Waren Auslandsinvestitionen üblich?

Dieses Thema im Forum "Wirtschaftsgeschichte" wurde erstellt von Griffel, 13. Juni 2022.

  1. Griffel

    Griffel Mitglied

    Wenn, man sich mal mit der Geschichte der Nationalstaaten beschäftigt, kommt man an einem Thema nicht vorbei! Möglichst alle Staaten, waren ja daran interessiert, weitgehend unabhängig zu sein! In allen wichtigen Bereichen. Dazu gehörte auch die Wirtschaft.

    Daher würde mich interessieren, ob es damals auch schon, wie heute, Auslandsinvestitionen gab. Oder besser ausgedrückt:

    War es damals schon üblich, dass zum Beispiel britische Firmen in Deutschland Zweigstellen hatten und umgekehrt? Vom politischen Standpunkt aus dürfte das eher weniger erwünscht gewesen sein.
     
  2. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    In welcher Zeit soll das so gewesen sein? Unabhängig von was?

    Die Banken- und Börsenplätze Parin, London und New York bespielten ab den 1870er dank Kabel die wesentlichen politischen und wirtschaftlichen Zentren Europas und der Welt.
    Vielleicht hilft Dir die Beschäftigung mit der Karriere von Ludwig Bamberger in der Vorkabel-Zeit.

    Und schau Dir mal die globalen Investitionen und Projekte und Kooperationen, die Auslandsniederlassungen von Siemens oder AEG an...vor 1914. Das gilt für diverse andere Firmen ebenso, wie auch für Großbanken, ob in bzw. aus beispielsweise Frankreich, GB oder den Niederlanden

    Die moderne wirtschaftlich-industrielle Entwicklung nach 1850 ist von einem globalen Ausgreifen, einer rasch zunehmenden globalen Interaktion und Vernetzung geprägt. Ob Kabel oder Eisenbahn und Dampfschifffahrt.
     
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  3. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Ein Beispiel aus der Frühen Neuzeit wären die Fugger, Welser und weitere oberdeutsche Kaufmannsfamilien, die im 16. Jahrhundert portugiesische Schiffe ausrüsteten, um sich so am Gewürzhandel mit Indien zu beteiligen.
     
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  4. Griffel

    Griffel Mitglied

    Werde mal sehen, was:cool: ich finden kann. DAnke dafür.
     
  5. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Nun, wenn man sich den Merkantilismus (ca. 16.-18. Jh) anschaut, war dieser schon daran interessiert, dass die Handelsbilanz immer Überschüsse erbrachte, insofern verursachte das eine starke Tendenz der Abschottung von Auslandsmärkten (China ist hier das moderne Beispiel). Allerdings gab es meines Wissens zu dieser Zeit keine Auslandsinvestition oder wenn, dann nur in geringem Maß. Dazu gab es einfach zu wenig Anlagekapital und wenn, bevorzugte man dazu die Kolonien.
    Auslandsinvestitionen (unabhängig von Kolonien) haben viel mit der Zollpolitik zu tun: je höher die Einfuhrzölle, desto eher lohnen sich Investitionen direkt im Ausland (also Direktinvestitionen). Auch die Unterschiede im Einkommensniveau spielen eine Rolle, wichtiger Motor von Direktinvestionen insbesondere nach dem Fall des Eisernen Vorhangs.
     
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  6. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Das eine sind die direkten Auslandsinvestitionen, beispielsweise von Konzernen in Form von Niederlassungen, Produktionsstätten (Siemens, AEG usw.).
    Das andere sind die deutschen Kapitalexporte in ausländische Wertanlagen, Portofolio-Auslandsinvestitionen (via Banken- und Börsenplätze).
     
  7. -muck-

    -muck- Aktives Mitglied

    Bereits zu Zeiten Eduards I. (†1307) investierten genuesische Geldverleiher in die englische Wollproduktion, diese Form des Wirtschaftens ist also schon recht alt. Was die Frage nach der politischen Opportunität anlangt: Als halbwegs verbindlich anerkannte Regeln für den grenzüberschreitenden Waren- und Geldverkehr gibt es erst seit wenigen Jahrzehnten. Umso weiter wir in der Geschichte zurückgehen und umso mächtiger ein Staat bzw. Souverän war, umso mehr konnte er protektionistische Spielregeln diktieren und trotzdem ausländisches Geld anlocken. Ein schönes Beispiel sind die Geschäfte der Medici im England der Rosenkriege. Die Mediceer waren wichtige Geldgeber beider Seiten, die ihre englische Zweigstelle dennoch ungeniert ruinierten.
     
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  8. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter


    Doppik:

    Direkte Auslandsinvestitionen sind stets Kapitalexporte, egal ob im Aufbau von Betriebsstätten, Immobilienerwerbe, Beteiligungserwerbe, Ankauf von Rechten oder Erwerb von Forderungen im Ausland.

    Handelsbilanzüberschüsse sind ebenfalls Kapitalexporte. Daraus steigen zB Devisenbestände oder Forderungsrechte.
     
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  9. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Stimmt, Auslandsinvestitionen sind immer Kapitalexporte, Übertragung inländischen Kapitals ins Ausland (bei Gablers Wirtschaftslexikon online nachgeschaut und abgeschrieben ;)):
    • Direktinvestitionen: Kapitalexport durch Wirtschaftssubjekte eines Landes in ein anderes Land mit dem Ziel, dort Immobilien zu erwerben, Betriebsstätten oder Tochterunternehmen zu errichten, ausländische Unternehmen zu erwerben oder sich an ihnen mit einem Anteil zu beteiligen, der einen entscheidenden Einfluss auf die Unternehmenspolitik gewährleistet.
    • Portofolio-Investition: Portfolio-Investitionen sind Übertragungen inländischen Kapitals ins Ausland zum Zweck des Erwerbs von Forderungen, die keine direkten Eigentumsrechte begründen, z.B. von Anteilen an Immobilienfonds, von Anleihen sowie von Anteilen an Unternehmen, sofern damit nicht ein wesentlicher Einfluss auf die Unternehmenspolitik verbunden ist. Dienen vorrangig der Geldanlage.
     
  10. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Jau...einklagbare Rechte/ Gesetze, die einen effektiven Schutz von ausländischem Investitionskapital sicherten, sind verbreitet wohl erst im (späteren) 19. Jh. in einigen Staaten entstanden.

    Ab dem 13./14. Jh. entsteht vor allem von Italien aus jene Frühform des einflussreichen, gut organisierten Bankwesens weit über die Grenzen hinweg.
     
  11. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Ja, aber Investitionskapital ist ja in aller Regel nicht staatlich sondern privat und somit staatlich nur in begrenztem Maße Steuerbar.

    Stellt sich eben die Frage wann.
    Ich habe kürzlich den Ersten Band der Unternehmensgeschichte Krupps von Lothar Gall gelesen.

    Da gab es bereits relativ früh in der Geschichte des Unternehmes im 19. Jahrhundert eine Kooperation in Wien (als man seitens Krupp noch auf die Fertigung von Maschinenteilen zur Besteckherstellung spezialisiert war, bevor man zu Eisenbahnmaterial und Kanonen überging.
    Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts wurden dann beispielsweise Anteile an Erzgruben in Spanien erworben.

    Andere Beispiele für Unternehmer, die Teile ihres Kapitals im Ausland anlegten, wäre z.B. die Familie Engels (wie Engels, Friedrich), die ja bekanntlich an einer Baumwollspinnerei in Manchester beteiligt war.

    Einer der ersten größeren Zechenunternehmer im Ruhrgebiet, der dann allerdings irgendwann konkurs ging, war ein Ire namens William Thomas Mulvany.

    Insofern waren transnational aufgestellte Unternehmungen im 19. Jahrhundert nicht besonders außergewöhnliches auch jenseits von Bankhäsuern und Handelsgesellschaften.

    Um so mehr, als dass die wachsenden Unternehmen eine steigende Tendenz zur vertikalen Integration zeigten, will heißen, nicht nur zu Teilprodukte zu produzieren, sondern die gesamte Produktion vom Rohstoff über Teilprodukte bis zum Endprodukt im eigenen Unternehmen zusammen zu führen um sich von schwankenden Marktpreisen unabhängiger zu machen.

    Vom politischen Standpunkt her hatte man in Preußen z.B. während der Mitte des 19. Jahrhunderts z.B. nicht einmal was dagegen, dass Krupp den größten Teil der Kanonen, die das Unternehmen zu produzieren begann (wobei das zunächst überschaubare Mengen waren), ins Ausland verkaufte, unter anderem nach Russland.

    Das die Politik anfing, sich stark mit den Rüstungsbetrieben zu verbandeln und deren Auslandsgeschäften Grenzen zu setzen, dürfte eine Entwicklung sein, die wahrscheinlich erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem allgemeinen Wettrüsten in Europa einsetzt.
     

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