Warum keine Operation?

Dieses Thema im Forum "Die Weimarer Republik" wurde erstellt von Griffel, 22. Januar 2021.

  1. Griffel

    Griffel Mitglied

    :confused: Hier habe ich nochmal ein Thema, das man denke ich, schnell abhandeln kann. Hoffe ich zumindest.
    Um es kurz zu machen. Es geht um den Herrn Friedrich Ebert. Genauer gesagt, um die unerfreulichen Umstände, seines Ablebens!

    Es dürfte ja allgemein bekannt sein, dass dieser bedauernswerte Mann, an einer verschleppten bzw. unerlassenen Blinddarmoperation gestorben ist. Anstatt sich zum Arzt zu begeben, hat sich der Mann in mehreren Gerichtssälen herumgedrückt weil, er sich gegen Beleidigungen und Verleumdungen gewehrt hat bzw. wehren musste. Nun frage ich mich allerdings eines:

    Friedrich Ebert, muss doch gemerkt haben, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Eine Blinddarmentzündung, geht doch mit bestimmten Beschwerden einher? Kommt also nicht aus heiterem Himmel? Warum also, hat sich Friedrich Ebert nicht rechtzeitig in ärztliche Behandlung begeben?:eek:
    Mag sein, dass ich mich irre, falls das so ist berichtigt mich, aber eine Blinddarmentfernung, musste zur damaligen Zeit doch bereits möglich gewesen sein.

    Natürlich, kann ich mir vorstellen, dass sich Herr Ebert über die Anfeindungen geärgert hat. Keine Frage. Aber jeder halbwegs normale Mensch, zieht doch seine Gesundheit, einem Prozess vor? Oder war es damals noch nicht möglich sich nur von seinem Anwalt vertreten zu lassen?
     
  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

  3. Griffel

    Griffel Mitglied

    Tja scheiße gelaufen! Das nennen die Ärzte dann woh einen untypischen Verlauf. Oder so ähnlich!:oops:
    Hoffentlich, musste der arme Mann nicht all zu sehr leiden. Wäre er länger am Leben geblieben, wäre vielleicht vieles anders gekommen.

    Danke!
     
  4. Aus diversen Memoiren von Politikern aus der Zeit habe ich herausgelesen, dass Ebert wohl zunächst die Prozesse durchstehen wollte und sich erst danach medizinisch behandeln wollte. Möglicherweise wollte er ein Signal der Stärke zeigen oder seine Abwesenheit nicht als "Feigheit" gewertet haben. Spekulation. In jedem Fall war es aber eine bewusste Entscheidung Eberts. Die Prozesse waren für ihn von höherer Priorität.
     
  5. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Ich kann dir vom Fall eines näheren Verwandten von mir her sagen, dass es auch heute, mit den heutigen technischen Möglichkeiten, durchaus noch passieren kann, dass erst einige Zeit lang nicht erkannt wird, dass es tatsächlich der Bilddarm ist, der die Probleme verursacht, trotz mehrfacher Röntgenaufnahmen, die das aber wohl nicht deutlich zeigten.
    Wurde in dem Fall erst in einem Zustand erkannt, als der Bilddarm dann wirklich kurz davor war sich zu verabschieden. Als man dass dann erkannte, ging es glimpflich ab.

    Wenn man das heute noch in Teilen fehldiagnostizieren kann, kann es gut sein, dass sowas auch damals passiert ist oder man einfach, zumal mit den technischen Möglichkeiten, die zur Verfügung standen, dass Stadium der Entwicklung falsch eingeschätzt hat.
    Absolut denkbar.
     
  6. Griffel

    Griffel Mitglied

    Auf jedenfall, kann einem der arme Mensch nur leid tun!:mad: Er hat ja die Rolle des Kanzlers, alles andere als freiwillig übernommen! Und hatte dann eine Menge Ärger an den Hacken! Von den zum größten Teil, ungerechtfertigten Beschuldigung ganz zu schweigen.

    Ich weis, dass Herr Erbert, nicht nur Freunde hatte, um es einmal zurückhaltend zu formulieren. Aber es ist ihm doch gelungen, sich bei einer relativ breiten Maße, der Leute zumindest Respekt zu erarbeiten, was unter den damaligen Bedingungen schon eine Leistung war.

    Auf alle Fälle, ist es sehr schade um Ihn! Auch wenn, er es vielleicht nicht geschafft hätte, alle Deutschen für die Republik zu begeistern, so hätte er doch mithelfen können, sie weiter zu stabilisieren. Und das hätte ausgereicht um zumindest die schlimmsten Aufgaben und Bedingungen zu bewältigen.

    Auf seine Weise, hat das ja auch der alte Hindenburg versucht!:oops::rolleyes: Allerdings, war der nicht konsquent genug. Wenn, der irgendwann den Arsch in der Hose gehabt hätte und den Notstand ausgerufen hätte, dann wäre der Welt Hitler und alles was danach kam, erspart geblieben. Man weis ja, dass er nicht gerade viel übrig hatte, für den böhmischen Gefreiten, dass er ihn schlussendlich doch noch zum Kanzler gemacht hat, war ein sehr schwerer strategischer Fehler!

    Das der gute Hindenburg, von sich ein überzeichnetes Bild geschaffen hat, im positiven Sinn. Das hat er wohl mit allen Politikern gemeinsam. Er wurde ja nicht nur von seinen "Leuten" gewählt. Sondern auch von anderen.
    Hätte er 1932 eine Expertenregierung eingesetzt und diese beschützt, hätte man die Republik vielleicht retten können.
    Immerhin, hat er zuerst ein Marsch und Auftrittsverbot für die SA angeordnet, dann aber wieder zurückgenommen.
     
  7. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Friedrich Ebert war Reichspräsident, nicht Kanzler.

    Die Präsidialkabinette unter Hindenburg waren nicht durch das Parlament legitimiert. Hindenburg könnte sie auch als "Expertenregierung" angesehen haben. Inwiefern solche Kabinette die Republik hätten retten können, ist mir schleierhaft. Man kann sie auch als Wegbereiter zur Diktatur ansehen. In deinem Kommentar scheint so einiges durcheinander zu gehen - und damit meine ich nicht nur deine "Hindenburgbewunderung".
     
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  8. Griffel

    Griffel Mitglied

    Also bleiben wir präzise! Wie wir uns erinnern, wurde der arme Herr Ebert zur Zeiten der Revolution, quasi über Nacht zum Kanzler. Da die Alliierten, ja einen Max von Baden ja abgelehnt haben. Somit, begann für den armen Herrn Ebert, der Ärger ja schon vor der Gründung der Republik! Was ihm ja später, also nach der Gründung der Republik, angelastet bzw. angehängt wurde! Deswegen ja auch die vielen Prozesse.

    Das er später der erste Präsident der Republik wurde, dürfte ja auch an seiner Person gelegen haben! Und ich meine das durchaus positiv.;) Wenn, man die Umstände bedenkt, ist schon mehr als mutig, sich so einen Posten aufzuhalsen. Das war damals ein echter Scheißjob. Obwohl Ebert, ja nun wirklich keine Schuld an den Umständen getroffen hat.

    Und was den alten Hindenburg angeht! Man ja denken was man will! Aber der Mann, hat sich einfach gut verkauft!:rolleyes: Natürlich, war es sein Fehler, dass er Hitler nicht am langen Arm hat verhungern lassen. Ich meinte damit nur, dass er, hätte er parteilose Experten eingesetzt, vielleicht etwas zum Besseren hätte wenden können. Denn seien wir mal ehrlich, zu dem damaligen Zeitpunkt, hatten die meisten Deutschen die Schnauze voll, von jeder Art von Partei, mit Ausnhame der NSDAP oder der Kommunisten. Also wenn, man eine Beschreibung für eine total polarisierte Gesellschaft braucht, dann die der damaligen Republik. Ein Reichstag, bis zu 24 Parteien, war schlicht nicht mehr arbeitsfähig. So schade das auch war. Und einen ERSATZ in Form eines funktionierenden Bundesrates, hatten wir damals noch nicht. Der Reichsrat, war ja er eine Schauveranstaltung, ohne echte Wirkmöglichkeiten.
     
  9. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Wenn man hier etwa Pytas Hindenburg-Biographie folgen will, weiß man das in dieser Absolutheit übrigens überhaupt nicht so genau.
    Hindenburg hatte ja bereits vor der Ernennung durchaus in Erwägung gezogen Hitler zum Kanzler zu machen, war nur nicht bereit ihm die gewünschten Vollmachten auszustellen, woran sich die Sache zerschlagen hatte.
     
  10. hatl

    hatl Premiummitglied

    Ich versuche mal den Tod Eberts in einen Zusammenhang zu stellen.

    Er verstirbt am 28. Februar 1925, vier Monate vor dem Ende seiner Amtszeit, an den Folgen einer Blinddarmentzündung mit Durchbruch.
    Zu dieser Zeit tödlich und wird es noch lange bleiben. Die Diagnose einer solchen Entzündung bleibt, so wie ich es verstehe, auch heute noch schwierig, und war es wohl vor knapp Hundert Jahren um so mehr, während eine Operation ebenso sicherlich erheblich riskanter war.

    Von Anfang seiner Präsidentschaft an, steht er im Fokus von Beleidigungen und Hetzkampagnen des republikfeindlichen Teils der Presse. (und er muss natürlich ohnehin um sich selbst fürchten, wie vorangegangene politische Morde und Putschversuche nahelegen.)

    „Mehr 200 Prozesse“ führt er als Staatsoberhaupt gegen Verunglimpfungen die weniger auf ihn als auf die Republik zielen.
    https://www.sueddeutsche.de/politik/ebert-weimar-1.4568076

    Gegen bösartige Schmähungen, dergleichen die Verfasser gegen das Oberhaupt des Kaiserreichs niemals gewagt hätten.
    Am 23. Dezember 1924 wird im Magdeburger Prozess ein Urteil gesprochen.
    Diesen hatte Ebert gegen einen Journalisten namens Rothardt der „Mitteldeutschen Presse“ angestrengt, der, neben anderen Beleidigungen, Ebert als Landesverräter bezeichnet hatte.
    Zwar wird der „völkische Journalist“ Rothardt wegen der Beleidigungen zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, doch der Hauptvorwurf, Ebert sei ein Landesverräter, wird sensationell vom Magdeburger Amtsgericht bestätigt.
    Winkler nennt das „den Rufmord der Magdeburger Richter“. (diese Art der "Rechtsprechung" ist durchaus nicht ungewöhnlich in dieser Zeit)
    (Winkler – Weimar 1918-1933 S.276)

    Die fatale Dolchstoßlegende wird damit dem Ebert aufs Haupt gesetzt, und er muss, ob er will oder nicht, wieder einmal um die Republik und um seine Stellung kämpfen.
    Und „es gibt kaum einen Zweifel, daß die Gesundheit Eberts auch durch seelische Kränkungen geschwächt worden war, die sich in den Monaten zuvor gehäuft hatten. Die schlimmste war der Vorwurf des Landesverrats..“ (Winkler)

    Mit dem Tode Eberts muss eine vorgezogene Präsidentschaftswahl durchgeführt werden.
    Dass dann ausgerechnet der wirkmächtigste Urheber der Dolchstoßlegende sein Nachfolger wird, dieser Mensch, dessen Hand, acht Jahre später den wirklichen Dolchstoß ausführen wird, ist wahrhaft tragisch.
     
  11. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Präzise war Ebert durchaus nicht Reichskanzler, auch zu Revolutionszeiten nicht. Dazu hätte ihn verfassungsmäßig, der Kaiser ernennen müssen und das tat er nie.
    Ebert war Vorsitzender im Rat der Volksbeauftragten, einem verfassungsmäßig nicht vorgesehenen Organ.

    Wann genau haben die Entente und die Asoziierten Mächte (wenn wir beim Begriff "präzise" bleiben, bist du mit der Vokabel "die Alliierten" im falschen Krieg unterwegs) Max von Baden als Verhandlungspartner dezidiert abgelehnt?

    Die Entente und die asoziierten Mächte haben auch nie das Ende der Monarchie gefordert, sondern lediglich die Abdankung von KWII. Das man sich dann einen demokratischen Anstrich zu geben versuchte , ist vor allem auch Kalkül der deutschen Seite gewesen um die eigene Verhandlungsbasis zu verbessern.
    Max von Baden trat von sich aus als Reichskanzler zurück, ohne dass das von Seiten der Entente und der Assoziierten Mächte explizit verlangt worden wäre.

    Auch nicht beschissener als der jedes beliebigen Fachministers.
    Was mit Erzberger und mit Rathenau passiert ist, ist bekannt und im Übrigen auch bemerkenswert, wenn man sich anschaut, was für Positionen diese beiden Herren im Krieg bezogen hatten.
    Ansonsten war Ebert einfach der Vorsitzende, der stimmstärksten Partei im Reich und insofern als SPD-Mann eine sinnvolle Wahl, als dass er nach rechts mit dem Zentrum und nach links mit der USPD, prinzipiell zusammenarbeiten konnte, was weiter rechts stand, war ja zunächst mal durch den Verlauf der Ereignisse und die herrschende revolutionäre Stimmung diskreditiert.

    Sagen wir mal, er ist gut verkauft worden und zwar von der politischen Rechten, die ein gewisses Interesse an der Erhaltung seines Mythos hatte.
    Hätte Ludendorff (später tat er dass, aber da nahm ihn wegen seiner sonstigen esotherischen Spinnereien schon niemand mehr ernst), anfang der 1920er Jahre mal Tacheles gesprochen, was Hindenburgs tatsächliche Rolle während des Weltkrieges angeht und wäre Hindenburgs Rolle bei der Absetzung des Kaisers breiter publik geworden, wäre der Mann in Teilen der öffentlichen Wahrnehmung ziemlich erledigt gewesen.

    Das hat Hindenburg mit den Präsidialkabinetten seit Brünung II doch getan. Hat die Krise auch nicht beseitigt. Davon wiederrum hatte Hindenburg seinerseits die Schnauze eigentlich voll, zumal dass auch erhöhten politischen Druck auf seine Position bedeutete. Hindenburg wollte zur parlamentarischen Regierungsweise zurück.

     
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  12. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    2.

    Im Hinblick auf die Ursache dafür, ist verschiedentlich die These geäußert worden, dass sich dieses Verhalten zum Teil aus der fehlenden Verantwortungskultur des Kaiserreiches herleitete.
    Im Kaiserreich wurde ja ohnehin die Regierung ernannt, die dem Kaiser gerade genahm war, völlig unerheblich, wie die Mehrheiten im Reichstag standen. Entsprechend mussten die Abgeordneten des Reichstags für das operative Tagesgeschäft der Regierung auch keine Verantwortung übernehmen und konnte sich in formen populistischer Fundamentalopposition ergehen, die in einem voll parlamentarisierten System nicht mehr funktionierten. Insofern waren sie dann sehr geübt darin ihre eigene Klientel durch eine harte Linie fest an sich zu binden, lernten aber auch verhältnismäßig wenig miteinander zu kooperieren und Kompromisse zu schließen.
    Mussten sie im Kaiserreich auch nicht, da waren sie weniger dazu da Politik konkret zu gestalten, als vor allem dazu Vorlagen der Regierung abzunicken und Gelder zu bewilligen.

    Das erscheint mir persönlich nicht gänzlich unplausibel.

    An den Kleinparteien aber lag es nicht, sondern letztendlich an der Blockadehaltung der drei extremistischen Parteien.


    Sagen wir es mal so:

    Ich sehe im wesentlichen zwei Möglichkeiten, wie man die Lage möglicherweise in den Griff hätte bekommen können.

    Die 1. Wäre gewesen, sich auf Schleichers Ansinnen längere Zeit einzulassen, zu versuchen die NSDAP über Personalien wie Strasser zu spalten und diejenigen NSDAP-Politiker, die zum Kompromiss und zur Regierungsbeteiligung bereit waren einzubinden, denn dann hätte Hitler nicht mehr Radikaloposition gegen diese Regierung betreiben können, weil er damit seine eigene Partei zerschossen hätte.

    Eine andere Möglichkeit, aber dazu hätte man vor allen Dingen, bereit sein müssen, die SPD wieder in die Regierung mit zu nehmen, hätte darin bestanden, 2,3,4 oder 5 mal, wenn nötig in Folge zu wählen und nach Konstituierung des Reichstages diesen direkt wieder aufzulösen und zum nächstmöglichen Termin Neuwahlen anzusetzen.

    Das klingt jetzt vielleicht auf den ersten Blick paradox. Wäre aber möglicherweise ein valides Mittel gewesen, die extremistischen Parteien finanziell auszutrocken:

    Die KPD war in der Weimarer Republik die Partei der Perspektivlosen. Ihre Mitglieder konnten kaum hohe Mitgliedsbeiträger zahlen. Zwar konnte man da immer etwas finanzielles Engagement aus Russland unterstellen, aber auch in Moskau wäre man sicher nicht bereit gewesen dauerhaft in ein Fass ohne Boden zu investieren.

    Die NSDAP, hatte vielleicht eine etwas zahlungskräftigere Mitgliederschaft, leistete sich aber auch einen ziemlich modernen und offensichtlich kostenintensiven Wahlkampf. Hätte man, was ohne weiteres möglich gewesen wäre, binnen eines Jahres einfach 3-4 Wahlkämpfe angehalten, wären diese beiden Parteien vermutlich diejenigen gewesen, die als erstes in die Knie gegangen wären.
    SPD und Zentrum hätten dass von der Zahlungsfähigkeit ihrer Basis her über Beitragserhöhungen eher auffangen können und außerdem konnten sie auf den Löwenanteil der Gewerkschaften bzw. gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer zählen.
    Die rechtsliberalen, bis rechtskonservativen Parteien, die sich ohnehin überproportional aus externen Spenden und Zuwendungen der Industrie finanzierten, hätten das wohl auch wegstecken können.

    Wären KPD und NSDAP wirklich kur davor gewesen kein Geld mehr zu haben und in einem Zustand in dem sie sich weitere Wahlkämpfe absolut nicht mehr leisten konnten, wäre eine davon vielleicht von ihrer Funfamentalopposition abgerückt und damit wäre das parlamentarische System wieder in Gang zu setzen gewesen.

    Ist aber natürlich spekulativ.

    Ein Problem bleibt aber, selbst wenn das auf diesem Weg irgendwie funktioniert hätte:

    Selbst wenn man funktionierende Regierungen ohne Einbeziehung der Nazis und ohne einen Kanzler Hitler auf den Weg bekommen hätte, wäre Hindenburg anno 1934 wahrscheinlich trotzdem verstorben und es hätte ein Nachfolger gewählt werden müssen.
    Und an der Stelle, von der tendenziellen Verteilung der Sitze im Reichstag ausgehend, wäre Hitler nur dann sicher zu verhindern gewesen, wenn 1. SPD und Zentrum einen Kompromisskandidaten gefunden hätten und 2. dieser Kandidat auch für die Wähler von DVP und DNVP akzeptabel gewesen wäre oder aber, die KPD hätte sich diesem Kandidaten anschließen müssen.

    Ob die KPD Hitler als extreme Gefahr empfunden hätte und bereit gewesen wäre, einen Kompromisskandidaten durchzubringen um Hitler zu verhindern, darf man mindestens mal in Frage stellen.
    Die Gefahr, die von der NSDAP im Allgmeinen ausging, verkannte die KPD offensichtlich, denn wenn sie es nicht getan hätte, hätte sie zwischenzeitlich im Reichstag ihre Blockadehaltung aufgegeben und damit der Praxis der Präsidialkabinette den Boden entzogen. Tat sie aber nicht.

    Sie hätte bei den Reichspräsidentenwahlen von 1925 schonmal die Gelegenheit gehabt mit Wilhelm Marx gegenüber Hindenburg einen gemäßigteren kandidaten im 2. Wahlgang durchzusetzen, wenn sie darauf verzichtet hätte den aussichtslosen ernst Thälmann aufzustellen und stattdessen Marx unterstützt hätte.
    Dafür an dieser Stelle Marx nicht unterstützt zu haben, lassen sich mehrere Erklärungsansätze finden. Mag sein, dass der KPD die Ermordung Liebknechts, Luxemburgs und anderer Partei-Granden, die sie bekanntlich der SPD und Noskes Schießbefehl anlastete, noch zu frisch im Gedächtnis war, um sich auf ein Zusammengehen mit der SPD und dem Zentrum einlassen zu können.

    Mag aber auch sein, dass man damals darauf kalkulierte, dass der reaktionäre Hindenburg im Amt dem Volk so vor den Kopf stoßen würde, dass es wieder zur Revolution bereit würde oder wenigstens die KPD als Profiteur aus der ganzen Angelegenheit hervorgegangen wäre.

    Gerade mit letzterer Kalkulation hätten sie aber auch versuchen können einen RP Hitler auszusitzen.

    Natürlich ist es auch möglich, dass sie die Gefahr Hitlers in einer Stellung als RP erkannt hätten, kann ich nicht sagen.
    1932 traten sie im zweiten Wahlgang wieder mit Tählmann als eigenem Kandidaten an, was sowohl daran gelegen haben könnte, das sie Hitler unterschätzten, als auch daran, dass sie es möglicherweise für unzumutbar hielt Hindenburg zu unterstützen.
    Letzteres Problem hätte sich vielleicht dann bei einem anderen Kandidaten nicht mehr gestellt, aber kann kein Mensch sagen, ob es am Ende daran hing und man auf diesem Weg Hitler verhindert hätte.
     
  13. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    3.
    Die 40% Stimmen, die Hitler, ausgehend von den Reichstagwahlergebnissen in 1932 einigermaßen sicher bekommen hätte, wenn sich im 2. Wahlgang Überläufer von DVP und DNVP zu ihm gesellt hätten, hätten ganz gut hinreichen können, um ihn zum Reichspräsidenten zu machen.

    Ein Kandidat, der wenn er links nichts gewann, Hitler im rechten Spektrum das Wasser abgraben konnte, hätte sich auch erstmal finden und dann vor allem auch für die Wählerschaft von SPD und DNVP zusammen tragbar sein müssen, was dann schon einem Kunststück geglichen hätte.

    Ein Stresemann hätte das vielleicht gekonnt, aber der war schon tot.
    Und um die Stimmen der DNVP zu sichern und von Hitler weg zu halten, hätte ich da nur 2 Möglichkeiten gesehen.

    1. Sich hinter einen Kandidaten aus den Reihen der DNVP oder einer DNVP-nahen Organisation zu stellen. Das wäre dann auf einen Reichspräsidenten Hugenberg oder eine Person, wie Franz Seldte oder Theodor Duesterberg hinausgelaufen. Ob die SPD-Mitglieder und Wähler aber dazu bereit gewesen wären, darf man sehr stark hinterfragen und ob ein solcher RP Hitler konsequent von der Macht weggehalten hätte, ebenfalls.

    2. Die andere Möglichkeit wäre gewesen, eine parteilose Populäre Figur aus dem Konservativen bis reaktionären Spektrum vorzuschlagen, die der DNVP und ihren Mitgliedern und Wählern vermittelbar gwesen wären. Wer konnte das aber sein?

    Kriegshelden, die dafür tagten, hätte es dann nicht mehr gegeben. Hindenburg tot, Ludendorff mittlerweile ein rechtsextermistischer völlig abgespaceter Verschwörungsideologe, der bereit war mit Hitler zu marschieren, Scheer als "Sieger von Skagerak", mittlerweile auch verstorben, Groener für die Art, in der er sich in den Dienst der Republik gestellt hatte, bei den hochkonsveravtiven und erzreaktionären bereits weitgehend verbrannt.
    Vielleicht hätte denen v. Seeckt vermitteln können, aber der wiederrum wäre für die SPD wegen des Nichthandels beim Kapp-Putsch vermutlich nicht vermittelbar gewesen.

    Wäre noch die theoretische Möglichkeit gewesen, irgendeinen Hohenzollern zum Reichspräsidenten zu machen, wenn sich einer dazu hergegeben hätte. Der hätte bei vielen Konservativen Zustimmung gefunden und auch zuverlässig Hitlers befugnisse eingeschränkt, sicher in diesem Rahmen aber auch auf die Restauration der Monarchie hingearbeitet.
    Ob das der SPD-Wählerschaft zu vermitteln gewesen wäre, darf man auch hinterfragen.

    Selbst wenn Hindenburg bis zum Ende Hitler von der Kanzlerschaft weggehalten hätte, sehe ich doch ganz gute Chancen, dafür, dass dabei am Ende 1934 ein Reichspräsident Hitler herumgekommen wäre. Und ob dann irgendwas grundsätzlich anders oder nur etwas zeitverzögert gelaufen wäre, lässt sich nicht feststellen, dass gehört dann in den Bereich des Kontrafaktischen.

    Hindenburg baute als RP viel Mist, aber wie ich dass sehe, konzentriert sich dieser Mist vor allen Dingen auf die Jahre 1928-1932. Und dass sind vor allen Dingen die beiden Reichstagsauflösungen in 1932, die vollkommen unnötig waren.
    Im September 1930 war gewählt worden, folglich wäre regulär eine weitere Wahl erst im Herbst 1934 möglich gewesen und die Reichstagswahl vom September 1930 war noch dergestalt ausgefallen, dass sich daraus demokratische Parlamentsmehrheiten bilden ließen:

    Reichstagswahlen in Deutschland – Wikipedia

    Hindenburg arbeitete massiv darauf hin die SPD aus der Regierungsverantwortung heraus zu kegeln und zu schwächen um eine weiter rechts stehende Regierung zu stande zu bringen, die ihm besser in den Kram passte.

    Was dabei heraus kam, waren die beiden relativ schwachen halbpräsidialen Kabinette Brüning, die nach der Durchsetzung des Hugenberg-Flügels in der DNVP und deren Ausscheiden aus der Brüning-Regierung keine Mehrheiten mehr zu stande bekamen hatten und zunehmend auf präsidiale Hilfe angewiesen waren.

    Die erste Reichstagswahl 1932 geht vor allen Dingen darauf zurück, dass Hindenburg seiner Wunschkonstellation zu größerem Rückhalt im Parlament verhelfen wollte und was dabei herauskam ist, dass die Kleinparteien weitgehend von der Bildfläche verschwanden oder jedenfalls stark abwirtschafteten und die NSDAP ihre Stimmanteile verdoppelte.

    Hätte Hindenburg an dieser Stelle nicht seinen Kopf durchsetzen und unbedingt eine "nationale" Regierung haben wollen und wäre er bereit gewesen sich mit den Sozialdemokraten irgendwie zu arrangieren und darauf hin zu wirken, dass auch das Zentrum dies wieder tun würde (die SPD war immerhin bereit Brüning zu tolerieren), dann wäre mit diesem reichstag und möglicherweise wechselnden Kabinetten und Mehrheiten bis Herbst 1934 durchzuregieren gewesen.
    Wie ohne die Vorgeschichte der Präsidialkabinette Hindenburgschen Stils und ohne die Wahlerfolge der Nazis in 1932 und 1933, Wahlen in 1934 ausgefallen wären, weiß kein Mensch.
    Möglich, dass die Talsohle der Wirtschaftskrise dann bereits so weit durchschritten gewesen wäre, dass die Unterstützung für die extremen Parteien nachgelassen hätte.
    Ebenfalls möglich, dass sich die DNVP vom Hugenberschem Kurs einer Fundamentalopposition wieder verabschiedet hätte und wieder bereit gewesen wäre im Rahmen des parlamentarischen System mitzuwirken.
    Kann man so alles nicht absehen.

    Eins aber kann man absehen:
    Wenn Hindenburg darauf bestanden hätte, die Wahlen nach regulärem Turnus abzuhalten und bereit gewesen wäre dauerhaft Zentrums- oder SPD-Kanzler (die weit mehr Resonanz in Volk und Parlament gehabt hätten, als es Papen und Schleicher jemals hatten) nötigenfalls mit präsidialen Verodnungen zu stützen oder als Präsidialkabinette fungieren zu lassen, wäre die NSDAP auf ihren 18%, die sie seit September 1930 hatte, erstmal sitzen geblieben.

    Stellt sich die frage, wie die Bevölkerung darauf beim Wahlkampf denn reagiert hätte. Mag nämlich auch sein, dass die anhaltende Unterstützung für Hitler zum Teil auch dem Eindruck geschuldet war, dass der eine Mehrheit und nötigenfalls zusammen mit der DNVP durchaus erreichen können würde.
    Ob er diese Resonanz gehabt hätte, wenn die NSDAP keine faktische Machstellung dahingehend gehabt hätte, dass sie das Parlament blockieren konnte, sondern sie mit >20% allenfalls krakeelen konnte über das, was die Regierung tat, aber auch qua Mehrheiten hätte tun können, ist dann auch noch einmal eine andere Frage.

    Anno Januar 1933 blieben neben Hitler nicht mehr viele Optionen und die Optionen die noch blieben, waren hochriskant.
    Die maßgeblichen Fehler, die Hindenburg gemacht hat und aus denen dann später Hitler resultierte, liegen für mich zwischen 1928 und 1930, weil er da, die eigentlich funktionierenden, demokratisch gesinnten Regierungen von seiner präsidialen Position aus reichlich unterminiert, z.B. auch dadurch, dass er Brüning völlig ohne Not absetzt, obwohl der außenpolitisch in Sachen Reparationsverhandlungen mindestens Teilerfolge zu verzeichnen hatte und völlig unnötige Reichstagswahlen ansetzte um sein Wunschkabinett durchzubekommen.
    Mit fatalen Folgen.
     

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