Wilhelm zwo / Bremerhavener Rede / Rhetorik

Dieses Thema im Forum "Zeitalter der Nationalstaaten" wurde erstellt von fwin, 14. Mai 2007.

  1. fwin

    fwin Neues Mitglied

    Hallo!


    Ich habe mal eine historische Frage.

    Kleine Vorgeschichte:
    Ich bin momentan in den letzten Atemzügen meiner Schulkarriere (Abi schon geschrieben) und schreibe meine letzten Grundkursklausuren ... einer meiner GKs ist Deutsch (aktuelles Kursthema: Rhetorik!). Meiner Ansicht nach ist der komplette Unterricht des 13. Jahrgangs eine einzige Farce – deshalb bin ich mündlich auch so schlecht (Note 5); konnte mich aber bisher dank recht guter schriftlicher Ergebnisse auf so 8-9 Punkte retten.

    So auch dieses letzte Halbjahr – dachte ich. Nun aber kam die Klausur (von der ich dachte, sie würde mir die Note retten):

    Gegeben war die sog. „Hunnenrede“ von Wilhelm zwo:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Hunnenrede



    Die Aufgabe lautete (in etwa, ich durfte den Zettel nicht mit rausnehmen) wie folgt:
    1. Analysieren Sie die rhetorischen Stilmittel und bewerten Sie die Rede. Beachten Sie dabei Adressatenbezug, Angemessenheit …
    2. Könnte eine solche Rede heute noch vor dt. Soldaten gehalten werden? Erläutern Sie.


    Zunächst mal: Ja, die zweite Aufgabe war ernst gemeint, ich habe mich vergewissert. Habe dann halt eine Satire geschrieben (nicht besonders witzig .. hab irgendwelche Zusammenhänge zwischen Wilhelm II und dem Sänger von Tokio Hotel hergestellt) … ich hoffe, mein Lehrer, der an sich ganz okay ist, versteht, dass es mir zu blöd war das ganze Programm von „Wir sind ach so demokratisch und pluralistisch und frei und toll und gerecht und Würde des Menschen und überhaupt!“ runterzuleiern und gibt mir dafür vllt. Sogar eine ganz gute Note (hoffentlich …)

    Mir geht es um die erste Aufgabe.


    Rein objektiv gesehen. ICH habe im Geschichts-LK gelernt, dass Wilhelm historisch betrachtet eine absolute Nullnummer und Witzfigur war, die politisch absolut NICHTS draufhatte. Und: Dass er RHEOTISCH eine vollkommen zu vernachlässigende Figur war. (Habe mich bei meinem LK-Lehrer rückvergewissert!)

    Liege ich mit dieser Ansicht falsch? Ich habe meine Deutschlehrer [der die Klausur nicht geschrieben hat; das war der Parallelkurslehrer] das gefagt – der meinte, für die Zeit sei die Rede angemessen gewesen, zudem seinen „durchaus“ einige rhetorischen Stilmittel enthalten (Euphemismen [Übertreibungen]) z.B.. Das ist doch vollkommener Blödsinn, oder? Wilhelm hat doch eben NICHT zu Verdeutlichung übertrieben; sondern das was er gesagt hat wirklich so gemeint! Er war eben nicht gerade die Leuchte.

    Eine Rede von Wilhelm also in einer Klausur über RHETORIK zu nehmen, finde ich eine absolute … okay, nicht Frechheit – aber es ist zumindest vollkommener Schwachsinn.

    Oder nicht?

    Hier noch die (offizielle Version) der Rede im Wortlaut:
    edit: Sehe gerade - ich hatte nur gesehen "1. WK" ist zu spät, also poste mal ins Forum vorher ... naja, das ist auch nicht so ganz passend ... vielleicht kann man den Thread ja verschieben .. oder auch nicht; mh. Es geht ums Jahr 1900!
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. Mai 2007
  2. Pope

    Pope Neues Mitglied

    1. Jede Rede eignet sich dazu, sie rhetorisch zu prüfen! Und es muss der Text an sich im Vordergrund stehen, und nicht die Person.

    2. Dein "objektives" Pauschalurteil ist von Begriffen geschmückt, die nicht sehr objektiv sind:

    Kaiser Wilhelm II. hat drei Jahrzehnte lang die Politik Deutschlands vorgegeben. Seine Person und sein Stil sind gerade angesichts der Konfrontationen, die zum Ersten Weltkrieg führten, alles andere als nebensächlich oder gar "vollkommen zu vernachlässigen".

    Gerade seine gesprochenen Worte haben ihn berühmt und berüchtigt gemacht, und ich finde es alles andere als langweilig, sich mit ihnen auseinander zu setzen.

    Soweit meine Meinung.
     
  3. fwin

    fwin Neues Mitglied

    He, Moment - du hast mich falsch verstanden. Klar eignet sich jede Rede dazu, sie rhetorisch zu prüfen. Das habe ich in der Klausur natürlich auch getan!

    Jedoch ist seine Rede auch objektiv betrachtet kein Glanzstück. Stilmittel beinhaltet sie abgesehen von übertriebenem Pathos (der allerdings natürlich für die Zeit typisch war) nicht - oder?

    Der Punkt ist eben, dass meine Deutschlehrer der Ansicht zu sein scheinen, bei der Rede handle es sich um ein großes Werk der Redekunst. Siehst du das denn auch so?


    (Das Wort "objektiv" habe ich in diesem Text wohl vorschnell verwendet. Das Solche Wört wie Nullnummer oder Witzfigur nicht objektiv sind, weiß ich ..)


    Dass eine Auseinandersetzung mit der Rede und ihren Hintergründen total langweilig wäre, behaupte ich nicht. Aber es geht nur (!) um die Rede; Zusatzmaterialien wurden ja nicht gegeben - das was ich dazu an historischem Hintergrund geschrieben hab, stammt nur aus anderem Gelernten.

    Eine Rede von z.B. Thomas Mann wäre unter rhetorischen Gesichtspunkten doch deutlich interessanter gewesen ... oder irgendwas anderes. (Da ich wie gesagt eine schlechte Deutschnote auf mich zukommen sehe, habe ich mir jetzt nochmal willkürlich eine Rede von Horst Köhler rausgegriffen ... und die ist eben _wirklich_ gut! - genauso wie Goebbels, Ciceros oder Bismarcks Reden gut waren ...)

    Aber danke zunächsteinmal für die Rückmeldung! :)
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. Mai 2007
  4. Arcimboldo

    Arcimboldo Aktives Mitglied


    Antwort : Ja ! :eek:
    Ein Geschichts-LK sollte in der Lage sein , hist. Fakten von Klischeevorstellungen zu trennen.
    Mit allen von Dir für Wilhelm II. bereitgestellten Adjektiven wirst Du dieser zwispältigen Person und seiner Wirkung in der dt. Geschichte nicht gerecht, rein objektiv gesehen !
    Die Rede an sich halte ich für ein sehr lohnendes Objekt in Sachen Rhetorik.
    Wilhelm II. war, so würde man heute sagen, ein Verbal-Erotiker, hat seinen neurotischen, größenwahnanfälligen und -religiös-verbrämten Charakter vorallem in Reden herausgelassen, nicht in aktiver Politik, da waren andere dazwischen, die ihn und andere vor größerem Unglück bewahrten.
    Sein martialisches Säbelrasseln bei der "Hunnenrede" war letztlich eine wütende Reaktion darauf, daß dt. Soldaten nicht von Anfang an eine führende Rolle im Kampf gegen die Chinesen (Boxeraufstand ) gespielt haben.
    Also gekränkte Eitelkeit, gedemütigtes Prestige.......etc.

    Sowohl unter rhetorischen (Deutsch-LK) -wie historischen Aspekten,bietet sich die "Hunnenrede" einer Durchleuchtung an, da vieles von der Person Wilhelms , aber auch von der Zeit klar wird, in der sie gehalten wurde.
     
  5. fwin

    fwin Neues Mitglied

    Hm okay ...

    ihr haltet die Rede von Wilhelm also für eine rhetorisch große Leistung? Das kann doch nicht euer Ernst sein.
     
  6. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Gerade die Einleitung der Rede passt doch sehr gut in den Ideenkanon der damaligen Zeit. Wilhelm II. verweist auf Traditionen, im Deutschland des 2. Kaiserreichs doch keine Seltenheit. Ich denke da an den ausgeschmückten Saal in der Kaiserpfalz Goslar, in welchem ebenfalls der Brückenschlag von altem Kaisertum zur angeblichen Erneuerung im wilhelminischen Kaiserreich gewagt wird. In diese Richtung würde ich die ersten Sätze interpretieren und weiter nachdenken.
     
  7. eugene_christ

    eugene_christ Neues Mitglied

    Bin zufällig auf eure Diskussion gestoßen. Schade, dass ihr diese nicht fortgeführt habt. Dennoch möchte ich "meinen Senf" dazu geben.


    Die sogenannte Hunnerrede von der ihr sprecht, ist in meinen Augen keine gute (und keine leichte) Aufgabe für die rhetorische Aufarbeitung. Für solche eignen sich am besten die Reden, von denen zumindest klare Videoaufzeichnungen existieren. Sie haben einen klaren Vorteil den aufgeschriebenen Reden gegenüber, man kann alles, mitsamt der Körperhaltung, analysieren und Schlüsse daraus ziehen.


    Ein sehr gutes Beispiel findet man hier: [MOD: werbenden link und Tagespolitik gemäß Forenregeln entfernt] Bundespräsident Christian Wulff – Die Weihnachtsansprache 2010
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 2. Februar 2011

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