Wiener Kongress sicherte Frieden?

Dieses Thema im Forum "Zeitalter der Nationalstaaten" wurde erstellt von Mahdi, 5. Mai 2006.

  1. Mahdi

    Mahdi Gast

    Hallo und guten Tag,
    Ich habe mal eine recht dringende Frage, und zwar ist mir unklar, warum der Wienerkongress trotz der enormen Unzufriedenheit, die er auslöste dennoch den europäischen Frieden über eine so lange Zeit gesichert hatte?

    Welche GRünde könnte es dafür geben ?

    Mfg. Mahdi
     
  2. fünfer

    fünfer Neues Mitglied

    Zunächst gab es in Europa nie die ganze Zeit Frieden. Es gab immer wieder Kriege und Revolutionen (was ich hier auch mal als kriegerischen Akt definiere, da diese häufig durch das Militär niedergeschlagen wurden), siehe die Nationalstaatsbildung Griechenlands oder die Julirevolution in Frankreich. Was richtig ist, ist, dass es zwischen den wirklichen Großmächten Europas (GB - F - P - Ö - R) keine katastrophalen Eskalationen gab. Dazu sind meiner Ansicht nach vor allem 2 Gründe ausschlaggebend:

    1. Das Hlg. Römische Reich Dt. Nation fiel als Machtfaktor in Mitteleuropa weg und wurde (mehr oder weniger) durch den Deutschen Bund ersetzt, welcher vor allem den Dualismus Preußen <-> Österreich einzudämmen in der Lage war.

    2. Durch die Heilige Allianz wurde fortan eine übergeordnete, gemeinsame Interessenpolitik der Großmächte vorangetrieben.

    guck mal hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Wiener_Kongress#Folgen_des_Wiener_Kongresses
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. Mai 2006
  3. Papa_Leo

    Papa_Leo Aktives Mitglied

    Vielleicht sollte man da zwischen innerem und äußerem Frieden unterscheiden. Die Mächtigen Europas, die also, die einen Krieg führen würden, waren mit dem Ergebnis recht zufrieden. Frankreich wurde recht milde behandelt (Grenzen von 1792), Preußen gewann Land (Rheinprovinz z.B.), Russland ebenso (die Polen, auf deren Kosten es ging, zähle ich jetzt nicht zu den "Mächtigen") und Großbritannien konnte sich auch nicht beklagen.

    Die Heilige Allianz wurde ja schon erwähnt. Interessant ist, dass sie AUCH ein Bündnis/ein Hilfeversprechen gegen INNEREN Unruhen beinhaltete.

    " Daher haben Ihre Majestäten folgende Artikel vereinbart:

    Art. I. Entsprechend den Worten der heiligen Schrift, die alle Menschen sich wie Brüder zu betrachten heißen, werden die drei kontrahierenden Monarchen vereint bleiben durch die Bande einer wahren und unauflöslichen Brüderlichkeit, indem sie sich als Landleute betrachten; sie werden sich bei jeder Gelegenheit und an jedem Orte Beistand und Hilfe gewähren; indem sie ihren Untertanen und Herren gegenüber sich als Familienväter betrachten, werden sie diese in demselben Geiste von Brüderlichkeit regieren, von dem sie erfüllt sind, um Religion, Frieden und Gerechtigkeit zu schirmen.

    Art. II. Infolgedessen wird der einzige Grundsatz, sei es zwischen den genannten Regierungen, sei es zwischen ihren Untertanen, der sein, sich wechselseitig Dienste zu leisten, durch ein unveränderliches Wohlwollen die gegenseitige Zuneigung zu bezeugen, von der sie beseelt sein sollen, sich insgesamt nur als Glieder ein und derselben christlichen Nation zu betrachten. Die drei alliierten Fürsten sehen sich selbst nur an als Beauftragte der Vorsehung, um drei Zweige ein und derselben Familie zu leiten, nämlich Österreich, Preußen und Rußland, und bekennen dadurch, daß die christliche Nation . . . in Wahrheit keinen anderen Herrn hat, als . . . Gott, unsern göttlichen Erlöser Jesus Christus, das Wort des Allerhöchsten, das Wort des Lebens. Ihre Majestäten empfehlen daher mit der zartesten Sorge ihren Völkern als einziges Mittel diesen Frieden zu genießen, . . . sich täglich mehr zu befestigen in den Grundsätzen und der Übung der Pflichten, die der göttliche Erlöser die Menschen gelehrt hat.

    Art. III. Alle Mächte, die feierlich diese geheiligten Grundsätze bekennen . . . und anerkennen werden, wie wichtig es für das Glück der zu lange erschütterten Nationen ist, daß diese Wahrheiten künftig auf die menschlichen Schicksale den ganzen Einfluß ausüben, der ihnen gebührt, werden mit ebensoviel Eifer als Gunst in diese Heilige Allianz aufgenommen werden."
     
  4. Gandolf

    Gandolf Neues Mitglied

    Zunächst einmal lohnt es sich den Wiener Kongreß in das damalige Zeitgeschehen einzuordnen. Er beendete eine äusserst kriegerische und unruhige Periode Europas, die ihren Ausgangspunkt in der französischen Revolution (1789) hatte. Zuerst setzten Frankreichs Revolutionäre die konstitutionelle Monarchie durch, dann drängten sie den französischen Monarchen aus dem Verfassungssystem, nutzten den Krieg um die Revolution zu stabilisieren und gerieten in die Abhängigkeit eines Generals, der sich von seinen militärischen Erfolgen zu imperialen Plänen verleiten liess. Diese Unruhefaktoren wurden im Rahmen des Wiener Kongresses wie folgt ausgeschaltet:
    • Mit Hilfe des Legitimitätsprinzips wurden wichtige und angeschlagene europäische Monarchien restauriert. Die europäische Aussenpolitik befand sich somit wieder in den Händen der traditionellen Entscheidungsträger!
    • Napoleon wurde weit weg von Frankreich nach St. Helena verbannt. (Möglicherweise wurde er, um dieses Ziel zu erreichen, von Elba nach Frankreich gelockt...).
    • Mit Nachfolgekongressen und der Heiligen Allianz wachten die europäischen Großmächte darüber, dass künftig revolutionäre Kräfte künftig keine Chancen hatten, in ihrem Heimatland an die Macht zu gelangen und Aussenpolitik zu betreiben - siehe Papa_Leos Beitrag.
    Zudem einigten sich die traditionellen aussenpolitischen Entscheidungsträger in Wien auf Kompromisse im Sinne eines neuen europäischen Gleichgewichts, so dass Europas Großmächte mit dem Ergebnis leben konnten und auf eine Revisionspolitik verzichteten. So musste Preußen z.B. auf die vollständige Annektion von Sachsen verzichten, wofür es am Rhein abgefunden wurde.

    Die von Dir genannte Unzufriedenheit herrschte eher bei den europäischen Völkern vor. Die Polen war wohl sehr unzufrieden darüber, dass sie unter die Knute des Zaren gerieten. Man darf aber nicht vergessen, dass viele Menschen auch froh waren, dass das Zeitalter der Revolutionen und der Revolutionskriege nun zu Ende ging. Die Schrecken dieser Epoche hatten auch die Idee der Republik und einer Revolution in Misskredit gebracht. Viele Bürger hofften deshalb einfach nur auf ein Leben in Frieden und Ordnung. Zudem darf man sich die Restauration nicht so vorstellen, dass einfach wieder die vorrevolutionären Systeme des Jahres 1789 wiederhergestellt wurden. Viele Modernisierungen wurden beibehalten, etliche Staaten bekamen Verfassungen, wenn auch nur gnädigerweise von ihrem Landesherrn.

    Unzufrieden war man in Deutschland vor allem bei den Studenten, die sich von der Volkserhebung gegen Napoleon mehr Rechte für das Volk und vor allem einen einigen deutschen Nationalstaat erhofft hatten. In Frankreich waren vor die Anhänger der Jakobiner und Napoleons über die Rückkehr der Bourbonen unzufrieden. Sie mussten vernünftigerweise Racheakte befürchten. Und fast alle zusammen warfen Talleyrand vor, auf dem Wiener Kongreß Frankreich mal wieder verraten zu haben: so klein war Frankreich zuletzt 1789.:rolleyes:
     

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