Warum schloss die BRD keinen vergleichbaren Vertrag mit Großbritannien?

Dieses Thema im Forum "Westeuropa" wurde erstellt von Griffel, 12. Oktober 2022.

  1. Griffel

    Griffel Mitglied

    Da ich mal wieder Zeit zum überlegen hatte, bin ich in den Beziehungen Deutschlands zu seinen Nachbarn, auf ein "Ungleichgewicht" gestoßen. Nach dem 2. Weltkrieg, war Deutschland besiegt, besetzt, geteilt und auf den" guten Willen", der Besatzer angewiesen.

    Daher war Dr. Konrad Adenauer, sehr daran gelegen, dass die junge BRD, möglichst bald stabile nachbarschaftliche Beziehungen zu den westlichen Staaten hatte. Insbesondere, die Aussöhnung, mit dem sogenannten Erbfeind Frankreich, war ihm ja besonders wichtig! Neben einer Vielzahl von Schritten, mündete dieses Bemühen, ja im sogenannten Élysée-Vertrag.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Élysée-Vertrag

    Das Ganze, hat sich ja relativ schnell, relativ gut entwickelt.:cool: Aber das bringt mich auch schon zu meiner Überschrift?! Wieso, hat die BRD, beziehungsweise ihre Regierung, nicht auf gleiche Art und Weise versucht, ein Abkommen mit England zu schließen? Die Beziehungen zu GB waren nach dem 2. WK und lange davor, ähnlich (gut) wie die zu Frankreich. Da hätte sich so etwas doch angeboten. Zumal es durchaus positiv hätte wirken können, wenn die BRD, versucht hätte ausgleichend zu wirken!

    Denn, vieles, was vorwiegend Herr de Gaulle getan und gesagt hat, war ja doch gegen Großbritannien gerichtet. Es gab ja doch Bestrebungen, die Einigung von Westeuropa, gegen England voran zubringen. Im Falle des Élysée-Vertrages, war ja Herr de Gaulle, hoch erbost, als der Bundestag, dem Vertrag bzw. dem Ratifikationsgesetz eine Präambel vorangestellt, in welcher explizit, auf die Freundschaft zu den USA und England verwiesen wurde.

    Ich möchte nicht ausschließen, dass mir Dinge nicht bekannt sind. Sollte daher jemand Informationen haben, möge man sich nicht scheuen, diese mitzuteilen.
     
  2. Stilicho

    Stilicho Aktives Mitglied

    Unbedingt.
     
  3. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Mir fällt zu der Frage spontan Harold Macmillan ein, der von 1957 bis 1963 englischer Premier war.
    Macmillan war ein Pragmatiker und Anhänger der traditionellen Gleichgewichtspolitik, hielt die westlichen Beteuerungen zur deutschen Einheit für „reinen Schwindel" (1), weil, so glaubte er, nur wenige im Westen wirklich ein wiedervereinigtes Deutschland wünschten. Sein Mißtrauen und seine Abneigung gegenüber den Deutschen, die, gestern noch Verlierer, heute „schon wieder reich und selbstsüchtig" mit einem „zwischen Argwohn und Sentimentalität schwankenden" alten Mann an der Spitze den Frieden zu gewinnen schienen, saßen tief. (2)

    Vor dem Hintergrund der vergangenen Jahrzehnte war es daher zweifellos „tempting to argue that we do not want Germany to be reunited at all. A reunited Germany might dominate Europe, and emotionally we are all of us, including the Russians, fairly content to see the division persist. .. . [But] to say so and to go for a deal with the Russians for the acceptance of the Status quo would completely forfeit the good-will of the West German Government." (3)

    Und das Wohlwollen der Bundesregierung war ja nicht ganz unwichtig, um künftig weiterhin auf die politik der Westintegration der Bundesrepublik entsprechend Einfluss nehmen zu können, um damit eben eine Schaukelpolitik zwischen Ost und West zu verhindern.

    Vor dem Hintergrund der Berlin-Krise 1958 schickte die britische Regierung das folgende Telgramm am 15.11.1958 an Paris und Washington:

    "It would .. . be foolish not to proceed on the assumption that Khrushchev is going to do more or less what he has said that he is going to do, i. e., that sooner or later he will ,hand over to the Sovereign German Democratic Republic those funetions in Berlin which are still maintained by Soviet organs'. We cannot stop him from doing this. The main question for us to decide is therefore how to react when he does it."

    Das kam nicht so gut an.

    (1) Horne, Macmillan 1957-1986, S.120 und 134
    (2) Macmillan, Pointing the Way 1959-1961, S.327 und 82
    (3) Foreign Office Minute (Draft Minute Lloyd an Macmillan), 1.1. 1958, in: PRO, FO 371/137398
    (4) FO an Washington, 15.11. 1958, in: PRO, FO 371/137333
     
  4. hatl

    hatl Premiummitglied

    Weil GB nicht Frankreich ist, je nicht einmal Europa.
    Churchill hält September 1946 seine berühmte Rede(n) in Zürich in der er die Vereinigung Europas fordert, nichts weniger als die Vereinigten Staaten Europas. Nur so könne die permanente Selbstzerfleischung Europas ein Ende finden. Dabei müsse Deutschland und Frankreich eine Führungsrolle einnehmen.
    Das Vereinigte Königreich sieht er nicht als Bestandteil Europas, sondern als eine der Mächte welche den Prozess der europäischen Vereinigung wohlwollend begleiten sollten.
    "Great Britain, the British Commonwealth of Nations, mighty America — and, I trust, Soviet Russia, for then indeed all would be well — must be the friends and sponsors of the new Europe and must champion its right to live. Therefore I say to you “Let Europe arise!”"
    United States of Europe
    Ich finde das zeigt recht gut, dass Großbritannien eine andere Einbettung in die Welt hatte.
     
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  5. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Das dürfte auch daran gelegen haben, das Großbritannien zum Ende des Zweiten Weltkrieges noch eine Macht von geradezu globalen Ausmaße gewesen war. In der britische Außenpolitik kam erst einmal das Empire/Commonwealth und das Verhältnis zu den USA. Erst dann kam Europa.
     
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  6. Griffel

    Griffel Mitglied

    Nun gut, das erklärt dann doch so einiges.o_O Wie gesagt, ich bin davon ausgegangen, dass Konrad Adenauer, aller Freundschaftsbeteuerungen zum Trotz, auch versuchen würde, mit Großbritannien gut auszukommen. Denn, selbst Adenauer, war ja den französischen hegemonial Ansprüchen nicht gerade zugetan. Wie bereits beschrieben, war ja Herr de Gaulle, alles andere als begeistert, als der Vertrag mit dem Vorwort verabschiedet wurde.

    Und spätestens, mit der Operation Musketeer, dürfte sich die Großmachtstellung für Frankreich und England erledigt gehabt haben!:p
    https://de.wikipedia.org/wiki/Sueskrise
    Aber auch hier zeigen sich die Unterschiede zwischen England und Frankreich! Während man es in England mit Fassung trug, war man in Paris mal wieder zutiefst beleidigt. Das war einer der Schritte, der schließlich zum Austritt aus den militärischen Strukturen der Nato geführt hat.

    Im Falle von England, war spätestens Mitte der 60er klar, dass es trotz Commonwealth, mit der Weltmacht vorbei war!
    Daran konnten auch die eigenen Atomwaffen nichts ändern. Das war ja auch ein Grund, warum man in London, die Mitgliedschaft in der EWG anstrebte, die aber an Frankreich scheiterte. Was die "Liebe", der Insulaner für Europa, zu welchem sie trotz aller Leugnung gehörten, sicherlich nicht gefördert haben durfte. Hier hätte sich doch eine Möglichkeit geboten, England durch entsprechende Verhandlungen bzw. Vereinbarungen, einen Zugang zumindest durch die Hintertür zu gewähren. Immerhin, waren die 3 Benelux-Länder, traditionelle Verbündete von GB, ebenfalls Mitglied. Selbst wenn es sich nur um bilaterale Verträge gehandelt hätte.

    (Die unweigerlichen Wutanfälle, des alternden französischen, möchte gern Napoleons, hätte Europa da auch ausgehalten.)

    Schade, dass etwas Ähnliches nicht geklappt hat! Aber das setzt natürlich zwei Dinge voraus:
    1. Gemeinsame Ziele, welche man durch die Arbeit erreichen will
    2. Den Willen, eine solche Vereinbarung zustande zu bringen.

    Da man aber in England an so etwas nicht interessiert war, hätten Besprechungen nur sehr wenig Sinn gehabt. Zumindest hätte man in London, Bonn den guten Willen nicht absprechen können, etwas Vergleichbares wie mit Frankreich zuwege bringen zu wollen. Dann hätte der schwarze Peter bei den Briten gelegen!
     
  7. muheijo

    muheijo Aktives Mitglied

    Traditionelle Verbündete? Das sehe ich überhaupt nicht so.

    Gruss, muheijo
     
  8. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Weil GB nicht an Deutschland angrenzte und auch nicht im 1870/71er Krieg, im 1. oder 2. WK von dt. Truppen besetzt gewesen war, und nach 1945 keine für (West-)Deutschland politisch so entscheidende Bedeutung hatte, was das staatlich-staatliche Verhältnisse betraf. Relevante Gesamteuropäische Perspektiven hatten zudem nur die Franzosen entwickelt (Jean Monet/Robert Schumann) und Adenauer war klar, dass die politisch-militärische Kernzelle einer europäischen wie (west-)deutschen Integration nur bei und mit Frankreich beginnen konnte.
     
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