Wilhelminische Ära & SPD 1919

Dieses Thema im Forum "Die Weimarer Republik" wurde erstellt von Gast, 12. Dezember 2010.

  1. Gast

    Gast Gast

    Hallo!

    Ich mache Fernabitur und bräuchte Hilfe hierbei: Es geht um die Parteitagsrede von Reichsminister Wissel Juni 1919:

    "Trotz der Revolution sieht sich das Volk in seinen Erwartungen enttäuscht. Es ist nicht das geschehen,was das Volk von der Regierung erwartet hat. Wir haben die formale politische Demokratie weiter ausgebaut. Gewiss, aber wir haben noch nichts anderes getan als das Programm frotgeführt, das von der kaiserlichen deutschen Regierung des Prinzen Max von Baden schon begonnen worden war. Wir haben die Verfassung fertiggestellt ohne tiefere Anteilnahme der Bevölkerung. Wir konnten den dumpfen Groll, der in den Massen steckt, nicht befriedigen, weil wir kein richtiges Programm hatte. (...) Wir haben im wesentlichen in den alten Formen unseres staatlichen Lebens regiert. Neuen Geist haben wir diesen Formen nur wenig einahuchen können. Wir haben die Revolution nicht so beeinflussen können, als dass Deutschland von einem neuen Geist erfüllt schiene. Ich glaube, die Geschichte wird, wie über die Nationalversammlung, auch über uns in der Regierung hart und bitter urteilen." (zit. nach Nitsche/kröber: Grundbuch der bürgerlichen Gesellschaft, a. a. O., s.177)

    Nun zu den Frage: Inwiefern ist das Urteil Wissels ein grundsätzliches Versäumnis der SPD - nämlich dass die unter einer SPD-Führung stehenden Regierungen letztlich nur das Programm der kaiserlichen Regierung unter Max von Baden fortgeführt und im Wesentlichen in den alten Formen des staatl. Lebens weiter regiert hätten. Berücksichtigen Sie bei Ihrer Antwort vor allem folgende Fragen:

    a) Auf welche Programmpunkte vor dem 9. November bezieht sich Wissel?
    (Anm.: Wo finde ich die bzw. auf was bezieht sich das genau?)

    b)Welche Grundstrukturen von Staat und Gesellschaft der Wilhelminischen Ära blieben nach der Revolution erhalten?

    c) Welche Gründe lassen sich nennen, warum es der SPD-Führung nicht gelingen konnte, den überkommenen Formen neuen Geist einzuhauchen?

    Ich habe jetzt bereits etwas gegoogelt und auch einen anderen Link aus der Forumsuche probiert, aber aus 40 Seiten Geschichte auf Webseiten ist es schwer, das Richtige auszulesen. Vielleicht könnte mir jemand eine kurze Zusammenfassung geben oder ein paar Hinweise auf exaktere Gebiete, damit ich mich etwas genauer informieren kann.
     
  2. Cephalotus

    Cephalotus Aktives Mitglied

    Um diese Frage beantworten zu können muss man eines vorausschicken: Die SPD war vor der Weimarer Republik eine Partei mit einem am Marxismus ausgerichteten Programm mit dem Ziel der revolutionären Umgestaltung Deutschlands zu einem sozialistischen Land. Die politische Praxis der SPD sah zwar nicht so aus und orientierte sich dagegen an den Realitäten, aber der theoretische Überbau war eben marxistisch. Natürlich gab es innerhalb der SPD verschiedene Flügel, die gegeneinender arbeiteten. Z. B. gab es auf dem Dresdener Parteitag der SPD von 1903 eine Revisionismusdebatte, in denen den Realpolitikern vorgeworfen wurde, quasi die reine Lehre zu verraten. Die Realpolitiker mussten klein beigeben, das Ziel der Revolution blieb weiter entscheidender Teil des Programms der SPD - aber die Realpolitik orientierte sich trotzdem nicht unbedingt daran.

    Diese Situation bestand ähnlich auch 1918. Hier hätte man vielleicht Revolution so haben können, wie man sie sich immer vorstellte, aber die Realpolitik war dann doch etwas anders.


    Am 9. November rief der Sozialdemokrat Scheidemann die Republik aus und kam so wohl seinem Parteigenossen und "Hardliner" Karl Liebknecht zuvor, der möglicherweise eine Sowjetrepublik nach bolschewistischem Vorbild errichten wollte.

    Dokument: Rede: Scheidemann, Philipp (SPD) Der 9. November 1918, 1924

    Damit waren die Programmpunkte bzw. Bestrebungen der SPD, die einen sozialistischen Staat propagierten, erst mal Makulatur...


    Juristen lernen einen Spruch: Verfassungsrecht vergeht, Verwaltungsrecht besteht. Dieser sagt viel auch in diesem Zusammenhang aus. Man hatte nun zwar eine neue Staatsform, aber die verwaltungsmäßigen Grundstrukturen blieben bestehen. Die wirtschaftlich Macht der Industriellen wurde auch nicht oder allenfalls nur wenig angetastet. Die soziale Schichtung der Bevölkerung wurde auch nicht groß verändert.


    Dazu kann ich aus dem Stegreif nicht viel sagen, aber meiner Meinung nach war bei der SPD "ein wenig die Luft raus", nachdem ihr eine "echte" Revolution bzw. Umgestaltung nicht gelungen war.

    Es gab ja noch andere politische Kräfte außer der SPD, die vielfach keine Anhänger der neuen Republik waren, aber das sowjetische Vorbild noch viel entschiedener ablehnten. Die SPD konnte sich dagegen nicht durchsetzen, fraglich ist auch, ob sie dies überhaupt gewollt hätte bzw. ob sie hierfür die nötige Geschlossenheit hätte herstellen können. Sie hätte jedenfalls die Widerstände des Bürgertums und der Beamten überwinden müssen, die zwar dem alten Kaiserreich vielfach nachtrauerten, es sich aber in der neuen Republik doch recht schnell eingerichtet hatten.

    Viele Grüße

    Bernd
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. Dezember 2010
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