Warum entstanden Naturwissenschaften im Westen?

Dieses Thema im Forum "Geschichte der Naturwissenschaften" wurde erstellt von PostmodernAtheist, 20. Dezember 2021.

  1. -muck-

    -muck- Aktives Mitglied

    So sah es Stephen Hawking, der sich im Laufe seines Lebens vom Agnostiker zum Atheisten wandelte, übrigens als Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften von vier Päpsten gefördert und hofiert. Ich persönlich sehe keinen Konflikt und halte alles Räsonieren darüber für müßig.

    Der Mensch hat eine Neigung zum Spirituellen, um sich das Rätsel seiner Existenz zu erklären; es ist also natürlich zu glauben. Eine Spiritualität, wohlgemerkt, die offenbar auch manchem Menschen erhalten bleibt, der genug Grips im Kopf hat, um das Universum als physikalische Tatsache zu erfassen.
    Roger Bacon, Giordano Bruno, Galileo Galilei, da wären wir schon bei dreien. Deren letzte beide Du kurzerhand auszuschließen beschlossen hast, worin dir nicht einmal in diesem Strang jeder zustimmt, geschweige denn, dass die Literatur hier einer Meinung wäre. Das sind beileibe nicht alle, auf den päpstlichen Index wurde mehrmals verwiesen.

    Drei weitere Namen für Deine Sammlung:

    Cecco d'Ascoli (1296–1327), italienischer Arzt, Astronom und Philosoph, wurde nach Kirchenrecht wegen einer Denkschrift über die Kirchenlehre zum Wirken von Dämonen, die er verwarf, zu einer Geld- und Bußstrafe verurteilt, und kam später wegen freidenkerischer Philosophie als Ketzer auf den Scheiterhaufen.

    Michael Servetus (1509–1553), spanischer Universalgelehrter und Arzt, wurde sowohl von der spanischen Inquisition als auch von den schweizerischen Calvinisten wegen pantheistisch gedeuteten Passagen eines seiner Lehrbücher als Häretiker verfolgt, und von Calvin zu Genf mitsamt seinen Büchern verbrannt.

    Lucilio Vanini (1585–1619), italienischer Philosoph und Theologe, vertrat in seinen theologischen Schriften die These einer Göttlichkeit der Natur, die von der Inquisition zuerst als pantheistisch, mit zunehmender Schärfe auch als atheistisch interpretiert wurde. Er wurde als Ketzer zum Tode verurteilt und verbrannt.

    Da Du noch nicht auf meine Frage geantwortet hast, warum es Dir bspw. so wichtig ist, dass Galilei seine Thesen, wie Du sagtest, nicht beweisen konnte, vermute ich, dass Du auch diese Namen nicht gelten lassen wirst, weil das Wirken dieser Männer nicht wissenschaftlich im modernen Sinne des Begriffes war.

    Dass aber Galilei kein Newton war, Newton kein Gauss, und selbst Gauss noch kein Hawking, was ihre Methodik anlangt, ist klar. Trotzdem galt jeder Träger der bisher genannten Namen seiner Zeit als seriöser Gelehrter. Wieso also willst Du hier partout nicht von Wissenschaft sprechen?

    Im Übrigen sagte gar keiner, und ich am wenigsten, die Kirche hätte mit Nachdruck die Wissenschaften verfolgt. Allzu viele Wissenschaftler sind es tatsächlich nicht, die in den Annalen der Inquisition auftauchen.

    Ich sagte lediglich, dass Verfolgung stattgefunden hat (insbesondere im 16. und 17. Jahrhundert), die selbstredend die Tatsachenerkenntnis durch die Wissenschaft bremste. Ganz abgesehen von den Strafen, die tatsächlich verhängt wurden; man muss nicht hundert Wissenschaftler verbrennen, um sie zum Schweigen zu bringen, es genügt, einen zu verbrennen, und die übrigen neunundneunzig in Angst leben zu lassen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. Januar 2022
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  2. Okay, ich sehe ja ein, dass die Kirche ein Klima der Angst geschaffen hat, das auch nach heutigen Maßstäben seriöse Leute abgeschreckt haben kann. Ich war mit dieser Art der Argumentation nur unvertraut.
     
  3. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Die lange Liste, die -muck- anführt, ist sicherlich von Wert, es fehlt aber die entscheidende Einsicht, was nun die moderne Naturwissenschaft vor allen anderen Wissenschaftsformen der Geschichte auszeichnet, was also das radikal Neue und Fruchtbare daran ist. (Manche mögen es das Furchtbare nennen, bitte schön...)

    Es ist nichts anderes als die Quantifizierung der Empirie, sprich: der Einzug der Mathematik in die Erforschung der Natur. Man wird mir entgegenhalten, schon die alten Babylonier hätten Planetenkonjunktionen und Sonnenfinsternisse mathematisch vorausgesagt, doch das waren partikuläre Beobachtungen und Berechnungen, selbst die komplizierten Epizyklen des Ptolemäus samt ihren Hypo- und Hyperzykloiden. Vor allem: es waren Berechnungen im superlunaren Kosmos, der als ewig gleich (in Kreisen) verstanden wurde - im Gegensatz zur chaotisch bewegten Erde (sublunare Sphäre).

    Die Antike hatte eine mathematische Beschreibung der Natur deshalb abgelehnt, weil Natur kontingent, d.h. zufällig sei und damit einer mathematischen Gesetzmäßigkeit unzugänglich (*), allein der Kosmos biete eine stabile Sphäre mit immer gleichen Gesetzmäßigkeiten an. Der Erz-Theoretiker einer solchen Sicht war Aristoteles, und gegen diesen hat Galilei mit allen Mitteln gekämpft (und gewonnen).

    Seine erste Überlegung: die Materie als die Grundlage (Mater) der Natur ist einheitlich, stabil und daher einer Berechnung zugänglich. Schon Kepler sah das: Ubi materia, ibi geometria. Nun wird also Empirie in Form von Gesetzmäßigkeiten mathematisch dargestellt, und damit - zum 1. Mal in der Geschichte der Wissenschaft, denke ich - im Gesetz des freien Falls ein quantitatives Gesetz vorgestellt. Dazu war eine bis dahin nicht gekannte Genauigkeit der Beobachtung vonnöten, und die hat Galilei in mühsamer Kleinarbeit geleistet.

    Indem die Mathematik ins Empirische eindringt und empirische Gesetze formuliert (und zwar auf der Erde), wird das Empirische in den Rang des Intelligiblen erhoben und erhält damit Gewissheit und Notwendigkeit. Galilei zertrümmert so die Aristotelische Weltsicht und schafft die moderne Naturwissenschaft:
    1. er macht den Substanzbegriff überflüssig, indem er auf die Materie zurückgeht
    2. er beseitigt die Aristotelische Trennung in eine sublunare und kosmische Sphäre und macht damit Newtons Bewegungsgesetze möglich: alle Bewegung hier auf Erden und dort im Himmel sind identisch. Diese Überlegung ist vollkommen neu.
    3. er postuliert den Primat der Bewegung gegenüber dem Primat der Ruhe
    4. er widerlegt den Geozentrismus
    5. er postuliert die Unendlichkeit des Kosmos (wobei dies immer noch diskutiert wird)
    Damit zieht er den Hass sämtlicher "Geisteswissenschaftler", insbesondere der Heideggerschen Spielart, auf sich, bis heute. Viel Feind, viel Ehr.

    In einer Vorlesung machte W. Heisenberg auf diese Neuartigkeit aufmerksam:
    Es gilt also die Ausgangsfrage zu präzisieren: die Geburt der modernen Naturwissenschaft fand in Italien statt. Sie wurde wie in einem Brennglas von Galilei durchgeführt, der nicht nur großen Mut, sondern eine bis dahin ungekannte Beobachtungsgabe mit sich brachte.

    (*) Lediglich Platon hatte im Timaios eine höchst spekulative geometrische Theorie der Materie vorgelegt und sich damit den Atomisten angenähert. Die wurde im Mittelalter viel gelesen, aber nie weitergeführt.
     
  4. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    @Eumolp exzellenter Beitrag! Danke!

    Jetzt ist der Geburtsort lokalisiert, der Vater (Galilei) ermittelt. Die kaum sinnvoll beantwortbare Frage, warum im Westen (in Italien) könnte man mit Galileis Biographie abtun (der lebte und wirkte nun mal nicht in Beeijing oder Damaskus) oder ungefähr mit dem Verweis, dass die südeuropäische Renaissance mit ihrer Stadtkultur (Florenz, Venedig, Pisa) und ihren Universitäten trotz Kirche ein günstiges Umfeld für Mathematik, Astronomie, Philosophie etc bot.
    Von der Geburt (oder Initialzündung) bis zur Pubertät, gar bis zum mündigen erwachsen sein, ist es ein weiter Weg. Mit Galilei war nicht plötzlich "die moderne Naturwissenschaft" quasi auf dem Markt und produzierte Forschungen, Disziplinen - aber der Anfang war gemacht. Man könnte geistesgeschichtlich sagen, dass ab hier der grundlegende Materialismus von seinen traditionellen philosophischen Fesseln abgenabelt war (Friedrich Lange, Geschichte des Materialismus, 19.Jh.) - das beflügelte sozusagen das forschen mittels Experiment und Mathematik auf vielen "materiellen" Gebieten, sodass Chemie, Physik, Astronomie in Folge loslegen konnten. Man könnte auch sagen, dass das Zeitalter der Entdeckungen nicht nur die Geografie umfasst oder betrifft!
    Die Entdeckungen wurden kartografiert, im übertragenen Sinn auch in der nun beginnenden Naturwissenschaft.
    Im weiteren Gefolge dürften die praktischen Ingenieurs"wissenschaften" etlicher Bereiche (Bau, Statik, Mechanik, Polyorketik usw) hinzukommen, die peu a peu dann auch ihr wissenschaftliches Gewand erhielten.
    Cum grano salis im 18. Jh. ist die "moderne Naturwissenschaft" dann etabliert und entwickelte und erweiterte sich, und wenn im 18. noch nicht so ganz und gar, dann spätestens im 19. Jh. - Hand in Hand mit der Industrialisierung.

    ...warum die Renaissance in Südeuropa so "fortschrittsfreudig" war? Es genügt, dass sie es war - wir zehren heute noch davon.
     
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  5. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Sicher ist die Konzentration auf Galilei einseitig, wie alles, was unscharfe Grenzen aufweist. Die großen Vorarbeiter waren Kopernikus und Kepler, die hatten schon, wenn auch "nur" am Himmel, an der alten Sichtweise gesägt, nicht umsonst spricht man von der "kopernikanischen Revolution". Und was die exakte Beobachtung betrifft, wird man Tycho Brahe an 1. Stelle nennen. Aber Galilei hat eben all diese Einflüsse zusammengebracht und zu einem neuen Paradigma geformt (vgl. Thomas Kuhn, The Structure of Scientific Revolutions).

    Warum aber gerade Italien? Hierzu ein paar unsystematische und unvollständige Faktoren:

    - Die italienischen Vorläufer bzw. Zeitgenossen. Es gab ja eine ganze Reihe italienischer Gelehrter wie Bruno, Cardano, Poponazzi, Valla, Vives, Nizolius, Telesio, Campanella etc (die meisten davon Philosophen), dazu vor allem auch Leonardo, der mit Galilei einen ausgedehnten Briefwechsel unterhielt und ganz ähnlich dachte. All diese Leute formten den Humus für neue Gedanken.

    - Italien war das damals reichste Land in Europa, was neben dem Reichtum der Stadtstaaten auch mit den Päpsten zu tun hatte, die als Mäzene tätig waren

    - die Eroberung von Konstantinopel 1453 hat eine ganze Armada byzantinischer Gelehrter nach Venedig gespült, die brachten eine Menge Bücher mit,

    - was u.a. zur Entstehung der Renaissance führte und z.B. zu einer "Akademie" um Marsilio Ficino und Pico della Mirandola (unklar ist, ob diese "Akademie" eine feste Institution war oder bloß ein lockerer Verein). Man las plötzlich Platon, der zuvor nicht so zugänglich war, und stand dadurch in Gegnerschaft zu Aristoteles und damit der Scholastik.

    Ob das aber die Frage: "warum Italien" beantwortet?

    BTW:
    Es geht mir übrigens keinesfalls um Aristoteles-Bashing. Der war einer der größten Forscher überhaupt, hat unzählige Wissenschaften ins Leben gerufen (etwa die Physik, die Biologie, die Politikwissenschaft, die Logik u.v.m.). Wenn man damals im Kampf gegen Aristoteles stand, dann nicht gegen diese Leistung, sondern gegen das kopflose Wiederkäuen einer traditionellen Lehre, deren Fehler immer deutlicher zutage traten, m.a.W.: es war ein Kampf gegen die Scholastik.
     
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  6. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Ich habe mir das Buch jetzt auch mal ausgeliehen. So wie es Freely schreibt, ist es natürlich irreführend. Man könnte meinen, Kernpunkte der Auseinandersetzungen wären Thesen über den Mittelpunkt des Universums, die Bewegung der Erde und die Existenz weiterer bewohnter Himmelskörper gewesen. Tatsächlich erwähnt Wentz, wie ich oben geschrieben habe, derlei lediglich in einem einzigen beiläufigen Satz, und auf diesen geht Cusanus in seiner Apologia doctae ignorantiae mit keiner Silbe ein.

    Hier gibt es den Text der Apologia mit deutscher Übersetzung:

    werke

    Ob bei Wentz (der bei Freely namentlich gar nicht erwähnt wird, hier ist nur von "politischen Gegnern" im Plural die Rede, welche sollten das sonst noch sein?) eine politische Motivation dahinterstand, wird sich wohl nicht mehr klären lassen. Cusanus ist sichtlich bemüht, ihm eine solche zu unterstellen: "ut viderem hominem ex passione locutum" (5.8f), um den Gegner in ein schiefes Licht zu rücken. Aber das gehört natürlich zur Gegenpolemik und ist nicht unbedingt für bare Münze zu nehmen.


    Damit habe ich mich zwar nicht näher beschäftigt, aber ich finde bislang kein belastbares Indiz für die Vermutung, dass Roger Bacon jemals aufgrund wissenschaftlicher Überlegungen im "Knast" saß.
    Roger Bacon - Wikipedia
     
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  7. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Die Frage "warum im Westen", erscheint mir da ein kleines Bisschen zu schnell geschossen. Der Beitrag von @Eumolp bietet, wie ich das sehe, eine Definition der Trennung der beginnenden wissenschaftlichen Traditionen ab der Rennaissance, abgrenzend gegenüber den philosophischen Traditionen der Antike, für Europa.
    Damit ist aber zunächst mal nur der Weg in diese Richtung für den Westen beschrieben, während andere Weltregionen da weitgehend unbeachtet bleiben.
    Den genannten Ausführungen folgend, könnte man nun posutlieren, dass es in Europa eine autonome Entwicklung weg von philosophischen Traditionen der Antike hin zu moderneren wissenschaftlichen Methoden gibt, die in irgendeiner Weise greifbar ist.

    Ich sehe nach wie vor, ohne eine entsprechende vergleichende Betrachtung überhaupt angestellt zu haben, keinen Grund dafür a priori als Prämisse vorauszusetzen, dass die autonomen Entwicklungen im Westen in dieser Hinsicht einzigartig gewesen sein sollen.
     
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  8. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Richtig, man möchte ungern den Geozentrismus für den Eurozentrismus eintauschen ^^. Die Ausgangsfrage des Threads müsste man daher ändern:

    Wo entstanden die modernen Wissenschaften? a) In einer Weltregion ausschließlich oder b) mehrfach unabhängig voneinander oder c) in einem Verbund?

    Dass die moderne (Natur-)wissenschaft im Westen entstand, ist wohl unstrittig, aber ob sie auch gleichzeitig woanders entstand - das weiß ich nicht. Ich nehme mal an, dass man hierbei vor allem den islamischen und den asiatischen Kulturraum als "Mitbewerber" untersuchen müsste. Wobei es insbesondere beim Islam starke Verbindungen zum europäischen Raum gibt:
    1. die Grundlage der arabischen Wissenschaft entstand durch die Bekanntschaft mit den Griechen (insbesondere durch die Eroberung von Alexandria)
    2. vieles aus dem arabischen Raum ist nach Europa herübergeschwappt (insbesondere über das Bindeglied Spanien), seien es im Mittelalter medizinische und philosophische Schriften (Avicenna, Averroes) oder Mathematik und Astronomonie. Hier spielt dann auch noch Indien eine Rolle.
    3. Welche Entwicklung der asiatische Raum in Sachen "Wissenschaft" hatte, ist mir nicht bekannt. Ich kenne die Erfindung des Papiers und des Schwarzpulvers, aber da endet schon mein Wissen.

    Ich wage trotzdem folgende Vermutung:
    Wenn es stimmt, dass die moderne Wissenschaft durch empirische Gesetzmäßigkeiten in mathematischer Form geprägt ist, dann kenne ich keine Gegend der Welt (weder asiatisch noch arabisch / osmanisch), die eine solche Form von Wissenschaft entwickelt hätte.
     
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  9. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Das müsste man ausarbeiten, da wäre dann erstmal zu klären, was unter "empirischen Gesetzmäßigkeiten in mathematischer Form" denn zu verstehen sei.
    Als empirisch oder empiriebasiert wird man vermutlich alle Disziplinen der modernen Wissenschaften irgendwo bezeichnen können.
    Mit der mathematischen Form wird es aber spätestens dann schwierig, wenn man sich über Geistes- und Sprachwissenschaften unterhält.
     

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