Wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Wandel: Die Rolle des Bürgertums

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Mittelalter" wurde erstellt von NoPanik, 24. Oktober 2009.

  1. NoPanik

    NoPanik Neues Mitglied

    Hallo!
    Ich bin auf dem Gymnasium in der elften Klasse und soll im Geschichtsunterricht ein Referat über das oben genannte Thema halten.
    Mein Arbeitspartner und ich haben uns schon ein wenig in das Thema eingearbeitet, allerdings kommen wir nun nicht weiter, da das Thema so komplex ist und die Unterthemen vorgegeben sind. Wir bräuchten nur einen kleinen Denkanstoß um weiter zu arbeiten.
    Speziell geht es um das Thema Wirtschaftsformen und Arbeitsverständnis im
    Frühkapitalismus. Unser Problem ist, dass wir mit dem Begriff Frühkapitalismus nicht zurechtkommen, da die Zeitspanne eigentlich eindeutig auf das Mittelalter festgelegt ist.
    Grundsätzlich haben wir die Begriffe "Lehnswesen" und "Feudalismus" im Kopf, wissen aber nicht ob diese in diesem Zusammenhang richtig sind.
    Über Erklärungen oder Querverweise würden wir uns freuen, allerdings steht uns nicht spezielle Literatur zur Verfügung, da wir nicht mehr viel Zeit haben.

    MfG
    NoPanik
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Lehnswesen und Feudalismus hat mit Kapitalismus und kapitalistischer Wirtschaftsweise nichts zu tun. Informiere dich über Fugger und Welser und Bankwesen (insbesondere das norditalienische Bankwesen).
     
  3. NoPanik

    NoPanik Neues Mitglied

    Vielen Dank
     
  4. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Dochdoch...
    Den Frühkapitalismus findet man im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit, wobei er eine Übergangsform zwischen Feudalismus und Kapitalismus darstellt. Daher ist der Frühkapitalismus auch per definitionem kein Kapitalismus.

    Nichts desto trotz liegt El Quijote damit richtig:
    Neben den frühkapitalistischen Fuggern und Welsern sowie dem italienischen Bankenwesen solltet ihr euch auch die zunehmende Bedeutung des Fernhandels anschauen sowie die Wandlung der Wirtschaftsstruktur betrachten.

    Wichtig bei der Rolle des Bürgertums ist v.a. das Patriziats und hier insbesondere wie in dieser Zeit Geld zu Macht und Einfluss führt (Medici, Fugger, Welser, Peruzzi, Bardi etc.pp.)

    Zur Vertiefung
    http://www.wu.ac.at/inst/vw3/telematik/download/wg1.pdf
    North: "Deutsche Wirtschaftsgeschichte - Ein Jahrtausend im Überblick"
     
  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Der Frühkapitalismus heißt eigentlich Frühkapitalismus, weil er schon im MA auftaucht, also lange vor dem Hochzeitalter des Kapitalismus ab dem 19. Jahrhundert und auch noch vor den auf eine positive Außenhandelsbilanz zielenden Staatswirtschaften, die wir unter merkantilistischen Systemen zusammenfassen. Mit der Naturalwirtschaft des Feudalismus hat der Frühkapitalismus nur sehr bedingt etwas zu tun. Viel mehr mit dem Geldverleih und dem Kauf z.B. von Schürfrechten und Anteilen an Unternehmen und Unternehmungen, z.B. dem Anteil an Fahrten der portugiesischen Handelsflotte durch die Welser.
     
  6. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Um genau zu sein, eigentlich gar nix, außer dass beide Formen nebeneinander existierten. Den Frühkapitalismus findet man v.a. in den großen Handelsmetropolen, Seehäfen und den damaligen Großstädten, in den ländlicheren Gegenden herrschte nach wie vor der Feudalismus vor.
     
  7. NoPanik

    NoPanik Neues Mitglied

    Vielen Dank!
    Wir glauben jetzt wir sind auf der richtigen Spur :)

    Aber wir haben noch eine Frage:
    Das dritte Unterthema ist: "Vom Bourgeois zum Citoyen und die Entstehung der Öffentlichkeit" und unser Schulbuch hat die beiden Begriffe nicht einmal im Register.
    Wir wissen jetzt zwar über die beiden Begriffe Bescheid, aber nicht ob es eine Entwicklung gab (vom Bourgeois zum Citoyen) oder wie das mit der Öffentlichkeit zusammenhängt.
    Hab ihr vielleicht noch ein paar Tipps?
     
  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Beides Bourgeois und Citoyen sind im ursprünglichen Sinne Stadtbürger. In Bürger und Bourgeois steckt der Begriff Burg, der die ummauerte Siedlung meint. Citoyen kommt von cité (vgl. city) und dies wiederum von lateinisch civitas. Civitas meint zwar die Stadt, kann aber auch den Staat meinen. Hier ist dann die Entwicklung vom Stadtbürger (nur der Städter ist Bürger mit den entsprechenden Rechten durch die Stadtrechte) zum Staatsbürger (jeder Bewohner des Staates ist ein Bürger mit den entsprechenden Rechten). Im 19. Jahrhundert wandelt sich dann der Bourgeoisie-Begriff. Er wird vom ständischen Begriff zu einem Begriff der Klassengesellschaft, der Bourgeois wird zum Großbürger oder Bildungsbürger, dem Besitzer der Produktionsmittel (Bildung ist damals noch Produktionsmittel), dem gegenüber die Proletarier stehen (ein Rückgriff auf die Begriffe der klass. Antike: Die Proletarier sind die Besitzlosen und Marx spricht vom Heer der Besitzlosen, die eben nichts zu verkaufen haben, als den eigenen Körper aka Arbeitskraft).
     
  9. Klaus

    Klaus Neues Mitglied

    Das verstehe ich nicht.
    Der Kapitalismus ist doch nicht aus dem Feudalismus hervorgegangen, sondern eher parallel bzw. in Konkurrenz dazu entstanden.

    Im Mittelalter gründete sich alle Macht auf den Besitz von Boden, da die Landwirtschaft praktisch der einzige Wirtschaftsfaktor war. Der Adel, der aus den Feudalherren hervorgegangen war, bildete daher die Machtelite.

    Später entwickelten sich andere Wirtschaftfaktoren, das Geld wurde auch abseits von Landbesitz verdient (Banken, Handel, Manufakturen,...), es bildete sich eine Geldelite ausserhalb des Adels - das Bürgertum (Bourgeoisie).

    Die Französische Revolution erklärt sich auch zu einem Gutteil aus dem "Zurechtrücken" der Diskrepanz zwischen einer überkommenen, auf den Adel begründeten Machtstruktur einerseits und den realen ökonomischen Machtverhältnissen andererseits.

    Man könnte also eher sagen, dass der Kapitalismus den Feudalismus nach und nach abgelöst hat.
     
  10. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Das wollte ich damit gar nicht sagen. Unter Frühkapitalismus subsummiert man eher alles was nicht Feudalismus aber auch noch nicht Kapitalismus ist.

    Auch nicht unbedingt und überall. Viele stürtzten sich direkt aus feudalistischen Systemen in den Kapitalismus.
     
  11. Themistokles

    Themistokles Aktives Mitglied

    Überdies bezeichnet der Begriff Kapitalismus ja nicht nur, dass entsprechend gewirtschaftet wird, sondern auch dass diese Wirtschaftsform die maßgebliche der Zeit ist und hiervon kann es ja eigentlich immer nur eine geben.
    In irgendeinem alten Lehrbuch zur politischen Ökonomie aus DDR-Zeiten fanden sich auch Beispiele für Reste von Sklavenhaltung und Feudalismus im Kapitalismus. Nichtmal für die Dogmatik des realexistierenden Sozialismus bestand also ein Widerspruch zwischen Parallelität der Wirtschaftsformen und der Benennung ganzer Epochen nach einzelnen.
     
  12. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ganz genau.

    Man sollte zwischen systemischen Beschreibungen (Feudalismus) und punktuellen Erscheinungsformen (Frühkapitalismus) trennen.

    Wenn man nach frühkapitalistischen Erscheinungsformen sucht, ...
    Frühkapitalismus ? Wikipedia
    ... finden sich diese in weithin feudalistisch geprägten Gesellschaften/Strukturen dort, ...
    Feudalismus ? Wikipedia
    ... wo in bestimmten Sektoren erstmals erheblicher Kapitaleinsatz für das Wirtschaften erforderlich wurde, also zB die angesprochenen Handelshäuser, aber auch Bergbau etc.
     

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