Wirtschaftsstruktur in der vorindustriellen Zeit

Dieses Thema im Forum "Die Industrielle Revolution" wurde erstellt von darchr, 28. März 2007.

  1. darchr

    darchr Neues Mitglied

    Hallo,

    das wichtigste Merkmal der industriellen Revolution ist ja wohl die Veränderung der Wirtschaftsstruktur - also weg vom landwirtschaftlichen hin zum industriellen Sektor.

    Doch war die frühe Neuzeit nicht bereits die Zeit der Manufakturen ?
    Kam man nicht auch von Manufakturen weg - zu einer vermehrten Massenproduktion?

    Was stimmt nun - arbeiteten die Menschen in der vorindustriellen Zeit vor allen Dingen in der Landwirtschaft oder in Manufakturen (was ja gar nicht mal so gegenteilig zur Industrie ist)
     
  2. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Manufakturen waren nicht gegenteilig zur Industrie sondern ein Schritt in diese Richtung ohne die notwendigen Maschinen, welche der Industrialisierung ihren Anschub gaben (ab Mitte 18.Jh. in England).
    Schau Dir mal die Verteilung von städtischer und ländlicher Bevölkerung vor der industriellen Revolution an! Dann wird Dir auffallen, dass der überwiegende Teil der Bev. auf dem Land also in der Landwirtschaft lebte. Es gab zwar auch auf dem Land die Produktion von bspw. Textilien wie im Raum Zittau (heute Ostsachsen), aber dies geschah dann in Heimarbeit und noch nicht in großen Werkhallen. Wobei man auch gerade im späten 18.Jh. im Elsass bspw. Ausnahmen findet.
     
  3. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Im 18. Jahrhundert wurden auch die meisten Manufakturen auf dem platten Land etabliert. Die Urbanisierung, die man im Allgemeinen mit der Industrialisierung verband, geschah, zumindest in Deutschland, erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts.
     
  4. Arcimboldo

    Arcimboldo Aktives Mitglied


    Wenn Du die frühe Neuzeit anprichst, so sind in der Umbruchsperiode vom MA zur Neuzeit die vier Säulen des frühkapital. Wirtschaftssystems zu nennen;
    Bergbau, Bankwesen, Verlagssystem und der Fernhandel.
    Diese frühkapital. Wirtschaftsformen wurden getragen von der aufsteigenden Schicht des Bürgertums, sie entstanden inmitten von einer nach wie vor agrarisch und naturalwirtschaftl. verfaßten Gesellschaft in den für heutige Begriffe noch kleinen städt. Handels-und Gewerbezonen.
     
  5. darchr

    darchr Neues Mitglied

    Manufakturen können also auch dem Landwirtschaftssektor zugeordnet werden?
    Ich dachte mit Manufakturen wären eher Industriearbeiten gemeint.
     
  6. Arcimboldo

    Arcimboldo Aktives Mitglied

    Dem Landwirtschaftssektor nicht, wie kommst Du darauf :grübel:

    Manufakturen in der o.g. Umbruchsphase stehen zwischen Handwerk und späterer Fabrik. Das "Verlagswesen " ist hier aufschlußreich.......

    siehe Definition :

    http://www.socioweb.de/lexikon/lex_soz/s_z/verlagsw.htm

    http://de.wikipedia.org/wiki/Manufaktur
     
  7. darchr

    darchr Neues Mitglied

    Ja, nur, ich habe in einem Buch gelesen, dass die industrielle Revolution im Grunde eine Industrialisierung der Wirtschaftsstruktur war - also weniger Menschen arbeiteten im Landwirtschafts- und mehr im Industriesektor.

    In der Schule sagten wir damals jedoch, dass industrielle Revolution eine Änderung von Manufaktur zu industrieller (Massen)produktion war.

    Und es kann ja eben nicht beides stimmen, weil Landwirtschaft nicht Manufaktur war. Aber was stimmt denn nun? Waren die Menschen in Manufakturen oder in der Landwirtschaft tätig (vor der industriellen Revolution).
     
  8. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Warum kann das nicht beides stimmen? Mit der Mechanisierung ging die Beschäftigung in der LW zurück, und die Manufakturen verloren ihre Bedeutung zugunsten industrieller Produktionsstätten.

    Irgendwo begehst Du einen Denkfehler. Vielleicht hilft Dir das:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Wirtschaftssektor

    Heute leben wir in der "Dienstleistungsgesellschaft", und haben trotzdem noch Bauernhöfe, Handwerksbetriebe und Maschienenfertigungsanlagen. Es passiert ja nicht von einem Tag auf den anderen, und das ist eben das "Revolutionäre" an der IR, dass sie ganz viele Lebensbereiche durchdrang und verwandelte.
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. April 2007
  9. darchr

    darchr Neues Mitglied

    Also okay - es gab also beides ja? Ich meine gehört zu haben, dass 90 Prozent der Bevölkerung in Deutschland auf dem Land tätig waren - dann gab es doch aber kaum Möglichkeiten für Manufakturen?
     
  10. Themistokles

    Themistokles Aktives Mitglied

    Doch: rund 10% der Bevölkerung lebten in Städten und konnten prinzipiell in Manufakturen arbeiten. Mit der Industrialisierung setze Landflucht und Verstädterung ein. Durch die Mechanisierung wurden die Manufakturen und späteren Fabriken leistungsfähiger und größer, womit mehr Arbeitsplätze im sekundären Sektor entstanden. Damit ein Wirtschaftszweig prägend ist, muss er nicht zwingend viele Menschen beschäftigen. Wieviel Prozent der Bevölkerung von Saudi-Arabien sind denn tatsächlich in der Ölbranche tätig?
     
  11. darchr

    darchr Neues Mitglied

    Das heißt also, es gab eine Verschiebung von Landwirtschaft zur Industrie, und von Manufaktur in Massenproduktion (denn Manufaktur ist in dem Sinne ja kein Wirtschaftssektor, daher kann man ja nicht sagen, Manufaktur zu Industrie)?
     
  12. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    90 % der Bevölkerung lebten auf dem Land, doch auch auf dem Land gab es Leute, die nicht, oder nicht ausschließlich, in der Landwirtschaft arbeiteten, Handwerker z. B. Ich habe es oben schon geschrieben, daß Manufakturen keineswegs ausschließlich im urbanen Bereich angesiedelt waren, im Gegenteil. Wieso sollte es keine Möglichkeiten für Manufakturen gegeben haben, nur weil die Mehrzahl der Bevölkerung auf dem Land lebte. Arbeitskräfte, hätte man genug bekommen können.

    Dennoch ist dein Einwand nicht völlig von der Hand zu weisen, in der vorindustriellen Gesellschaft war die Etablierung von Manufakturen noch von natürlichen und vor allem sozialen gegebenheiten abhängig. Eine Glashütte konnte man nur dort etablieren, wo man auch genug Brennholz hatte. Ein weiteres Hindernis war die Zunftordnung und die fehlende Gewerbefreiheit und damit die Schwierigkeit, qualifizierte Arbeitskräfte zu bekommen. Es gingen übrigens viele Manufakturen pleite. Gewinnbringend konnten eigentlich nur Manufakturen arbeiten, die Luxusartikel z. B. für einen Hof oder als Armee- und Heereslieferanten produzierten. In Franken wurden im 18. Jahrhundert um Fürth billige Blechwaren produziert, die ins Osmanische Reich exportiert wurden.
     
  13. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    @ Scorpio
    Ich hatte eben zuerst die bekannten Manufakturen für Luxusartikel wie beim Porzellan in Meißen auf der Albrechtsburg und in Frankenthal (Porzellan ab 1755) gedacht. Frankenthal beherbergte schon rasch 20 Manufakturen. Um und in Residenz- und Hauptstädten des 18.Jh. gab es eine erhebliche Zahl von Manufakturen. Dabei denke ich auch besonders gern an die Pappmachémanufaktur in Ludwigslust, welche zu Zeiten Herzog Friedrichs von Mecklenburg-Schwerin entstand.

    Ein Beispiel für die von Dir genannte Manufaktur auf dem Land entdeckte ich auch. Fréderic Japy (1749-1812) lernte noch zünftig das Uhrmacherhandwerk und war Feinmechaniker. Schließlich übernahm er einen Betrieb inklusive Machinen zur Fertigung von vorerst nur Rohrwerken, welche in Serienfertigung gingen. Ab 1777 ließ er ein Gebäude, woraus später ein ganzer Komplex wurde, auf einer Anhöhe bei Beaucourt errichten. Vorerst hatten ihn noch die Uhr- und Gehäusemacher von Montbéliard noch mit Teilen versorgt bzw. die Endmontage übernommen. Nun zog er zusehends sämtliche Arbeitsschritte an seine Manufaktur, in welcher Arbeiter und Unternehmer sehr eng miteinander lebten. Die zünftigen Handwerker von Montbéliard, was einen Ruf für die Uhrmacherei besaß, traten in eine für diese vernichtende Konkurrenz zu Japys Unternehmen, welche schon früh 50 Mitarbeiter und viele Heimarbeiter beschäftigt hatte. Die etwas religiös bestimmte Arbeitsgemeinschaft, welche auch zusammen aß und wohnte, sollte die Arbeiter an die Manufaktur binden. Japy selbst sagte:
     
  14. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Vielfach entstanden Manufakturen auch auf obrigkeitliche Anordnung. Nicht selten war das der Fall, wenn Zucht- und Arbeitshäusern Manufakturen angegliedert wurden, so daß sich diese Institutionen selbst finanzieren sollten. Das gelang allerdings selten. Die Produkte waren kaum absetzbar und die obrigkeitliche Reglementierungswut übersah oft, daß gar kein Absatzmarkt vorhanden war. Schwere und gesundheitsschädliche arbeiten wie Brillenschleifen oder Süßholz raspeln, glaubte man auch Gefangenen zumuten zu können. Der Nachteil war, daß ein fränkisches Gefängnis mehr Brillen herstellte, als es in ganz Franken Brillenträger gab.
     
  15. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Zum anderen wurden solche Fortschritte und das Ankurbeln der Wirtschaft oftmals nicht von der Bevölkerung begriffen, wenn sie von Landesherren angeordnet wurden. Ich denke da an die Versuche von Carl Theodor, die Seidenproduktion in der Pfalz zu installieren. Just bevor es Erträge geben konnte, wurden die Maulbeerbäume gefällt, wohl auch da die Bevölkerung nicht den Nutzen erkennen konnte, der freilich bei einem Obstbaum leichter zu durchschauen ist. Jedenfalls blieb die Pfalz dadurch agrarisch bestimmt und auch von Agrarprodukten abhängig. Dabei wurden weiterhin munter für den Hof und wer es sich leisten konnte Seiden aus Frankreich oder noch größerer Entfernung importiert.
     

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