Westpolen, Südpreussen, Posen, Schlesien in der frühen Neuzeit

Dieses Thema im Forum "Russland | Sowjetunion | Osteuropa" wurde erstellt von rena8, 14. August 2011.

  1. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    In Kobylin ? Wikipedia ist mir folgender Satz aufgefallen: "Als Folge der Gegenreformation kam es um 1630 durch eine Massenflucht aus Schlesien zu einem bedeutenden Zuzug von Protestanten, die zu einer deutlichen Erweiterung Kobylins beitrugen."
    Ich wüßte gern mehr über ihre Gründe, warum sie gerade in der Gegend südlich von Posen mehr religiöse Freiheit erwarteten als im habsburgischen Schlesien.

    Darüberhinaus interessiert mich die weitere wechselvolle Geschichte dieser Gegend bis zum 1. WK, besonders die Auswirkungen auf die einfachen Leute.
     
  2. Lili

    Lili Neues Mitglied

    In Schlesien war die katholische Gegenreformation in vollstem Gange, die gerade in den habsburger Erblanden mit besonderer Schärfe betrieben wurde. Schlesien war als Nebenland des Königreichs Böhmen und zusammen mit einigen anderen Gebieten erst 1627 durch die Verneuerte Landesordnung zu einem habsburger Erbland erklärt worden, was im folgenden zu einer sehr strikten Gegenreformation u.a. auch in Schlesien führte.

    Zur protestantischen Immigration des 16. und 17. Jahrhunderts nach Polen habe ich hier einen Aufsatz: http://www.drhdl.de/pdfs/Boehm_Brueder.pdf
     
  3. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Danke Lili, gestern hatte ich kurz überlegt, das Thema unter Zeitalter der Glaubensspaltung (1517 - 1648) - Geschichtsforum.de - Forum für Geschichte zu eröffnen, weil mir bei meiner Suche nach den Gründen u.a. die Böhmische Brüder ? Wikipedia begegnet sind.
    Vorläufig möchte ich mich nicht mit der Geschichte des Protestantismus verzetteln und vermisse deshalb eine knappe, chronologische Tabelle von Waldenser ? Wikipedia bis ?.

    Auch die weitere Geschichte dieser Gegend erscheint mir interessant, weil auch später revolutionäre Gedanken und Ideen früh aufgegriffen oder entwickelt wurden, die Umsetzung in den Alltag jedoch meist scheiterte, z.B. Wahlkönigtum der Szlachta oder die polnische Verfassung von 1791.
    Trotzdem oder gerade deswegen ist das geistige Klima immer offen und tolerant geblieben bis in die jüngste Vergangenheit, Solidarno?? ? Wikipedia.
    Jedenfalls ist das mein erster Eindruck und daher würde ich gern über die westpolnische Geschichte diskutieren, vielleicht habt ihr ja Gegenbeispiele?
     
  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Vor und während des 30jährigen Krieges gilt für den polnischen-litauischen Machtbereich, dass hier konfessionelle Toleranz, wie nirgendwo sonst im damaligen Europa herrschte.
    Nach dem Ende des 30jährigen Krieges (1648) aber kam es zum Russisch-Polnischen Krieg (1654 - 1667) und während dieses Russisch-Polnischen Krieges griffen zu allem Überfluss auch noch die Schweden (Zweiter Nordischer Krieg) Polen-Litauen an. Da die Angreifer entweder Orthodoxe oder Protestanten waren, galt von nun an: Wer Pole ist, ist Katholik. Eine Ausnahme wurde bei den Lipkatataren gemacht, einer muslimischen Gruppierung, die auf polnischer Seite kämpfte.
    Während also im Übrigen Mitteleuropa nach dem 30jährigen Krieg sich eine interkonfessionelle Toleranz allmählich durchsetzen konnte, wurde das zuvor konfessionell tolerante Polen aufgrund der Kriege konfessionell intolerant.
     
  5. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Das stimmt, ich frage mich nur, inwieweit diese zunehmende Intoleranz für das heutige Westpolen zutrifft, dass durch die Teilungen Polens ? Wikipedia ab Mitte des 18. Jhdt. als Südpreußen unter preußische Herrschaft kam. Anfänglich war diese in dem deutsch-polnischen Mischgebiet auch von religiöser Toleranz geprägt.
    Die Phase zwischen 1650 und 1770 kann ich noch nicht richtig einschätzen. http://de.wikipedia.org/wiki/Wasa_(Dynastie) und August II. (Polen) ? Wikipedia , da ich unsicher bin, welche Teile wann zu Polen gehörten oder ob der preußsche Einfluß schon ab dem 30-jährigen Krieg stärker wurde.
    Brandenburg-Preußen ? Wikipedia und Königreich Preußen ? Wikipedia

    Nach den Kriegen muß die Gegend stark entvölkert gewesen sein, so dass die jeweiligen Herrscher um Untertanen werben mußten. Besonders interessiert waren sie an gut ausgebildeten Handwerkern, so dass sie evtl. zwangsläufig tolerant sein mußten.
     
  6. Repo

    Repo Neues Mitglied

    OT:
    Das trifft für Südwestdeutschland und das Ende des 30jährigen Krieges in gleicherweise zu.
    Es wurden insbesondere in der Schweiz Zuwanderer angeworben, aber nix mit Religionstoleranz, in kath. Gebiete konnten Katholiken zuwandern, in ev. Evangelische.
    Ohne Ausnahme!

    Und wenn ich mich an meinen Schwiegervater, Westpreuße Jahrgang 1909 erinnere, für den waren Katholik - Pole - Pack Synonyme.
    Würde ich vermuten, dass es dort mit der Religionstoleranz so weit auch nicht her war.
     
  7. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Ich weiß nicht, ob man das vergleichen kann. Ich bin auf das Gebiet im Zuge meiner frisch gestarteten Ahnenforschung gestoßen. Da war ich überrascht, dass ich auf einer Seite immer weiter nach Osten gerate, je weiter zurück ich komme. Die einzige Konstante scheint die evangelische Konfession zu sein und das seit 1713. Noch weiß ich nicht, ob evangelisch auch lutherisch bedeutet, denn vor und um den 30-jährigen Krieg gab es diverse protestantische Richtungen, die sich nicht unbedingt grün waren. Wenn man es sich leisten kann, mit anderen Protestanten Dispute über die reinste Lehre zu führen, kann der Druck von dritter (katholischer) Seite nicht allzu stark gewesen sein, sonst wäre man stärker zusammengerückt.

    Das heißt aber nicht, dass sich die Bewohner Westpolens/Südpreußens munter vermischt hätten, nein, man blieb schon unter sich, heiratete dörferweise nur untereinander, wahrscheinlich weil man sich eben sonntags in der Kirche traf und es unvorstellbar war einen Andersgläubigen zu heiraten, obwohl die meisten zweisprachig gewesen sein sollen.

    Das kam möglicherweise erst viel später und galt nicht überall. Wir beide können uns ja selbst noch dunkel an die Mischehenproblematik erinnern, da ging es um Heiraten zwischen Katholiken und Evangelischen, bis in die 60er keine Selbstverständlichkeit, auch wenn wir uns das heute kaum noch vorstellen können.
     
  8. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

  9. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Der Ansatzpunkt hierzu ist der Westfälische Friede. Dort wurden die habsburger Erblande sowie die Oberpfalz von der Normaljahrregelung und gleichzeitig auch von etlichen religionsfreiheitlichen Vereinbarungen ausgenommen, so dass die Durchsetzung der Gegenreformation dort einschlägig sanktioniert wurde. In schlesien gab es allerdings kleinere Ausnahmen. Das Augsburger Bekenntnis, auf das Liborius schon hinweist, durfte in Breslau sowie in den Herzogtümern Liegnitz, Münsterberg, Oels und Brieg ausgeübt werden. Für Glogau, Schweidnitz und Jauer gab es ein Zugeständnis, dass vor der Stadtmauer reformierte Kirchen stehen dürfen, nicht aber innerhalb der Stadtmauern.
    Zudem wurden in diesem Zusammenhang auch die sog. Grenz- und Zufluchtskirchen errichtet:
    Grenzkirche ? Wikipedia
    Zufluchtskirche ? Wikipedia

    Gelockert wurden diese Regelungen aus dem Westfälischen Frieden erst mit der Altranstädter Konvention, die aber immer noch nicht die volle Religionsfreiheit in Schlesien bedeutete.
     
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  10. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Super, Lili, so klärt es sich langsam, diese Zuflucht- oder Grenzkirchen lagen in Sachsen oder Brandenburg. Zu Brandenburg gehörte damals auch die Neumark (Landschaft) ? Wikipedia , die weit ins heutige Westpolen hineinragte.
    Nun möchte ich nur noch wissen, ob es diese Zufluchtkirchen auch südlich von Posen gab?

    Vielleicht nahm es auch Stanislaus I. Leszczy?ski ? Wikipedia unter schwedischem Einfluß mit der Rekatholisierung nicht so genau?
     
  11. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

    Die Karte ist zwar von 1905, gibt aber doch einen Eindruck vom geografischen Verhältnis von Schlesien, Kobylin, Fraustadt und Wygnańczyce.
    http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/ba/Posen_1905.png

    Die Zufluchtskirchen waren möglich, weil Polen nicht immer der erzkatholische Monolith war als der es heute erscheint.

    Genau genommen mag er es schon haben. Aber die Widerstände und Hindernisse waren erheblich. Die Toleranzregelung der Warschauer Konföderation wurden nämlich nicht, wie man aufgrund der von mir angeführten WP-Artikel meinen könnte, formell aufgehoben - allerdings wurde immer wieder versucht, sie zurückzudrängen.
    Die Warschauer Konföderation 1573
    Die Warschauer Konföderation von 1573 und die Ausdifferenzierung von Politik und Religion im frühneuzeitlichen Europa
     
  12. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Einige Karten kann man auch in Sachbuch "Polens deutsche Vergangenheit" aufrufen.


    Die westpolnischen Protestanten auf dem Land konnten scheinbar damit leben und ihre Konfession behalten.
     
  13. Bartek

    Bartek Aktives Mitglied

    Am 16. August 1263 hat Prinz Boleslaw der Fromme (!) die Juden aus der Jurisdiktion der Inquisition ausgenommen. König Kasimir der Große hat 1341 die Freiheit der Glaube und des Kultus der Orthodoxen im Polen juristisch garantiert. 1353 haben von ihm das selbe die monophisitischen Armenier bekommt und ein bisschen später die türkischen Karaimen mit ihrer spezifischen Religion, die ein Variant des alttestamentlichen Mosaismus war. In 1409 hat Gelal al Din die religiösen Freiheit für seine moslemische Tataren bekommt, die gleich aus Krim nach Polen gekommen sind. Alle diese Minderheiten leben bei uns bis heute.
    Diese Dokumente waren als die Präzedenzen der Fundament für spätere religiöse Politik der polnischen Könige. Als in 1525 wurde Danzig und Preußen eine Lehne Polens hat sofort Zygmunt der Alte die Glaubensfreiheit der Protestanten mit der Toleranz der Katholiken zusammen garantiert. Die Konföderation von Warschau war aber der erste Recht der religiösen Toleranz für Territoriums des ganzen Staats. Bei Redaktion der Konföderation haben die Juristen diese oben genannte, mittelalterlichen Akten als Präzedens genutzt.
    Die Politiklinie war in diesem Fall klar – der König und das Staat muss katholisch sein, die Burger haben die Steuern zu bezahlen und Wehrpflicht zu machen aber ihre Glaube ist „die Sache ihres Gewissens, die nur von Gott geschatzt wird“ (König Stefan Batory). Das war aber keine . Polen, liegend zwischen deutschen Staaten, Turkey, Russland und habend die größte Population der Juden Europas war immer die Mosaike der vielen Sprachen, Konfessionen und Kulturen.
    Gleichzeitig hat der König ein sehr begrenzter Macht, der er ewig mit den starken politischen Einflüssen von Szlachta konfrontiert musste. Die religiösen Konflikte waren das letzte, was Königen, Adelinge und Burger brauchten, um die schwache politische Stabilität des Staates zu erhalten. Alle Aktivitäten gegen diese delikate Balance waren ohne Skrupeln bestraft, zB Die antiprotestantischen Exzessen in Krakau in 1574 haben die blutige Ende gehabt. Aber der oben zitierte Batory hat auch Danzig belagert und zerstört, wenn die Protestanten dort den Aufstand gemacht. Um ihnen zu erinnern, wer im Polen regiert hat sie Batory gezwungen, um Kloster der Zisterzienser in Danzig zu fundieren.
    In XVI und XVII Jhdt war das Polen ein „Asyl für Häretiker“ (Kardinal Hozjusz) genannt, wo die Toleranz auch jeder, auch meist sonderbaren, Sekte betrifft hat (Arianer, Adamiten, Sonnabend Bruder). Paradoxerweise war diese Toleranz von katholischen Priester gewacht, da sie glaubten, dass die Verfolgung dieser kleinen Gruppen ein Promovieren der haupten protestantischen Konfessionen wäre. Heute können wir auf der Karte der Weichselmündung ein Netz der überraschend regulär geometrischen Kanale beobachten. In 1560en wurden hier die Mennoniten aus Holland von polnischen Königen besiedelt. Als die Pazifisten haben sie kein Wehrpflicht machen. Sie mussten aber die Weichselmündung meliorieren und sich um die Kanale kümmern.
    Andererseits sind nach Polen auch die Katholiken aus den Länder angekommen, wo sie verfolgt waren und haben die Autonomie für sich von König bekommt - „Scotish Brotherhood“ (30 000 Mitgliedern) mit Sitz in Krakau hat die juristische Unabhängigkeit gehabt, außer der Todesstraffe, die für König reserviert war.
    Die Ende der Idylle waren die Kriege gegen Schweden, die wachsende Pression der Preussen in XVIII Jhdt. und die Kriese des intellektuellen Lebens nach den langen Kriege des XVII Jhdts. In dieser Zeit ist die religiöse Intoleranz im Polen konsequent gewachsen.
    Nach Teilung Polens war Lutheranismus ein der haupten Werkzeuge der Germanisierung, auch im Fall der protestantischen Kaschuben, Schlesier und Pommeranern. Der heutige Pole/Katholik ist Effekt dieser Politik, da katholische Kirche ein Bastion der polnische Sprache und Kultur geworden ist. Die Situation war identisch wie in Irland unter englischem Macht.
    Diese Politik hat aber die sonderbaren, unerwarteten Effekte gegeben. In XIX Jhdt. haben die Kaschuben, die sich nie früher Polen gefühlt haben, die protestantischen Bucher aus Polen importiert, da sie nicht auf deutsch waren und sprachlich am meisten ähnlich waren. Ab 1840en Jahren gab es eine Welle der Gewaltakten in Pommern gegen deutschen Pastoren. In Bytów (Bütow) z.B. haben die Kaschuben den Pfarrer beschlagen und sein Haus verbrannt als er der erste mal die lutheranische Messe nicht in kaschubisch geführt hat. Die lokalen Pastoren wurden entfernt und Berlin hat nach Pommern diese geschickt, die von ihrem Nationalismus bekannt waren. Dieser Ruf war sehr oft ganz grundlos. Diese Leute hatten schon an Ort ein persönlichen Drama zu erleben, was kann man heute zB in ihrer Korrespondenz lesen.
    http://www.kaszubia.com/de/texte/mega/ceynowa_germa.htm
    Am Ende muss man sagen - diese Mosaike wurde auch oft von deutsche Katholiken kompliziert. Auf dem Altmark Posens könnt ihr Denkmal von „Bamberka“ bewundern. „Bambry“ (Bambern) waren die katholischen Kolonisten aus Bamberg, die schon nach zwei Generationen in polnischem, katholischen und stark verfolgten Milieu ganz polonisiert haben.
     
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  14. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Es ist bemerkenswert, dass August der Starke, selbst gerade erst katholisch konvertiert um König von Polen zu werden, gegen seine alten protestantischen Glaubensgenossen hart durchgriff, wenn es Streit zwischen den Konfessionen gab.
    Thorner Blutgericht ? Wikipedia
     
  15. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Ich möchte durch dieses Thema meine Kenntnisse über die Lebensumstände der einfachen Leute im westpolnischen Gebiet erweitern. Da sich die frühe Neuzeit aus dem Mittelalter entwickelt hat, frage ich mich, ob die polnischen Herrscher ihre religiöse Toleranz evtl. von den Osmanen / islamischen Reichen übernommen haben. Ein anderer Grund könnte vielleicht der Bedarf an Untertanen gewesen sein.
    Spätmittelalterliche/frühneuzeitliche Reiche waren auf der einen Seite religiös geprägt, auf der anderen Seite versuchten die Herrscher ihren Territorialbesitz durch Allianzen, Heiraten und Kriege auszudehnen. Die einfachen Menschen, die dort lebten, gehörten oft zum Grundbesitz. Deren persönliche Orientierung interessierte den Herrscher nicht, solange sie in seinem Sinne funktionierten und er genug Untertanen hatte. Viele Untertanen bedeuteten, wie großer Landbesitz, mehr Macht und Einfluss, der in die nächste Generation vererbt werden konnte.
    Mein Versuch, die Lebensumstände zu umschreiben, enthält bestimmt unzulässige Vereinfachungen, um deren Korrektur ich hiermit bitte.

    In Beitrag 12 hatte Liborius die Texte dazu verlinkt. Kann man sagen, dass in Westpolen bis nach dem Dreißigjährigen Krieg diese religiöse Toleranz bestimmend war für das Leben der einfachen Leute?
    Dann ist es nicht erstaunlich, dass das Land von Menschen der verschiedensten Glaubensrichtungen bevölkert war. Da Sprache als verbindendes politisches Element noch nicht so wichtig war, ging es eher um die Sprache der Sonntagspredigt oder die Bibelübersetzung.


    Die Gründe für diesen Politikwechsel sind mir noch unklar, sind die in der allgemeinen, europäischen Osmanenfurcht zu suchen Stephan Báthory ? Wikipedia ?
    Warum mußte der König und der Staat katholisch sein?





    Inwieweit ist diese Zwischenposition Polens mit Habsburgs Österreich-Ungarn und Deutschland zu vergleichen. Die Bevölkerungsgrenzen dieser mittig liegenden Länder waren bis in die Neuzeit sehr verschwommen, sie gehörten zum eher lockeren Verbund des HRR.
    Durch die Ableitung der Gebietsansprüche der Nationalstaatenphase des 19. Jhdt. sind diese fließenden Grenzen etwas in Vergessenheit geraten.
    Durch meine Ahnenforschungsversuche bin ich nicht nur auf protestantische Vorfahren mit deutsch klingenden Namen in Krotoschin und Kobylin gestossen, sondern auch auf Ahnen, die im 19. Jhdt in der schlesischen Lausitz ihrem Nachnamen eine deutsch klingende Endung verpassen ließen.

    Kann man sagen, dass erst durch die Szlachta, dann durch die Konflikte mit Schweden, Preußen, Rußland und die Teilungen die Nationenbildungsphase in Polen verspätet einsetzte und eigentlich in Westpolen nur von 1920 bis ca 1980 dauerte?

    Über die Kaschuben weiß ich genausowenig wie über die Sorben, nur dass sie eine slawische Sprache sprachen.
    Allerdings erscheint mir diese schlichte Sortierung, in Slawisch-Sprecher östlich von Germanisch-Sprecher muß Pole sein genauso in eine andere Zeit zu gehören, wie Katholik ist Pole.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. August 2011
  16. malyspinoza

    malyspinoza Neues Mitglied

    @Bartek

    Religiöse Toleranz war sicher nicht das Problem der Posener und auch nicht der Bamberger, da beide Gruppen überwiegend katholisch waren und sind.
    Bambrzy ? Wikipedia, wolna encyklopedia
    Daher verstehe ich Deinen Einwand "wurde auch oft von deutsche Katholiken kompliziert" nicht.
    Gruß maly
     
  17. Bartek

    Bartek Aktives Mitglied

    ok, aber... wonach willst Du also fragen? in dem von Dir gegebenen Link steht es doch:
    "Stosunkowo szybkiej polonizacji sprzyjała wspólna z rdzennymi mieszkańcami wiara oraz małżeństwa mieszane. O tym zjawisku najlepiej świadczy fakt, że w końcu XIX wieku wśród katolickich mieszkańców wsi należących do miasta Poznania nie było ani jednej osoby deklarującej narodowość niemiecką."

    Und ja,

    in Tat ein seriöses Problem, da das Lutheranismus „preußische Staatsreligion“ war. Mit allen Konsequenzen. In der Fredry Straße im Posen befindet sich die Erlösers Kirche, bis 1945 lutheranisch, 1868 als Symbol der deutsche Dominanz von Fridrich Wilhelm fundiert. Paradoxerweise sein Baumeister, Julian Hochberg, danach katholisch konvertiert… In Provinz Posen war der Kampf gegen Kath. Kirche gleichzeitlich der Kampf gegen Polentum.

    Das ist kein Zufall, dass alle heutige neugotische Kirchen Posens wurden am Anfang des XX Jhdts als evangelische Tempeln gebaut und das waren damals die größten sakralen Gebäuden der Stadt. In der gleichen zeit die ganze stadt architektinisch geandert (verdeutscht) wurde - Posen ist am Anfang des XX Jhdts "Kleine Berlin" geworden und so wurde genannt. Heutige Markinkowskis Allee in Posen ist nicht anders als die genaue Kopie von Berliner Unter den Linden aus der Epoche. Die Polen haben nur die alten Barock-Kirchen zu Verfugung gehabt.

    In 1873 wurde Erzbischof Ledóchowski verhaftet, als er polnische Sprache aus Religionsunterrichten in Schulen nicht verhindern wollte. Er hat auch abgesagt, um die Ausbildung der polnischen Priestern von Staat kontrolliert wird. Direkt danach wurden die Katholische Seminare in Posen und Gniezno geschlossen. Die Welle der „Schulen-Streike“ in Großpolen in 1901-1906 war direkter Effekt von Bismarcks Entscheidung, um die polnische Sprache in Religionsunterrichten zu verboten. In ganzem Posener Land haben 75 000 polnischen Kinder in 800 (unter allen 1100) gestreikt.
     
  18. Bartek

    Bartek Aktives Mitglied

    Die Osmanen waren kein Beispiel. Bis XV Jhdt. waren die polnisch-türkischen Relationen mindestens neutral. Ab XVI fangen sich die Kriege, die bis 1699 dauern werden. Natürlich die religiöse Hinsicht dieses Konfliktes war ein der Fundamenten der politischen Propaganda. Das Polen als Defensor Fidei, der die ganze christliche Welt vor moslemischen Horden schützt, hat sich sehr tief in der Mentalität von Szlachta kodiert. Gleichzeitlich haben aber die polnischen Moslems die gleiche Autonomie wie andere Leute. Schon ab 1395 (politischer Asyl für Tochtamisch Khan in Litauen). Die Tataren haben die Privilegien in 1561, 1568 (Zygmunt III August), 1576 (Stefan Batory), 1609 (Zygmunt III Waza) und 1634 (Władysław IV Waza) bekommt.
    Man muss aber sagen, dass Moslems in Polen kein anderer Status als religiöse Gruppe gehabt haben. Genau wie Protestanten oder Orthodoxen. Alle, die nicht Katholiken waren, vor allem Protestanten, wurden in juristischer Sprache als „dissidentes in religione“, in der Umgangssprache als „dysydenci“ oder einfach „innowiercy“, also „andersgläubige“ beschreibt.

    Die Lage der Katholische Kirche im Polen war immer stark und sicher. Interessant, dass es im Polen praktisch nie einige Mass-Konversionen gab. Die „Andersglaubigen“ sind fast immer aus Ausland angekommen. Auch die „Arianer“ (Polnische Brüder) – die meist radikalen polnischen Anti-Trinitariern (1562-1565 gegründet) sind in Tat auf dem Grund der italienischen Ideen entstanden. Obwohl sie waren sehr aktiv waren (Verlag in Raków, Hochschule in Pińczów), war ihre Population stabil bis 1658, als sie aus Polen vertrieben wurden. Leute haben natürlich protestantisch im Polen auch konvertiert, aber das hat sehr spezifische Form gehabt. Die Konföderation von Warschau ist genau „von Warschau“ nach langem diplomatischen Kampf geworden. Der Text der Konföderation wurde nach intensiven protestantisch-katholischen Verhandlungen, da niemand wusste ob nächster König die bisherige Politik der religiösen Toleranz fortfahren wird. Die Frage war vor allem: wo werden wir zusammensprechen. Szlachta aus Masowien war sehr zahlreich und immer ultrakatholisch. Episkopat forderte also Warschau als für sich günstiger Grund. Protestanten wollten die Konföderation in Lublin besprechen, weil Szlachta war hier protestantisch. Man muss aber betonen, dass Szlachta in Lubliner Wojewodenschaft das Kalvinismus nicht nach religiösen Grunde gewählt hat, sonder genau wie junge Leute in Westen in 1980er den Yuppie-Lebensstil gewählt haben. Neue Religion hat mit den Perspektiven geködert, um ein modernes „Middle Class“ zu machen, außer der alten gesellschaftlichen Strukturen. Was hat der alte Kalvin gelehrt? Das hat wirklich keine Bedeutung gehabt.



    Kriege mit Nachbarn und Teilungen war ein Katalysator für Nationenbildungsphase der Polen. In XIX Jhdt. polnische Nationalbewegung war ein Model für Europa. In Westpolen war die nationale SelbstIdentifizierung der Polen mehr entwickelt als in anderen Teilen Polens. Die Preußen haben in Grosspolen zwei schlimmste Sachen gemacht, die sie nur machen könnte. Sie haben zuerst den Bauern ihr Land übergetragen. Die Bauernfrage war das Problem, das jeden von unseren Aufstande gebrochen hat: Szlachta, die die nationale Bewegung immer initiiert hat, hat zugleich kein Lust, um irgendwelche Zugeständnisse gegenuber den Bauern zu machen. Bauern blieben passiv, Szlachta kämpfte allein, Aufstande verloren wurden. In Grosspolen haben die Bauern das Land als Eigenschaft bekommt, was hat sie vorbereitet gemacht, um die nationale Bewusstsein zu entwickeln. Die zweite Sache war der Angriff an katholische Glaube der polnischen Bauern. Das hat endlich die Polen vereint und determiniert.
     
  19. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Ich möchte erstmal nur auf diesen Punkt eingehen, weil du etwas ansprichst, was mir schon die ganze Zeit durch den Kopf geht. Was zog die einfachen Menschen zum Protestantismus?
    Kirchengeschichte ist nicht mein Lieblingsthema, vor Luther war Böhmen durch Hus von Reformideen infiziert. Obwohl Schlesien ein Nebenland Böhmens war, zog es erst mit Luther und Johann Heß ? Wikipedia nach. Zu einer Zeit als in Westpolen schon böhmische Brüder lebten.
    Die Reformation hatte ja auch eine sozialpolitische Seite, die Unruhe unter den hörigen Bauern und die aufstrebenden Städte könnten u.a. auslösende Faktoren gewesen sein.
    Die Szlachta war doch aber der polnische Adel, deshalb verstehe ich nicht, warum die Lubliner Adligen dem Calvinismus zuneigten.
    Der Adel müßte doch eher am Erhalt seines privilegierten Standes interessiert gewesen sein.
    Dass es bei den einfachen Menschen nicht nur um die Lehren Calvins, Hus´oder Luthers ging, sondern um die starren Strukturen und die Verbesserung der Lebensumstände, verstehe ich.
    Welche moderne "middle class" du meinst, verstehe ich nicht so richtig.
     
  20. Bartek

    Bartek Aktives Mitglied

    In XVI/XVII Jhdt. war Lubliner Wojewodenschaft fast im Zentrum Staates (kuck mal bitte an die Karte). Praktisch alle Handelswege haben durch Lublin geführt. Die ökonomische Bedeutung der Stadt ist gewachsen und 1578 wurde Lublin der Sitz von Trybunał Koronny, das höchste Gericht für Polen und Litauen. Die Szlachta in Lublin hat sich in die Stadt umgezogen und ihre Profite in Handel nicht in Landwirtschaft gesucht. Das war die einzigartige Situation, ohne der Analogien im Polen. Lublin war eine der progressivsten Städte Polens, die sich in der gesellschaftlichen Strukturen Polens gewürgt. Lublin wurde das Zentrum von Reformationsleben im Polen (Ausbildung, Propaganda), aber auch , neben preußischen Städte, eine Enklave der Reformation. Die Lubliner Szlachta wurde zuerst mit Luteranismus interessiert. Sie hat sich aber sehr schnell nach Kalvinismus orientiert, besser sagend nach gesellschaftliche Unabhängigkeit (in der stark hierarchisierten Gesellschaft Polens) , die von diese Konfession postuliert wurde. XV-XVII Jhdt. waren die Zeit der gnadenlosen politischen Kampf der Szlachta gegen Magnaten, die der Macht im Polen sukzessiv monopolisiert haben. Auf der politischen Szene, um diese Erscheinung zu stoppen, realisierte die Szlachta die so genannte „Exekutionsbewegung“ - der Kampf um „Exekution der Rechte“ des Königs und des Parlaments, um Reformen des Staates und um Begrenzung der Einflüssen der Magnaten und der Kirche. In diesem letzten Fall haben die meist radikalen Elemente die Losung ganz außer der katholischen Kirche gesucht. Magnateria hat auch sukzessiv die Landwirtschaft, der Grund der Okonomie Polens, monopolisiert.
    Das hat der Teil der Szlachta gezwungen, um die Profite in modernem Handel zu suchen. Und das war nur in der Stadte moglich zu realisieren.

    Aber das ist eine gute Frage, was zog die Leute zu Reformation? In Tat niemand hat noch geantwortet, warum im Polen, Spanien und Italien war Reformation kaum erfolgreich. Im Polen gab es die Enklaven von Protestanten und das waren immer die städtischen Gesellschaften und auch niemals ganze. Lublin ist ein klinischer Beispiel. Die Dorfer und Hofe von Szlachta blieben konsequent katholisch.
     

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