Wieso wurde die Aufklärung nicht mundtot gemacht?

Dieses Thema im Forum "Fragen & Antworten" wurde erstellt von Aufdunkler, 26. Oktober 2019.

  1. Aufdunkler

    Aufdunkler Gast

    Hallo Forum,

    ich habe eine Frage, die in der Form bestimmt schon tausend mal gestellt und deren Antworten wahrscheinlich seit über 200 Jahren diskutiert wurde. Dennoch verstehe ich es bis heute nicht und frage deshalb noch einmal nach.

    Die Frage lautet: Wie konnte es sein, dass im Vorfeld der französischen Revolution die Schriften der Aufklärer solche Wirkung entfalteten?

    Immerhin, in der französischen Revolution trieb man ja regelrecht die Entchristianisierung voran. Selbst ehemalige Kleriker arbeiteten an der Beseitigung ihrer früheren Betriebsgrundlage mit. Das Parlement weigerte sich, Ludwig XVI. Gesetze anzunehmen. Das war offenbar unter den Ludwigs davor kein Problem.

    Abgesehen davon scheint die Religions- und Staatskritische Literatur der Aufklärer relativ verbreitet gewesen zu sein. Wenn man das mal mit dem 19. Jahrhundert oder späteren Zeiten vergleicht, ist das schon auffällig. Wie kommt es, dass das ausgerechnet in einem Zeitalter so war, das von Zensur, mangelnder Bildung und Absolutismus geprägt war?

    Wie konnten zum Teil verbotene Bücher von Voltaire, Holbach und viele anderen mehr solch eine Wirkung entfalten?

    Gruß

    Aufdunkler.
     
  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    1. Es wurde durchaus versucht, die Gedanken der fortschrittlichen Aufklärung zu unterdrücken. Diesen Konflikt zwischen Kirche und Aufklärern kann man beispielsweise bei Israel (2013) am Beispiel der von Diderot heraugegebenen "Encyclopedie" verfolgen.

    Gleichzeitig ist festzuhalten, dass Aufklärer wie Voltaire - um 1760 - sich klar zu der Idee der Aufklärung bekannten, jedoch den Impuls nutzen wollten, die Höfe Europas als "aufgeklärte Höfe", wie im Falle FdG, umzugestalten. Und damit die Loyalität der Aufklärer gegenüber ihren Herrschern festigen sollte.

    2. Die Gedanken der Aufklärung zu vertreten war für Teile der Autoren in manchen Ländern gefährlich. So schreibt Martus zusammenfassend: "Dadurch [durch die Gedanken der Aufklärung] man zwangläufig sein bürgerliches Leben, riskierte Haft, Verbannung oder sogar Todesstrafe. (S. 407)

    3. Dass die Gedanken der Aufklärung sozialen Wandel bewirken liegt an vielen Aspekten. Sie speisten sich aus der zunehmenden Bedeutung eines naturwissenschaftlich, rational orientierten Weltbildes. Und forderten dazu auf, sich gedanklich von Bevormundung zu befreien (vgl. Kant.)

    4. Gleichzeitig ist die "Ideengeschichte" nicht von der Entwicklung der Gesellschaftsstruktur bzw. der Entwicklung der Produktivkräfte zu trennen. Die Fundierung einer Gesellschaft auf feudalen Privilegien hemmte die Entwicklung der Wirtschaft bzw. des Bürgertums.

    In diesem Sinne standen die monarchistischen Gesellschaftssystem vor dem Problem der Modernisierung. In diesem Kontext entwickelte sich eine europäische städtische Kultur der "Intellektuellen" in Kombination mit dem Aufkommen des Bürgertums.

    Diesen komplexen sozialen Wandel konnte man nur teilweise "unterdrücken" und somit ist es nachvollziehbar, dass die Revolutionen auch im Kontext einer relativen Schwäche der staatlichen Macht erst möglich wurden.


    Israel, Jonathan I. (2013): Democratic enlightenment. Philosophy, revolution, and human rights, 1750 - 1790. Oxford: University Press.
    Kant, Immanuel (1948): Beantwortung der Frage, Was ist Aufklärung? Braunschweig: G. Westermann.
    Martus, Steffen (2018): Aufklärung. Das deutsche 18. Jahrhundert - ein Epochenbild. 1. Auflage. Reinbek: ROWOHLT Taschenbuch.
     
    Zuletzt bearbeitet: 27. Oktober 2019
  3. Cliomara

    Cliomara Aktives Mitglied

    Nur am Rande: Die Parlements, ursprünglich adlige Gerichtshöfe, die königliche Gesetze nur registrieren sollten, versuchten schon unter Ludwig XV. (1715 bis 1774) Gesetze zu blockieren. Der Monarch konnte die Registrierung erzwingen, musste jedoch persönlich erscheinen.

    Im 18. Jahrhundert versuchten die Parlements die Registrierungspflicht in ein Zustimmungsrecht umzuwandeln. Ludwig XVI., der mehrere halbherzige Versuche unternahm, die Staatsfinanzen zu sanieren, stieß häufig auf den Widerstand der Parlements, denn die Reformmaßnahmen hätten die Privilegien der adligen Mitglieder eingeschränkt.
     
  4. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Es hängt von den Zensoren ab. Es gab auch bestimmte Zensoren, die vieles durchgehen ließen und daher bei Aufklärern beliebt waren.

    Zum anderen lebten viele Aufklärer im direkten Umfeld des Hofes. Voltaire war bspw. Historiograph und schrieb Libretti für Opern von Rameau (z.B. "La Princesse de Navarre" 1745), die bei Hofe aufgeführt wurden.

    Die Haltung der Bourbonen gegenüber eventuell religionskritischen Werken war auch zwiespältig. Man sieht das schon schön unter Louis XIV im Falle von "Tartuffe". Tartuffe – Wikipedia
    Recht berühmt ist auch der erfolgreiche Versuch von Mme. de Pompadour sich für die Veröffentlichung von Diderots Hauptwerk, der "Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers", einzusetzen. Auf der einen Seite beinahe verboten, auf der anderen "Avec ... Privilege du Roi" gedruckt!

    Obendrein konnten die Aufklärer eben auch neben ihrer publizistischen und aufklärerischen Tätigkeit auch Fähigkeiten haben, die sie, wenn nicht unerlässlich, so doch allzu nützlich für die Monarchie machten. Ich denke da z.B. an La Mettrie. Er war Materialist und seine Ansichten vielleicht allzu radikal, aber auch Arzt beim Heer von Louis XV und machte den Feldzug 1744 mit.

    Viele der untersagten Werke wurden dann einfach im Ausland gedruckt, bspw. in den Niederlanden, wo man weniger darauf achtete, ob das Werk die katholische Kirche ärgern könnte, als dass es als skandalträchtiges Unterfangen vielleicht reißenden Absatz finden würde.
     

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