Wohlstand oder Armut?

Dieses Thema im Forum "Die Industrielle Revolution" wurde erstellt von darchr, 8. September 2007.

  1. darchr

    darchr Neues Mitglied

    Hallo,

    im Buch "Einführung in die Wirtschaftsgeschichte" nennt der Autor Christoph Buchheim drei Merkmale beziehungsweise vielmehr Folgen der industriellen Revolution (im 19. Jahrhundert).

    1. Demographischer Übergang
    2. Strukturwandel ("Industrialisierung der Wirtschaftsstruktur")
    3. Anstieg des Lebensstandards der Masse der Bevölkerung

    Den zuletzt genannten Punkt belegt der Autor mit dem Engel'schen Gesetz. Es besagt, dass bei zunehmendem Wohlstand der Anteil der Ernährungsausgaben am gesamten privaten Konsum abnimmt. Und dieser Anteil habe sich in Ländern wie Großbritannien, USA oder Deutschland während und nach der industriellen Revolution verringert.

    Auch schreibt Buchheim, dass seit dem Ende des 19. Jahrhunderts die Ungleichheit der Einkommensverteilung über lange Zeit hinweg abgenommen hat. Die Einkommensungleichheit sei in Entwicklungsländer ferner viel größer. Auch hätte sich der materielle Wohlstand, gemessen an den Reallöhnen, in Kerneuropa seit der industriellen Revolution erhöht.

    Nun frage ich mich, wie diese Analyse (die durchaus plausibel klingt) mit der "sozialen Frage" zusammenpasst. Schon häufig habe ich gehört, dass die industrielle Revolution grundsätzlich den Wohlstand erst erhöht habe. Dies lege einfach am zusätzlichen Wirtschaftswachstum und dadurch wachsenden Volkseinkommen.

    Ich bitte hierbei um eure Hilfe!
     
  2. Themistokles

    Themistokles Aktives Mitglied

    In der sozialen Frage geht es u.a. um langfristige Sicherheit. Im Feudalsystem war der Grundherr für die Bauern verantwortlich. Handwerker waren über die Zünfte geschützt und da die unteren Schichten meist über Produktionsmittel (z.B. der eigene Webstuhl) war einge gewisse wirtschaftliche Selbstständigkeit gegeben. Für die doppelt freien Lohnarbeiter war mit der rechtlichen Freiheit auch der Verlust solcher Verantwortlichkeiten von Höhergestellten einhergegangen und das Einkommen war viel unsicherer geworden.
    Auch wenn sich manche Unternehmer für ihre Angestellten verantwortlich fühlten, war im Endeffekt diese neue Form der Armut eine Aufgabe des Staates.
    Die Frage nach der Unterkunft hilft vielleicht auch weiter. Wie verbreitet waren Mietswohungen vor der ind. Rev.? Eventuell brachte dies neue Kosten mit sich, womit sich der Anteil älterer Ausgaben (relativ gesehen) verringert.
     
  3. darchr

    darchr Neues Mitglied

    Aber erhöhte sich der Wohlstand den während und nach der industr. Revolution oder verringerte er sich?

    Ich weiß nicht so recht, wie zusammen passen soll, dass nach der "sozialen Frage" und dem "Pauperismus" die Arbeiter unterdrückt wurden, sie alle arm waren, auf der anderen Seite jedoch die industrielle Revolution Wohlstand erzeugt haben solle.
     
  4. florian17160

    florian17160 unvergessen


    Wie definierst du denn Wohlstand?
    Das war doch die Kernfrage?

    Meine Uroma hat immer gesagt, uns ging es gut, obwohl ihr Mann und sie in einer Kate hausten und Tagelöhner waren.
    Ich will damit sagen, jede Zeit hat ihren eigenen Begriff von Wohlstand.
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. September 2007
  5. Das passt deshalb mit der sozialen Frage zusammen, weil die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage des weit überwiegenden Teils der Bevölkerung, insbesondere der Arbeiter, weder automatisch noch sofort erfolgte. All das musste erst von der Arbeiterbewegung mühsam erkämpft werden. Die Feststellung von Engel (Gesetz klingt mir zu sehr nach Naturgesetz und Zwangsläufigkeit) gilt auch für die Mehrzahl der Menschen in den Industrieländern erst so richtig in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts.

    Und die Einkommensungleichheit in den Entwicklungsländern kann man durchaus auch als Kehrseite der Medaille Industrialisierung, Kolonialismus, Imperialismus in den Industrieländern sehen - wenn man will.
     
  6. Noch eine kleine Anmerkung:

    Dass es nicht unbedingt eine Erhöhung des Wohlstands sein muss (vor allem nicht für Alle), wenn ein geringerer Anteil am Einkommen für Ernährung ausgegeben wird, konnte in letzter Zeit den Medien entnommen werden:

    Die Bauern haben sich beklagt, dass sie nicht mehr kostendeckend arbeiten könnten, weil die Preise für ihre Produkte zu niedrig seien.

    Wenn man sein Geld lieber für Auto, Urlaub etc. ausgibt (und dann "Geld keine Rolle spielt") als für Lebensmittel, geht das leicht auf Kosten der Qualität - Stichwort: Gammelfleisch.

    Billige Bananen, billiger Kaffee, .... gehen auf Kosten der Landarbeiter und Kleinbauern in den Entwicklungsländern. (siehe oben: Kehrseite)
     

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