Was hat England bei der industriellen Revolution versäumt?

Dieses Thema im Forum "Nordeuropa | Skandinavien" wurde erstellt von Gast, 4. Dezember 2004.

  1. Gast

    Gast Gast

    Was hat England alles falsch gemacht, daß sie von Deutschland wirtschaftlich in der industriellen Revolution eingeholt wurden, obwohl sie so einen großen Vorsprung hatten?
     
  2. Andronikos

    Andronikos Neues Mitglied

    Das fragen die sich wahrscheinlich noch heute, gewinnen den Krieg und sind wirtschaftlich doch schnell wieder nur zweite Geige. :p

    Das hat wahrscheinlich viel mit dem Verbrauch der Kräfte zu tun gehabt. Ein Weltreich kostet in erster Linie einmal eine Menge Geld im Unterhalt. Die ganzen Eisenbahnen müssen auch bezahlt werden, die Schiffsverbindungen unterhalten werden und die Streitkräfte in den Kolonien wollen auch bezahlt werden.
     
  3. Kirlon

    Kirlon Aktives Mitglied

    Im Prinzip ist die Frage falsch gestellt. Diese müsste eher lauten, was im deutschsprachigen Raum alles richtig gemacht wurde, um im Zeitalter der Industriellen Revolution auch auf wirtschaftlichem Gebiet zum britischen Weltreich aufschließen zu können.

    Ein wesentliches Faktum ist, dass deutsche Erfinder und Unternehmer zunächst in Großbritannien lernten und auch spionierten, um Verfahren und Abläufe der industriellen Produktion in deutschen Unternehmen nachahmen zu können, dann aber relativ rasch in der Lage waren, solche Verfahren und Abläufe zu optimieren und auch weiterzuentwickeln. Eines von vielen Beispielen auf dem Sektor der Stahlherstellung und -verarbeitung ist die Firma Fried. Krupp aus Essen, deren Grundlagenwissen vom Gründer in England erworben wurde, deren Produktionsprinzipien, die das Unternehmen schließlich an die Weltspitze führen sollten, jedoch auf eigenen Weiterentwicklungen basierten.

    Das Weltreich (bzw. die Kolonien) der Briten ist jedenfalls mit Sicherheit kein Grund, dass die englische Wirtschaftsleistung gegenüber der deutschen zurückfiel.
    In dem fraglichen Zeitraum kosteten die Kolonien die britische Krone kein Geld, sondern brachten Unsummen an Gewinnen ein, die gerade durch die Entwicklung der Infrastruktur noch gefördert wurden. Auch in Bezug auf Industriegüterproduktion und -absatz war das Weltreich von enormer Bedeutung. Kolonien bedeuteten nämlich die äußerst preisgünstige Gewinnung von Rohstoffen aller Art sowie eine exklusive Vergrößerung des eigenen Absatzmarktes, ohne ausländische Konkurrenz fürchten zu müssen.

    Nebenbei bemerkt bleibt aber festzuhalten, dass das deutsche Kaiserreich diese Vorteile aus seinen (spät erworbenen) Kolonien nicht ziehen konnte, sondern diese - anders als die britischen Besitzungen - tatsächlich Geld verschlangen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. Dezember 2004
  4. sakk

    sakk Neues Mitglied

  5. Teutobold

    Teutobold Gast

    Das hört sich an, als habe England Fett angesetzt, während Deutschland – mager, hungrig – sich umschauen musste.
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 10. Dezember 2005
  6. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Das mit den Kolonien würde ich nicht so absolut behaupten.

    Ab einem gewissen Moment begannen sie mehr zu kosten als sie einbrachten, wobei dieses nach dem Motto verlief "Kosten verstaatlichen, Gewinne privatisieren". Ob dieses vor oder nach dem Beginn des Niedergangs erfolgte, bzw. wann genau sich die beiden Verlaufskurven kreuzten, wäre zu untersuchen. Ein Punkt hierbei wäre z.B. der Burenkrieg, der dem britischen Fiskus enorme Kosten verursachte für eine Kolonie, die dem Staat wohl kaum entsprechende Gewinne einbrachte, einige Privatleute jedoch sehr reich machte. Kriege gegen "Wilde" waren deutlich billiger als gegen die hochgerüsteten und gut ausgebildeten Buren. Es gab zum Ende hin auch viel kleine Kriege die zwar wenig kosteten, jedoch absolut nichts einbrachten wie die Abenteuer im Sudan, im Somaliland und Afghanistan.

    Es gibt jedoch noch einen weiteren Faktor, der zu berücksichtigen wäre. Der Besitz von Kolonien fördert nicht unbedingt die Entwicklung der Industrie. Das Vorhandensein "gefangener" Märkte kann sich sogar negativ auswirken da es innovationshemmende Effekte aufweist. Man braucht sich nicht anzustrengen, da der Absatz ja garantiert ist (z.B. die britischen Baumwollgewebe in Indien).

    Ein bestimmtes Ereignis ist jedoch massgeblich. Bis zu dem ersten Weltkrieg besaß GB die mit Abstand weltweit größten Finanzreserven und damit auch entsprechende Investitions- und Innovationsfähigkeit. Nach dem Krieg war es zutiefst verschuldet und die neue größte Finanz und Industriemacht waren die USA. Der zweite Weltkrieg verstärkte dieses Bild zusätzlich. Danach saß man auf einer veralteten Industrie (an der jedoch nicht gezweifelt wurde, da sie zwei Kriege "gewonnen" hatte) auf einem zerbröckelnden und teuren Weltreich (überall rebellierte irgend jemand) und war schlicht gesagt "pleite". Kein Geld, keine Energie, und vor allem keine Motivation mehr.
     
  7. Schini

    Schini Neues Mitglied

    Mir erscheint dieses Bild doch etwas verzerrend. Auf der einen Seite steht in jedem Fall England, das lange Jahre eine Vorreiterrolle einnahm und auf der anderen Seite die Nachzügler, die von Zweitrundeneffekten profitierten. Aber dies mit mehr oder weniger adipösen Strukturen zu verbinden ist mE ein Trugschluß weil zu simpel. Auch andere Staaten nahmen am Aufholprozess teil, aber nicht so erfolgreich wie Deutschland und auch England mangelte es in der zweiten Hälfte des 19. Jhdts. nich an Erfolgen.
     
  8. ponzelar

    ponzelar Neues Mitglied

    deutschland vefügte über immerhin einige rohstoffe, über eine zentrale also verkehrsgünstige lage, reichlich billiges und relativ gut ausgebildetes arbeitspersonal und auch noch über einiges kapital, z.t. beim adel, der sich ja in schlesien z.b. durchaus auch industriell betätigte, teils beim handelsbürgertum der alten städte, der "rheininischen weinresienden", wie bismarck sie verspottete und bei den unternehmern der protoindustrialisierung. handesls- und verkehrshemmnisse wurden durch den zollverein verringert. agrarische revolution, bevölkerungswachstum gab es sowieso.

    daß frankreich bei der industrialiserung zurückblieb -hab leider die quelle vergessen- wurde auch damit erklärt, daß frankreich aufgrund seines sehr üppigen agrarischen reichtums wenig veranlassung hatte, sich zu industrialiseren. ob also umgekehrt deutschland die industrialisierung besoners nötig hatte und sich deshalb besoners anstrengte?
     
  9. Arcimboldo

    Arcimboldo Aktives Mitglied

    Die für England siegreiche Beendigung der napoleonischen Kriege schaltete Frankreich für Jahrzehnte in wirtschaftl. Hinsicht mehr aus als in politischer. Ohne die franz. Konkurrenz auch im vord. Orient begann England mit dem Ausbau strateg. Schlüsselpositionen für den Ausbau des brit. Empire.
    Schon im 18. Jahrh. bemerkt Voltaire :
    "Der Handel, der die Bürger Englands reich gemacht hat ,hat dazu beigetragen sie frei zu machen - und die Freiheit
    hat ihrerseits den Handel erweitert. Darin besteht die Grundlage der Größe des Staates. "
    ( Lettre philosophique, Brief 10).
    InAnlehnng an den Handelserfolg gilt dies im 19. Jahrh. dann auch für den industriellen Erfolg und deren spez. englischen Vorraussetzungen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 28. Dezember 2005
  10. Renard

    Renard Mitglied

    Bezüglich des deutschen Wirtschaftsaufstieges:

    Ein von Kirlon bereits genannter Grund für das rasche, wirtschaftliche Aufholens des Kaiserreiches dürfte in den gezielten Investitonen in Bildung und Forschung liegen. Es gab zahlreiche Entwicklung in diesem Bereich (Universitätsgründungen bzw. Weiterentwicklungen von sog. polytechnischen Schulen etc.), die dann den Fachkräftebedarf decken konnten.
    Die TU, an der ich im Moment studiere war z.B. ein solches Polytechnikum und wurde, da in der Provinz , erst 1894 gegründet.
    Aber auch das Großforschungsinstitut die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (heute mit Max-Planck vergleichbar) trug sicher seinen Teil dazu bei. Durch die humanistischen Ideale Humboldts genossen aber auch die Geisteswissenschaften einen hohen Stellenwert. Die führende Rolle im Bereich der Elektro- und Chemie-Industrie, also der damals moderenen Industrien, hat sicher auch technologische Gründe und sicherte so den wirtschaftlichen Aufschwung und führende Postionen am Weltmarkt. So wurden um 1900 fast der gesamte Weltmarkt im Bereich der synthetischen Farben von deutschen Firmen produziert. Das hat aber auch zur Giftgasproduktion und Ammoniaksynthese (Haber-Bosch-Verfahren für den militärischen wichtigen Salpeter; ebenso Düngemittel) im 1. Weltkrieg durch Fritz Haber geführt.
    Unter den Nobelpreisträger der ersten 30 Jahre nach 1901 sind wesentlich mehr deutsche Forscher als heute.
     
  11. macabre

    macabre Neues Mitglied

    Es ist ein typisches Merkmal bei der Industrialisierung dass diese umso schneller vonstatten geht desto mehr "andere" im Sinne von Handelspartnern, Staaten und ähnlichem schon industrialisiert (bzw. weiter industrialisiert) sind.
    Beispielsweise brauchte England damals (ab ca. 1780) zuerst 58 Jahre, um den Wohlstand zu verdoppeln, wohingegen Japan Hundert Jahre später 34 benötigte um die selbige Leistung zu vollbringen. Weitere Hundert Jahre später vollbrachte Südkorea dies in "nur" 11 Jahren.
     
  12. Enginger

    Enginger Neues Mitglied


    Eigentlich hat England gar nichts versäumt.
    Es ist nur ein "Opfer" der Weltwirtschaftlichen Situation geworden; sprich es ist gegenüber jemanden, der besser mit den vorhandenen Ressourcen umgehen konnte in Rückstand geraten.
    Dies ist übrigens Grundlage der ökonomischen Thorie. (Wirtschaftsgeschichte)
    Gerne auch mal bei Stichwort "Ricardo" => "komparative Kostenvorteile" oder "Theorie der langen Wellen" nachschauen...
     
  13. Sascha Maletic

    Sascha Maletic Neues Mitglied

    Was die Engländer falsch gemacht haben, weiß ich leider auch nicht. Aber sie waren richtig frustiert als nach den 2. Weltkrieg in Deutschland die Lebensmittelkarten früher abgeschafft wurden als in England!

    Stimmt das?
     
  14. Albatros

    Albatros Neues Mitglied

    Was? Dass sie frustriert waren oder dass die Rationierung länger beibehalten wurde?

    1. Weiß ich nicht. Aber es muss schon einiges passieren, bevor die Briten anfangen zu meckern.

    2. Das hing u.a. damit zusammen, dass GB eine Menge Schulden hatte, daher keine Devisen für den Kauf von Lebensmitteln im Ausland zur Verfügung standen. Man hat versucht, den Bedarf weitestgehend aus der sog. "Sterling-Zone", also dem, was vom Empire übrig war, zu decken, was aber nicht sonderlich gut ankam. Die Leute wollten Sardinen und nicht irgendwelche komischen Fische aus dem Südatlantik.
     
  15. Sascha Maletic

    Sascha Maletic Neues Mitglied

    Mit den Lebensmittelkarten


    Na gut, vielleicht nicht frustiert, aber sie waren erstaunt, dass das besiegte und in Trümmern liegende Deutschland sie als Siegermacht schon wieder überholt hat. Begründet wurde das, glaube ich, mit den Marshall-Plan, von den die Deutschen profitierten. Aber die Engländer auch!
     
  16. Witte

    Witte Gast

    Nicht zu vergessen, das das Deutschland demographisch stärker ist und war und somit mehr Potenzial als Großbritannien hatte.
     

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