dänemark und Schweden gab es ähnliche Kompanien, denen von der Krone ähnlich weitreichende Privilegien verliehen wurden:

    -Das Recht, Armeen zu unterhalten und Kriege zu führen
    -Das Münzrecht
    -Das Fortifikationsrecht

    Die niederländische Ost- und Westindien-Kompanie konnte durchaus eine vergleichbare "Erfolgsgeschichte" vorweisen und verfügte über ähnlichen quasi staatlichen Einfluss.

    Auch Dänemark besaß überseeische Kolonien an der Guineaküste und in Westindien. Die große Beliebtheit von Rum in Norddeutschland und Skandinavien verdankte die Spirituose nicht zuletzt den Aktivitäten der dänischen Westindien-Kompanie. Flensburg war damals dänisch, und Ende des 19. Jahrhunderts gab es über 100 Rum-Destillerien in der Stadt. Marken wie Pott oder Hansen wurden inzwischen von größeren Konkurrenten geschluckt, und von den über 100 Destillerien ist nur noch Johansen als Familienunternehmen erhalten.

    Die Destillerien verarbeiteten Melasse aus Dänisch-Westindien, und Rum war auch gefragt als Tauschware im Sklavenhandel. Den Dänen gehörten Ende des 18. Jahrhunderts einige Faktoreien in Westafrika. Wie weit möglicherweise deutsche Kaufleute, etwa aus Flensburg als Anteilseigner der Dänischen Ostindienkompanie beteiligt waren, oder teilnahmeberechtigt waren, weiß ich nicht. Immerhin erscheint eine Beteiligung möglich oder zumindest einigermaßen plausibel.

    Die niederländische und die englische/britische Ost- und Westindienkompanien waren dagegen ziemlich exklusiv. Bei den Briten und Niederländern waren in der Regel nur die reichsten Kaufleute aus Amsterdam, Rotterdam und der City of London unter sich. Die ließen nicht mal alle britischen Konkurrenten an die Tröge. In England existierte zeitweilig noch eine weitere Handelsgesellschaft, die aus Kaufleuten sich zusammensetzte, die man in der BEIC nicht zugelassen hatte. Auch sie wurden von der Krone mit weitreichenden Privilegien (Münzrecht, Fortifikationsrecht, etc. ausgestattet wurde. Die beiden Kompanien fusionierten im Lauf des 18. Jahrhunderts.

    Ende des 17. Jahrhunderts besaßen die Niederlande die größte Handels- und Kriegsmarine, und Amsterdam und Rotterdam waren die größten Handelszentren, die im Lauf des 16. Jahrhunderts Antwerpen überholten. Doch London holte bald auf. Als Zar Peter I. Ende des 16. Jahrhunderts inkognito nach Europa reiste, wo er in London und Zandam den Schiffsbau erlernte, war London der bedeutendste Wirtschaftsstandort. Die Gewinne aus dem Fernhandel mit Ostasien und dem Transatlantischen Dreieckshandel waren so groß, dass die Handelsgesellschaften nun wirklich nicht auf Kapital aus deutschen Ländern angewiesen waren.

    Es stammten zwar die britischen Herrscher seit 1714 aus dem Haus Hannover, und zumindest die beiden ersten "Hanoverians" Georg I. Ludwig und Georg II. August waren in Deutschland geboren und hielten sich öfter in ihrem Kurfürstentum auf. Dass aber Kaufleute aus dem Kurfürstentum Hannover eine Rolle in der BEIC gespielt hätten, wäre mir unbekannt, und es erscheint auch als wenig wahrscheinlich.
     
  4. Naresuan

    Naresuan Aktives Mitglied

    Kommt auch immer darauf an, für welchen Zeitraum man das anschaut.
    Während der Südseeblase 1720 gab es in der Bank of England 691 Konten von Ausländern aus folgenden Ländern:
    553 aus den Niederlanden
    26 aus den Österreichischen Niederlanden
    67 Schweizer
    26 Deutsche
    10 Franzosen
    6 Italiener
    3 Portugiesen

    Im März 1721 machten für kurze Zeit einige dieser Ausländer bis zu 40% im Handel mit BEIC Anteilen aus.
    aus: East India Company and Bank of England Shareholders during the South Sea Bubble: Partitions, Components and Connectivity in a Dynamic Trading Network, Andrew Mays, Gary S. Shea, 2011
     
  5. Griffel

    Griffel Mitglied

    Danke! Das ist doch mal wieder schön! Schade, dass es im deutschsprachigen Raum hierzu keine guten Bücher gibt! Aber ich hoffe darauf, dass es bald Übersetzungen gibt! Das wäre mal ein gutes Thema für ein Computerspiel.:)
     
  6. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Wenn man keine guten deutschsprachigen Werke zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte der frühen Neuzeit im europäischen, nordamerikanischen und karibischen Raum kennt, heißt das noch lange nicht, dass es keine gibt. Die Zeiten, dass man dabei ausschließlich auf Übersetzungen britischer oder amerikanischer Autoren angewiesen war, sind jedenfalls lange vorüber.

    Der Wissenschaftsjournalist Günther Ogger zeigte mit seiner Fuggerbiographie "Kauf dir einen Kaiser", dass Wirtschaftsgeschichte ausgesprochen spannend sein kann, ja Bestsellerqualitäten hat.

    Historiker wie Hermann Wellenreuther oder Claudia Schnurmann haben intensiv zum Themenkreis Großbritannien, Nordamerika Karibik, Afrika geforscht und natürlich auch publiziert und Vorlesungen gehalten.

    Claudia Schnurmann Europa trifft Amerika 1492-1783,
    Diesselbe, Europa trifft Amerika atlantische Wirtschaft in der Frühen Neuzeit 1492-1783.
    Diesselbe Vom Inselreich zur Weltmacht Die Entwicklung des englischen Weltreichs vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert
    Diesselbe Atlantische Welten Engländer und Niederländer im amerikanisch atlantischen Raum 1648-1713.



    Wellenreuthers "Lebenswerk" ist sozusagen eine deutschsprachige Universalgeschichte Nordamerikas vom 16./17. bis zum 20. Jahrhundert. Davon sind inzwischen drei oder vier Bände erschienen sind. Die sind überaus lesenswert, sofern man sich für Nordamerika interessiert, allerdings auch sündhaft teuer.


    PS. @Griffel

    Beim recherchieren bin ich auf ein Buch von Schnurmann gestoßen, das die Frage nach deutscher Kapitalbeteiligung in GB vielleicht beantwortet. Dabei geht es allerdings um das 16. Jahrhundert:

    Claudia Schnurmann, Kommerz und Klüngel Der Englandhandel Kölner Kaufleute im 16. Jahrhundert.
     
    Shinigami gefällt das.

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