Wie weit in den Alltagleben reichte die Macht der Kirche(n)?

Vielleicht hat der Autor dieser Zeilen - Klaus Krämer, ein Soziologe? - andere Quellen zur Verfügung als @Sepiola?
Unwahrscheinlich, dass es der Soziologe Klaus Krämer ist. Der hat in dieser Richtung nichts vorzuweisen.

Statt seitenweise anderen den Schwarzen Peter zuzuweisen ("aber die Kirche und die Paulusbriefe") oder dich zu rechtfertigen ("aber Klaus Krämer"), wäre es sinnvoll gewesen zu schreiben: "Ich habe mich offenbar geirrt, ich bemühe mich beim nächsten Mal, meine Quellen besser zu prüfen". Dann wäre alles gegessen gewesen. Ein einziger Beitrag. Jetzt ist erst mal in der Welt, dass es dich nicht juckt, beim Zitieren falsch erwischt worden zu sein:

Stimmt, mich juckt das nicht -
Und das lässt sich nicht mit
Ich bin mir keiner Schuld bewusst, ...
aus der Welt schaffen.

Noch mal: Kleinere Brötchen backen, Fehlerkultur entwickeln!
 
Meine Frage scheint wieder untergegangen zu sein:
Sorry für die verspätete Antwort.

Ich hätte klarer schreiben sollen, worauf ich mich bezog, denn tatsächlich liegt mir die Angabe, um die es Dir geht, nur als Sekundärzitat aus einem Vortrag des Kirchengeschichtlers Jörg Bölling vor.

Dieser zitierte aus 'Das Problem der Renaissance', einem Aufsatz Huizingas, der manchen Ausgaben von 'Herbst des Mittelalters' als Nachwort beigegeben ist. Mir liegt der Aufsatz nicht vor.

Vortragsthema war das Verhältnis zwischen kirchlichem und weltlichem Arm im Alten Reich.

Huizinga vertrat die These, dass die Renaissance nicht als eigenständige Ära zwischen Mittelalter und Neuzeit stand, sondern beide Epochen ihren Anteil an der Renaissance hatten.

Ihm zufolge schwand der Einfluss der Kirche auf das Leben der Menschen ab dem 14. Jahrhundert, als sie die Erfahrung machten, dass braver Kirchgang sie nicht davor schützte, den schweren Krisen dieses Jahrhunderts (Spätmittelalterliche Hungersnot, Pest, Hundertjähriger Krieg) zum Opfer zu fallen.

Die Diesseitsbezogenheit der Kunst der Renaissance war für Huizinga Ausdruck einer säkularer gewordenen Welt. Der Fundamentalismus, der in späteren Jahrhunderten dem Mittelalter zugeschrieben wurde, sei erst nach dessen Ende entstanden, und zwar als eine Art Konterrevolution gegen diese Verweltlichung des Christentums und die davon begünstigte Reformation.
 
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Dieser zitierte aus 'Das Problem der Renaissance', einem Aufsatz Huizingas, der manchen Ausgaben von 'Herbst des Mittelalters' als Nachwort beigegeben ist. Mir liegt der Aufsatz nicht vor.
Mir liegt der Aufsatz vor, über einen Hirtenbrief des Bischofs von Bisanz finde ich da nichts.

Die Diesseitsbezogenheit der Kunst der Renaissance war für Huizinga Ausdruck einer säkularer gewordenen Welt.

Auch das finde ich in Huizingas Aufsatz so nicht. Huizinga schreibt vielmehr:

"Denn jedermann muß sich wohl bewußt sein, daß Stoff und Inhalt der Renaissance trotz allem Einschlag von Klassizismus und Weltlichkeit zum überwiegenden Teil christlich gewesen und geblieben sind, ebenso christlich wie die mittelalterliche Kunst vorher und die der Gegenreformation danach. Ob man Romanik und Gothik nimmt, ob Sienesen und Giottoschüler, ob Flamen und Quattrocentisten, ob Leonardo und Raffael, ob Veronese und Guido Reni: bis in den vollen Barock hinein, immer ist der heilige Zweck und der heilige Gegenstand die wichtigste Veranlassung für die Kunst gewesen."
 
Danke für das Feedback. Wenn ich am Wochenende daheim bin, werfe ich noch mal einen Blick in meine Regale. Vielleicht ist mir ein Fehler unterlaufen. Dann melde ich mich.

Wobei ich sagen muss, in Deinem zweiten Absatz sehe ich keinen Widerspruch zu meiner Aussage.

Christlich war das Spätmittelalter durch und durch, daran besteht kein Zweifel, daran wollte ich auch keinen Zweifel erwecken. Die Frage ist aber doch, wie sich die Religiosität der Menschen ausdrückte. Und dass die Kunst der Renaissance naturalistischer wurde, den Menschen in den Vordergrund stellte und einen neuen Formen- und Motivschatz abseits der alten Sakralkunst schuf, daran besteht doch gewiss kein Zweifel? Dass diese Kunst das Ziel hatte, den Schöpfungsakt zu feiern, steht dem nicht entgegen.

Ebenso unstrittig dürfte sein, dass diese Zielsetzung von Zeitgenossen durchaus hinterfragt wurde, nicht zuletzt von den Reformatoren, die sich an der plötzlichen Allgegenwart von griechischen und römischen Göttern und mythologischen Figuren in den Palästen der geistlichen Fürsten störten. Vielleicht lässt mich jetzt mein Gedächtnis endgültig im Stich, aber ich bin mir sehr sicher, dass Huizinga diesen Konflikt eingehend kommentiert hat und die oben genannte Einschätzung traf (im Zusammenhang mit der Gründung des Orden vom Goldenen Vlies müsste das gewesen sein, der immerhin die christlichen Heiligen gegen Jason und seine Argonauten eintauschte).
 
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@Sepiola

Ich kann Dir die Beigabe zu dem Vortrag einscannen, wenn Du möchtest. Etwas anderes steht da aber nicht. Morgen bin ich in der Unibibliothek in Frankfurt und werde mir den Aufsatz selbst ausleihen.
 
Ich kann Dir die Beigabe zu dem Vortrag einscannen, wenn Du möchtest. Etwas anderes steht da aber nicht. Morgen bin ich in der Unibibliothek in Frankfurt und werde mir den Aufsatz selbst ausleihen.

Was mich vor allem interessiert, ist, wo man Näheres zu dem erwähnten Hirtenbrief nachlesen kann.
 
In der Wikipedia lese ich, dass Konrad Lorenz Anfang der 1930-er Jahre verboten worden war, an der Uni Wien seine Forschungen weiter zu führen, weil

„aus Gründen der Weltanschauung der herrschenden Kreise die Biologie eher unerwünscht als erwünscht“ war „und ganz besonders die Richtung, in der Lorenz so trefflich arbeitet“. [9]

Und in der Notiz Nr. 9 kann man lesen:

Die Ablehnung von Lorenz’ ethologischer Forschung war eine Folge der Ablehnung der Darwin’schen Evolutionstheorie in akademischen Kreisen „aufgrund der Macht der katholischen Kirche“ (Deichmann, ebd.)
 
Ah, tatsächlich?

Also ich lese da folgendes:

"1928 folgte, gleichfalls in Wien, die Promotion zum Doktor der Medizin (Dr. med. univ.). Im selben Jahr und – nach einer Unterbrechung – von 1931 bis 1935 war er als Assistent bei Ferdinand Hochstetter am II. Anatomischen Institut der Universität Wien beschäftigt, der ein Magnet für deutsch-nationale und völkisch gesinnte Studenten war. Hochstetter ermöglichte es Lorenz, nebenher auch seinen ethologischen Forschungen nachzugehen.[7] Von Hochstetters Nachfolger wurde ihm die ethologische Forschung dann aber verboten, weshalb Lorenz seine Assistentenstelle aufgab und seinen Interessen in Altenberg, wo er ab 1928 eine private zoologische Forschungsstation aufgebaut hatte,[8] ohne Gehalt als Privatgelehrter nachging. Hintergrund war, dass damals in Wien „aus Gründen der Weltanschauung der herrschenden Kreise die Biologie eher unerwünscht als erwünscht“ war „und ganz besonders die Richtung, in der Lorenz so trefflich arbeitet“.[9] "

Es wurde ihm also nicht generell verboten zu forschen, sondern er hatte lediglich keinen eigenen Lehrstuhl und Forschungsmittel zur Verfügung, fand aber einen Lehrstuhlinhaber im akademischen Brtrieb, der ihn als Assistenten beschäftigte und ihm ermöglichte auch seinem Interessengebiet nachzugehen (bedeutet, ihm wurde durch die Assistentenstelle von seinem Chef großzügiger Weise etwas bezahlter Freiraum zugesstanden, wenn er neben seinen Assistentenpflichten noch seinen privaten Interessen nachgehen konnte).
Auf solche Unterstützung hatte er keinen Anspruch und wenn ihm der Nachfolger seines Chef diese Möglichkeit nicht mehr bot und untersagte, dass Lorenz im Rahmen seiner Assistentenstelle weiter seinen eigenen Projekten nachging, stellt das keinen wie auch immer gearteten Übergriff dar.

Was das mit der Kirche zu tun haben soll, weiß ich nicht.


Die "damals herrschenden Kreise" waren nicht die katholische Kirche, sondern das Dollfuß-Regime.

Und dass die weltanschaulichen Gründe in einer Abneigung gegen die Biologie bestanden hätten ist eine Behauptung, die, wenn du dir die Fußnote Nr. 9 mal ansiehst auf der brieflichen Einlassung eines Wiener Botanik-Professors aus 1937 beruht.


Wäre zu fragen, was genau wusste der darüber, warum Lorenz damaliger Chef ihn dahingehend nicht mehr arbeiten lassen wollte und ferner, wenn Ablehnung weltanschaulich begründet gewesen sein sollte, lag die im Bereich der Biologie im Allgemeinen (unwahrscheinlich, dann hätte man ja Lorenz kaum in dem Bereich promovieren und habilitieren lassen und die biologische Fakultät wurde auch nicht geschlossen), sozialdarwinistischen Unfugs im Besonderen, oder aber war es de facto ganz anders begründet und man nahm Lorenz seine Tendenzen zum Deutschnationalen übel?


Im Übrigen, ganz so viel können die "damals herrschenden Kreise" gegen Lorenz nicht gehabt haben, immerhin ermöglichte man ihm 1936 die Habilitation und die Lehrbefugnis in Wien, was auch in dem Artikel steht.
 
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Nur ganz kurz, weil ich wenig Zeit habe: Der Briefschreiber Fritz Knoll war überzeugter Nazi. Es wäre daher verständlich, wenn Fritz Knoll in seinem Brief aus dem Jahr 1937 – „die Ablehnung seiner ethologischen Forschung durch die Mehrheit der Wiener Professorenschaft“ – mit den jüdischen Professoren in diesem Lehrköper begründete, schließlich bekannte sich auch Lorenz schon sehr früh zum Völkischem, später auch zum Nationalsozialismus, was ihm u.a. die Professur in Königsberg brachte.

Und dieser Knoll hat nach dem Anschluss Österreichs für die „Säuberung“ der Universität gesorgt – Zitat: „Es folgte die massenhafte Entlassung jüdischer und politisch missliebiger Dozenten: Bis zum 23. April 1938, also binnen fünf Wochen, wurden nicht weniger als 252 Mitglieder des Lehrkörpers entlassen.[6]
 
Der Briefschreiber Fritz Knoll war überzeugter Nazi.
Womit man dann die Behauptung Biologie wäre aus weltanschaulichen Gründen nicht genehm gewesen etwas mit Vorsichht betrachten sollte, denn was Nazis und andere Rassisten mitunter unter "Biologie" so verstehen, hat ja durchaus öffter mal mit seriöser Wissenschaft nicht viel zu tun.
 
Nur ganz kurz, weil ich wenig Zeit habe: Der Briefschreiber Fritz Knoll war überzeugter Nazi.

Und auch der Nachfolger Hochstetters als ordentlicher Professor und Vorstand des II. Anatomischen Instituts, Eduard Pernkopf:

Wiki schrieb:
... von 1931 bis 1935 war er als Assistent bei Ferdinand Hochstetter am II. Anatomischen Institut der Universität Wien beschäftigt, der ein Magnet für deutsch-nationale und völkisch gesinnte Studenten war. Hochstetter ermöglichte es Lorenz, nebenher auch seinen ethologischen Forschungen nachzugehen.[7] Von Hochstetters Nachfolger wurde ihm die ethologische Forschung dann aber verboten, weshalb Lorenz seine Assistentenstelle aufgab...

Die Angaben bei Wiki sind widersprüchlich und jedenfalls mit Vorsicht zu genießen.
 
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