Waren die Hussiten die echten ersten Protestanten?

Dieses Thema im Forum "Religionsgeschichte" wurde erstellt von Griffel, 15. April 2021.

  1. Griffel

    Griffel Mitglied

    Einen schönen Abend!:) Ich habe hier mal ein Thema, welches man, denke ich, relativ schnell abhandeln kann. Die Überschrift sagt es ja schon!

    Beim Thema Reformation fallen ja eigentlich immer die Namen Luther und Zwingli. Aber ich kann mich erinnern, dass es vor diesen beiden Herren, ja schon einmal einen Mann gab, der mit der Aufstellung der Kirche nicht einverstanden war. Sein Name war Jan Hus.:cool:

    Auch dieser arme Mann ist ja seinen Absichten zum Opfer gefallen. Er wurde ja, obwohl ihm Anderes zugesichert wurde, gefangen genommen und hingerichtet. Entgegen aller damals gültigen Sitten und Gebräuche. :rolleyes: Allerdings dürfte man damals die Ansicht vertreten haben, dass man sich bei einem Ketzer, nicht Versprechen oder Gesetze halten musste.

    Freue mich wie immer auf eure "Erleuchtung" meinerseits. Oder einfacher ausgedrückt: Lasst mich bitte, am Schatz eures Wissens teilhaben.
     
  2. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Was sind denn "echte" und "falsche" Protestanten?

    Als was will man denn "Protestanten" definieren?
    Der Begriff "Protestanten" selbst leitet sich ja aus dem Kontext des des Reichtags zu Speyer 1529 her und die damals Protestierenden vertraten explizit lutherische, calvinische und zwinglianische Positionen, nicht Hussitische.

    Reichstage zu Speyer – Wikipedia

    Aus diesem speziellen Kontext des Protests gegen die gegen diese reformatorischen Ansichten heraus macht es wenig Sinn, Jan Hus und seine Anhänger zu den ersten Protestanten machen zu wollen.

    Wenn man den Begriff "protestantisch" dergestalt definieren wollte, dass es sich dabei per se um eine im Kontext des Katholizismus entstandenen und sich von diesem mindestens partiell lossagende Gruppe handelt, könnte man die Hussiten sicherlich für Protestanten sui generis halten.
    Aber die Ersten? Wenn man "Protestanten" so definieren wollte, würde ich meinen, die Katharer/Albigenser, die Waldenser und diverse andere Strömungen über die die Geschichte hinweg gegangen ist, waren früher:

    Katharer – Wikipedia
    Waldenser – Wikipedia
     
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  3. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Noch zur Ergänzung: den Prostestantismus gibt und gab es auch nicht. Es gibt und gab die verschiedensten Bewegungen im abendländischen Christentum jenseits des Katholizismus. Eine gemeinsame internationale Kirchenstruktur analog zur römischen Kirche existiert und existierte nie.

    Shinigami hat schon die Katharer und Waldenser erwähnt. Aber auch schon vorher gab es verschiedene theologische Richtungen innerhalb der Kirche. Einen Sonderfall mag die getrennte Entwicklung der Ost- und der Westkirche sein (also der damalige Katholizismus bzw. Orthodoxie) ab dem 11. Jahrhundert (s. Morgenländisches Schisma – Wikipedia ).

    Und noch früher fallen mir als Abspaltungen von der "offiziellen" Kirche der Arianismus und auch der Donatismus ein. Da mag es noch mehr gegeben haben, aber das sind die, die mir spontan einfallen.
     
  4. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Es gibt schon Parallelen zwischen den Ideen Jan Hus und denen von Martin Luther. Jan Hus übte heftige Kritik am Ablasswesen, und auch er wollte als einzige Autorität in theologischen Fragen die Heilige Schrift gelten lassen. Überhaupt verblüfft so manche Parallelität der Ereignisse. Der Schuldspruch des Konstanzer Konzils wurde in Böhmen nicht anerkannt, über 400 böhmische Adelige vereinten sich in einem Bündnis und protestierten gegen das Konzil von Konstanz. Als König Wenzel die Hussiten von allen Staats- und Kirchenämtern ausschloss, führte das zu einem Aufstand und fast zweihundert Jahre vor dem bekannteren Prager Fenstersturz von 1618 1419 zum ersten Prager Fenstersturz.
     
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  5. -muck-

    -muck- Aktives Mitglied

    … was mich dazu motiviert, eine Frage zu wiederholen, die ich schon vor Jahren gestellt hatte: Warum fand Hus gerade im Adel viele Anhänger?

    Anders als Luther hundert Jahre später stellte Hus (bzw. stellen jene, die auf ihm aufbauten) die grundsätzliche Gesellschaftsordnung des Mittelalters infrage; die Hussiten, insbesondere die radikalen vom Tabor, galten der kommunistischen Tschechoslowakei nicht umsonst als die ersten Sozialrevolutionäre des Jahrtausends.

    Freilich gehörten zu den adeligen Hussiten viele "Krautjunker" wie Jan Capek von Saan, die sich wohl auch bereichern wollten. Trotzdem ist das gut zwei Jahrzehnte währende (relative) Miteinander zwischen böhmischem Adel und den "Bauernflegeln", die allen Besitz vergemeinschaften wollten, ganz erstaunlich.

    Natürlich liegt die Vermutung nahe, dass dies eine bloße Zweckeche war, zumal die gemäßigten Calixtiner, die Waisen und die Taboriten zwischen 1419 und 1434 oft auch miteinander im Clinch lagen. Die Prager konnten ein Lied davon singen.

    Auch dürften die damals aufkeimenden Konflikte mit dem deutschen Reichsteil eine einigende Wirkung entfaltet haben, und man war sich einig in der Ablehnung des Machtanspruchs der katholischen Kirche, vor allem hinsichtlich der Abgabenlast und ihres Grundbesitzes.

    Trotzdem geht es mir nicht ganz in den Kopf, wie Feudalherren unter Fahnen in die Schlacht reiten konnten, auf die sich die Böhmen Thesen geschrieben hatten, die von Lenin verfasst worden sein könnten. Oder, umgekehrt, wieso der "Anachronismus" des Adels von den Revolutionären geduldet wurde.
     
  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Die in den ehem. Ostblockstaaten häufigen Versuche historische Ereignisse in den Histo-Mat zu pressen, sollte man nicht ernst nehmen, die sind häufig eher peinlich als überzeugend, weil sie eben ideologisch sind und den Histo-Mat zum Gesetz überhöhen, anstatt ihn als historisches Erklärmodell zu begreifen.
     
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  7. Griffel

    Griffel Mitglied

    Danke! Wie gesagt, es ist schon eine ganze Weile her, dass ich mich mit dem Thema beschäftigt habe.:) War noch in der Schulzeit. Natürlich wurden dort auch die Bewegungen der Katharer usw. durchgenommen. Allerdings nur sehr oberflächlich. Und es wurde im Geschichtsunterricht mehr darüber gesprochen als beim (katholischen)Religionsunterricht.:rolleyes: Ein Schelm ist, wer sich Böses dabei denkt.
     
  8. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Eine kritische Sicht des Verständnisses des Historischen Materialismus in der DDR etc. auf die Reformation bietet u.a. Nipperdey.

    Nipperdey, Thomas: Reformation, Revolution, Utopie Studien zum 16. Jahrhundert
     
  9. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Warum geht das nicht in den Kopf?
    Wenn man sich den Verlauf der Geschichte näher anschaut, würde ich meinen, finden sich ene ganze Menge revolutionärer Ereignisse, bei denen die Umstürzler, bzw. die Riege von deren Anführern, sich aus Persönlichkeiten zusammensetzte, die in der formals vorherrschenden Gesellschaftsordnung

    Wenn man an der Stelle Lenin als Kuriosum bemüht, lohnt es sich vielleicht sich dessen biographischen Hintergrund mal anzuschauen.
    Sein Vater hatte es zum Schulinspektor im Gouvernement Simbirsk und in den erblichen Andelsstand geschafft, die Familie war durchaus begütert. Er konnte, wenn auch wegen der vorherigen Aktivitäten seines Bruders nicht in Petersburg, studieren und hätte sich von dem her, was er von Hause aus mitbrachte mit der altrussischen Gesellschaftsordnung eigentlich blendend arrangieren können müssen.

    Natürlich, da war die Hinrichtung des eigenen Bruders und ein entsprechendes Rachebedürfnis gegenüber dem Zaren, aber eine Erklärung, warum ausgerechnet jemand mit solchem Hinterdrund sich in den Kopf setzte die gesamte Sozial und Wirtschaftsordnung kippen zu wollen.
    Und die Frage kann man im Prinzip 1:1 auf die gesamte Führungsriege der Altbolschewiki und Oktoberumstürzler übertragen.


    Warum hätte späten Mittelalter eine Bewegung, die an den sozialen Verhältnissen etwas ändern wollte, ganz grundsätzlich für die Abschaffung des Adels eintreten sollen?
    Ich finde die Annahme macht eigentlich relativ wenig Sinn.

    Im ausgehenden 18., im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert und je nach Verfasstheit der Gesellschaft, ist das nicht weiter verwunderlich.
    Schaut man sich die Verhältnisse um die französische Revolution an, bildet sich langsam ein Staatsaparat heraus , der die alten Funktionen des Adels im Prinzip übernahm dessen interne Sozialhierarchie den Weg zum Aufstieg für nicht adelige Funktionsträger nach wie vor blockierte oder wenigstens erschwerte
    Währenddessen gibt es in dem Zusammenhang noch einen mehr oder minder völlig funktionslos gewordenen höheren Hofadel, der im Prinzip nicht mehr benötigt wird, dem aber Abgaben abgetreten werden müssen.

    Das unter diesen Umständen, weite Teile der Bevlkerung und der Revolutionäre dieser Form von Adelsgesellschaft überdrüssig waren, weil dieser Adel im Prinzip nichts wichtiges mehr zu tun hatte, aber massiv an finanziellen Mitteln verschlag, während es der Bevölkerung materiell nicht gut ging, nimmt nicht Wunder.
    Das es für die aufstrebenden Teile des Bürgertums ein extremes Ärgernis darstellte, in der staatlichen Hierarchie gegen einen abgeschotteten Adel nicht weiter zu kommen, obwohl Qualifikationen und die finanzielle Grundlage sich weiter zu bilden etc. absolut gegeben waren, der Übergang zu einer deutlich mehr meritokratisch ausgerichteten Gesellschaft also im Prinzip nur durch das tradierte Geburtsrecht einer weitgehend funktionslos gewordenen Kaste blockiert wurde, während die materiellen Grundlagen für eine andere Ordnung aber im Prinzip gegeben waren, nimmt nicht Wunder.

    Von einer funktionslos und in materieller Hinsicht zunehmend parasitär werdenden, überkommenen Klasse kann beim, im Besonderen auch niederen Adel am Ende des Mittelalters, bzw. am Beginn der Neuzeit aber eigentlich nicht die Rede sein und vor allem auch nicht, dass es zu dieser Ordnung, im Besonderen in ländlicheren Gegenden, irgendwelche greifbaren Alternativen gegeben hätte.

    Aus dieser Perspektive betrachtet:

    Warum ist es so schwer vorstellbar, dass man, auch mit umstürzlerischen Absichten bereit war den Adel als sozial herausgehobene Gruppe weiterhin zu akzeptieren, nachdem man möglicherweise auf seine Funktionausübung als Gerichtsherr oder als im kleineren Sinne, bewaffnete Macht um Verbrechen entgegen zu wirken, durchaus noch angewiesen war, weil es keine institutionalisierten Apparate gab um das abzulösen und auch keine hinreichende materielle Grundlage solche Aparate zu schaffen?
    Warum also innerhalb der Reform-/Umsturzbewegung keine Adeligen dulden, die die Sache mittragen, nachdem man auf sie ohnehin nicht gänzlich verzichten kann, wenn sie sich bereit erklären bestimmte materielle Härten abzuschaffen und Gewissensfreiheit zuzugesehen?

    Und dann kommt es auch noch mal drauf an, wie sich der lokale Adel einer Landschaft eigentlich zusammensetzte, wie abgeschottet und wie aufnahmefähig er gegenüber Aufsteigern war.

    Wie es sich damit in Böhmen und den Nebenländern zur Zeit der hussitischen Aufstände verhält, weiß ich nicht. Ich habe verschiedentlich gelesen, dass während des Mittelalters hohen Mittelalters im angerenzenden Königreich Polen der Adelsstand bis zu 10% der gesamten Bevölkerung gestellt haben soll.
    Ich kann an der Stelle die Richtigkeit dessen nicht belegen und die Richtigkeit einmal vorausgesetzt, weiß ich auch nicht, ob das eine speziell polnische Angelegenheit ist, oder generell ein westslawisches oder ost-mitteleuropäisches Ding, dass sich vergleichbar auch in Böhmen und Ungarn finden würde. Allein ich halte es für denkar.

    Und wenn das so zutreffen sollte, wäre das ein Hinweis darauf, dass angesichts der nummerischen Ausdehnung der niederen Adelsschicht, die Übergänge zwischen Adeligen und Nichtadeligen hier relativ fließend gewesen sein könnten.
    Dann würde sich zusätzlich noch die Frage stellen, warum eine Schicht abschaffen wollen, der man vielleicht selbst nicht angehört, in die man aber möglicherweise aufsteigen kann.
     
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  10. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Der Wikipedia-Artikel zum Thema Protestantismus bietet einen leicht verständlichen Einstieg in das Thema. Das Wort Protestanten tauchte 1529 erstmal auf. Eine Protestation war eine Eingabe von Ständen des Reichs, um bei einem Reichstag ein bestimmtes Anliegen vorzutragen. Zu den bedeutendsten protestantischen Theologen gehören Philipp Melanchton und Martin Luther die als Gründer der evangelisch lutherischen Kirche(n) bezeichnet werden könnten, Ulrich Zwingli, Johann Calvin und John Knox, Begründer der reformierten Kirche(n), Andreas Bodenstein genannt Karstadt, Thomas Müntzer, Menno Simmons u. a. begründeten die Täufer. In GB entwickelten sich die Anglikaner und schließlich werden aber auch Baptisten, Presbyterianer, Dissenter, Quäker, Amish People, Hutterer zu den Protestanten gezählt, nicht zu vergessen die verschiedenen Freikirchen, die vor allem im Zuge des Pietismus und der Erweckungsbewegung gegründet wurden wie die Herrenhuter Brüder.
    Man könnte darüber streiten, ob die Mormonen noch als protestantische Glaubensgemeinschaft eingeordnet werden können.

    Die verschiedenen protestantischen Konfessionen erlangten innerhalb des Heiligen Römischen Reichs unterschiedlichen Rechtsstatus. Die Lutheraner wurden bereits 1555 beim Augsburger Religionsfrieden anerkannt, die Reformierten erst 1648 beim Westfälischen Frieden und Täufer und Freikirchen eigentlich nie.

    Die Hussiten werden im allgemeinen nicht zu den Protestanten gezählt, es handelte sich aber um eine reformatorische Bewegung. Johann Hus wurde nach seinem Tod in seiner Heimat Böhmen fast zu einer Art "Nationalheiligen", durchaus ähnlich dem "Hype" der um Martin Luther entstand, auf den nach seinem mutigen Auftritt beim Reichstag in Worms Hoffnungen und Wünsche projiziert wurden, denen Luther unmöglich gerecht werden konnte. Johann Hus war ein bedeutender Theologe, ein überaus charismatischer Reformator, der das Zeug hatte, Vordenker einer wirklichen Volksbewegung zu werden, der eigentlich nur das Pech hatte, dass er 1. exekutiert wurde und 2. noch nicht auf das "Massenmedium" des Buchdrucks zurückgreifen konnte.

    Jan Hus war durchaus so etwas wie ein Vorläufer von Luther, Zwingli und Calvin, so wie

    John Wiclif (VIP!)

    ein Vorläufer von Hus gewesen war. Als Martin Luther seine 95 Thesen veröffentlichte, war einfach die Zeit überreif für eine Reformation. Es spricht sehr viel dafür, dass die Reformation nicht mit wuchtigen Hammerschlägen gegen eine Kirchentür begann. Das wäre auch im Zeitalter des Buchdrucks ziemlich unsinnig gewesen, etwa so, als wolltest du einen reitenden Boten bemühen, wenn du mit einer Email den Job viel schneller und zuverlässiger erledigst. Im Zeitalter des neuen Massenmediums konnten Informationen, Ideen und Lehren in viel größerer Zahl verbreitet werden, und es ließ sich der Ruf nach Reformen, nach Erneuerung der Kirche nicht mehr so einfach unterdrücken wie das 100 Jahre früher noch möglich war, wobei das auch damals nur mit Mühe und unter großen Opfern funktioniert hatte.
     
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  11. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    nein, die Hussiten waren nicht die ersten 'echten' Protestanten vor den evangelischen Protestanten. Wie wäre es mit den Waldensern ab dem späten 12. Jh. ? Es gab seit dem 12./13. Jh. genug christliche Personen/Bewegungen, die sich im damals vielfach schon etablierten, zusehends wohlhabenden lateinischen Kirchenleben, in den saturierten Kirchenstrukturen der lateinischen Kirche im westlicheren Teil Europas geistlich nicht mehr ausreichend zuhause fühlten und versuchten, Reformimpulse und Reformgemeinschaften zu geben/stiften. Siehe beispielsweise Franziskus, der innerhalb der lateinischen Kirche eine Bewegung gründen konnte.

    Wer als Häretiker (im Mittelalter) verurteilt wurde, war von vielen Faktoren/Zufällen abhängig, Ort, Zeit, Machtverhältnisse und Beziehungen, Förderer mit Einfluss, Beschützer mit Einfluss, politische Verhältnisse und Beziehungen etc., und nicht primär nur von Inhalten.
     
  12. Armer Konrad

    Armer Konrad Aktives Mitglied

    Es gab zwar Verbindungen von waldensischen Gemeinden zu den Taboriten, die unmittelbaren Vorläufer des Hussiten aber waren die Lollarden. Hus hatte jedenfalls Wyclifs Reformthesen übernommen, seine Reformschrift "Von der Kirche" folgte fast wörtlich Wyclif. So gesehen waren nicht Hussiten die Vorläufer der "Protestanten" sondern die englischen Lollarden. Wie Hus hatte bereits Wyclif die Bibel/Predigten in der Landessprache propagiert, die weltliche Herrschaft der Kirche , das Abendmahl abgelehnt (resp. behauptet, es gäbe dort keine Substanzänderung). Hinzu kam später bei den Lollarden die Praxis der Laienpredigt. Hus erweiterte das Ganze durch die Ablehnung des Ablasshandels und der Reliquienverehrung, Ablehung des Zölibats - so gesehen alles "Programmpunkte" der Protestanten.
    Verbindungen von den Waldensern zu den Hussiten resp. den Taboriten ergaben sich durch Punkte wie Bibel in der Landessprache, Ablehnung des Heiligenkults und Laienpredigt. Aber Vorläufer des Hussiten waren sie nicht, auch wenn sich einige überlebende Gruppierungen der Waldenser im HRR den Hussiten anschlossen (genauer: Waldenser aus der Mark Brandenburg schlossen sich den Böhmischen Brüdern an), um der weiteren Vernichtung zu entgehen.
     
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  13. Armer Konrad

    Armer Konrad Aktives Mitglied

    Es waren ja wie Du bereits festgestellt hast, die Taboriten, welche zum Mindesten ansatzweise die Ständegesellschaft in Frage stellten. Der böhmische Adel gehörte - fast ausschliesslich - den konservativen Utraquisten / Kalixtiner an, welche keine sozialrevolutionären Forderungen stellten (es ging dort hauptsächlich um Abendmahl in beiderlei Gestalt, Freiheit der Predigt, Verzicht der Kirche auf ihre weltliche Macht und Säkularisation des kirchlichen Besitzes).
    Die Motivation des böhmischen Adels war hauptsächlich - so meine ich - in der Opposition gegenüber dem luxemburgischen Herrscherhaus begründet. Eine weitere Motivation (Spekulation) dürfte, wie auch bei einigen späteren protestantischen Adligen, in der Hoffnung bestanden haben, sich an kirlchlichem Besitz bereichern zu können.
    Bei den "sozialrevolutionären" Taboriten gab es wenige Kleinadlige, die Mehrheit bestand aus Bauern und Unterschicht.
     
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  14. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Wyclif, ja, da war doch mal was gewesen...vielen Dank.
    Böhmische/tschechische adelige Studenten in Oxford hatten Wyclifs Ansichten und Schriften nach Böhmen/Prag/Prager Uni vermittelt, in welchem eine 'nationalrevolutionäre' Spannungssituation gegenüber dem römischen Papsttum und der teils unbeliebten/zweifelhaften Herrschaft des auswärtigen Königs erwachsen war. Der autochthone böhmische (Hoch-)Adel tendierte daher teil- und zeitweise zu Hus.

    Sobald Wyclifs Wirken mit sozialrevolutionären Bewegungen in UK wie dem Bauernaufstand 1381 dort in Verbindung gebracht wurde/werden konnte, entfiel der Schutz durch den dortigen Adel.

    Die Aufstellung der lateinisch-römischen Kirche trifft es besser. Luther, Zwingli, Calvin oder Hus und Wyclif wandten sich gegen das Papsttum und damit gegen die (west-)europäische, lateinische, transnational-hierarchische Kirche, mit einem Papst und dem Kardinalskollegium als Spitze über allem, alles und jedem. Das Wirken Reformatoren/Vorreformatoren führte zu einer Lokalisierung, Regionalisierung oder 'Nationalisierung' von Kirchenverantwortung, Kirchenmacht und -hierarchien bzw. zum Versuch dazu.

    Und im Spätmittelalter finden wir bis 1417 auch die Gegenpäpste mit vor allem französischer Unterstützung.
     
  15. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Diese Gegenpäpste waren allerdings kein Gegenentwurf zur lateinisch-römischen Kirche, schon gar nicht im Sinne einer Nationalkirche. Auch sie wurden von Kardinälen gewählt und beanspruchten für sich, die rechtmäßigen Päpste über die gesamte Kirche zu sein.
     
  16. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Ja...war so auch nicht von mir gemeint gewesen.

    Man sieht im Spätmittelalter eine sich deutlicher abzeichnende, zeitweilige Abhängigkeit des römisch-lateinischen Papsttums von sich etablierenden Territorialfürsten/-herrschern wie den französischen Königen entstehen, womit der vorhergehende, ursprüngliche universalistische, neutrale und 'transnationale' Anspruch der römischen Kirche und des Papsttums, ihre relative Autonomie eine damals überdeutlich erfahrbare, ganz konkrete Einschränkung bzw. Begrenzung erlebte.
    Das Auftreten Wyclifs z.B. im späten 14. Jh. mit seiner Kritik u.a. am Papsttum, kann m.E. auch als Begleiterscheinung einer größeren englischen Unabhängigkeit in Folge einer sich entwickelnden, ausdifferenzierenden Gesellschaft auf Basis wachsender wirtschaftlicher und politisch-staatlicher, geistiger (Oxford) und militärischer Leistungsfähigkeit gesehen werden.
     
  17. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Wirklich "unabhängig" war das Papsttum auch davor oft nicht. Im 9. und der ersten Hälfte des 10. Jhdt. war es häufig Spielball von Adligen und Lokalfürsten in und um Rom, die die Päpste teilweise ganz unverblümt nach eigenem Gutdünken einsetzten. Dann geriet es in Abhängigkeit von den ostfränkischen/deutschen Königen. Das besserte sich erst ab Mitte des 11. Jhdts.
    Die neue "Qualität" des "Großen Schisma" war, dass die verschiedenen europäischen Monarchen und Staaten offen für einen der rivalisierenden Päpste Partei ergriffen. Gegenpäpste hatte es zwar auch früher immer wieder gegeben (häufig von den deutschen Königen im Konflikt mit unliebsamen Päpsten installiert), aber eine derart offene Spaltung der Loyalitäten quer durch ganz Europa war früher nicht üblich gewesen.
     
  18. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Noch bis zum 05.05.2021 gibt es auf arte ein 2teiliges Fernsehspiel über Jan Hus mit jeweils knapp 120 Minuten. Der 2. Teil dreht sich hauptsächlich um das Konstanzer Konzil. Zur Zeit des Konzils gab es drei miteinander konkurriende Päpste: Benedikt XIII. in Avignon, Gregor XII. in Rom und Johannes XXIII., der auf dem Konzil von Pisa 1409 zum Papst geweiht wurde - ursprünglich, um das Schisma zu beenden - und dann in Bologna residierte. Johannes XXIII. nahm als einziger Papst am Konzil von Konstanz teil. Dort scheiterte sein Versuch weitere Anhänger für sein Papsttum zu gewinnen, und er musste vom Papstamt zurücktreten. Er wurde daraufhin inhaftiert und verbrachte eine gewisse Haftzeit auf Schloss Gottlieben im Thurgau, wo auch Jan Hus zeitweise gefangen gehalten wurde. Das (dreiteilige) Schisma endete 1417 mit Martin V., der auf dem Konstanzer Konzil gewählt wurde und die Konkurrenzpäpste zu einem Rücktritt bewegen konnte.
     
  19. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Benedikt (XIII.) akzeptierte allerdings seine Absetzung nicht und residierte in Aragon weiter. Mit Clemens (VIII.) erhielt er sogar noch einen Nachfolger, dessen Einflussbereich aber ebenfalls auf Aragon beschränkt blieb und der sogar selbst noch einen Gegenpapst erhielt.
     
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  20. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Pedro de Luna. In der Burg von Peñíscola im Königreich Valencia (welches natürlich zum Königreich Aragón/Fürstentum von Barcelona gehörtte).
     

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