weltliche Macht der Päpste

Dieses Thema im Forum "Das Papsttum" wurde erstellt von Tangua, 21. Juni 2006.

  1. Tangua

    Tangua Neues Mitglied

    Hallo,
    wie kam das Papsttum im Laufe der Zeit zu immer größerer weltlicher Macht?
    Haben die weltlichen Herrscher zu spät versucht etwas dagegen zu unternehmen?
     
  2. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Hallo Tangua,

    sieh es mir bitte nach, aber dazu muß ich einige Rückfragen stellen...

    Du hast den Einführungsthread von Imperator hier gelesen?
    http://www.geschichtsforum.de/showthread.php?t=1070
    Und die Diskussion um die Konstantinische Schenkung?
    http://www.geschichtsforum.de/showthread.php?t=1512
    Und die Diskussion über die Herrscher des Vatikans?
    http://www.geschichtsforum.de/showthread.php?t=7007

    Dort sind meines Erachtens bereits viele Dinge dazu genannt worden bzw. entsprechend Links referenziert worden.

    Diese Frage läßt sich IMHO kaum beantworten; und ich könnte andersherum ebenso danebenstellen: bestimmte weltliche Herrscher hatten nicht geringen Anteil am Machtzuwachs der Päpste.
     
  3. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Die weltliche Macht der Päpste war, sofern sie den von ihnen regierten Kirchenstaat betrifft, minimal. Zwar erhielten sie durch die Schenkung des Frankenkönigs Pippin im Jahr 764 große Gebiete in Mittelitalien, die das Fundament des "Patrimonium Petri" bildeten. Doch da der Kirchenstaat bis zu seiner Auflösung wirtschaftlich rückständig und politisch ohnmächtig blieb, war er stets vom Wohlwollen der Großmächte abhängig, die Italiens Geschicke bestimmten.

    Am Ende der napoleonischen Zeit verschwand der Kirchenstaat sogar, wurde aber 1815 durch den Wiener Kongress erneut errichtet, bis er dann 1870 im Zuge der italienischen Einheitsbewegung völlig in Italien aufging.

    Echte weltliche, territoriale Macht besaßen die Päpste daneben höchstens noch im Heiligen Römischen Reich, wo sie über die geistlichen Staaten der Fürstbistümer und deren regierende Bischöfe Einfluss nehmen konnten. Doch waren diese Fürstbischöfe höchst selbstbewusste Fürsten, die sich auch von Päpsten nicht ohne weiteres etwas vorschreiben ließen.

    Die Einflussnahme der Päpste z.B. über jesuitische Berater und Beichtväter an Fürstenhöfen würde ich nicht unter "weltliche Macht" subsummieren. Hier müsste eine neue Frage gestellt werden: Inwiefern wirkt(e) sich die geistliche und moralische Autorität der Päpste auf weltliche Belange aus.
     
  4. Herold

    Herold Neues Mitglied

    Da möchte ich widersprechen: Spätestens seit dem Spätmittelalter war der Kirchenstaat eine der maßgeblichen Territorialmächte Italiens. Der Vertrag von Lodi zementierte 1454 die sogenannte italienische Pentokratie, in der neben Mailand, Venedig, Florenz und dem Königreich Neapel der Kirchenstaat eine herausgehobene Rolle einnahm. Der Kirchenstaat war eine nennenswerte weltliche Macht, in dessen Herrschaftsausübung strukturell kaum anders als Territorien im übrigen Europa der Zeit. Neben seinem universalen geistlichen Anspruch betrieb auch er eine expansive Arrondierungspolitik nach außen und eine Politik administrativer Verdichtung nach innen. Höhepunkt expansiver Bestrebungen war die angestrebte Schaffung eines Fürstentums Romagna durch den Papstsohn Cesare Borgia. Aber auch von solchen Extremen abgesehen waren päpstliche Diplomaten und Feldherren in Italien äußerst aktiv. Gerade im Kirchenstaat wurden viele modern anmutende Herrschaftskonzepte erdacht, ausprobiert und fortentwickelt, von einer hochentwickelten Administration über den Einsatz von Medien zur Herrschaftspropaganda bis hin zu politischer und kultureller Patronage par excellence. Mit der Konsolidierung des barocken Papsttums wird der praktisch unbegrenzte Horizont geistlicher Führung der gesamten Christenheit zwar stärker als vorher in den Mittelpunkt gerückt, aber bis zu Napoleon bleibt der Kirchenstaat auch eine weltliche Regionalmacht in Italien, an deren Interessen auf der Appenninhalbinsel kein Weg vorbeiführt.


    Der Einfluss des Papstes auf die Territorialpolitik in der Germania Sacra hielt sich hingegen eher in Grenzen. Natürlich hatte er Einflussmöglichkeiten, die auf verschiedene Weise genutzt werden konnten, aber hier waren es die Bischöfe, die als Landesherren an einer möglichst ungeschmälerten Herrschaftsausübung interessiert waren. Ganz im Trend der frühen Neuzeit versuchten auch sie, konkurrierende Herrschaftsansprüche abzuwehren und kein Papst konnte direkt intervenieren und bischöfliche Kompetenzen an sich reißen. Es sei in diesem Kontext auch daran erinnert, dass der Papst auch keine direkte Kontrolle über die Wahl der Bischöfe hatte. Also, was die Territorien jenseits der Grenzen des Kirchenstaates angeht: Einfluss ja, territoriale Herrschaftsmittel nein.


    Wirklich gute Frage! Hier dürfte sich zeigen, wie das kuriale Herrschaftssystem in seinem Innersten aufgebaut war, nämlich auf eine heilsgeschichtlich-moralische Legitimation, verbunden mit gewissen Herrschaftskompetenzen, in weiten Teilen aber über informelle Machtgefüge, Einflussmöglichkeiten und Loyalitäten, perfektioniert durch Medienpropaganda und Patronage, gekrönt durch eine oberste richterliche Funktion, und am Laufen gehalten durch eine effiziente Administration und Justiz.
     
  5. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Es ging mir eigentlich nur darum, die Vorstellung von "großer weltlicher Macht" der Päpste zu relativieren. Niemand wird bestreiten, dass der Kirchenstaat eine italienische Mittelmacht war, die im Konzert vor allem mit Venedig, Neapel, Mailand und Savoyen/Piemont agierte. Eine europäische Großmacht war dieser Staat freilich nicht und auf diese Erkenntnis zielten meine wenigen Zeilen.

    Dass sich der Einfluss des Papstes auf die geistlichen Reichsfürsten in Grenzen hielt, habe ich ausdrücklich betont, und du hast es nochmals unterstrichen
     

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