Warum Weimar? Die Wahl des Tagungsortes der Nationalversammlung

Dieses Thema im Forum "Die Weimarer Republik" wurde erstellt von floxx78, 4. September 2012.

  1. floxx78

    floxx78 Aktives Mitglied

    Ich wurde heute gefragt, warum ausgerechnet Weimar als Tagungsort der Nationalversammlung ausgewählt wurde.

    Die Antwort, dass Berlin nicht gewählt wurde, weil man befürchtete, dort nicht ungestört arbeiten zu können, befriedigte nicht und war zugegebenermaßen ja auch ausweichend (und vielleicht auch nicht einmal völlig korrekt, denn eventuell mögen ja auch tiefere Gründe bei der Entscheidung gegen Berlin eine Rolle gespielt haben, wie z. B. die bewusste Abgrenzung von den Traditionen des Kaiserreichs).

    Also: Warum Weimar?

    Im Netz habe ich bislang nur nicht näher belegte Angaben gefunden, wie z. B. dass Weimar gewählt wurde, um der Republik einen Bezug zur Weimarer Klassik zu geben (halte ich für denkbar) oder dass die einzig sichere Reisemöglichkeit hinaus dem revolutionären Berlin vom Anhalter Bahnhof aus bestand (halte ich für schräg).

    Vielleicht könnt ihr ja nähere Informationen beisteuern!
     
  2. YoungArkas

    YoungArkas Neues Mitglied

    Also erstere Erklärung habe ich auch bereits gehört. Das Nationatheater selber war während der Revolution einer der Unruheherde gewesen. Die provisorische Landesregierung wurde von SPD und DDP gestellt, die mit breiter Mehrheit in Sachsen-Weimar-Eisenach regierten. Die Mehrheitsfraktionen konnten sich also sicher sein "bei Freunden" zu Gast zu sein.

    Dazu war das Theater ein relativ neuer und großer Bau, der erst 1908 errichtet wurde. Vielleicht war das ein praktischer Grund für die Ausrichtung in Weimar.
     
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  3. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Ich habe gelesen, dass einer der Faktoren, Weimar zu nehmen, die Möglichkeit war, die Fluglinie Berlin/Weimar der "Deutschen Lufreederei" (DLR) nutzen zu können. Am 5. Februar 1919 starteten 7.10 Uhr und 10.00 Uhr zwei Maschinen für die neue Reichsregierung. Eine AEG J II transortierte 40 Briefe und 63 kg Zeitungen und eine LVG CV 105 Briefe und 128 kg Zeitungen. Die erste Maschine benötigte 2,5 Stunden, die zweite kam wegen einer Notlandung erst am späten Nachmittag an.
    Mit der Bahn hätte die Post bis zu vier Tage benötigt.
     
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  4. floxx78

    floxx78 Aktives Mitglied

    Danke für den Hinweis. Da aber die Wahl auf Weimar schon am 14. Januar 1919 fiel, könnte der Zusammenhang doch auch anders herum gewesen sein, oder? Vielleicht fiel die Entscheidung, eine Fluglinie Weimar-Berlin einzurichten, weil man dies aufgrund der Wahl Weimars zum Tagungsort als besonders dringlich empfand?

    Über weitere Hinweise hierzu würde ich mich freuen!
     
  5. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Die von der AEG gegründete Deutsche Luftreederei bekam am 8. Januar vom Reichsluftamt eine befristete Flugerlaubnis, nach der sie vom 10. Januar an bis Ende Januar für Propagandazwecke (Flugblätter) Luftverkehr betreiben durfte. Am 28. Januar wurde die Befristung aufgehoben und die Zulassung auf Post- und Nachrichtenbeförderung erweitert. Das ging also alles fast Hand in Hand. Etwas Explizites habe ich aber leider nicht finden können.

    Noch nebenbei. Aus Sicherheitsgründen durfte Weimar nur bis auf eine Entfernung von 5 km angeflogen werden.
     
  6. floxx78

    floxx78 Aktives Mitglied

    Kleine Ergänzung: Ich bin auf diesen Artikel aufmerksam gemacht worden, der sich mit der Wahl Weimars als Resultat der damaligen Auseinandersetzung über Zentralismus und Föderalismus beschäftigt:

    Heiko Holste: Weichenstellung Weimar – Der Tagungsort der Nationalversammlung als Vorentscheidung über Föderalismus oder Zentralismus, in: Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Thüringen (Hg.): Die Weimarer Verfassung – Wert und Wirkung für die Demokratie, Erfurt 2009, S. 107-117. URL: http://library.fes.de/pdf-files/bueros/erfurt/06868.pdf.
     

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