Waren Offiziere bessergestellt ?

Dieses Thema im Forum "Fragen & Antworten" wurde erstellt von Hosenbatz, 17. November 2018.

  1. Hosenbatz

    Hosenbatz Neues Mitglied

    Hallo Mitglieder und Gäste, mich interessiert, ob in der Kaiserlichen Marine die Offiziere das gleiche Essen wie die Mannschaften bekamen oder bessergestellt waren.
     
  2. Neddy

    Neddy Aktives Mitglied

    (Sehr viel) besser gestellt. Das war einer der Gründe für den Zusammenbruch des inneren Zusammenhalts an Bord der Großkampfschiffe der Hochseeflotte: Die einfachen Seeleute der in ihren Häfen zumeist untätig herumliegenden Großkampfschiffe mussten mit ansehen, wie ihre Offiziere in Saus und Braus leben, während sie selber am Hungertuch nagten.

    Dazu findet sich u. a. etwas im Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung des Deutschen Marinemuseums, wenn ich mich recht entsinne:
    "Die Flotte schläft im Hafen ein: Kriegsalltag 1914–1918 in Matrosen-Tagebüchern"


    An Bord der kleineren Einheiten - U-Boote, Minensucher, Torpedoboote etc. waren die Unterschiede zwischen den Kasten nicht soo gravierend. Ähnlich wie im Schützengraben teilten die Offiziere an Bord der im Einsatz aktiven Einheiten die entstehenden Härten sehr viel sichtbarer mit ihren Besatzungen.

    Selbst innerhalb des Offizierskorps wurden deutliche Unterschiede gemacht zwischen Seeoffizieren, Deckoffizieren und - Himmel hilf! - Marine-Ingenieuren.
    Siehe hierzu: Holger Herwig: Das Elitekorps des Kaisers. Die Marineoffiziere im Wilhelminischen Deutschland.
     
  3. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Der Erste Weltkrieg zur See

    Das Essen in den Offiziermessen war während des gesamten Krieges gut und reichlich. Selbst im katastrophalen "Steckrübenwinter" von 1916/17 konnte Kapitänleutnant Knobloch, inzwischen Artillerieoffizier des Kleinen Kreuzers "Danzig" in seinem Tagebuch festhalten: "Wir an Bord essen immer noch hervorragend. Wir haben Kartoffeln vollauf, Erbsen, Bohnen und anderes Gemüse, Fleisch, Butter, Brot." Besonders opulente Festtafeln gönnte man sich zu Anlässen wie Weihnachten ("Es gab Bouillon mit Mark, dazu eine feine Schwedenplatte mit Kaviarschnitten usw. Dann Karpfen mit Buttersauce und Meerrettich in erstaunlichen Mengen. Nachher selbstgebackene Torten, Weihnachtsgebäck, Nüsse usw. Erst Wein, dann Punsch") oder Ostern ("Cocktail in der Messe, danach prächtiges Mittagessen: Huhn mit Curry und Reis mit prächtiger Tunke, Kartoffeln, Kaffee mit Kuchen").
    Im Gegensatz dazu war die Verpflegung der Mannschaften ein Massenprodukt, oft minderwertig und nährstoffarm, zubereitet in Großküchen für tausend Mann gleichzeitig. Besonders berüchtigt war der sogenannte Drahtverhau, ein undefinierbares Gemisch aus vertrockneten Steckrüben, Winterkohl und einigen Fasern Büchsenfleisch. Weniger gravierend waren die Unterschiede in der Verpflegung bei den kleinen, aktiven Einheiten der Flotte: An Bord der U-Boote, Minensucher und Torpedoboote gab es nur eine Küche für alle; Offiziere und Mannschaften aßen dort das Gleiche.
    ...
    Wie die Verpflegung, so war offensichtlich auch der Alkoholkonsum der Offiziere von einer gewissen Maßlosigkeit gekennzeichnet.
     
  4. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die Situation wurde noch zusätzlich dadurch verschärft, dass die jungen Seeoffiziere zwar hervorragend ausgebildet waren, wenn sie an Bord der Schiffe kamen. Allerdings nur fachlich. Sie wurden nicht in "Mannschaftsführung" ausgebildet und das verschärfte zusätzlich die ohnehin vorhandenen Gegensätze, wie bei Neddy geschildert.

    Die Defizite bei der Versorgung der Mannschaften wurden durch den Chef der Hochseeflotte ab Juli 1917 anerkannt und es folgte die Einrichtung von "Menagekommissionen". Es waren von den Mannschaften gewählte Ausschüsse zur Kontrolle der Verpflegung eingerichtet.

    Folgt man Rosenberg dann sahen die Matrosen in diesen Ausschüssen eine Art von Mitbestimmungsrecht und sie interpretierten es als eine Möglichkeit, sich gegen offenkundiges Unrecht zu wehren.

    Die einzelnen Menagekommissionen knüpften ab Mitte 1917 Verbindungen zu anderen Schiffen und so kam ein Netz an Kontakten zwischen den Schiffen zustande. Dabei kam der Managekommisssion des Flottenflaggschiffs "Friedrich des Großen" eine besondere Bedeutung zu, da sie in die Rolle einer "Zentrale" hineinwuchs, die die unterschiedlichen Vorstellungen der Menagekommissionen der Schiffe koordinierte.

    Der Vorwurf einer von Außen gesteuerten Politisierung, wie beispielsweise bei Regulski (Lieber für die Ideale) als These vorgetragen, widersprechen beispielsweise Rosenberg (Pos. 3067), Deist und Huck (S. 78ff). Es gab Kontaktaufnahmen von Seiten der Matrosen zu den Berliner Parteien (Zentrum, SPD und USPD), allerdings verlief der Prozess von den Matrosen zu den Parteien und nicht anders herum.

    Zwei zusätzliche Anmerkungen:
    Bei den politischen Unruhen des Jahres 1918 waren es eher die Deckoffiziere, die gemeinsam mit den Mannschaften agierten und: Von den U-Booten kamen deutlich weniger Matrosen, die sich an den politischen Aktionen beteiligt hatten. Die Erklärung liegt wohl in den ähnlichen Lebensumständen auf diesen Boote.

    In diesem Sinne war der Widerstand der Matrosen nachvollziehbar und hätte durch eine weniger arrogante, der Realität entrückte Flottenführung spätestens 1917 nachhaltig verändert werden müssen.

    Deist, Wilhelm (2009): Militär, Staat und Gesellschaft. Studien zur preußisch-deutschen Militärgeschichte. München: Oldenbourg
    Huck, Stephan (2018): Marinestreiks und Matrosenaufstände. In: Sonja Kinzler und Doris Tillmann (Hg.): Die Stunde der Matrosen. Kiel und die deutsche Revolution 1918. Darmstadt: Theiss, S. 78–83.
    Rosenberg, Arthur (1977): Entstehung der Weimarer Republik. 17. unveränderte Aufl. Frankfurt am Main: Europäische Verlagsanstalt.
     

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