Warum kein Frieden 1917?

Dieses Thema im Forum "Der Erste Weltkrieg" wurde erstellt von hatl, 19. Mai 2022.

  1. hatl

    hatl Premiummitglied

    Ergänzend ist auch zu berücksichtigen, dass solche Noten stets auch auf eine innenpolitische Wirkung zielten, denn diese wurden ja unverzüglich auch an die Presse weitergeleitet.
    Nur ein Beispiel: die Note vom 31. Januar. DFG-Viewer: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung
     
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  2. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Das hast du doch selbst zitiert.
    Eine solche Naivität und Blauäugigkeit, dass man einen eigenen Erpressungsversuch gegenüber einer neutralen Macht nicht wahrnimmt, sondern als Friedensofferte verkaufen will, kann ich keinem Politiker abnehmen.
     
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  3. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Sehe ich ähnlich. Bethmann war schließlich kein außenpolitischer Dilletant, sondern Kanzler mit Jahrelanger Regierungserfahrung, der die politischen Befindlichkeiten in den USA, wie seine Bedenken gegen den unbeschränkten U-Boot-Krieg zeigen, sehr wohl auf dem Schirm hatte.
    Wenn er diese Befindlichkeiten aber auf dem Schirm hatte und sich darüber im Klaren war, dass man an der Schwelle zum Kriegszustand sich befand, dann wäre es geboten gewesen jede auch eventuelle Missverständlichkeit zu vermeiden.
    Und das musste einem Bethmann klar sein.
     
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  4. hatl

    hatl Premiummitglied

    Das berührt m.E. zwei wichtige Punkte.
    Ich beginne mit dem letzten. Ich sehe das auch so. Es gab keinen Zeitpunkt während seiner Kanzlerschaft in dem ihm das möglich gewesen wäre.
    Und er selbst war durchaus durchgehend ein Annexionist, auch wenn sich seine Forderungen im Verlauf des Krieges stark relativierten. Im gleichen Zeitraum wuchs aber der Einfluss der radikaleren Annexionisten, insbesondere verkörpert durch die 3. OHL.
    (Wie weit dieser schließlich reichen würde zeigt sich schließlich beim Umgang mit dem Untergang des zaristischen Russland. https://geschichtsforum.de/thema/fr...aussichtsloses-unterfangen.57684/#post-821403 )


    Zum ersten Punkt:
    Das DR war beherrschend im Bündnis, das ist der Hegemon.
    Die alliierte Entente aber hatte drei Machtzentren: Frankreich, UK und Russland (später ersetzt durch die USA).
    Friedensinitiativen und Friedensfühler, soweit ich das überblicke, kamen entweder von neutralen Staaten (Vatikan, Schweden, USA) oder von den Mittelmächten (DR oder Ö-U).
    Die Friedensfühler der letzteren hatten stets auch Absicht und Potential das kompliziertere dreipolige Konstrukt der Entente zu sprengen.

    „Negative Absichten“ sind im Krieg leider die vorherrschenden.
    Folgt man Stevenson Kapitel 5, so lehnten die Alliierten Friedensinitiativen schon deshalb ab, weil es ihren eigenen imperialistischen Abmachungen über die Aufteilung des OR und der Kolonien widersprechen mussten.
    Die wollten, wie die Mittelmächte auch, keinen Frieden ohne Gewinn. Alles andere würde sie hinwegfegen. Die USA wird eintreten, und Russland abtreten (und vom DR zunächst in bekannter Weise verstümmelt werden).

    Aber ja, die Entente wollte sich nicht auf Friedensverhandlungen einlassen. Sie sah sich als überlegen und verfolgte in Absprachen ihre imperialistischen Ziele der Eroberung.
    (Diese unterstellte sie, durchaus begründet, auch der Gegenseite.)

    Es ist so schwer ein Haus zu bauen, und so leicht es niederzubrennen.
    Und Bethmann gehört leider zu der Feuerwehr die immer zu spät kommt.
    Das macht aus ihm noch keinen schlechten Kerl.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. Juni 2022 um 00:00 Uhr
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