Wurde der Kommunismus in Russland aufgearbeitet?

Dieses Thema im Forum "Russland | Sowjetunion | Osteuropa" wurde erstellt von Huhu1, 16. März 2012.

  1. Huhu1

    Huhu1 Gast

    Guten Tag,

    Meine Abschlussklasse macht einen Ausflug nach Moskau und da wollte ich einfach mal fragen. Wie stehen eigentlich die Russen zum Kommunismus? Darf man darüber überhaupt reden in Russland?

    Ist die Nationalhymne oder die Flagge irgendwie verboten in Russland so wie hier das Hakenkreuz?

    mfg
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Vor etwa zwei Wochen fand die letzte Wahl zum russischen Präsidenten statt - über die auch hierzulande viel berichtet wurde. Schau dir mal die Leute an, die außer Putin kandidiert haben. Darüber kannst du dann leicht weiterrecherchieren und deine Fragen selbst beantworten.
     
  3. General Höhl

    General Höhl Gesperrt

    Man braucht sich nur die Kommunistische Partei der Russischen Föderation anschauen dann weißt du wie die Russen dazu stehen.
     
  4. michaell

    michaell Aktives Mitglied

    Die sowjetische Nationalhymne wurde nach dem Ende der UdSSR zunächst durch eine Komposition von Michail Glinka ersetzt. Zu seinem Amtsantritt Ende 2000 führte Wladimir Putin allerdings die sowjetische Hymne mit geändertem Text wieder ein; erfreulicherweise war der Texter der Hymne, Sergei Michalkow, noch verfügbar, um die Hinweise auf Lenin und den Kommunismus zu tilgen.

    Zur Aufarbeitung der kommunistischen Herrschaft kann ich Dich auf die russische Menschenrechtsorganisation Memorial verweisen, die auch eine deutsche Website hat.

    Zur Einstellung der heutigen Russen zur Sowjetunion gäbe es viel zu sagen, was aber wie angedeutet zu sehr in den hier nicht erwünschten tagespolitischen Bereich fiele.
     
  5. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    In diesem Dossier kannst du dich über Russland informieren:

    Russland - Dossier

    Und hier findest du einen Artikel über die Erinnerungskultur in Russland:

    Nach dem Ende der Sowjetunion - Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 49-50/2011)
     
  6. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Vor einiger Zeit hatte Silesia auf deutlich neo-stalinistische Tendenzen in Russland hingewiesen.

    Einen Beitrag zu diesem Thema gab es gestern in "ttt" und er zeigt, wie schwer es für Russland ist, eine angemessene Vergangenheitsbewältigung zwischen "Großmachtanspruch" und "demokratisch verfaßter Zivilgesellschaft" vorzunehmen.

    Es zeigt eine polarisierte Gesellschaft, die den Stalinismus noch nicht angemessen in die Erinnerungskultur integriert hat.

    Neuer Stalin-Kult in Russland - Der neue Stalin-Kult - Wohin treibt Russland? - ttt - titel, thesen, temperamente - ARD | Das Erste
     
    Zuletzt bearbeitet: 4. März 2013
  7. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Vielleicht/Hoffentlich sind die Befürchtungen übertrieben.

    Aber es gibt neo-stalinistische Tendenzen, die sich sehr selektiv an die neuere Forschungsliteratur "anhängen", diese insoweit missbrauchen und einseitig in der historischen Diskussion dazu benutzen, Relativierungen des Stalinismus zu betreiben.

    Die seriöse Forschung steht hier vor dem dem (wohl nicht vermeidbaren) Problem, dass zB zm Thema "Große Säuberungen" Erkenntnisse zum Kontext, zum Ablauf, zu den Verantwortlichkeiten etc. zur Exkulpation Stalins benutzt werden, indem eben Feststellungen einseitig herausgegriffen werden. Gleiches sieht man etwa am Beispiel Holodomor, sofern sich dort Forschungen auf die organisatorischen Hintergründe der Hungersnot konzentrieren.

    Wir hatten hier auch schon solche "Vertreter" des Stalinismus im Forum, die inzwischen gesperrt sind.
     
  8. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

  9. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Im russischen Fernsehen lief folgende Serie:
    3sat.online
     
  10. Treibsand

    Treibsand Neues Mitglied

    Da muss man untersuchen, ob sich solche Tendenzen in der sich
    entwickelnden politischen Struktur etablieren.

    Was Putin/ Medwedew und deren Mitläufer/Anhänger praktizieren ist
    mMn nichts anderes als eine aufgefrischte Version des zentralistischen
    russischen Staates , die seit der Zarenzeit grundsätzlich Bestand hatte.
    Da ist die hinterlegte Staatsideologie, ob Monarchie,Sozialismus
    (Diktatur des Apparats mit Einparteiensystem) oder heute mit
    nominellem Mehrparteiensystem zunächst zweitrangig.

    Die Jelzin - Zeit mit dem Zerfall der Wirtschaft , der Entstehung der
    Oligarchen-Kaste, der mehr oder weniger starke regionale Separatismus
    hat die Masse schwer getroffen mit Inflation und sozialem Niedergang.
    Dazu internationaler Ansehensverlust und militärische Degeneration.

    Kann ja sein, das daraus resultierend die Vorstellung vom " starken " Staat
    bzw. auch dem " starken " Mann, der die Dinge kontrolliert und richtet
    den Russen sympatischer ist, als die Vorstellung von ständigen
    Regierungswechseln aufgrund demokratischer Parteienpolitiken.
    Zumal dazu auch keinerlei Erfahrungen bestehen....

    Ob der Kommunismus aufgearbeitet ist ?
    Nun , offenbar bekommt die immer noch bestehende Kommunistische Partei
    trotz treuer Anhänger und Wähler keine Mehrheiten, welche sie
    in Verantwortung führen - und das seit Jahren.
    Insofern scheint die Option zum Staatsziel " Kommunismus" derzeit zwar
    keineswegs aufgearbeitet/aufgegeben - aber sie hat offenbar keine
    wirkliche Attraktivität mehr.

    Es muss bis zu einem Resümee zu dieser Frage wohl noch Zeit
    verstreichen.
     
  11. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Wenn Stalin glorifiziert wird, dann hat das sicher auch immer mit dem Großen Vaterländischen Krieg zu tun. Unter Stalin besiegte man den Okkupanten Nazideutschland. Wäre dies nicht gelungen, hätte es die Vernichtung Russlands bedeutet. Zudem war es eine derartig opferreiche Kraftanstrengung, das die Verbrechen Stalins im verklärten Blick an den Sieg schon mal verblassen.
     
  12. General Höhl

    General Höhl Gesperrt

    Nach meiner Meinung ist das sowieso nicht möglich in Russland. Diese Nation wird weiterhin von einem Mann regiert der gegen die Pressefreiheit vorgeht, Menschenrechte verletzt usw.

    Wie soll so ein aufarbeiten des Kommunismus möglich sein?
     
  13. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich ignoriere jetzt mal, dass der Beitrag in die Tagespolitik reingeht und beantworte nur deine Frage: Der Umstand, dass ein Land keine (richtige) Demokratie ist nicht gleichbedeutend damit, dass dieses Land keine Aufarbeitung des Erbes einer vorhergehenden Diktatur leisten könnte. Zwar mangelt es auch in Russland an der Freiheit der Forschung aber es wäre durchaus möglich, die kommunistische Vergangenheit aufzuarbeiten, wenn man denn wollte. Das Problem ist aber vielmehr, dass seit dem vorletzten Präsidenten - oder wenn man so will nach Jelzin - in einigen Punkten wieder vermehrt an das sowjetische Erbe angeknüpft wird, ohne, dass man versuchen würde, eine Wiederauflage des Sowjetsystems zu versuchen.
     
  14. Mithridates

    Mithridates Aktives Mitglied

    Na in Spanien tut man sich trotz demokratischer Ordnung auch schwer die Franco-Diktatur wirklich zufriedenstellend aufzuarbeiten, da braucht man gar nicht mit so Dingen wie Pressefreiheit und Menschenrechte zu argumentieren.
     
  15. General Höhl

    General Höhl Gesperrt

    Dann argumentieren wir damit das es das Volk anscheinend nicht interessiert?
     
  16. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    An Spaniens Demokratie ist manchmal zu zweifeln... Dem Baltazar Garzón ist ganz schön übel mitgespielt worden.
     
  17. Mithridates

    Mithridates Aktives Mitglied

    Das glaube ich gar nicht, aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die meisten Russen, ein insgesamt positives Bild von der Sowjetunion haben. Interessanterweise nicht unbedingt vom Kommunismus, man versteht es als Höhepunkt aus machtpolitischer Sicht, ich denke gerade in den Wirren der Oligarchie und des allgemeinen Zerfalls der ehemaligen Grundsicherungen vermissen viele auch aus dieser Sicht die Sowjetunion, wiederrum andere scheinen ja immer mehr an Moral zu verlieren, im Endeffekt assoziieren viele gar nicht so sehr den Kommunismus direkt mit der Sowjetunion, gerade die Jugend in Russland ist nicht so ganz auf Trapp was das genau ist, die UdSSR ist irgendwo einfach nur das große Russland von früher, dass sich mit Amerika gemessen hat und gerade das vermissen wohl viele, über Aufarbeitung denkt man gar nicht erst nach.

    Eben das wundert einem ganz schön extrem, dass sowas in Spanien überhaupt geht, es wurde ja nicht ein mal ein Geheimnis darum gemacht, weswegen er ein Berufsverbot bekam, aber auch ein ehemaliger Regierungschef wie Aznar war alles andere als sauber in Bezug auf die Vergangenheit.
     
    Zuletzt bearbeitet: 4. März 2013
  18. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Das ist natürlich inhaltlich absolut nicht korrekt dargestellt und eine völlig falsche Schlussfolgerung, abgesehen von der impliziten politischen Bewertung. Die Tatsache, dass es in Teilen der Bevölkerung und auch in Teilen der "Intelligenz" zu einem Neo-Stalinismus kommt, sagt primär etwas über die Polarisierung der russischen Gesellschaft aus und etwas über die gravierende Bedeutung der ungelösten sozialen und politischen Probleme. Auch auf dem Weg zu einer "Zivilgesellschaft".

    Russland pauschal die Bereitschaft und die Fähigkeit abzusprechen, den Stalinismus aufzuarbeiten, ist inhaltlich falsch und zeigt eher Defizite in der Wahrnehmung der Forschung zum Stalinismus auf. Es ist eher der Konflikt der unterschiedlichen Seiten, der das Bild prägt.

    Vielmehr gibt es sowjetische Historiker, die international anerkannte Werke vorgelegt haben.

    Zu nennen sind z.B. ein konvertierter Besymenski und Wolkonov,

    Dmitri Antonowitsch Wolkogonow ? Wikipedia

    oder ein Medwedew oder ein Chlewniuk.
    Roi Alexandrowitsch Medwedew ? Wikipedia

    Oleg Khlevniuk - Wikipedia, the free encyclopedia

    Und es werden Studien publiziert, die die Nähe zur Spitze der "Sovietologie" deutlich dokumentieren wie beispielsweise: das Buch von Gregory & Naimark und Chlevniuk.

    The Lost Politburo Transcripts: From Collective Rule to Stalin's Dictatorship - Paul R. Gregory, Norman M. Naimark - Google Books

    Unabhängig davon gibt es eine Reihe von Studien, die von internationalen Historikern durchgeführt worden sind zum Stalinismus in Kooperation mit russsischen Stellen.

    Dem würde ich ein wenig widersprechen bzw. es präzisieren wollen. Man versucht an das stalinistische Erbe anzuknüpfen. Und vor allem an die Elemente, die die imperialen Ansprüche Stalins betreffen, eine absolut unangefochtene nationale Sicherheit zu erzielen. In diesem Sinne knüpft man an Stalin als "legitimen" Nachlassverwalter von "Peter dem Großen" an und würde sich gerne wieder in der uneingeschränkten Rolle einer europäischen Großmacht sehen wollen.

    Das bedeutet aber nicht, dass es eine Affinität der russsichen Gesellschaft zur stalinistisch verformten "sozialistischen" Gesellschaft der 30er und 40er Jahre gibt.
     
    Zuletzt bearbeitet: 4. März 2013
  19. General Höhl

    General Höhl Gesperrt

    Ich meine ganz konkret. Wie sollte ein System wie es in Russland derzeit herrscht, den Kommunismus ehrlich aufarbeiten? Die Sowjetunion ist noch nicht sehr alt. Ich glaube viele in Russland müssten sich dann für etwas rechtfertigen worüber sie lieber schweigen.

    Nein man vermisst viel eher die alte Größe.
    Das ist natürlich nur eine Behauptung meinerseits.
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. März 2013
  20. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    :confused: Es ist mir doch ein wenig unverständlich, wenn man direkte Hinweise auf die Aufarbeitung des Stalinismus erhält, wie man dennoch weiterhin an seiner Meinung unbeirrt festhält.

    Eine differenzierte Beurteilung zur "Transformationsperiode", durch die Russland gerade hindurchläuft, ist das sicherlich nicht.

    Darstellung dieser Veränderungen finden sich beispielsweise bei Cohen und Daniels.

    Und es ist vor allem auch Cohen, der in Anlehnung auf die Intentionen von Gobatschow darauf hinweist, dass das neuartige an der Umgestaltung einen deutlichen Bruch mit der bisherigen russischen Praxis "blutiger" Umgestaltung politsicher Systeme darstellt.

    Soviet Fates and Lost Alternatives: From Stalinism to the New Cold War - Stephen F. Cohen - Google Books

    Russia's Transformation: Snapshots of a Crumbling System - Robert Vincent Daniels - Google Books

    Das bisherige Vermächtnis der "Perestroika" ist die demokratisch angeleitete Transformation einer poststalinistischen Gesellschaft, die unter einer "absolutistisch" agierenden Bürokratie gelitten hat. Und obwohl der aktuelle Zustand absolut nicht zufrieden stellend sein kann, dennoch wäre es falsch, den Veränderungsprozess in Richtung auf eine demokratisch verfaßte Zivilgesellschaft grundsätzlich zu ingnorieren.

    Ansonsten wäre es sicherlich hilfreich, auch um die Moderation nicht weiter zu strapazieren, Urteile über die aktuelle Situation zu vermeiden und vielleicht weniger aus der Sicht des persönlichen Vor-Urteils zu argumentieren.
     

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