Welchem Weltbild hing Leonardo an?

Dieses Thema im Forum "Krisenzeiten und Renaissance (14. - 15. Jhd.)" wurde erstellt von Artefakt, 28. Januar 2013.

  1. Artefakt

    Artefakt Mitglied

    Hallo forum,

    wahrscheinlich eine ganz einfache Frage. - Ich finde aber keine befriedigende Antwort.
    Welchem Weltbild hing eigentlich Leonardo da Vinci an?
    Leonardo starb 1519. Von 1512-19 stand er im Dienst des Papstes.
    Copernicus veröffentlichteseine Haupt-Schriften in den 1540er Jahren.
    In Gelehrtenkreisen wurde - auch damals viel diskutiert.
    Es gab schon viele Jahre vorher die Theorie, dass die Planeten um die Sonne kreisen. Allerdings konnte man sich das nicht wirklich vorstellen....müssten doch die Menschen bei der Bewegung der Erde runterfallen....

    Nun wird der absolut "up-to-date"-Mensch Leonardo nicht gedacht haben, dass die Welt eine Scheibe ist. Wie hat er sich die Welt und das Sonnensystem vorgestellt?
    Und musste seine Theorien für sich behalten, um nicht mit der Kirche in Konflikt zu geraten?
    Oder war das Problem mit der Kirche zu seiner Zeit noch nicht so arg?

    Viele GrüßeArti
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Hallo Arti,

    es ist ein Irrtum anzunehmen, dass das Mittelalter gedacht habe, die Erde sei eine Scheibe. Das geozentrische Weltbild hat die Erde genauso wie das heliozentrische Weltbild als Kugel gesehen.

    EQ
     
  3. Artefakt

    Artefakt Mitglied

    Hallo El Quijote,

    Danke für die schnelle Rückmeldung. Also war der Streitpunkt, dass im heliozentrischen Weltbild vermutet wurde, dass die Sonne der Mittelpunkt des Universums ist - und nicht, wie bislang angenommen, die Erde.

    ....jetzt fällt mir auch wieder ein, dass ich in einer Ausstellung einmal über sehr alte Globen gestaunt habe. Hab gerade nochmal unter Wiki das Schlagwort "Globus" eingegeben....erstaunlich!

    Über die Form der Erde - kugelig-oder nicht - wurde nie gestritten?
    höchstens disputiert-aber nie mit tödlicher Konsequenz?

    Grüße
    Arti
     
  4. Thristan

    Thristan Neues Mitglied

    Hallo :winke:

    Die Frage welchem Weltbild Leonardo anhing lässt sich nur differenziert beantworten.

    Vorweg: In meinem Buch (Die Geschichte der Astronomie; Couper & Henbest) taucht sein Name bezeichnenderweise nicht auf (was für sich allein noch nichts bedeutet), aber schon ein Hinweis darauf ist, das er keine eindeutige Bejahung des heliozentrischen Weltbildes vornimmt (was insofern erwähnenswert wäre, da er Kopernikus zuvor gekommen wäre).

    Das geozentrische Weltbild (Ptolemaisches Weltbild) wurde erst offiziell von Kopernikus 1543 mit dessen Hauptwerk "De Revolutionibus" vom heliozentrischen Weltbild widerlegt, mehr als 20 Jahre nach Leonardos Tod. Danach folgt eine merkwürdige Mischform von Tycho Brahe und schließlich Johannes Kepler (der die Ellipsenbahn ins heliozentrische Weltbild einfügt).

    Doch wie ist es nun genau um Leonardo bestellt?

    Er beschäftigte sich fast sein ganzes Leben mit dem Vogelflug und konnte die Auswirkungen der Schwerkraft, beispielsweise in seinen Konstruktionen (seine Arbeiten an der Kathedrale von Florenz, sowie dem unvollendeten Sforza-Pferd) erahnen, ohne das er dies jemals als "Kraft" zu Papier brachte. Ich denke für seinen ersten Lebensabschnitt bis zur ersten Abreise nach Mailand hing er wohl ganz offen dem alten, geozentrischen Weltbild an.

    In Mailand selbst verbesserte er sein (nicht schulmäßig erworbenes Latein) und kam über die Malerei und das Beobachten von Schatten und Schattierungen um 1490 darauf, dass der Erdschatten bei einer Mondfinsternis sichtbar ist (Stichwort: Sekundärlicht, Rückstrahlung etc.).

    Um 1496 traf er in Mailand mit dem Mathematiker Luca Pacioli zusammen, der ihn wohl von Aristoteles hin zu Platon gezogen hat. In welcher Art das Leonardos Denken beeinflusst hat, ist stark umstritten.

    Im Zeitraum 1508 und 1510 entstanden Aufzeichnungen auf denen er die Sonne "lobte" oder als Thema behandelte.

    Zitat (Leonardo da Vinci, Nicholl, Seite 545):

    >>Ich sehe im ganzen Weltall keinen Körper, der größer und mächtiger ist als sie, und ihr Licht beleuchtet doch alle Himmelskörper, die im Weltall verteilt sind. Alle Lebenskraft rührt von ihr her, denn die Wärme, die in den Lebewesen ist, kommt von dieser Lebenskraft. Auch gibt es keine andre Wärme- oder Lichtquelle im Weltall.<<Zitat Ende

    1510 heißt es auf einer seiner Notizen: >>Il sole non si muove<< (>>Die Sonne bewegt sich nicht<<).

    Eine mögliche Interpretation ist die, dass er zu diesem Zeitpunkt, neun Jahre vor seinem Tod, dem heliozentrischen Weltbild anhing. Offen ausgesprochen hat er das aber wahrscheinlich nicht.

    Jupp, man bedenke nur die Geschichte vom Reichsapfel als Insignie der Macht
     
    Zuletzt bearbeitet: 28. Januar 2013
  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Dass die Erde eine Kugel war, war auch im Mittelalter - entgegen frühneuzeitlicher Behauptungen, die das MA verächtlich machen wollten - durchaus bekannt.
    Ich weiß leider nicht mehr genau wo, aber bei irgendeinem französischen Mönch aus dem 13. Jahrhundert kann man lesen, dass die Menschen auf der Erde umherliefen, wie die Fliege auf einem Apfel.
     
  6. Thristan

    Thristan Neues Mitglied

    @El Quijote

    Meinst du vielleicht Nicolaus Cusanus mit der Coincidentia oppositorum, dem Zusammenfall der Gegensätze?

    Das Beispiel mit der hinreichend großen Kugel, die dann praktisch zur Geraden wird?:grübel:
     
  7. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Will ich jetzt nicht abstreiten, aber das wäre weder ein französischer Mönch noch aus dem 13. Jhdt.
     
  8. Artefakt

    Artefakt Mitglied

    Wow! Was für ein Bild. ich möchte unbedingt herausfinden, wer dieses Bild erfunden hat.
    Grüße
    Arti
     
  9. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

  10. Artefakt

    Artefakt Mitglied

    In der Biografie von Charles Nicholls habe ich gelesen, dass Leonardo gesagt haben soll, es gäbe viele Kinder mit zeichnerischem Talent. Die meisten aber verwenden keine Aufmerksamkeit beim Darstellen der Schatten. -
    Ich finde das exakte Zitat gerade nicht. Interessant, dass ihm die Schatten über die Zeichnung und Malerei hinaus viel bedeutet haben.

    Danke für den ausführlichen post. -

    Grüße
    Arti
     

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