Wieso haben viele heidnische Bräuche überlebt

Dieses Thema im Forum "Sonstiges in der Neuzeit" wurde erstellt von Dackelhasser, 4. Dezember 2019.

  1. Dackelhasser

    Dackelhasser Mitglied

    Die Christianisierung Mitteleuropas war vor mehr als 1000 Jahren so gut wie abgeschlossen. Da fragt man sich doch, wieso trotz zwischenzeitlicher Hexen- und Ketzerverfolgung und kultureller Dominanz der Kirche über einen sehr langen Zeitraum hin viele vorchristliche Sitten überlebt haben.
    Als Beispiel fällt mir der Krampus ein, (Krampus – Wikipedia ), von ähnlichem Aussehen die schwäbisch-allemanische Fasnacht, oder die Rauhnächte nach Weihnachten. Die wurden zwar notdürftig in christliche Bräuche umgemodelt, aber der wilde, ursprünglich heidnische Charakter tritt doch deutlich zutage.
    Also, warum sind derartige Sitten, die zudem teilweise von der Obrigkeit verfolgt wurden, nicht im Laufe der Zeit ausgestorben? 1000 Jahre sind immerhin eine lange Zeit.
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Nicht alles was archaisch wirkt oder heute mit dem Christentum unvereinbar scheint, ist alt oder mit diesem unvereinbar.
     
  3. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Ich schließe mich El Quijote an. Besonders im 19. und frühen 20. Jhdt. war man recht fleißig darin, in allem und jedem, was irgendwie nach Brauchtum aussah, vorchristliche heidnische, am besten altgermanische, Wurzeln entdecken zu wollen. (Vor allem Esoteriker machen das heute noch, wobei sie bevorzugt hinter allem keltische Wurzeln vermuten. Daneben gibt es auch noch "Matriarchatsforscher", die gerne Reste eines angeblichen ursprünglichen Matriarchats entdecken.) Belege gibt es meist nicht (was das Mutmaßen freilich erst recht begünstigt).
     
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  4. Kochant

    Kochant Aktives Mitglied

    Selbst Wissenschaftler wie Jacob Grimm haben sich an Deutungen beteiligt, die heute als obsolet gelten, z. B. dass der Anführer der "Wilden Jagd" in den Rauhnächten Odin bzw. Wotan sei. Tatsächlich sind die Sagen zur Wilden Jagd nicht weiter als ins 16. Jahrhundert zurückzuverfolgen. Gleichzeitig findet man in vielen Kulturen auf der ganzen Welt Sagen über derartige nächtliche Erscheinungen.

    Gerade die Hexenverfolgung hat den Glauben an Dämonen und Geister als Teil der christlichen Umwelt stark befördert. Damit einher gingen natürlich viele Abwehrhandlungen, Halloween lässt grüßen.

    Mit historischem Heidentum hat das alles nichts zu tun.

    Gruß
    Kochant
     
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  5. Dackelhasser

    Dackelhasser Mitglied

    Woher diese Bräuche stammen, weiß ich natürlich auch nicht, aber einiger dieser Masken sehen doch schon reichlich dämonisch aus und stammen garantiert nicht aus dem christlichen Heiligensammelsurium.
    Rübezahl (ein anderes Beispiel) wurde im 16. Jhdt erstmals schriftlich erwähnt, ist aber vermutlich viel älter.
     
  6. Divico

    Divico Aktives Mitglied

    Im Fall von Fasnacht, Fasching und Karneval liegt allein schon aufgrund der geografischen Verbreitung nahe, dass die Wurzeln dieses Brauchtums in römischer oder gar schon keltischer Zeit lagen — die Übereinstimmung ist gar zu offensichtlich.

    Ein anderes Beispiel eines vermutlich uralten Brauches sind die im heute alemannischen, früher aber keltischen Raum beliebten Räbenlichter, die genau so auch in Irland bekannt sind.

    Und schließlich fällt mir noch der Brauch der Feuerräderläufe ein, der offensichtlich auch auf vorchristliche Zeiten verweist, trotz Umbenennung in "Osterrräderlauf". ;)
     
  7. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Dabei wäre die Hexenverfolgung als solche ja eher zu den vorchristlichen Bräuchen zu rechnen.

    Und Ketzerverfolgungen richteten sich eigentlich kaum gegen traditionelle Folklore. Mir fallen zu diesem Stichwort viel eher neue, radikalchristliche Lehren ein. Die Bezeichnung "Ketzer" leitet sich von den Katharern ab, das waren ganz bestimmt keine Verfechter alter Volksbräuche.
     
  8. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Siehe hier:
    Die Verbotsversuche des Osterräderlaufs in Lügde 1743 und 1781
     
  9. Divico

    Divico Aktives Mitglied

    Wie alt die Tradition speziell in Lügde ist, weiß man also nicht. Es gibt jedoch eine Erwähnung aus dem 6. Jh. als ausdrücklich heidnischer Brauch, in der Passio S. Vincentii Aginnensis:

    Der Überlieferung aus dem Jahre 550 nach machte er während einer Zeremonie des heidnischen Sonnenkultes, bei der ein Feuerrad verwendet wurde, das Kreuzzeichen und brachte damit das Feuer zum Erlöschen. Nachdem Vinzenz verhaftet wurde und sich zum Christentum bekannte, wurde er misshandelt und enthauptet. [Wikipedia]
     
  10. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Du vergisst da einen wichtigen Aspekt: Das Böse war immer Teil des christlichen Universums. Dämonen, Geister und Fratzen sind das Gegenbild zu Engeln und ihrer strahlenden Schönheit. Ihre Existenz war für Christen jahrhundertelang völlig klar und wurde selbst in den Evangelien, wo Jesus immer wieder Dämonen vertreibt, vertreten.
     
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  11. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    --was sich an jeder romanischen und gothischen Kathedrale erkennen lässt
    Die dortigen Bestiarien sprechen Bände
    Das stimmt so nicht ganz. Bereits im 11 Jahrhundert schildert Gauchelin ,ein normannischer Priester die wilde Jagd und im 13- und 14-Jahrhundert sind m.W. auch im deutschen Sprachraum entsprechende Beschreibungen überliefert. Ab dem 16.Jahrhundert treten die Beschreibungen allerdings gehäuft auf
     
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  12. Kochant

    Kochant Aktives Mitglied

    Du kannst natürlich alles, was am Himmel als unerklärliche Lärmerscheinung von "vertrauenswürdigen Zeitgenossen" berichtet wurde, zur Wilden Jagd rechnen: Die Beschreibung der Harier durch Tacitus, Berichte von unsichtbar eine Schlacht fortführenden Geistern (Marathon, Schlacht auf den katalaunischen Feldern), das fliegende Heer von Paulus Diaconus, die falsche linguistische Herleitung des Namens Wodan durch Adam von Bremen . . . Das alles wird als "Beweis" für eine durchgehende Überlieferung in Bezug auf eine Wilde Jagd angeführt. Untersucht man die jeweiligen Schilderungen jedoch gründlich, muss man erkennen, dass es sich durchaus um ganz unterschiedliche Überlieferungen handelt, die mit den in der Romantik entwickelten Vorstellungen und Pseudo-Traditionen nichts zu tun haben.

    Gruß
    Kochant
     
  13. Kochant

    Kochant Aktives Mitglied

    Ein Brauch existierte im Frühmittelalter und ab dem 19. Jahrhundert erneut. Kann man da tatsächlich vom "Überleben" sprechen?
     
  14. Divico

    Divico Aktives Mitglied

    Auf welchen Brauch beziehst Du Dich hier?
     
  15. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    Nun ja,die Romantiker des 19-Jahrhunderts haben nur Volkssagen gesammelt und teilweise umgedeutet- das hat aber nichts mit dem zu tun, was in der frühen Neuzeit an Aberglauben herrschte
    Gerade bei der wilden Jagd und deren Anführer gibt es ja eine große Vielfalt an lokalen Überlieferungen die je nach Epoche unterschiedlich ausfallen und eher ein Spiegel der jeweiligen Epoche sind
    Waren die Anführer in der frühen Neuzeit in der Regel lokale Gespenster oder Raubritter (damals ein reales Problem)so erfolgte im 19.Jahrhundert die nationalistische Umwidmung (und Instrumentalisierung)
    Anführer waren dann plötzlich Odin,Barbarossa usw.
    Insoweit würde ich nicht von einem Überleben sondern von Neuaufgreifen alter Stoffe und Themen unter neuer Interpretation reden
     
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  16. PeterWestfale

    PeterWestfale Mitglied

    Ich habe mal irgendwo gelesen, dass die Germanen aus Nadelbaum- (Tannen-?)ästen einen Schutzring gebildet haben. Daraus resultiert anscheinend der Brauch, bei einer Hochzeit die Tür mit einem Rahmen aus Tannenzweigen zu versehen. Außerdem wird am Polterabend viel Porzellan zerschmissen, keine Ahnung ob das auch heidnischen Ursprungs ist.

    Und dann gibt es noch das Hufeisen, dass man so aufhängen "muss", dass das Glück nicht rausfällt. Das erscheint mir auch nicht christlich sondern heidnisch. Könnte aber auch neuzeitlicher Aberglaube sein. Überhaupt sind die Glückssymbole aus christlicher Sicht etwas eigenartig: Hufeisen, Schwein, Schornsteinfeger, Klee.

    Und in Lateinamerika werden verschiedene heidnische Gottheiten (oder wie auch immer man die nennt) einfach katholischen Heiligen zugeordnet/gleichgesetzt. So werden aus einheimischen Heiden teilweise Katholiken. Das hat die Kirche selber so veranlasst, genauer die Missionare.

    Und die Gargylen oben am Kirchendach sind scheinbar auch eine bewußte Anleihe der Katholiken bei den Heiden. Sie sollen das Böse vertreiben, aber eigentlich sollen die Kirchgänger gar nicht an so etwas glauben.

    EDIT: Und dann fällt mir noch der Hase ein, der die Eier bringt. Eindeutig heidnische Fruchtbarkeitssymbole
     
    Zuletzt bearbeitet: 26. Juni 2020
  17. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Porzellan wurde aus China importiert bis Johann Friedrich Böttger 1708 im Dresdener "Kerker" entdeckte, wie man das auch in Europa herstellen kann. "Heidnisches Brauchtum" würde ich daher ausschließen. Vielleicht hat man vorher aber auch einfach andere Keramik zerdeppert. Das ist aber Spekulation.

    Auch da wäre ich vorsichtig. Römische Hipposandalen waren nicht so geformt, dass da großartig etwas herausfallen konnte. Ich bin mir sehr unsicher, ob Hufeisen in der uns bekannten U-Form vor dem Mittelalter in Europa überhaupt bekannt waren.
     
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  18. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich will mich von solchen Angaben nicht freisprechen, aber die sind bei strittigen Themen immer höchst ärgerlich weil unpräzise. Weil etwas geschrieben steht, ist es längst nicht wahr. In esoterischen und paganen Schriften liest man allerlei, was die Germanen (oder wahlweise Kelten, Slawen etc.) getan hätten. Historische Quellen? Ganz häufig Fehlanzeige. Deshalb bin ich bei solche Angaben, was "die Germanen" (Slawen, Kelten etc.) getan hätten, äußerst skeptisch.

    Das Schlüsselwort ist hier erscheint. Weil ein Brauch amtskirchlich nicht gedeckt ist (oder du glaubst, dass er vom Katechismus nicht gedeckt sei), erscheint er dir 'alt' und 'vorchristlich', eben "heidnisch".

    Eben: Solche Bräuche müssen aber weder alt noch heidnisch sein. Superstitionen (Aberglauben) können jederzeit entstehen und sich verbreiten.
    Das Hufeisen z.B. wird erst in der Spätantike bzw. im Frühmittelalter verwendet. Der Brauch ein Hufeisen aufzuhängen, kann erst später entstanden sein. Ob das Hufeisen dann auch sofort ein Glückssymbol war oder sich erst nach und nach dazu entwickelte, ist damit auch noch nicht gesagt.

    Ich könnte mir vorstellen, dass ein Hufeisen zunächst einfach nur einen Status (Ich habe Befehlsgewalt, ich bin reich, ich habe Pferde) demonstrieren sollte und sich erst nach und nach zum Glückssymbol entwickelte. (Nur als Skizzierung einer Möglichkeit.

    Nicht unbedingt.
    Beim Schwein gilt ähnliches, wie beim Hufeisen. Heute ist Fleisch allgegenwärtig und vor allem (viel zu) billig. Früher war Fleisch - auch Schweinefleisch - ein Privileg bzw. man bekam es nur selten zu essen. Beim Klee ist es speziell das seltene vierblättrige Kleeblatt (ich habe tatsächlich mal eines bei unseren Nachbarn im Garten gefunden).

    Für die Kirche und ihre Gläubigen waren die Kreaturen der Hölle lange Realität.

    Nee. Auferstehungssysmbole. Im Winter sieht man keine Hasen und im Frühjahr sieht man sie plötzlich überall auf den Feldern. Eier sind tot und plötzlich schlüpft ein lebendiges Küken aus ihnen, wie Jesus aus dem verschlossenen Grab. Aber dass man zu Ostern Eier isst, dürfte historisch andere Gründe haben: In der Fastenzeit von Aschermittwoch bis Karsamstag waren Eier wie Fleisch tabu, d.h. man hat die Eier als Soleier eingelegt (wenn man bestimmte Gewürze in die Sole gab, gab es auch bunte Farben) und zu Ostern durfte man sie dann wieder essen. Ganz profan.
     

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