Wieso, konnte das HRR nicht reformiert werden?

Dieses Thema im Forum "Das Heilige Römische Reich" wurde erstellt von Griffel, 21. Februar 2021.

  1. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Die Constitutio Criminalis Carolina galt allerdings nur subsidiär und wurde bereits im 18. Jhdt. zunehmend durch einzelstaatliche Strafrechtskodifikationen zurückgedrängt wie dem Codex iuris criminalis Bavarici 1751 in Bayern oder der Constitutio Criminalis Theresiana von 1768 in Österreich sowie dem Allgemeinen Landrecht für die Preußischen Staaten vom 5. Februar 1794, das auch Strafrecht enthielt.
     
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  2. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Auch in der Landgrafschaft Hessen-Kassel und anderen Territorien wurde die Carolina durch spätere Strafgesetze ergänzt, reformiert und aktuellen Bedürfnissen angepasst. Die Carolina hatte noch sehr grausame Hinrichtungsmethoden gekannt und natürlich war auch die Folter ein legitimes Mittel der Wahrheitsfindung.

    Der Einfluss der Aufklärung machte sich auch in der Rechtspflege bemerkbar. Im 18. Jahrhundert wurden in der zweiten Hälfte deutlich weniger Hinrichtungen vollstreckt, und Exekutionen durch rädern oder verbrennen waren äußerst seltene skurrile Ausnahmen geworden, von den zahlreichen Verstümmelungsstrafen war im 18. Jahrhundert nur noch Brandmarkung und noch seltener die Amputation der Ohren übriggeblieben, und auch die Folter wurde in vielen Territorien beschränkt oder gar abgeschafft.
    Im Kern aber blieb die Carolina bis zum Untergang des Reiches in vielen Territorien als Strafrechtsordnung bestehen, und mir ging es im Prinzip auch nur darum, zu demonstrieren, dass es durchaus so etwas wie ein einheitliches Rechtssystem im alten Reich gab, auch wenn es sicher viele lokale Unterschiede in der Rechtsprechung gab.
     
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  3. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Kann es sein, dass du hier etwas verwechselst? Der Investiturstreit entstand in den 1070er Jahren, und es wurde Kaiser Heinrich IV. durch Gregor VII. gebannt. Daraus entwickelte sich der berühmt-berüchtigte Gang nach Canossa, wo Heinrich IV. im Büßergewand Gregor entgegentrat und die Aufhebung der Exkommunikation erreichte.
    Der Investiturstreit wurde 1122 durch einen Kompromiss, das Wormser Konkordat beendet.

    Mit Friedrich I. Barbarossa hatte das überhaupt nichts zu tun. Ich nehme an, du spielst auf Barbarossas Enkel, Friedrich II. an. Friedrich hatte mehrmals versprochen, auf Kreuzzug zu gehen, hatte dieses Versprechen aber nicht gehalten, sondern erstmal seine Herrschaftsposition in Italien und auf Sizilien gesichert. Daraufhin wurde er von Gregor IX. exkommuniziert.

    Ohne sich zuerst von der Exkommunikation zu befreien, zog Friedrich 1228/29 nach Palästina. Friedrich genoss in der islamischen Welt höchstes Ansehen, und es gelang ihm mit Sultan Al Kamil einen Vertrag abzuschließen, Bethlehem, Nazareth und Jerusalem wurden zurückgegeben. In Jerusalem blieb allerdings die Al Aksa-Moschee in der Hand der Muslime. Friedrich ließ sich zum König von Jerusalem ausrufen, blieb allerdings, obwohl er sein Gelübde erfüllt hatte, exkommuniziert.
     
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  4. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Exkommuniziert wurde Friedrich I. aber auch (1160 von Papst Alexander III.), ohne dass das den Kaiser (der mit Viktor IV. seinen eigenen Gegen-Papst hatte) zunächst sonderlich beeindruckte, und auch zur Erhebung eines Gegenkönigs kam es nicht. Erst 1176/77 kam es zur Annäherung und Versöhnung und Lösung des Banns.
     
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  5. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Die Frage war, wer sollte die Reform des HRR den vornehmen. Die Habsburger hatten vielleicht das Interesse über das HRR zu herrschen, ähnlich wie die französischen Könige.

    Dagegen waren, neben den Fürsten, aber auch so ziemlich alle anderen Mächte. Eine Habsburgermonarchie die effektiv neben Ungarn, Tschechien, Österreich, Kroatien, Transilvanien, Galicien über ganz Deutschland herrscht, hätte wohl niemand akzeptiert.

    Für die Fürsten bot das HRR Schutz vor größeren Spielern und das über lange Zeit, für diese Gruppe war nichts zu reformieren.
     
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  6. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Und die Frage ist wie und in was das Alte Reich hätte reformiert werden können, die Territorien waren ja äußerst heterogen: Es gab geistliche Territorien, Erbbistümer, Bistümer, Abteien, freie Reichsstädte, die Territorien der Reichsfreiherrn und Reichsritter und relativ große, mehr oder weniger zusammenhängende Flächenstaaten, protestantische Territorien und katholische, mehrheitlich deutschsprachige Gebiete und solche, wo mehrheitlich Niederländisch, Französisch, Italienisch und Tschechisch gesprochen wurde. Diese Territorien hatten unterschiedliche Interessen, es war kaum möglich, eine Reichspolitik zu gestalten und durchzusetzen, die den Interessen aller Teilstaaten gerecht werden konnte.
     
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  7. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Also erbliche Bistümer? Die waren mir bisher neu... :D
     
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  8. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Wer Dreckfehler findet, kann sie behalten. Irgendwo habe ich mal Wodgadeutsche statt Wolgadeutsche geschrieben.;)
     
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  9. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Das Erzbistum Köln wurde von 1583-1761 immer von einem Wittelsbacher besetzt. Das wäre in dieser Zeit also so etwas wie ein de-facto Erberzbistum, oder doch ein Erzerbbistum? :D
     
  10. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    In gewisser Weise könnte man sagen, dass Hamburg Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhundert so etwas wie ein Sonderfall der deutschen Geschichte war. Die alte Hansestadt kannte keinen Adel, kein Patriziat, es herrschte-im Prinzip Rechtsgleichheit der bürgerlichen Stände. "Wir haben keinen Adel, keine Patricier, keine Sklaven, ja nicht einmal Untertanen." So euphorisch äußerte sich ein Neu-Hamburger, der Anfang des 19. Jahrhunderts davon profitierte, dass ihm ein liberales Einwanderungsrecht erstaunlich schnell, etwa im Vergleich zu den oberdeutschen Reichsstädten, ermöglichte, Hamburger Bürger zu werden. Hamburg hatte eine relativ durchlässige Gesellschaftsstruktur, und soziale Privilegien der absolutistischen Ordnung waren in Hamburg fast in ihr Gegenteil verkehrt. Adelige durften auf dem Stadtgebiet keinen Grundbesitz erwerben oder Bürger werden. Beamtenstellen konnten sie nicht bekleiden und höchstens Offiziere der Garnison werden. Wer ein Adelsdiplom annahm, musste entweder auf seine Bürgerrechte verzichten oder seinen Adelsbrief in der Truhe verwahren.
    Der Ablehnung von Adelsprivilegien entsprach eine relativ hohe Durchlässigkeit der sozialen Schichten in einer durch Selbstverwaltung der Bürger charakterisierten und von ihnen getragenen Ratsverfassung. Um 1800 waren etwa 3000-4000 Bürger politisch mitspracheberechtigte "erbgesessene" Hamburger Bürger, und fast 10 % der Bürgerschaft bekleidete eines der 650 Ämter, zu denen noch 200 Ehrenämter gehörten.

    Von völliger Rechtsgleichheit oder gar sozialer Gleichheit konnte freilich auch in Hamburg keine Rede sein. Zwei Drittel der Senatsmitglieder entstammten einer einzigen Familie, den Amsincks, die auch mehrere Bürgermeister stellten. Es wäre falsch, die Sozialstruktur eines Territoriums des 18. Jhds. an modernen Demokratievorstellungen zu messen. Vielen Zeitgenossen erschien Hamburg wie ein Ideal, und unter den deutschen Territorien des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts war Hamburg eine bemerkenswert offene Gesellschaft mit einem hohen Maß an Bürgerrechten.
     
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  11. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Ja, dem Papst ging es nicht wirklich um den freien Zugang zu den christlichen Pilgerstätten, sondern um einen Krieg gegen Un- bzw. Andersgläubige. Deswegen war dieser friedliche Kreuzzug Friedrichs für den Papst kein Kreuzzug – also blieb Friedrich gebannt.
     
  12. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Das Problem war, dass Friedrich II. gebannt war, als er seinen Kreuzzug endlich tatsächlich antrat. Somit erfüllte er zwar sein Gelübde, aber die Art, wie er das tat, war ein Schlag ins Gesicht des Papstes. Obendrein handelte der Kaiser auf seinem Kreuzzug ziemlich eigenmächtig.
    1230 wurde die Exkommunikation dann doch aufgehoben.
     
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  13. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Viele katholische Territorien wie das Herzogtum, später Kurfürstentum Bayern, Die Pfalz und einige geistliche Territorien wie die Fürstbistümer Würzburg und Bamberg wurden recht effektiv verwaltet, einige der geistlichen Fürsten wie Franz Ludwig von Erthal Fürstbischof von Würzburg regierten nach Vorstellungen des aufgeklärten Absolutismus. Dass katholische Reichsstände besonders fortschritts- oder wissenschaftsfeindlich gewesen wären oder katholische Gegenden deutlich rückständiger als protestantische gewesen wären, lässt sich eigentlich nicht sagen. In Punkto Schafzucht etwa, war das sonst recht rückständige Spanien recht fortschrittlich. Mehrere Reichsfürsten ließen im 18. Jahrhundert Merino-Schafe aus Spanien importieren, um die Wollqualität der heimischen Wolle zu verbessern.
     
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  14. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Wenn man Reiseberichte aus dem 18. Jahrhundert liest, fällt auf, dass die Verfasser oft recht negativ über die Territorien der Reichsritter sprechen. Nach Ansicht eines Verfassers konnte man die Territorien der Reichsritter an ihrer Verlotterung erkennen. Den Klein- und Kleinstterritorien der Reichsfreiherren und Reichsritter fehlte es an Geldern, um etwa Straßen, Brücken und Fähren instand zu halten. je länger Reisende sich auf deren Territorium aufhielten, umso eher konnte man sie zur Kasse bitten.

    So negativ manche Kameralwissenschaftler, Militärs und Beamte, die für Inspektionsreisen das platte Land besuchten, auch über die Territorien der Reichsritter auch herziehen mochten, für die nicht gerade kleine Zahl des fahrenden Volks, für Vaganten, Betteljuden, Zigeuner, Jenischen und nicht zuletzt für Gauner und Banditen waren die kleinen reichsunmittelbaren Territorien auch eine Chance und sicherer Hafen. Was die Kurfürsten von Brandenburg, die Landgrafen von Hessen-Kassel für die Hugenotten waren, das waren die Reichsritter für "herrenloses Gesindel", "Fahrende", "Vagabunden" , "Marodebrüder", Bettler, Gaukler, Gauner und Banditen und solche, die es werden wollten/mussten. Schätzungen gehen von 5-15% der Bevölkerung aus. Juden, die sich keinen herrschaftlichen Schutzbrief leisten konnten, Sinti und Roma, die in manchen deutschen Ländern heftig verfolgt wurden, ehemalige Söldner fanden in den kleinen Territorien Asyl und Unterschlupf.

    Die Reichsritter und Reichsfreiherren betätigten sich in einer Peuplierungspolitik der eigenen Art und erlaubten "herrenlosem Gesindel" sich niederzulassen, solange sie zahlen konnten. Das Kinderspiel Räuber und Gendarm wäre im 19. Jahrhundert niemals so populär geworden, wenn das nicht Alltag gewesen wäre.
    Manche Gegenden wie der Hunsrück, der Spessart, Neuwied oder der sogenannte Huttische Grund galten als kochem.

    Der Bandit Brabanter Claus erinnerte sich. Man habe ihm geraten, sich nach X zu wenden, der Orth gehöre zu einem Patrimonialgericht, der gnädige Herr habe den Talles (sey in schlechten Vermögensumständen) und der Amtmann sey kochem. Er habe daher der Frau Amtmännin ein Musselin-Tuch geschenkt (wertvolles Baumwollgewebe) und habe sich auch gegen ihn erkenntlich erwiesen.

    Interessanterweise konnte der Aufenthalt von Gaunern, selbst Banditen für die Bevölkerung lukrativ sein. Viele Bauern konnten sich nur geschmuggelten Tabak und Kaffee leisten, und am eigenen Wohnort wurden Banditen nie aktiv. Im hessischen Eckardroth nahe Salmünster stifteten Banditen eine Synagoge und eine Schule.
     

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