Wie würdet ihr diese Karikatur interpretieren?

Dieses Thema im Forum "Fragen & Antworten" wurde erstellt von Nickman015, 20. Januar 2019.

  1. Nickman015

    Nickman015 Neues Mitglied

    Hallo zusammen,
    es geht um eine Karikatur über das Treffen von Adenauer und de Gaulle in Reims zur Beschließung der deutsch-französischen Freundschaft 1962. Hier habe ich ein paar Fragen: Wieso sagt ein Mann im Hintergrund "Monsieur Couve de Murville hinkt noch etwas hinterher"? Oder wieso hat Adenauer keinen langen Umhang wie de Gaulle, trägt aber ein viel höhere Krone und kniet etc...
    Hier der Link zur Karikatur
    https://www.cvce.eu/obj/caricature_...-fr-03ed0f74-3f20-4ddf-a0aa-68131dfef843.html
    Danke für Antworten!
     
  2. Bantelli

    Bantelli Mitglied

    Vielleicht hat man Couve de Murville zu der Zeit immer noch nicht verziehen, daß er während des Krieges bis 1943 auf Seiten des Vichy-Regimes stand. Er wandte sich dann sehr schnell Charles de Gaulle zu und seine Loyalität brachte ihn zum Amt des Außenministers, das er dann zehn Jahre lang ausübte.
    Und sicher klar, daß Adenauer für die Franzosen hinter de Gaulle etwas zurücktreten sollte. Selbst eine etwas größere Krone die er sich aufsetzte konnte das nicht ausgleichen.
     
  3. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Der französische Außenminister Couve de Murville gehörte aus Sicht des Karikaturisten, und das wohl zu Recht, zu der weit überwiegenden Mehrheit der Zeitgenossen, die von De Gaulles Idee eines französisch-deutschen Paktes und vom späteren Elysée-Vertrag nicht gänzlich begeistert waren, weil die Idee der europäischen Einigung durch ein solches Sonderbündnis gefährdet erschien. De Gaulles und Adenauers Motive waren auch nicht deckungsgleich, ersterem ging es gezielt um eine französisch-deutsche Allianz, die Frankreich zu erhöhter weltpolitischer Bedeutung verhelfen sollte, letzterem um eine schrittweise Integration der BRD in das System der Westmächte. Schon wenige Monate später war der amerikaphobe De Gaulle empört, als Adenauer Schritte unternahm, um die BRD näher an die USA zu binden und Großbritannien in den europäischen Einigungsprozess einzubeziehen, und beides als Bedingungen nachträglich in den Elysée-Vertrag aufnehmen ließ, bevor dieser ratifiziert wurde.

    Das mit dem "Hinterherhinken" (est encore à la traine) dürfte sich also auf Couves inneren Abstand zur Leitidee seines Chefs De Gaulle (das Sonderbündnis) beziehen.

    Die unterschiedlichen Kronen zeigen an, dass Adenauer bei der Heiratszeremonie den männlichen Part spielt (König) und De Gaulle den weiblichen (Königin). Wie das zu interpretieren ist, kann ich nur mutmaßen. Es könnte mit der vom Karikaturisten wohl als typisch weiblich angesehenen Emotionalität zusammenhängen, die De Gaulle in diesem Kontext an den Tag legte, während Adenauer das Bündnis sehr nüchtern anging und eher als Zweckheirat betrachtete und nicht, wie der sehr germanophile De Gaulle, (auch) als Liebesheirat.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. Januar 2019
  4. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    Eine deutsch-französische Hochzeit kann auch immer zwischen dem deutschen Michel (er) und der französischen Marianne (sie) karikiert werden, was sich ein französischer Karikaturist wohl kaum entgehen lassen wird.
     
  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich weiß auch nicht, was das mit der Höhe bei Adenauers Krone soll, sehe aber nicht, dass De Gaulle eine Königinnenkrone trüge, was alle Interpretationen in der Richtung Männlichkeit/Weiblichkeit von Adenauer/De Gaulle ad acta legen sollte.
    Bzgl. Couve würde ich auch nicht vom Hinterherhinken sprechen. Couve ist ja derjenige, der De Gaulles Schleppe hält, er hinkt also siche nicht hinterher. Nein, er gehört immer noch (encore) zum Gefolge (à la train) von De Gaulle.
     
  6. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Eine Michel/Marianne-Hochzeit wäre dem Karikaturisten vermutlich zu klischeehaft erschienen, denn es ging um De Gaulle und Adenauer und nicht um "den Franzosen" und "den Deutschen". Von französischer Seite aus war es ja nicht in erster Linie ein nationales Projekt, sondern ein sehr persönliches Projekt des Generals. Da würde die Marianne keinen Sinn machen.

    Adenauer wird aber nun einmal unübersehbar als König und De Gaulle als Königin darstellt, also sind Interpretationen in diese Richtung erforderlich für eine Interpretation der Gesamtkarikatur.

    "Etre à la traine" ist eine Redewendung, die "hinterherlaufen/-hinken" besagt, auch speziell den "gesellschaftlichen Realitäten":

    etre a la traine : Französisch » Deutsch | PONS

    Im Kontext der Karikatur ist das ein Wortspiel mit dem Hinterherlaufen des Schleppenträgers hinter der Braut. Die Pointe liegt darin, dass Couve einerseits der "Braut" De Gaulle die Schleppe trägt (also ihre Hochzeit unterstützt) und andererseits in Bezug auf De Gaulles Bündnis-Idee (das Ziel der "Hochzeit") Bedenken hat, also im Abstand zu De Gaulle steht, was durch den weiten Abstand des Schleppenträgers zur Braut veranschaulicht ist.
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. Januar 2019
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  7. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Dass die Karikaturszene eine Hochzeit zeigt, geht aus der Anordnung und Haltung der Figuren hervor.

    Die Originalszene mit De Gaulle und Adenauer in der Kathedrale:

    upload_2019-1-21_2-13-11.jpeg

    Zum Vergleich die kirchliche Trauung von König Carl Gustaf und Königin Silvia im Jahr 1976:

    upload_2019-1-21_2-11-54.jpeg

    De Gaulle wird zwar nicht unmittelbar als Braut dargestellt, sondern als Monarch, dem Couve die königliche Schleppe trägt, doch im Gesamtkontext (neben Adenauer und vor dem Priester) erscheint er als Braut, dem Couve die Brautschleppe trägt. Wäre diese Bedeutung nicht intendiert, müsste man sich doch fragen, warum nicht auch Adenauer mit Königsschleppe und Schleppenträger gezeigt wird. Woraus folgt, dass De Gaulles Schleppe als Königsschleppe gezeigt, aber als Brautschleppe intendiert ist.

    Weiteres Indiz: De Gaulle wird links von Adenauer gezeigt. Bei kirchlichen Trauungen steht die Braut ebenfalls links vom Bräutigam vor dem Altar.
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. Januar 2019
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  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das ist plausibler argumentiert.
     
  9. hatl

    hatl Premiummitglied

    Ist der Satz unterhalb der Karikatur eine Anspielung auf Henri IV, dem der berühmte Ausspruch "Paris ist eine Messe wert" ("Paris vaut bien une messe") zugeschrieben wird?
    Und "Paris" ersetzt wurde durch " La Sainte-Europe franco-germanique, apostolique et romaine"?
    Adenauer, als Vertreter Deutschlands, wäre dann derjenige, der wie Henri IV konvertiert.
    Das Heilige Europa wäre dann, wie vormals Paris, eine erhabene Braut und eine "Messe wert".

    Ist (war) die Metapher ".. vaut bien une messe" in Frankreich so verbreitet, dass man erwarten durfte, der Betrachter der Karikatur würde eben diese gedankliche Verbindung herstellen?
     
  10. Bantelli

    Bantelli Mitglied

    « La couronne vaut bien une messe. »
    "Die Krone ist eine Messe wert. »
    Herzog von SULLY (1560-1641), 1593.

    Ein Wort, das wahrscheinlich nie von Heinrich IV. gesagt wurde, trotz allem, was oft geschrieben wird - und Paris ersetzt die Krone, also zwei Fehler für sechs Wörter. Das Zitat wird Sully in der satirischen Sammlung von Caquets de l'accouchée (1623) zugeschrieben, einer anonymen Satire. Es fasst die Sachlage und den Gemütszustand des Königs zusammen, der sich schließlich zum Katholizismus bekehren wird. Sully hingegen wird protestantisch bleiben. Die Religion eines Finanzministers ist nicht so wichtig wie die des Königs von Frankreich!
     
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  11. Huitzilihuitl

    Huitzilihuitl Neues Mitglied

    Adenauers "größere Krone" dürfte eine Tiara sein, eine dreiteilige Papstkrone. Für den Karikaturisten Roland Moisan scheint die künftige Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Deutschland einen christlich-westlichen Charakter zu haben.
     
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  12. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Da hätte man eigentlich drauf kommen können...
     
  13. Bantelli

    Bantelli Mitglied

    Sicher auch interessant. Der große Schriftzug in der Karikatur „La Cour“ war ein Markenzeichen von Roland Moisan. Er war de Gaulle in Haßliebe verbunden und hat ihn immer als „Sonnenkönig“ portraitiert.

    [​IMG]

    Es heißt, die beiden waren das außergewöhnlichste Duo des Genre im 20. Jahrhundert. Man erzählt sich, daß sich die Zensur auf Verlangen der Entourage des Staatsberhauptes darauf vorbereitete, die Veröffentlichung von Büchern aus der Sammlung „La Cour“ (Der Hof) zu verbieten. Als man das de Gaulle unterbreitete, verwarf er diese Idee: „Wenn man dieses Buch zensiert, wird es unter der Theke verkauft, das will ich nicht.“ Die drei Ausgaben waren Bestseller.
    Aber imponiert hat es de Gaulle wohl doch. General de Gaulle ließ Moisan wissen, daß er gerne eine dieser Zeichnungen hätte, die die Franzosen so verblüfften. Der Künstler, der nie eine Zeichnung hergab, hätte eine Ausnahme gemacht und dem „Grand Charles“ eine Karikatur offeriert.

    Moisan, De Gaulle, La Cour, le rendez-vous du Canard Enchaîné
     
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  14. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Dem ersten Satz kann man uneingeschränkt zustimmen. Der zweite kann inhaltlich vertieft werden, da es auf der Basis der Tiara-Deutung in der Karikatur klare Anspielungen auf konkrete historische Personen und Ereignisse gibt. Vorauszuschicken ist, dass Adenauer und De Gaulle in der Kathedrale während des Gottesdienstes für einige Momente gemeinsam gekniet haben (offiziell, um für die deutsch-französische Freundschaft zu beten), wie aus mehrere Internetquellen hervorgeht, was bei Googlerecherchen, wenn man nicht gezielt danach sucht, aber nur extrem schwer zu finden ist und wovon es bezeichnenderweise auch keine Fotos zu ergoogeln gibt. Dieses Knien wird in der Karikatur aber nur bei Adenauer gezeigt.

    Nun fragt sich natürlich, warum nur bei Adenauer, wenn doch beide gekniet haben. Hier kommt die mittelalterliche Geschichte ins Spiel. Bekanntlich war De Gaulle ein Riesenfan von Karl dem Großen und interpretierte den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag als eine Wiedervereinigung des Westfranken- mit dem Ostfrankenreich, die ja erst nach dem Tod Karls d.Gr. durch die Aufteilung seines Reiches entstanden waren. Ausgehend von der Tiara auf Adenauers Kopf kann man nun mutmaßen, dass der knieende Adenauer neben dem fränkischen "König" De Gaulle die Rolle eines niederknieenden Papstes spielt. Das passt gut zu dem historischen Faktum, dass Papst Leo im Jahr 800, nachdem er Karl zum Kaiser gekrönt hatte, vor Karl niederkniete, der diese Geste in Nachahmung des Umgangs der römischen Kaiser mit den damaligen Papsten von Leo verlangte, eine Praxis, die eine Zeitlang von späteren Kaisern fortgesetzt wurde.

    Wir sehen hier also mehrere Anspielungen, die sich zu einem Ganzen fügen: (1) Adenauers Knien entspricht dem Niederknien beider Staatshäupter beim Gottesdienst, (2) seine Tiara entspricht der Tiara des Papstes Leo, mit welcher dieser auf malerischen Darstellungen der Kaiserkrönung auch gezeigt wird, (3) sein Knien entspricht dem Niederknien dieses Leo, und (4) De Gaulle in der Rolle von Karl dem Großen neben Leo/Adenauer.

    In folgender Karikatur zeigt der Karikaturist Moisan De Gaulle denn auch eindeutig in der Pose des mittelalterlichen Kaisers:

    Karikatur von Moisan zur Unterzeichnung des Elysée-Vertrags (23. Januar 1963)

    Zu klären sind freilich noch einige Fragen, z.B.:

    Warum hat Adenauer die Rolle des Papstes? Einfach nur, um ein optisches Pendant zu Papst Leo abzugeben, damit De Gaulle in der Rolle des Karl überzeugender erscheint? Oder sieht der Karikaturist auch inhaltliche Analogien zwischen Leo und Adenauer, entweder per se oder in Bezug auf den Freundschaftsvertrag?

    Was soll der Gag mit der offenen Schachtel zu Füßen des segnenden Bischofs, auf der "Couronne Mode" (Krönungsmode) steht (der Rest ist für mich unleserlich nach "Cet article n´est ni...")? Einfach nur eine Verulkung ohne tieferen Sinn?

    In welchem karikaturistischen Sinnzusammenhang steht die Trauungsszene (als die ich die Szene, wie in einem früheren Beitrag erläutert, ja verstehe) mit der Deutung von De Gaulle als Kaiser Karl und Adenauer als Papst Leo?
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. Februar 2019
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  15. Bantelli

    Bantelli Mitglied

    Der Satz „Cet article n'est ni repris ni échangé“ bedeutet den definitiven Ausschluß der Ware von Rücknahme und Umtausch. Da steht auch noch eine Sammelbüchse „Tronc du marché comun".
     
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  16. Huitzilihuitl

    Huitzilihuitl Neues Mitglied

    Also ich meine, dass auch de Gaulle kniet und zwar eine Etage tiefer auf einem Kissen. Eindeutig ist das nicht dargestellt. Aber auf solchen Kissen wird in einer Kirche gekniet, nicht gestanden.
    Das passt zu Adenauers Katholizismus. Für ihn war die Westintegration ein christliches Projekt. Er sprach in diesem Zusammenhang häufig von der christlich‑abendländischen Tradition, der katholischen Weltanschauung und der Gefahr, die der Bolschewismus/Panslawismus für die abendländische Kultur darstellen würde.

    Aus der Sicht der französischen Betrachter dürfte es auch lustig gewesen sein, dass ausgerechnet der deutsche Kanzler die Tiara trägt. In den 50er und 60er Jahren wurden deutsche Politiker in französischen Karikaturen zumeist mit Pickelhaube oder Wehrmachtsstahlhelm dargestellt; nun eben mit DEM Symbol für die christlich-abendländische Kultur schlechthin.
    Es ist wohl eine Hutschachtel. Die Aufschrift dürfte lauten: "Couronne Mode - Cet article ni repris, ni échangé" (Krönungsmode - Dieser Artikel wird weder zurückgenommen noch umgetauscht). Dürfte sich wohl auf die "große Krone" (Tiara) beziehen und könnte bedeuten, dass man hofft, dass die Verbindung (zwischen D und F) ewig hält oder einfach auch nur, dass der deutsche Kanzler nicht bald wieder eine andere Kopfbedeckung trägt.
     
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