Warum kolonisierte Spanien nicht vorrangig Nordamerika?

Dieses Thema im Forum "Zeitalter der Entdeckungen (15. - 18. Jhd.)" wurde erstellt von Necron, 18. November 2019.

  1. Necron

    Necron Mitglied

    Es ist jetzt vielleicht eine etwas "blöde" Frage, aber warum kolonisierten Spanier und Portugiesen gerade Mittel- und Südamerika (Ausnahme etwa der Bereich des heutigen Kaliforniens). Warum haben sie nicht Nordamerika kolonisiert?!
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Immerhin gehörte ca. 1/3 der heutigen USA mal zur Nueva España.
    Aber alleine für die Kolonisation bedarf es Manpower. Und das Gebiet war ja nun auch nicht gerade menschenleer, oder einfach. Mangroven, Dschungel, Wüsten, Hochebenen... Und Spanien litt an einem mehrfachen Aderlass: Zum einen ging jeder, der irgendwie konnte, in die westindischen Kolonien, um eine Encomienda* zu bekommen, zum anderen wurden die Muslime und Neuchristen aus Spanien vertrieben, Spanien selbst (und auch Portugal) haben weite menschenleere Gebiete.
    Portugal führte in Zwischenzeit mit Marokko Krieg, und unterhielt auch Kolonien in Ostindien (dem echten Indien) bzw. in Afrika, Spanien expandierte von México aus bis nach Asien (Philippinen). Daneben die europäischen Kriege und die im Mittelmeer, gegen die Barbaresken, gegen die Osmanen, Spanier gegen Franzosen, der achtzigjährige Krieg in den Niederlanden, die gescheiterte Eroberung Englands... Und die hatten den Fuß natürlich auch in der Tür.


    *Eine Encomienda ist eine Kommende. Im Grunde genommen ein Indianerdorf, welches ein Conquistador bekam. Er sollte als Lehnsherr auftreten und seine Vasallen im Christentum unterweisen. De facto handelte es sich aber in der Mehrheit der Fälle um Sklaverei.
     
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  3. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Ich würde noch folgendes hinzu setzen:

    Die Erwerbungen Spaniens entstammen ja vor allen Dingen der frühen Neuzeit. Das bedeutet, dass der Staat zu diesem Zeitpunkt selbst nur ein im Vergleich zum 19. und 20. Jahrhundert, realtiv geringes Maß an Einfluss auf die Richtung der Expansion hatte, weil die Entdeckungs und Eroberungszüge der Conquistadores, man denke an Cortés oder Pizarro in teilen "staatlich" unterstützte, weitgehend aber privat geplante Unternehmungen waren.
    Sprich die ersten Kolonisatoren, waren für den spanischen Staat effektiv kaum zu kontrollieren, geschweige denn von Madrid aus zu steuern und folgten von dem her zunächst einmal dem Lockruf des Goldes, dass sie (teilweise zurecht) eher bei den recht gut entwickelten mesoamerikanischen Kulturen und dann den Inkas vermuteten.
    Entsprechend dem waren Mittel- und Südamerika ersmal anziehender.
    Dazu kommt, dass man dort einigermaßen funktionierde Infrastruktur bereits vorfand und übernehmen konnte (schau dir z.B. mal an, was sich früher an der Stelle des heutigen Mexico-City befand) außerdem fand man eine vergleichsweise große, sesshafte Bevölkerung vor, die sich recht gut mehr oder minder versklaven ließ. Das wäre in dieser Weise mit den halbnomadischen Stammesgesellschaften Nordamerikas wesentlich schwieriger geworden.

    Gerade im Bezug auf Mittelamerika, wäre da noch eine Banalität zu nennen, die aber doch recht wichtig ist. Mittelamerika ist recht schmal und wer es kontrollierte, hatte damit, wenn er auch an dessen Westküste Stürzpunke gründete den kürzesten Verbindugsweg zwischen Atlantik/Karibik und Pazifik in der Hand. Der war für Schiffe zwar nicht passierbar, für Landtransporte innerhalb von wenigen Tagen/Wochen je nach genauem Platz und Gewicht der umzuschlagenden Ladung, aber schon, womit man sich, wenn man in beiden Ozeanen über Schiffe verfügte, das Risiko der Umsegelung Südamerikas und den damit verbundenen Zeitaufwand sparte.

    In Nordamerika, setzte man sich einige Zeit in Florida fest, das man im Frieden von Paris 1763 allerdings an die Briten verlor.
    In der Folge übernahm man als Kompensation für kurze Zeit einen Grußteil der französischen Territorien Nordamerikas, konnte sich da aber niemals festsetzen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. November 2019
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  4. Stilicho

    Stilicho Aktives Mitglied

    Als banalste aller Erklärungen kommt dazu, dass man vom Süden der iberischen Halbinsel auf Grund der vorherrschenden Winde und des Nordäquatorialstroms fast automatisch nach Ostbrasilien oder in die Karibik gelangt.
    Nordamerika erreicht man da nur mit mehr Mühe.
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. November 2019
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  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Man kann das an Cortés ganz gut exemplarisch zeigen. Kuba hatte zwar Kolumbus bereits bei seiner ersten Reise entdeckt, aber von den Spaniern besiedelt wurde es erst später (das klingt immer so bescheuert, weil die Inseln waren ja alle bereits besiedelt, irgendwie steckt man manchmal noch nach 500 Jahren im Kolonialsprech!) von Española/Hispaniola (heute Haití, mit den Staaten Haïti und Dominikanische Republik) unter Diego Velázquez de Cuéllar, der hier Statthalter von Spanien wurde. Als Diego Velázquez eine Flotte ausrüsten ließ, um México zu erobern (Expeditionen 1517 und 1518 an die Halbinsel Yucatán und in die Gegend des heutigen Tabasco und Veracruz hatten von den Maya in Erfahrung gebracht das in Culua oder Mexico ein mächtiger Herrscher lebe, der viel Gold besäße) da hatte er noch gar nicht die Erlaubnis der Krone, die de facto nicht Carlos V. sondern der Erzbischof Fonseca als Vorsteher der Casa de Contratación und des Indienrates ausstellte. Er schrieb also einen Brief nach Sevilla, der die Erkundung und Eroberung Mexikos in seinem Namen (also Diego Velázquez') erlauben solle, derweil segelte Cortés bereits los (allerdings auch, weil er befürchten musste, dass ihm das Amt des Feldherren wieder entzogen würde, da die Expedition nun mal sehr lukrativ zu werden versprach, da gab es einige, die diesen posten gerne gehabt hätten. Cortés hat zwar nicht sofort bei der Landung (er landete mehrfach, zunächst auf Cozumel, dann bei Campeche und bei Tabasco, bevor er in der Nähe von Zempoala und Quiahuiztlán Vera Cruz gründete (nicht dort, wo Vera Cruz heute liegt, er war zwar vorher dort gelandet, weil die Insel San Juan de Ulua einen einigermaßen sicheren Naturhafen bot, aber die Gegend war ungeeignet für den Nahrungserwerb, Cortés war hier darauf angewiesen, dass die Indigenen sie versorgten. Da die Gegend von Tenochtitlán aus beherrscht wurde und Moctezuma Nachrichten von den spanischen Landungen 1517 und 1518 auf Yucatán und in Tabasco erhalten hatte, waren die hiesigen Indigenen angewiesen, mit den Spaniern in Kontakt zu treten und sie freundlich zu empfangen. Einige Tage waren die Indigenen freundlich und versorgten die Spanier mit Essen, dann kam eine Gesandtschaft aus Tenochtitlán, brachte Cortés einen Helm voller Nuggets und teilte mit, es sei besser, wenn die Spanier wieder von dannen zögen. Am nächsten Tag waren die indianischen Dörfer leer und die spanischen Soldaten waren auf das angewiesen, was sie an Muscheln am Strand fanden oder was die Seeleute aus dem Meer zogen. Jedenfalls, erst als Cortés mit den Städten Zempoala und Quiahuiztlán verhandelt hatte und in Erfahrung gebracht hatte, dass diese unter der Steuerlast der Azteken (die vorwiegend in Menschen bestand, welche in Tenochtitlán arbeiten oder geopfert werden sollten) sehr litten, gründete er in deren Gebiet, nachdem er fünf Steuereintreiber aus Tenochtitlán durch den Kaziken von Quiahuiztlán hatte verhaften lassen und dann heimlich wieder befreite, um sie als Botschafter nach Tenochtitlán zu schicken, seine Stadt Vera Cruz. Dann ließ er eine Stadtverwaltung wählen - die Stadt existierte zu diesem Zeitpunkt nur virtuell, es bestand kein einziges Gebäude - und ließ sich von der Stadtverwaltung (das waren natürlich alles Vertraute von ihm) zum Generalkapitän erkären. Alles bisher eingenommene Gold schickte er nach Spanien zu Carlos V., der allerdings gerade in Flandern war und Bischof Fonseca soll das Gold unterschlagen haben. De facto hatte also Carlos in México überhaupt keine Macht, einfach weil die Kommunikation so lange dauerte, dass er eigentlich nur über den fait accompli unterrichtet werden konnte. Die Statthalter schalteten und walteten zu dieser Zeit mehr oder weniger, wie sie wollten und versucten ihre Konkurrenten klein zu halten und sich möglichst viel in die eigenen Taschen zu stopfen. Erts ganz allmählich setzten sich Strukturen durch, die dem ein wneig Einhalt gebieten konnten. Aber man war eben Peripherie und die Metropole war weit, dass einer der Könige oder Kaiser die gefährliche Fahrt über den Ozean machen würde, war unwahrscheinlich.

    Laut der Darstellung von Bernal Díaz del Castillo waren die Städte verpflichtet, Träger zu stellen, als die spanischen Soldaten das erfuhren, nutzten sie das indianische System voll aus.

    Gruß zurück ;)
     
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  6. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Das beste Beispiel für die Ausdünnung der Kräfte in Spanien ist doch, das sich sowohl Frankreich, England, Dänemark (heutige US Virgin Islands), Niederlande und Schweden (St. Barts) in der Karibik auf den kleinen Antillen festsetzen konnten. Und durch die Kaperbriefe der Engländer und Franzosen haben auch die Freibeuter und Piraten zu der Zeit fröhliche Urstände gefeiert.
    Geschichte der Piraterie – Wikipedia

    Zum anderen war die es eine Aufteilung der Welt zwischen Portugal und Spanien in verschiedenen Verträgen geschuldet. Unter anderem dem Vertrag von Tordesillas. Damit aus Iberischer sicht, der Osten an Portugal und der Westen an Spanien.
    Vertrag von Tordesillas – Wikipedia
    Vertrag von Saragossa – Wikipedia
    Treaty of Zaragoza - Wikipedia
     
  7. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Ich würde das weniger für ein Resultat der Ausdünnung von Manpower, als eher für eine strategisch ungünstige Verteilung derselben mangels Steuerungsfähigkeit durch zentrale Instanzen.
    Vom strategischen Standpunkt her, hätte sich für die Spanier sicherlich angeboten sich zunächst Floridas und sämtlicher Antiellen-Inseln zu bemächtigen und sich von da aus sukzessive an den Küsten des karibischen Meeres entlang zu arbeiten, um es der europäischen Konkurrenz, die sich früher oder später einschalten musste, möglichst schwer zu machen, in dem Raum Konkurrenz aufzubauen und sich gerade auf den kleinen Inseln, die ja mit relativ wenig Manpower unter Kontrolle zu bringen gewesen sind, festzusetzen.

    Nur wie hinbekommen, wenn ein guter Teil der frühen Kolonisatoren lieber mehr oder minder auf eigene Faust nach Gold sucht und das einmal blöderweise anderswo vermutet?
     
  8. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Es kam eins zum anderen. zum einen die gier nach Gold. Stichwort El Dorado.
    Eldorado – Wikipedia
    Damit auch die zum Teil als Meuterei zu bezeichnende Vorgehensweise der Konquistadoren.
    Und natürlich auch das Überdehnen der Kräfte Spaniens. Kolonisierung Süd und Mittelamerikas. Die Rebellionen in den Niederlanden, welche erst 1648 gelöst worden ist. Und dann von Mexiko aus der griff nach Ostasien. Sprich Philippinen.
     
  9. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    warum die Spanier Nordamerika wenig kolonisierten liegt m.e. an der Geographie
    von Mexiko aus kommend hätte sich dier amerikanische Südwesten angeboten- nur bestand der großen Teil aus Wüste und Halbwüste, also wenig attraktiv für Kolonisatoren
    Der Pueblo-Aufstand tat ein übriges die regionale spanische Machtbasis zu schwächen.
    die einzige spanische Kolonie in Nordamerika,die ein gewisses autarkes Auskommen garantierte war das fruchtbare Californien
     
  10. Ingeborg

    Ingeborg Moderator Mitarbeiter

    Ein weiteres tat im Südwesten die allmählich dämmernde Erkenntnis, daß das sagenhaft reiche El Dorado dort wohl doch nicht zu finden wäre.
    An beiden Küsten gab es jedoch spanische Bemühungen, sich festzusetzen und der Krone Kolonien zu präsentieren. An der Ostküste zb Florida, Georgia. In Florida verliefen die spanischen Bemühungen ja immerhin so "erfolgreich", daß die ursprüngliche authochtone Bevölkerung nicht mehr vorhanden war, als die Seminolen von Norden her einwanderten (es handelte sich um einen Teil der Konföderation der Mvskoke [Creek]).

    An der Pazifikküste war California noch nicht das Ende der Fahnenstange - wenn man mal auf der Karte nachschaut, wie eigentlich die Wasserstraße zwischen Vancouver Island und Washington State heißt: die wurde benannt nach dem Kapitän Juan de Fuca, einem Griechen in spanischen Diensten, der sich dort umgetan hat. Die Spanier wären ja auch gerne noch weiter nach Norden, da kam man jedoch ins Getümmel mit den Russen, die sich von Alaska südwärts bewegten. (Okay, die indigene Bevölkerung - Nuu Chah Nulth/ Nootka, Haida, Kwagiulth/ Kwakiutl etc haben dabei ja auch noch mitgeredet und die hatten seegängige Bötchen.)

    Autark würde ich das allerdings auch nicht nennen wollen, was da in California abging. Es handelte sich weitgehend um Missionen verschiedenster Orden, die landwirtschaftliche Betriebe einrichteten, für die sie indigene Arbeitskräfte brauchten. Die konnten dann gleich mit in einem Aufwasch missioniert werden. Allerdings war aufgrund krankheitsfördernder Unterbringung in Massenquartieren sowie recht brutaler Ausbeutung der Arbeitskraft die Überlebensdauer der eingefangenen indigenen Arbeitskräfte recht begrenzt, so daß teils alle paar Monate die den Priestern in der Regel mitgegebenen Soldaten neue Zwangsarbeiter einfangen gehen mußten.

    Wer hat jetzt also das Gerücht aufgebracht, die Spanier hätten so gar keinen Einfall gehabt, was man mit Nordamerika anfangen könnte? :grübel:
     
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