Waren Prinzenmorde/Brudermorde überlebenswichtig für das Osmanische Reich?

Dieses Thema im Forum "Das Osmanische Reich" wurde erstellt von Tenger, 11. Dezember 2019.

  1. Tenger

    Tenger Neues Mitglied

    Hallo. Mich würde mal interessieren ob die Brudermorde/Prinzenmorde überlebenswichtig für das Osmanische Reich waren. Ich habe den Eindruck, dass die Einführung des "kafes" neben den verlustreichen Kriegen und der Rückständigkeit eine wichtige Rolle im Untergang des Reiches gespielt hat. Prinzen bzw Anwärter die im kafes gelebt haben waren bekannterweise zu alt, von psychischen Problemen geplagt, unerfahren und desinteressiert was die Politik und die Führung anging. Könnte man also sagen, dass die Brudermorde/Prinzenmorde das Reich vor dem Untergang bewahrt haben bzw. zumindest teilweise davor bewahrt haben?

    Noch eine Frage nebenbei: Waren diese Mprde nicht riskant im Bezug darauf, dass der einzige überlebende Prinz an einer Krankheit hätte sterben oder ermordet werdrn können, sodass die Osmanische Dynastie die Herrschaft verliert?

    Lg Tenger
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das muss man trennen. Die Aufhebung der Brudermorde hätte ja nicht zwingend zur Gründung eines Prinzengefängnisses führen müssen. Was sicherlich nicht gut war, war, dass einige Prinzen Jahrzehnte in diesem Gefängnis ohne Hoffnung auf ein freies Leben und ohne Vorbereitung auf Herrschaft verbringen mussten. Dass die also z.T. einen Knacks hatten, ist nicht wirklich verwunderlich. Aber man muss ja nicht so tun, als wären das die einzigen beiden Alternativen gewesen.
     
  3. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Pauschal gesagt, nein. Das System der "Kafes" bot eine Möglichkeit, dynastische Konflikte zu regulieren und gleichzeitig war dieses System ein zentraler Aspekt der Intrigen am Hof des Sultan.

    In diesem Sinne schreibt İnalcık: "With the institution of the kafes, the Janissaries came to be the tools in the intrigues of the valide sultan and the harem agas - the chief black euruch of the Palace - and the grand viziers became the playthings of these two forces. From the seventeenth cuntury the seyhülislams and the ulema often made common cause with the Janissaries, gaining the power to overthrow viziers and sultans." (Pos. 1336) [bitte zu entschuldigen, dass meine Tastatur bestimmte Sonderzeichen nicht unterstützt]

    Ansonsten schildert er das System als "variabel", da jeder neuer Sultan normative Standards neu definierte und die Frage, wer oder wann ein Prinz ermordet werden soll, folgte keinerlei vorgegebenem Muster, sondern stand ausschließlich im Ermessen des Sultans.

    Wobei es sicherlich richtig ist, dass der psychische Druck auf die eingesperrten Prinzen hoch war und es zudem dysfuntkional war, sie von der realen Politik fernzuhalten. Dennoch ist auch zu betonen, dass die Formulierung der Politik im Osmanischen Reich in der FNZ bis zum Tazimat immer zufälligen Machtkonstellationen am Hof unterlag. Und die Funktionsfähigkeit des Imperiums nicht vom System des Kafes abhing.


    İnalcık, Halil (1973): The Ottoman empire. The classical age 1300 - 1600. New York: Praeger. bes. Kap 8: The Manner of Accession to the Throne
     
    Tenger und Shinigami gefällt das.
  4. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Wurde das überhaupt durchgehend angewandt? Ich habe zu der speziellen Thematik, wie ich zugeben muss keine vernünftige Literatur bei der Hand, habe allerdings im Rahmen einener Vorlesung, die die Beziehungen zwischen dem Osmanischen Reich, Habsburg und der Serenissima vom 14.-17. Jahrhundert behandelte allerdings die Bemerkung aufgeschnappt, dass es diese Praxis insgesamt zwar gegeben habe, sie aber nicht nur ohne genaue Spielregeln, sondern auch nur mit Unterbrechungen praktiziert worden sei.

    Wie Thane schon schrieb, gab es für diese Praxis, so sie denn überhaupt stringent durchgeführt wurde, keine festgelegten Regeln.

    Bedenken wir jetzt, dass das System vor allem Thronfolgestreitigkeiten vorbeugen sollte. Und im nächsten Schritt, zwischen welchen innerfamiliären Akteuren fanden klassischer Weise Machtkämpfe statt?

    In der Regel nicht zwischen zwei Brüdern, weil da die Abfolge einigermaßen zu regeln war und in der Regel ein jüngerer Bruder des Thronprätendenten keine eigene größere Hausmacht aufbauen konnte, als der Selbe.

    Klassischer Weise fanden Thronfolge-Streitigkeiten vor allem zwischen Onkel und Neffe, also dem Bruder des verstorbenen Herrschers und dessen Sohn statt.

    In dieser Konstellation konnten beide Prätendenten einen gewissen Anspruch für sich geltend machen. Der Sohn des verstorbenen Herrschers die direkte Abfolge, sein Bruder das Seniorat über das Geschlecht. Außerdem war es einem lange in gohebener Position befindlichen Onkels natürlich wesentlich leichter sich eine eigene Hausmacht zu schaffen, als einem jünderen, noch weniger etablierten Bruder des designierten Nachfolgers.

    Wenn wir insofern mal annehmen, dass es bei dieser Praxis nicht so sehr darum ging jüngere Brüder des kommenden Sultan auszuschalten, sondern potentielle Onkel von dessen Kindern, würde es sich in der Praxis natürlich angeboten haben, mit der Ermordung dieser Brüder (so man sie dann vornahm) so lange zu warten, bis der Nachwuchs erst einmal da und die Dynastie damit gesichert war.
     
  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    So logisch stringent deine Ausführungen auch sind: Die Primogenitur, wie sie in Europa üblich war, gab es nicht. Es mag zwar sein, dass es letztlich immer auf einen der älteren Brüder hinaus lief, aber das war keineswegs festgelegt. Jedenfalls lief das System vor Einführung des Kafe auf den Skupellosesten hinaus.
     
  6. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Ein paar zusätzliche Bemerkungen zu der Entwicklung der Thronfolge im Osmanischen Reich. Folgt man Quataert (S. 90 ff) dann orientierte sich das Osmanische Reich früh am „Lex Salica“, wie beispielsweise in Frankreich und legte die „männliche Erbfolge“ fest. Viele Dynastien wendeten als zweiten Axiom die Erbfolge im Rahmen des „Priogeniture“ die Nachfolge durch den erstgeborenen Sohn des Herrschers an. „The Ottoman dynasty departed sharply from the usual inheritance practice for almost of ist history.“ (Quataert, S. 90).

    Im Osmanischen Reich gehörte dynastische Kämpfe zur Regel. So tötete beispielsweise Süleymann 1553 bzw. 1561 seine beiden Söhne, da sie gegen seine Herrschaft rebelliert hatten. (İnalcık ,Pos. 1252)

    Ursprünglich wurden die Söhne der Sultans in die Provinzen geschickt, um administrative Erfahrung zu sammeln bzw. bis 1537 sammelten eine Reihe von Prinzen auch Erfahrungen als Feldherr. „In this system, all sons possessed a theoretical equal claim to the throne.“ (.Quataert, S.90).

    In diese Periode fällt auch die Anwendung des Prinzips des „Fratricides“, bei dem z.B. Sultan Mehmet der Eroberer (1451-1481) als erster dazu überging, alle seine Brüder zu töten. Das war im Rechtsverständnis des Osmanischen Reichs eine durchaus legale Handlung, da einem Individuem das Töten nicht zugestanden war, einem Sultan – der im Interesse des Imperium agierte – dieses Recht aber zugestanden wurde.

    Starb der Sultan folgte eine Periode der politischen Instabilität, da in einem Machtvakuum die Prinzen um die Nachfolge rivalisierten. „This was not a very pretty method; nonetheless it did promote the accession of experienced, well connected, and capable individuals to the throne, persons who had been able to win support from the power brokers of the system.“ (Quataert . S. 91)

    Diese Methode des „Survivall of the fittest“ im wahrsten Sinne des Ergebnis, wurde unter Selim II (1566-1574) beendet, der lediglich seinen ältesten Sohn (Murat III 1574-1595) auf einen Posten in einer Provinz entsandte. Murat III übernahm dieses Vorgehen und entsandte seinerseits lediglich seinen ältesten Sohn (Mehmet III, 1595-1603) als Gouverneur nach Manisa. (İnalcık, Pos. 1252)

    Diese Vorgehen basierte auf den oben geschilderten Erfahrungen, dass sich Prinzen gegen den Sultan gewendet haben, wie im Fall von Süleymann und so die Stabität des Reiches gefährdte haben. (İnalcık, Pos. 1251)

    Für mehr als ein Jahrhundert war das Vollziehen des Fratricides gängige Praxis. So wendete Sultan Mehmet III dieses Prinzip auf seine 19 Brüder an und ließ sie töten. Beendet wurde es im Jahr 1648 und lediglich im Jahr 1808 tötete Sultan Mahmut II seinen Bruder, während der andere verbleibende männliche Nachkomme sein Nachfolger – Mustafa IV, wurde

    Mit dem Aufgeben des Fratericides orientierte sich das Osmanische Reich am Prinzip des Primogeniture ungefähr ab dem Jahr 1617 und dauerte bis zum Ende des Osmanischen Reichs.

    Mit dieser Veränderung ging eine generelle Veränderung der Machtzentren am Hof einher. „The adoption of rule of the eldest and the cage [kafe] system, in turn coincided with the transition of power away from the palace to the vizier and pasha households.“ (Quataert, S. 92)

    Dabei darf man nicht vergessen, so Quataert: „The royal women played an indispensable role in maintaining and building alliances throughout the Ottoman elite structure and often were key players in the wielding of political power.“ (Quataert, S. 92)

    Gleichzeitig gab es eine abweichende Phase, die von Mehmed IV (1648-1687), Ahmed II (1691-5), Mustafa II (1695-1705) und bis Ahmed III (1703-1730)reichte, in der das Prinzip des Primogeniture durchbrochen wurde, zugunsten „Thus succesion by seniority replaced the customary passage of the sultans from father to son.“ (İnalcık, Pos. 1277)

    Insgesamt war das System des „Kafes“ - "gilded cage" - vor dem Hintergrund der geschilderten historischen Erfahrungen erklärbar und sollte der Stabilität des Reichs dienen und die Phase des Übergangs beschleunigen. Dennoch war es für die betroffenen Prinzen eine unmenschliche Qual.

    So sagte Süleyman II (Sultan von 1687-1691) als er aus dem Kafes geholt wurde: „If my death has been commanded, say so. Let me perform my prayers, then carry out your orders. Since my childhood, I have suffered fourty years of imprisonment. It is better to die at once than to die a little every day. What terror we endure for a single breath.“ He was taken with difficulty from the Kafes and placed on the throne.“ (İnalcık, Pos. 1261)

    İnalcık, Halil (1973): The Ottoman empire. The classical age 1300 - 1600. New York: Praeger.
    Quataert, Donald (2013): The Ottoman Empire, 1700-1922. Cambridge, UK, New York: Cambrige University Press
     
  7. Tenger

    Tenger Neues Mitglied

    Hallo. Vielen Dank für die sehr ausführlichen und interessanten Antworten.

    Wo hätte man die Prinzen sonst einsetzen oder loswerden wollen außer sie zu ermorden oder sie einzusperren? Mir fiele da nur noch das Exil ein. Aber da hätte die Gefahr bestehen können, dass sie sich mit Feinden verbünden (was schon mal zu Zeiten von Murat I. vorgekommem war wenn ich mich nicht täusche)

    Dass ist mir ehrlich gesagt neu. Ich habe immer gedacht, dass zwei Prinzen des einen Sultans sich um den Thron streiten. Oder reden wir jetzt von der Zeit als der "Kafes" eingeführt und die klassische Machtübernahme von Vater zu Sohn endete?

    War dieses Vorgehen nicht zu riskant? Was wäre denn wenn Fatih der Eroberer oder wie weiter von die erwähnt Mehmet der III. gestorben wäre? Wer wäre an den Thron gekommen? Oder hatten beide genug Söhne, die alt genug waren im Falle des Todes ihrer Väter den Thron hätten besteigen können?

    War nicht gerade dies ein Fehler Thronanwärter einzusperren statt diese richtig auszubilden aber dennoch gut unter Beobachtung zu halten um Thronkämpfe zu verhindern? Meiner Kenntnis nach haben Sultane die aus dem Kafes an den Thron kamen haben nicht viel erreicht und viele Fehlentscheidungen getroffen. Und wie von mir anfangs erwähnt waren diese an Poltik und dem Thron nicht wirklich interessiert und ließen teilweise ihre Paschas alles wichtige erledigen. Wäre es nicht wichtig gewesen dem ohnehin untergehenden Reich gut ausgebildete Sultane auf den Thron zu bringen statt alle Anwärter einzusperren und von allem administrativem, diplomatischem und militärischem fernzuhalten? So gut wie jeder Sultan der aus dem Kafes an den Thron kam, war aufgrund des Untergangs vor schwierigen Aufgaben gestellt und ohne die entsprechenden Fähigkeiten aufgeschmissen. Vorallem könnte ich mir vorstellen, dass sie sowohl intern sei es von Paschas, Veziren, der Mutter etc, sowie wie von die zitiert den ulemas und seyhülislams, als auch extern durch diverse Verbündete oder Rivalen leicht beeinflussbar waren. Wenn man Machtkämpfe oder Revolten fürchtete und die Prinzen deswegen einsperrte, wäre dann der Bruder-/Prinzenmord nicht eher die bessere Wahl gewesen (auch wenn es sich aus heutiger Sicht grausam anhört) um den einzigen Thronanwärter so gut es geht auszubilden, sodass dieser mit den Problem leichter/besser klarkommt als einer der frisch aus dem Kafes kommt und keine Erfahrung hat? Deswegen nochmal die Frage: Hat der kafes so gesehen nicht auch indirekt seinen Teil zum Untergang des Reiches beigetragen?

    Lg Tenger
     
  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Also für dich ist es offenbar unstrittig, dass es keine Alternative gegeben habe zu einsperren oder ermorden. Die Frage ist doch, ob man die übrigen Prinzen wirklich loswerden musste, wie du insinuierst.
     
  9. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Der Beitrag von meiner seite her galt jetzt nicht so sehr der Situation im Osmanischen Reich im Speziellen (vergleiche auch ELQs Einwand), sondern der Problematik von Nachfolgestreitigkeiten im Allgemeinen.

    In solchen sind etablierte und machtbewusste Onkel in der Regel für den designierten Thronfolger eine größere Bedrohung als jüngere Brüder, weil sie in weit größerem Maße handlungsfähig sind, insbesondere dann wenn der potentielle Thronfolger noch minderjähig/nicht selbst regierungsfähig war oder gegenüber den mit dem verstorbenen Herrscher verbandelten Funktionsträgern bekanntermaßen auf kriegsfuß stand.

    Nun ist ELQs Einwand, dass es die klassische Primogenitur wie in weiten Teilen Europas üblich, zu diesem Zeitpunkt im Osmanischen Reich nicht gab, zweifelsohne richtig.
    Dennoch gibt es klassischer Weise zwei legitimationsstiftende Kriterien, was die Herrschaftsansprüche innerhalb einer Dynastie angeht:

    - Die direkte Abstammung von einem vorherigen Herrscher
    - Das Seniorat über die Dynastie, durch das höhere Alter des Prätendenten

    Wie gesagt, ELQ hat sicherlich recht damit, dass es eine rechtlich verankerte Primogenitur nicht gab. Dennoch ist es sicherlich nicht allzu weit hergeholt anzunehmen, dass der ältere Bruder dem Jüngeren gegenüber in der Regel die stärkere Position inne hatte.
    Bei vorzeitigem Ableben oder Absetzung des vorhiergen Sultan, also einer Situation, die klassischer Weise am Anfang eines Thronfolgekonflikts stehen, waren aber mitunter beide in einer schwachen Position und gerade in einer solchen Situation kann ein Onkel wesentlich gefährlicher sein, als ein jüngerer Bruder.

    Das soll in sich nicht mehr darstellen, als eine allgemeine Überlegung.

    Es ist richtig, dass Prinzen untereinander um den Thron kämpften, wenn sich zwei oder mehr mächtig genug fühlten, Anspruch darauf erheben zu können. In diesem Fall, waren sie aber in der Regel nach den Maßstäben der Zeit erwachsen, somit handlungs- und regierungsfähig und möglicherweise selbst bereits Vater.
    Wenn ein Sultan verstarb oder abgesetzt wurde und nur (nach den Maßsstäben der Zeit) minderjährige, regierungsunfähige Kinder zurückließ, die einen eigenen Machtanspruch nicht von sich aus geltend machen und durchsetzen konnten, dann waren eher die Machtverhältnisse zwischen den verschiedenen Hofparteien, Möglicherweise auch der Mütter der potentiellen Regenten in spe entscheidend.
     
  10. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Das ist zunächst mal ein nicht weiter gestütztes Pauschalurteil. Da wäre zunächst zu hinterfragen, ob es sich bei im Kafes aufgewachsenen Sultanen generelle so verhielt und aufbauend, wenn ja, inwiefern sie sich da von ihren Pendants unterschieden.
    Um die Delegation diverser wichtiger Aufgaben, kam man bei einem Reich dieser Größe und mit den verkehrstechnischen Möglichkeiten der Zeit ohnehin nicht herum.

    Verzeihung, inwiefern war das Osmanische Reich im Mittelalter und der frühen Neuzeit, als diese Praxis eingeführt wurde, ein "ohnehin untergehendes Reich"?
    Es gibt keine Zwangsläufigkeit mit der dieses Reich uinbedingt untergehen hätte müssen, nicht einmal anno 1915/1916. Der Untergang für sich genommen ist ein Resultat der spezifischen Entwicklung des ersten Weltkriegs und wäre möglicherweise noch zu vermeiden gewesen, wäre man im Laufe dessen zwischen Entente und Zentralmächten zu einem Verständigungsfrieden gekommen.

    Die für den Zerfallsprozess der imperialen Peripherie im Besonderen auf dem Balkan ursächlichen Nationalbewegungen hätten andere Sultane wahrscheinlich ebenso wenig in den Griff bekommen, das schafften ja daneben sowohl die Habsburger, als auch die russischen Zaren ebenfalls nicht.


    Wie gesagt, der "Untergang" sei einmal dahingestellt.
    Nur, wenn du den axiomatisch annimmst, wirst du gleichsam annehmen müssen, dass die Sultane, die nicht aus dem Kafes kamen, ihn auch nicht aufhalten konnten. Von dem her, was hätte es in diesem Sinne für einen Unterschied gemacht?
    Die Problematiken vor denen das osmanischen Reich außenpolitisch stand, waren ja immer auch von den politischen Konjunkturen innerhalb Europas (einschließlich Russlands) und Persiens abhängig. Waren die Habsburger mal wieder mit den Franzosen oder den Preußen beschäftigt und die Russen mit inneren Wirren oder damit sich in die Machtspielchen der europäischen Mächte einzumischen, konnte der Sultan so unfähig sein, wie er wollte, dann hielten sich der äußere Druck in Grenzen.
    Hatten sowohl die Habsburger, als auch die Zaren in Europa gerade mal den Rücken frei und die Perser zu allem Überfluss auch noch, hatte der Sultan ein Problem, vollkommen egal, wie fähig er war.

    Das waren Herrscher derart großer Imperien aber ohnehin, im Besonderen, was die Entwicklungen an der Peripherie betraf, denn die Möglichkeit diese selbst in Augenschein zu nehmen, gaben die Sturkturen und die Verkehrsmittel nicht her, so, dass der Herrscher auf Berichte von dort angewiesen war und daher nur die subjektiven Ansichten seiner Vertreter vor Ort zu den betreffenden Themen haben konnte, als Grundlage für eigene Meinungsbildung.


    Das würde ich so nicht sehen.
    Zum einen Machtkämpfe ließen sich ohnehin nicht völlig ausshließen, im besonderen dann, wenn der vormalige Sulatan vorzeitig starb.
    Innerhalb des Kafes konnte ein Bruder aber kaum eine eigene Machtbasis aufbauen um einen tatsächlichen Kampf von sich aus aufnehmen zu können. Wen konnte er von da aus instrumentalisieren? Oder fragen wir mal anders, wer wären denn die relavanten Parteien gewesen, um einen Machtwechsel herbei zu führen?

    - Verschiendene Hofparteien
    - Geistliche Großwürdenträger
    - Die Janitscharen
    - Die Stadtbevölkerung von Istanbul

    Vom Kafes aus, musste die Mobilisierung der Unterstützung für eine eigene Machtübernahme schwierig, bis unmöglich sein.
    Anders verhielt es sich natürlich umgekehrt herum. Entsprechende Parteiungen am Hof konnten natürlich einen Prinzen aus dem Kafes als Galionsfigur zur Legitimierung eines eigenen Umsturzes instrumentalisieren.
    Das konnten sie aber genau so gut auch mit dem Sohn eines unliebsamen Sultans tun, wie etwa im Fall der Absetzung von Sultan Ibrahim anno 1648, für den man dann seinen minderjährigen Sohn Mehmet IV. auf den Thron setzte, während die faktischen Regierungsgeschäfte bis zur Volljährigkeit in andere Hände übergingen:

    İbrahim (Sultan) – Wikipedia

    Von dem her, war ein im Kafes lebender Prinz sicherlich keine größere Gefahr, als ein minderjähriger Sohn des Sultans. Von sich aus fehlte beiden die Möglichkeit Machtkämpfe anzuzetteln, als Galionsfigur in solche eingespannt werden, konnten beide.
     
  11. OldMan

    OldMan Neues Mitglied

    Nach allem, was ich bisher "erlesen" habe (ich bin da nur Hobbyist) stellt sich mir das Problem wie folgt dar:
    Kam es zum Kampf der überlebenden Prinzen mit- und gegeneinander, so standen dahinter immer Interessen- und Personengruppen (aus unterschiedlichsten Reichsteilen, aber auch am Hofe selbst), die sich eines der Prinzen bemächtigten. Ob der das erkannte oder nicht, war im Zusammenhang mit dem zu beachtenden Zeremoniell zweitrangig; für ihn und die Umgebung schien es immer so, als wäre er, der Prätendent, der zukünftige Großherr und die genannten Gruppen/Personen zogen in Unterwürfigkeit die Fäden.
    Kaum war es, nach allem, was ich weiß, wirklich umgedreht: Nämlich, dass der Prinz seine Gefolgschaft aufbaute und sich ihrer Ressourcen bemächtigte, um sie gegen den Gegenspieler oder die Gegenspieler einzusetzen. Tatsache scheint mir, dass der Prinz wohl für sich, aber vornehmlich, ob bewusst oder auch unbewusst, für die Interessen seiner Gruppierung Krieg führte. Dass sich dabei Ressourcen der Landesteile bzw. des Gesamtreiches verschlissen, Ressourcen, die man (die Gruppierung) sich doch eigentlich aneignen wollte, führte zu der allgemeinen Erkenntnis (wie sie auch zustande gekommen sein mag), dass es besser sei, die inneren kriegerischen Auseinandersetzungen über das Gesamtreich oder Teile dessen "wegzulassen" und die Angelegenheit der Thronfolge sozusagen diplomatisch unter Einbeziehung des Harems zu lösen. Das versprach allen beteiligten Seiten (Interessengruppen, Harem, Prinzen usw.) Vorteile: Vielen Prinzen so das Leben (im Luxus, wenn auch enervierend), dabei die Minimierung der Zahl von Palastrevolten (war natürlich nie auszuschließen), Macht- und Ressourcenverteilung an verschiedene Gruppen, die untereinander für ein "Gleichgewicht" des Macht- und Ressourcen-Gebrauchs (gelegentlich zwar auch kriegerisch, aber nicht so verheerend wie ein das Ganze überziehender Bürgerkrieg) sorgten.
    Aus dieser Sicht kam es dann eben irgendwann zu diesem Prinzenkäfig und der "Herrschaft des Harems", weil mit allen Damen, die nicht mit dem regierenden Großherrn zu tun hatten, gleichzeitig durch Verheiratung mit Oberhäuptern jener von mir so genannten Gruppierungen (z. B. Vesir-Familien, christliche Unter-Potentaten im Reich u.ä.) weitere "Politik gemacht" werden konnte.
    Ich sehe dabei den Zeitraum vom Ende der Herrschaft Solimans des Prächtigen bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts (etwa bis zur Vernichtung der Janitscharen als unruhigster Interessengruppe alter, sozusagen dynastischer Art).
    Vielleicht liege ich ja falsch oder renne offene Türen ein. Wie gesagt, ich bin nur Hobbyist.
     

Diese Seite empfehlen