Warum verhinderte die französische Regierung die Mitgliedschaft von Großbritannien in der EWG?

Dieses Thema im Forum "Westeuropa" wurde erstellt von Griffel, 7. Juni 2022.

  1. Griffel

    Griffel Mitglied

    Im Zusammenhang mit der Kooperation nach dem 2. WK, gibt es ein Thema, welches ich sowohl witzig wie auch interessant finde!:D Man war also übereingekommen, auf europäischer Ebene zusammenzuarbeiten. Was, mit dem Europarat und der EGKS, auch leidlich gelang. Auf dem Gebiet der Verteidigung aber scheiterte.
    Danach, beschränkte man sich vorerst auf den wirtschaftlichen Bereich. Was zur EWG führte.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Europäische_Wirtschaftsgemeinschaft

    In diesem Zusammenhang, finde ich es komisch, dass seinerzeit die französische Regierung, in Gestalt von Charles de Gaulle, Großbritannien die Mitgliedschaft verweigerte bzw. durch sein Veto verhinderte. Was schlicht alle anderen Teilnehmerländer überraschte. Es tut mir leid! Aber ich finde das Verhalten von Herrn de Gaulle kindisch! Selbst wenn, es stimmt, dass man ihn und die freien Franzosen, während des Krieges schlecht behandelt hat! Irgendwann, sollte man es mal gut sein lassen. Außerdem, hatte die EWG ja nun gar nichts mit dem 2. Weltkrieg zu tun! Obendrein verstehe ich nicht, warum Frankreich, einen Nachteil von der Mitgliedschaft GB's in der EWG gehabt hätte? Ganz im Gegenteil! Dadurch hätte sich die Einwohnerzahl der EWG erhöht. Und somit den gemeinsamen Markt vergrößert. Was über kurz oder lang, auch französischen Firmen geholfen hätte. Es wäre schön wenn, jemand hierzu mal ein paar Fakten und Zahlen liefern könnte.
     
  2. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Der weitsichtige Charles de Gaulle hat wohl damals schon den ganzen Brexit-Ärger vorausgeahnt.
     
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  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Indirekt zumindest schon. Die Idee war, die Wirtschaft Frankreichs und Deutschlands so miteinander zu verflechten, dass beide Länder nie wieder einen Krieg gegeneinander zu führen in der Lage seien.
     
  4. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Aktuell ist Jean Monnets anscheinend wirklich weitsichtige und sehr gute Einschätzung britischer Eigenheiten in der Politik wieder verblüffend. Monnet sprach sich nach dem I. Weltkrieg für weitergehende europäische Kooperationen aus, ihn kann man ja durchaus als Vorreiter und wesentlicher Schöpfer der Idee einer europäischen Union bezeichnen, warnte wohl schon damals vor Sonderkonditionen für UK.

    Ansonsten kann man die EWG durchaus als ein Ergebnis der Erfahrungen beider Weltkriege in Europa einstufen. Das Engagement und die Ideen Monnets seit dem Ende des I. Weltkriegs belegen dies.
    Von der Schumann'schen Montanunion über die EVG bis zur EWG.
     
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  5. -muck-

    -muck- Aktives Mitglied

    In der grandiosen und hellsichtigen britischen Politsatire "Yes, Minister" wurde die britische Haltung der europäischen Einigung gegenüber einmal folgendermaßen erklärt:

    Sir Humphrey Appleby: "Britain has had the same foreign policy objective for at least 500 years: to create a disunited Europe. In that cause we have fought with the Dutch against the Spanish, with the Germans against the French, French and Italians against the Germans, and the French against the Germans and Italians. Divide and rule, you see. Why should we change now, when it’s worked so well?"

    Jim Hacker: "It’s all ancient history, surely."

    Sir Humphrey Appleby: "Yes, and current policy. We had to break the whole thing up, so we had to get inside. We tried to break it up from the outside, but that wouldn’t work. Now that we are inside, we can make a big pig’s breakfast of the whole thing! Set the Germans against the French, French against Italians, Italians against Dutch — The Foreign Office is terribly pleased! It’s just like old times!"

    Jim Hacker: "Surely we are committed to the European ideal!"

    Sir Humphrey Appleby: "Really, Minister!"

    Jim Hacker: "If not, why are we pressing for an increase in membership?"

    Sir Humphrey Appleby: "For the same reason. It's just like the United Nations, in fact. The more members it has, the more arguments it can stir up, the more futile and impotent it becomes."

    Jim Hacker: "What appalling cynicism!"

    Sir Humphrey Appleby: "Yes. We call it 'diplomacy', Minister."​

    Hinzuzufügen bleibt, dass eine Art Erbfeindschaft auch zwischen Großbritannien und Frankreich existiert(e). Seit die deutsch-französische Versöhnung Deutschland als Rivalen ausscheiden ließ, betrachtet man in Frankreich Großbritannien als wichtigsten europäischen Rivalen (und umgekehrt genauso). De Gaulle handelte aus seiner Sicht folgerichtig, indem er den Rivalen aus dem europäischen Konzert der Mächte entfernte.
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 10. Juni 2022
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  6. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Im politischen Milieu immer noch unterschwellig und vielfach tradierte Führungs- und Bedeutungskonkurrenz zwischen UK und Frankreich, gespeist aus französischem Bewusstsein als lange postulierte Grande Nation mit imperialen Ambitionen und britischem Reflex auf die eigene (frühere) lange Rolle als relativ unabhängige Groß- und Weltmacht.

    Dass UK einfach nicht in die Händel des Kontinents ein- oder verbunden sein sollte, ist ebenso gute Tradition in politischen Kreisen und politischem Denken auf der Insel. Und de Gaulle betonte gerne GB's Insellage, eben nicht Teil des europäischen Kontinents.
     
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  7. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    Also mein Opa hat das so erklärt:
    De Gaulle war Lothringer und er hat den Briten nie verziehen, dass die im Mai 1431 die prominenste Lothringerin in Rouen gegrillt haben.
    Die Abneigung mag allerdings tatsächlich einen historischen Hintergrund haben : England und Frankreich waren jahrhunderte lang Rivalen was die Grossmachtstellung in Europa und im kolonialen Bereich betrifft und de Gaulle war bemüht ,der sich verstärkenden angelsächsischen Dominanz ein Gegengewicht entgegen zu setzen. Dazu benutzte er einerseits die Communaute und andererseits die EWG .
    Innerhalb der EWG war Frankreich damals weifelsohne das führende Mitglied, da weder Deutschland noch Italien nach dem Krieg die entsprechende Reputation hatten .Wäre England in dieser frühen Phase dazu gestossen, hätte dies einen Dualismus zweier Goßmächte bedeutet.
     
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  8. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Also laut wiki ist er in Lille geboren und aufgewachsen. Lille ist nicht Lothringen, sondern gehörte seit dem Mittelalter zum französischsprachigen Teil von Flandern.
     
  9. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    das stimmt, aber er hat in Colombey les Deux Églises gewohnt ,und das ist in Lothringen. Und nicht umsonst war das Symbol der FFL das croix lorraine
     
  10. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Er ist 1934 mit 43 oder vielleicht auch 44 Jahren nach Colombey les Deux Églises gezogen. Der Ort gehört zum Département Haute-Marne, das bis 2015 in der Region Champagne-Ardenne lag. 2016 wurden die Regionen Alsace (Elsaß), Lorraine (Lothringen) und Champagne-Ardenne zur Region Grand Est zusammengelegt.
     
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  11. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Gut gesehen, auch Letzteres.
    Abgesehen davon, dass die britischen Akteure damals (wie heute und seit je) kaum oder keine europäische Visionen zu bieten hatten, Frankreich damals aber gleich die zwei wohl bedeutendsten europäischen Vordenker u. Gründerfiguren, Robert Schuman und Jean Monnet.
     
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