Wirkung griechischer Philosophen beim einfachen Volk?

Dieses Thema im Forum "Kultur- und Philosophiegeschichte" wurde erstellt von rrttdd, 29. Juli 2021.

  1. rrttdd

    rrttdd Mitglied

    Hallo,

    mich würde einmal interessieren

    --> Wie wirkten und beeinflusten griechische Philosophen das einfache Volk?
    War Sokarates nur der Athener High Society ein Begriff, oder war er in Stadt und Land bei jedermann wohlbekannt wie ein Popstar? Und wie verbreitet war die Lehre? Gab es einfache Bauern im Athener Umland, die Fan von ihm waren, "Ich weiß, dass ich nichts weiß" mit Nachbarn und Freunden diskutierten und Stolz auf ihren Athener Mitbürger waren?

    Oder waren die Philosophen und Schüler eher ein abgeschlossener elitärer Zirkel?
    Und wie bekannt war so ein Philosoph über seinen Stadtstaat, oder gar Griechenland hinaus?
     
  2. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Zumindest bekanntgewesen sein muss Sokrates weiteren Bevölkerungskreisen durchaus, da Aristophanes eine Komödie („Die Wolken“) verfasste, in der er ihn veralberte. Er hätte wohl keine Komödie geschrieben, deren Seitenhiebe ein Großteil des Publikums nicht verstand.

    Eine „Lehre“ im eigentlichen Sinne hatte Sokrates wohl gar nicht (man muss den historischen Sokrates von dem unterscheiden, was Platon in seinen Dialogen ihm in den Mund legte), zumindest nichts, was man mit den Denkgebäuden mancher Naturphilosophen oder späterer philosophischer Strömungen wie der Stoa oder dem Epikureismus vergleichen könnte, sondern er versuchte eher, seine Gesprächspartner zum Nachdenken anzuregen, zur Selbsterkenntnis bzw. Selbstkritik zu führen und sie so allgemein sittlich zu bessern.

    Grundsätzlich müssen zumindest die namhafteren Philosophen über ihre Heimatstädte hinaus bekannt gewesen sein. Erstens reisten viele Philosophen herum und fanden bei ihren Auftritten auch in anderen Städten mehr oder minder regen Zulauf (oder auch Anfeindungen). Vor allem die sog. „Sophisten“ setzten gerne auf öffentlichkeitswirksame Auftritte, bei denen sie ihr Können demonstrierten. Zweitens betrieben manche Philosophen „Schulen“, die auch „Schüler“ aus anderen Städten anzogen, was voraussetzt, dass man dort von ihnen gehört hatte. Aber natürlich musste man sich das leisten können (einerseits generell den Aufenthalt, andererseits machten manche Philosophen den Besuch ihrer Schulen kostenpflichtig, und natürlich den Verdienstentgang, der entstand, wenn man einem Philosophen zuhörte statt einer Erwerbstätigkeit nachzugehen), war also wohl kaum für jedermann möglich. Die Philosophenschulen waren somit wohl schon eine eher elitäre Angelegenheit wohlhabenderer Bürger und ihrer Sprösslinge.
    Es gab aber auch Philosophen wie eben Sokrates, die darauf pfiffen und durchaus auch den Kontakt zu den einfachen Menschen suchten.
     
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  3. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Als erstes stelle ich mal die Frage, inwieweit Sprüche von Philosophen überhaupt im "Volk" Anklang finden. Wer vom "Volk" hätte jemals irgendeinen Spruch von Kant, mithin der bedeutendste deutsche Philosoph, auf den Lippen gehabt: etwa den "kategorischen Imperativ"? Das waren Sätze für Akademiker. Zumindest Hegel ging in den deutschen Sprachgebrauch mit seinem "an und für sich" ein, oder Friedrich Vischer mit der "Tücke des Objekts", aber im Allgemeinen stammen die populären Sprüche nicht von Philosophen, sondern von Dichtern. Goethe und Schiller sind hier die Hauptproduzenten im Deutschen.

    So war's auch in der Antike. Homer, Hesiod, vielleicht Euripides: deren Sprüche fanden auch beim "Volk" Anklang, und ganz gewiss die Mythen der Götterwelt.

    Was nun den Sokrates betrifft: nun, der war ja selbst ein "einfacher Mensch aus dem Volk", ein Steinmetz, die Mutter Hebamme, selbst ziemlich abgebrannt, der lief auf dem Marktplatz herum und redete mit jedem. War in Athen stadtbekannt wie in Köln der Tünnes und Schäl oder in Mannheim der Blumenpeter und damit auch, wie Ravenik schrieb, ideales Anwärter für eine Komödie. Allerdings waren seine Schüler meistens aus der Oberschicht: Platon selbst adliger Herkunft, Alkibiades natürlich, Aristipp, Nikias, Kriton, Simmias und wie sie alle heißen. In der "Apologie" spricht Sokrates aber auch von den Handwerkern, mit denen er sich über ihr Wissen unterhalten habe, und den Dichtern. Also hatte er mit ziemlich vielen Leuten Kontakt, nicht nur mit den hellasweit bekannten Sophisten wie Gorgias, Protagoras, Kritias etc. Auch mit einer stadtbekannten Prostitutierten, pardon: Hetäre, übrigens.

    Wenn man nun die Platonische Akademie, also die Nachfolger Platons, anschaut: das waren allesamt Leute aus der Oberschicht, nur diese hatten das nötige Kleingeld übrig, um sich einen Hauslehrer oder überhaupt eine (private) schulische Ausbildung leisten zu können und dann ihr Leben der Philosophie zu widmen (obwohl ich glaube, dass die Akademie ein Stiftungskapital hatte und damit auch die Mitglieder unterstützte). Aber von Plotin, viel später, ist immerhin bekannt, dass er sich um Waisenkinder gekümmert hat, insofern war der Kontakt zum "Volk" nicht immer abgerissen, auch wenn er eher in den höheren Kreisen von Rom verkehrte, einige Senatoren gehörten zu seinen Schülern.

    Das Unter-sich-Bleiben gilt wohl für alle Philosophenschulen, seien es die Aristippschen Hedonisten, die Epikuräer (eher eine Art Sekte à la Bhagwan), die Stoa oder der Peripatos, letzterer ganz eindeutig rein wissenschaftlich orientiert. Ich bin ziemlich sicher, dass von Aristoteles kein einziger Spruch im "Volk" herumgegangen ist. Welcher sollte es auch sein? Dass "der Mensch von einem Menschen gezeugt wird", wusste man auch ohne ihn.

    Am ehesten volksnah waren wohl die Kyniker, Leute wie der berühmte Diogenes im Fass (wahrscheinlich eher eine kleine Hütte), der mit einer Laterne über den Marktplatz lief, er selbst Sohn eines Münzwechslers und damit kein Oberschichtangehöriger (zumal der Vater offenbar kriminell war). Er kam in ganz Griechenland herum: da bin ich sicher, dass man ihn sehr gut kannte und sich viele Geschichten über ihn erzählte. Auch Krates, der Kyniker, war bekannt. Er lief durch die Städte und klopfte an Türen, um die "Wahrheit" kundzutun, wie ein Hausierer der Philosophie. Mit seiner Freundin Hypparchia lief er wie ein Vagabund durch die Gegend, allerdings war diese aus reichem Elternhaus, wurde mit Krates dagegen völlig mittellos.

    Völlig dem "Volk" entfremdet war der Neuplatonismus und die alexandrinischen Schulen ganz am Schluss der Antike, auch wenn es mitunter richtige Straßenkämpfe mit dem christlichen Mob (den sogenannten Parabolani) gab wie im Fall der Hypatia, die sehr wohl - als Heidin - einen gewissen Ruf im "Volk" von Alexandrien genossen hat. Doch dies ist eine Ausnahme.
     
  4. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Allerdings schrieben nicht alle antiken Philosophen nur so "kompliziert" wie etwa (teilweise) Platon oder viele neuzeitliche Philosophen. Von Demokritos etwa sind eine Vielzahl von Sprüchen überliefert, die teilweise durchaus auch für den Volksmund getaugt haben könnten, etwa das sinngemäß noch heute bekannte "Durch Schaden werden die Toren klug." sowie ähnlich "Nicht Wort, sondern Unglück ist der Lehrmeister der Toren." oder (für Misogyne, deren es wohl viele gab): "Einem Weib zu gehorchen ist für einen Mann wohl die äußerste Schmach." sowie "Das Weib soll seine Zunge nicht üben; denn das wäre arg."
     
  5. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Theater sind heute eine ziemlich elitäre
    Es wird wohl die Zahl der Menschen, die es sich leisten konnten, die Akademie Platons oder die Epikurs zu besuchen oder einen längeren Studienaufenthalt in Athen zu besuchen.

    Es hat aber auch nicht jeder Philosoph ein ausgearbeitetes Lehrwerk hinterlassen, und auch längst nicht jeder Philosoph hatte einen gutdotierten Posten. Da gab es durchaus auch Weltweise, die ihre Lehre denen zuteil werden ließen, die ihren "Deckel" bezahlten.
     
  6. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Sicher, so mancher Spruch mag hängengeblieben sein, dafür hat Diogenes Laertius in seinem Übersichtswerk eigens eine Epigramm- und Sprüchesammlung eingerichtet. Etwa dürfte sich auch ein peloponesischer Bauer auf die Schenkel geklopft haben, wenn er Diogenes' Spruch "Geh mir aus der Sonne" hörte, insofern er gegen den "makedonischen Emporkömmling" geht. Im Deutschen ist von Nietzsche einiges in den Sprachschatz gewandert, etwa das "Allzumenschliche" oder seine Nachricht, dass Gott tot ist, oder - wieder etwas für die Misogynen -, dass man die Peitsche nicht vergessen soll, wenn man zum Weibe geht (wenn der Spruch auch in dieser Form nicht stimmt); das ist mir heute Morgen noch eingefallen.

    Im Allgemeinen schätze ich aber den (sprachlichen) Einfluss der Philosophen für gering ein, nur dann, wenn ein solcher auch schriftstellerische Fähigkeiten besaß. Z.B. Apuleius mit seinem Goldenen Esel, der aber auch phil. Schriften verfasst hat. In christlicher Zeit hat man die Worte der Heiligen vernommen, aber die Worte von Thomas von Aquin gewiss nicht.

    Ja. In diese Gattung würde ich die Kyniker setzen.
     
  7. Clemens64

    Clemens64 Aktives Mitglied

    Philosophen wirken bisweilen weit in die Ferne. Jeder kennt heute den Unterschied zwischen Theorie und Praxis, welcher wohl auf Platon zurückgeht. Auf was für Ideen der Mann gekommen ist!
     
  8. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Dass die Entgegensetzung von Theorie und Praxis von Platon stammt, ist mir neu, was allerdings nichts heißt. Ich kenne diese und ähnliche Begriffe aus Aristoteles' Nikomachischer Ethik. Dort wird die Praxis als eine Art Dienstleistung (als Handlung) eingeführt, die Poiesis als Produktion von Dingen und die Theoria als kontemplative Schau, also weit weg von unserem heutigen Begriff von Theorie als wissenschaftlichem Lehrgebäude. Allerdings hat A. vor allem die Praxis der Poiesis gegenübergestellt, nicht der Theoria (wen's interessiert: N.E. Buch VI, Kap. 4).
    Ja, das ist sicher so. Das Johannesevangelium wäre ohne Platon und der Vermittlung von Philon so nicht möglich gewesen (Gott als Geist, als Logos usw.). Auch ist unser heutiger Begriff "Energie" eine Schöpfung von Aristoteles (energeia). Und der Begriff "Idee" stammt wohl von Platon.

    Aber das war weniger rrttdd's Frage, sondern, ob der altgriechische Schmied beim Hämmern gesungen hat: "Ich weiß, dass ich nichts weiß!" Oder der Bauer im Gemeindesaal seinen Nachbarn gefragt hat: "Was ist das ewig Seiende, welches keine Entstehung hat, und was ist das Entstehende und Vergehende, in Wahrheit aber niemals Seiende?" Auf jeden Fall habe ich diesen Satz aus dem Timaios-Dialog in den Ruinen der Platonischen Akademie in Athen laut vorgetragen, als ich vor etwa 10 Jahren die Stadt besucht habe. Glücklicherweise war niemand sonst anwesend.
     
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  9. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Wer gehört zu den Philosophen? Wer gehört zum Volk?

    Die Namen der Sophisten, die die Söhne der Athener Aufsteiger erzogen, sind halt nicht überliefert, im Gegensatz zum Namen Aristoteles, der Alexander erzog.
     
  10. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Doch.
    Zum Beispiel: Protagoras, Gorgias, Lykophron, Prodikos von Keos, Hippias von Elis, Thrasymachos, Antiphon, Kritias, Kallikles, Euthydemos, Dionysodros, Der Anonymus Iamblichi, nicht zuletzt Sokrates.

    Allerdings sind nur Fragmente ihrer Werke erhalten, von Sokrates überhaupt nichts, was aber daran liegt, dass er nichts geschrieben hat.:)
     
  11. hjwien

    hjwien Aktives Mitglied

    Das Problem besteht doch darin, daß wir beim Blick ins antike Griechenland viel zu oft nur durch die "attische Brille" schauen können, und darüberhinaus erfahren wir wenn, dann meist nur etwas über die Stadtbevölkerung. Die meisten Menschen aber haben auf dem Lande gelebt.

    Und wenn wir von den Sprüchen reden, die so wirken, als wären sie doch Aphorismen, die sich "das Volk" von seinen Philosophen gemerkt habe, muß man bedenken, daß es sich dabei oft um später entstandene verkürzte Zusammenfassungen der ursprünglichen Inhalte gehandelt hat.
     
  12. Der Korinther

    Der Korinther Aktives Mitglied


    Hierzu gibt es eine schöne Anekdote. Angeblich soll ein Fremder während der Aufführung der Wolken gefragt haben, wer denn dieser Sokrates sei? Daraufhin erhob sich Sokrates lächelnd um sich dem Fragensteller zu zeigen.

    Man kann also davon ausgehen, dass Sokrates zumindest in Athen ziemliche Bekanntheit genoss, jedoch außerhalb Athens (zumindest anfänglich) nur einem kleinen Kreis bekannt war.



    Ich denke die „attische Brille“ hat hier durchaus ihre Rechtfertigung, wenn man die Wirkmächtigkeit dessen betrachtet, was sich in Bezug auf die Philosophenschulen in Athen entwickelt hat. Kyniker, Stoiker, Epikureer, Platoniker und damit schließlich auch die Aristoteliker, alle diese Schulen haben ihren Ursprung in Athen, verbreiteten sich von dort und existierten zumeist noch in den Hellenistischen Reichen bzw. auch im Römischen Reich (wenn auch in abgewandelten Formen) weiter.


    Aber mal zurück zur ursprünglichen Frage. Für „das Volk“ war diese recht neue Art der Philosophie durchaus ansprechend und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Neu war diese Art der Philosophie, weil sie sich nicht mehr so sehr auf die Welterklärung konzentrierte wie bei den Vorsokratikern, sondern eher auf die Erkenntnis des Inneren gerichtet war. Schon in der Generation nach Sokrates war das Hauptziel der Philosophie ein glückliches Leben (eudaimonia). Ein Ziel, das eben nicht nur Eliten vorbehalten war oder bleiben sollte.


    Im Gegensatz zum heutigen Begriff von Philosophie (der doch recht akademisch und verkopft ist) stand bei den Nachfolgern des Sokrates die Lebenspraxis im Vordergrund. Geist und Seele sollten transformiert werden, um einen Zustand der „Glückseligkeit“ zu erlangen. Hiermit ist aber eher eine Art zufriedene, in sich ruhende sinnhafte Lebensführung gemeint. Der philosophische Diskurs ließ sich nicht von der philosophischen Praxis trennen. Philosoph zu sein hieß in einer bestimmten Art und Weise zu leben.


    Der Zugang war bei einigen Schulen recht einfach. Zenon zum Beispiel hatte die Gelegenheit, den Kynikern, Megarikern und Akademikern zuzuhören, bevor er seine eigene Schule gründete. Die Stoiker konnte man an der namensgebenden Säulenhalle antreffen und auch in den Gymnasien wurde auch fleißig diskutiert. Manche Philosophen musste man sogar vor die Tür setzen, denn die in einem der oberen Beiträge schon erwähnten Kyniker klopften manchmal gar nicht erst an die Pforte, sondern gingen direkt hinein. Ich meine mich auch zu erinnern gelesen zu haben, dass in einigen Schulen einen Obolus als „Bezahlung“ verlangten, was einen eher symbolischen Betrag darstellt.

    In späterer Zeit ist ein Wandel in der Philosophie zu beobachten. Weg vom Dialog zwischen einzelnen Personen hin zur Scholastik. Man arbeitet sich also eher an - als Autorität anerkannten - Texten ab, anstatt durch den kommunikativen Akt den Weg zur Weisheit zu finden.


    Quelle: Hadot, Pierre: Wege zur Weisheit oder Was lehrt uns die antike Philosophie?
     
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