Wie liefen die "Beschaffungen" für Hagenbecks Völkerschauen ab?

Dieses Thema im Forum "Die großen Kolonialreiche" wurde erstellt von dr.kleiner, 12. Mai 2014.

  1. dr.kleiner

    dr.kleiner Neues Mitglied

    Hallo zusammen:
    Habe gerade in meiner Einheit zum Imperialismus eine Stunde für Hagenbecks Völkerschauen verwendet. Woran ich nicht, aber meine Schüler recht schnell gedacht haben war: Wie ist Hagenbeck an seine "Exponate" gekommen? Sklaverei war schon verboten, Menschenhandel fällt damit weg. Ich gehe mal von Versprechungen, bzw. einer (geringen) Bezahlung aus, falls die Menschen überlebt haben. Hat da jemand genauere Informationen zu? Die Wikipedia gibt nur diese kurze Info (Hervorhebungen von mir):

    "Die Organisation der Völkerschauen war mit großem Aufwand verbunden. Insgesamt mussten für eine Völkerschau bis zu fünf Jahre zur Vorbereitung und Umsetzung eingeplant werden. Bereits die Anwerbung begann ein halbes Jahr vor der eigentlichen Tournee. Anwerber des Tierhändlers Carl Hagenbeck waren zum Beispiel der Nordpolargebiet-Reisende Johan Adrian Jacobsen oder Mitglieder aus Hagenbecks Familie.
    Es wurde stark darauf geachtet, möglichst Kinder und Erwachsene beiden Geschlechts und verschiedenen Alters vorzuführen, damit die Besucher mehr über das „Familienleben“ der Völker erfahren konnten. Mit einem Vertrag zwischen Organisator und den fremden Menschen wurde die Länge des Aufenthalts, die Verpflichtungen während der Schau und das Gehalt festgelegt. Einige Schauen verzeichneten Verluste durch verschiedene Krankheiten, wodurch eine medizinische Untersuchung Pflicht wurde." (Quelle: Wikipedia - Völkerschau)

    Hat da jemand noch etwas Genaueres / Interessantes / Spannendes / Anekdotenhaftes oder generell im Unterricht verwendbares?

    Vielen Dank schon mal und Lieben Gruß
     
  2. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Ich weiß nicht, ob es im Unterricht verwendbar ist, aber Hagenbecks Sicht der Dinge kann man in "Von Tieren und Menschen" nachlesen. Dort schreibt er z.B. über das Ende einer Völkerschau mit Inuit:

    "Arm waren sie gekommen, reich im buchstäblichen Sinne zogen sie in ihre Heimat zurück. Außer einem, wenigstens für ihre Verhältnisse, wirklich großen Vermögen von 8000 Kronen führten sie zwei Wagen voller Geschenke aller Art mit in ihre Heimat. Wie ich später durch meinen Eismeerreisenden erfuhr, war die Freude der grönländischen Eskimos bei Rückkunft der Truppe unbeschreiblich. Ukubak lud fast alle Bewohner der Disko-Bucht zu einem gewaltigen Wiedersehensfest ein. Fast 3000 Gäste halfen ihm einmütig, sein Vermögen bis auf das letzte Öre auf den Kopf zu schlagen, und die ersten Robbenjäger zogen erst wieder auf Nahrungssuche, als der letzte Bissen verzehrt und das letzte Lot Kaffee in den Schneehütten verduftet war."
    Hagenbeck, Carl, Von Tieren und Menschen, 3. Völkerschauen von der Arktis bis zum Feuerland - Zeno.org

    Die Berliner Zeitung zeichnete am 08.07.1994 ein weniger positives Bild: "Während beispielsweise die Teilnehmer der "Wildwest-Shows" auf Drängen der Regierung der Vereinigten Staaten feste Arbeitsverträge erhielten und vor allem selbst genau wußten, worauf sie sich einließen, erging es anderen Gruppen schlechter. Die erwähnte Feuerländer-Gruppe wurde von Agenten Hagenbecks eingefangen und entführt."
    Eskimos starben an Pocken : Textarchiv : Berliner Zeitung Archiv

    Interessant könnte auch die Arbeit "Fremde Bilder - Koloniale Spuren in der Schweiz" sein. Sie richtet sich an Lehrende und beschäftigt sich zu einem nicht kleinen Teil auch mit "Völkerschauen".
    http://www.globaleducation.ch/globaleducation_de/resources/AN_Ln/FremdeBilder_2011.pdf

    Wenn ich mich richtig erinnere, gelangte das traurige Thema vor etwa 10 Jahren zu einer großen Medienaufmerksamkeit als der Augsburger Zoo eine Ausstellung mit Afrikanern plante.

    Eine interessante Linksammlung inkl. zeitgenössischen Filmausschnitten lässt sich hier finden.
    http://www.crieur-public.com/tag/volkerschauen/
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. Mai 2014
  3. Alfirin

    Alfirin Aktives Mitglied

    Einen vielleicht ganz guten kompakten Einstieg ins Thema bietet Dreesbach, Anne: Kolonialausstellungen, Völkerschauen und die Zurschaustellung des "Fremden", in: Europäische Geschichte Online (EGO), hg. vom Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) (hier online). Für den Schulunterricht etwas leichter verdaulich könnte der GEO-Artikel Von Feuerländern und Nubiern sein. Oder anekdotisch die Geschichte des Lakota-Sioux Edward Two-Two, der während seines dritten Europa-Aufenthalts als Darsteller so einer Völkerschau verstarb und auf eigenen Wunsch in Dresden begraben wurde; den im Wiki-Text erwähnten Dokumentarfilm hab' ich vergangenes Jahr verblüfft-interessiert gesehen, weil mir das Thema bis dahin völlig fremd war.
     
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  4. dr.kleiner

    dr.kleiner Neues Mitglied

    Vielen Dank für diese beiden äußerst hilfreichen Antworten! Da hab ich schon mal was zu lesen, two-two's Geschichte wurde direkt mit eingebracht und dass sich sogar die Amerikanische Regierung eingeschaltet hatte auch. Vielen Dank nochmal, super Informationen.
     

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