Wurden Tempel nach den Sternen ausgerichtet?

Dieses Thema im Forum "Kultur- und Philosophiegeschichte" wurde erstellt von pelzer, 20. Dezember 2009.

  1. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

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  2. Muspilli

    Muspilli Aktives Mitglied

    Super, Danke! Für Teotihuacan bestätigen die beiden Autoren ja tatsächlich die Phänomenbeobachtung, geben aber anderweitige Bedenken zum besten:
    „Es ist folglich möglich, dass die Erbauer Teotihuacáns die Stadt nach diesen Kriterien errichtet haben, da die astronomischen Voraussetzungen in der Entstehungsepoche erfüllt sind.
    Die Hypothese wird noch dadurch gestützt, dass die Plejaden in der Kultur der mittelamerikanischen Völker einen großen Stellenwert einnahmen. Allerdings bin ich (Th.Z.) der Meinung, dass man dieser Theorie auch ein wenig skeptisch gegenübertreten sollte, denn wieso haben die Teothiuacáner dann nicht ihre Stadt direkt auf die Linie zwischen den beiden Kreuzen gesetzt? - Dies wäre doch um einiges logischer, als eine zu dieser Orientierung orthogonale Hauptstraße. Andererseits ist bloßer Zufall auch unwahrscheinlich, da ja die Orientierung tatsächlich absichtsvoll erfolgt ist, aber keinen ersichtlichen Bezug zur Landschaft und zu umliegenden Bergen hat.“
    Im Grunde ist es aber nicht rätselhaft, da die Mondpyramide (als künstlicher Berg) den Cerros Godos symbolisieren soll, der in der Achse de sog. Totenstr. liegt.
     
  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Sicher soll das Cerro Gordo (dicker Berg) und nicht cerros godos (gotische Berge) heißen?
     
    Pardela_cenicienta gefällt das.
  4. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    Was ich nicht verstehen, wie man ein Bauwerk nach den Plejaden ausrichten kann? Denn im September stehen die Plejaden im Osten, im Dezember im Süden und März im Westen. Im Sommerhalbjahr sind sie dagegen überhaupt nicht zu sehen.

    Im Prinzip bedeutet das doch, dass jedes Gebäude und jede Strasse irgendwann im Jahr unweigerlich auf die Plejaden zeigt. Oder auf die Sonne oder ein x-beliebiges Sternbild. Denn diese ziehen ja alle über den Himmel und irgendwann stehen sie immer richtig...

    Gruss Pelzer
     
  5. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Da standen Vorstellungen von Zeitqualitäten in einem geschlossenen Kosmos dahinter; die kennen wir heute auch noch, nur nicht in Verbindung mit angenommenen Fern- oder Synchronwirkungen zum/mit dem Kosmos.

    Und die Sternhaufen und -figuren galten vielfach als Götter, belebt, oder mächtige Himmels-Wesen usw. usw.
     
    Zuletzt bearbeitet: 22. Juli 2022
  6. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    Genau deswegen ist auch heute in Deutschland fast jedes einzelen Autobahnteilstück, jeder Recyclinghof und jedes Panzerübungsgelände nach einem Gestirn, einem Sternbild oder einem Sternhaufen im Kosmos ausgerichtet!

    Ich kanns beweisen. ;)

    Gruss Pelzer
     
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  7. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Ich möchte noch einen Aspekt zu bedenken geben. Es reicht keinesfalls nur die Ausrichtung eines Tempels zu prüfen. Es wurde schon in den 70ern und 80ern gezeigt, dass (ohne Schriftquellen) eine Statistik mit genügend Objektem notwendig ist, um die Ausrichtung zu belegen. Bei Mayastädten etwa spielt auch die jeweilige lokale Sakraltopographie eine Rolle.

    Teotihuacan ist natürlich aufgrund der besonderen Bedeutung gewissermaßen singulär. Dennoch wäre die Statistik für Mesoamerika, bzw. für einzelne Kulturen, bzw. Regionen des Gebiets heranzuziehen.

    Bei solchen Peilungen können kleine Baufehler große Auswirkungen auf die Interpretation haben. Statistik gibt dem Sicherheit.

    Bei Kirchen und Moscheen ergibt sich nicht etwa eine exakte, sondern eine ungefähre Ausrichtung. Und bei vielen frühmittelalterlichen Kirchen weist der Chor eine andere Ausrichtung auf als das Schiff. Bei frühen Moscheen ist die Ausrichtung so ungenau, dass neben der klassischen Ansicht einer Ausrichtung nach Jerusalem eine Ausrichtung auf Petra nicht ganz von der Hand gewiesen werden kann, auch wenn manche da übertreiben. (Die Ausrichtung auf Mekka wurde später eingeführt.)

    Auch die Bedeutung der Ausrichtung von Steinzeitbauten ergibt sich nicht etwa anhand von Stonehenge, sondern anhand der Statistik. Dabei ist ein anderes Problem zu sehen. Steine als Peilmarken wurden oft in historischen Zeiten versetzt, teils um auf in der Moderne vermutete Zielpunkte zu verweisen. Heute wird in vielen Fällen eher davon ausgegangen, dass der Sonnenaufgang einige Tage vor einem Fest angepeilt wurde, um nicht überrascht zu werden, während viele Steine nunmehr falsch auf das Festdatum ausgerichtet sind und die Verschiebung über die Jahrtausende auch nicht berücksichtigt wurde. Steinkreise wurden zerstört und in der Romantik 'wiederhergestellt'*. Schließlich ergeben Beobachtungen von der Erdoberfläche wegen optischer Effekte noch mehr Abweichungen als die Wirklichkeit der Astronomie. Auch Bauten Mesoamerikas wurden modern rekonstruiert - oft nach dem Vorbild Teotihuacans.

    *Nachdem es statistische Daten zur Form von Steinkreisen, die in aller Regel keine Kreise abbilden, gibt, sind Fehler hierbei allerdings gut zu erkennen.
     
  8. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Eine alternative architektonische Beziehung von Tempel zu Sternen bzw. Planeten beschreibt der islamische Gelehrte al-Masʿūdī bezüglich den Sabischen Tempeln in der Stadt Harran (Carrhae), die einem Mondkult huldigte (wohl noch bis ins 10.Jh.):
    (al-Masʿūdī, Muruj al-dhahab (Goldene Wiesen))

    Ausrichtungs-Modalitäten, die hier im Faden eine Rolle spielen, habe ich bei anderen Religionen gefunden: Hier geht es um die Anhänger des Zarathustra und den Elkesaiten – Wikipedia und ihre Orientierung beim Gebet, was womöglich auch die Ausrichtung ihrer Tempel nach sich gezogen hat:
    Die Ausrichtung von Tempeln scheint also einer Vielzahl von Faktoren zu genügen.

    (Auszüge aus: T. Green, The City of the Moon God, 1992)
     
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  9. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Ja, es gab natürlich je nach Region, Kultur und Zeitphase insgesamt eine Vielzahl von möglichen Ausrichtungen nach diversen Himmelsobjekten.

    Nicht nur die Sonnenwenden und Tagundnacht-Gleichen, sondern das erstmalige oder letztmalige Auftauchen von Sternen, Sternbildern, Sternhaufen am Westhorizont, am Osthorizont usw., die Wandelsternkonstellationen und -phasen in Relation dazu, oder zueinander etc. etc.

    Wichtig war der heliakische Aufgang von Himmelskörpern, also das erstmalige Sichtbarwerden morgens am Osthorizont.
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. Juli 2022
  10. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Kann es sein, dass hier zwei verschiedene Dinge gemeint werden?
    Das eine ist die Ausrichtung auf Sonnenaufgänge bestimmter Kalenderdaten (Newgrange, Abu Simbel, mittelalterliche Kirchen), was ja unzweifelhaft sein dürfte, das andere die Nachbildung von Sternbildern durch Architektur (die großen Pyramiden von Gizeh als Nachbildung des Gürtels von Orion, wie von einigen Esoterikern vertreten).
    In Antequera, der Dolmen de la Menga, ist mit großer Wahrscheinlichkeit auf den Peñón de los Amantes ausgerichtet, der aussieht, wie der Kopf eines schlafenden Riesen. Wir wissen zwar nicht, was die bronzezeitlichen Andalusier sich dabei gedacht haben, aber es spricht schon viel dafür, dass die Ausrichtung auf diesen schlafenden Riesen nicht zufällig (eben weil er zufällig auch in Richtung der aufgehenden Sonne liegt) war. Der jüngere, direkt benachbarte Dolmen de Viera öffnet sich zwar auch nach Osten, folgt aber nicht dem Vorbild des Dolmen de la Menga und ist dementsprechend nicht direkt auf dem Penón de los Amantes ausgerichtet.
     
  11. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Nachbildungen von Sternbildern durch Architektur? Das war mir noch nicht bekannt...ach, da gab es doch vor 10 Jahren die Dis. über den sogenannten Sternhimmel vom Magdalenenberg...

    Vermutete Ausrichtung auf bestimmte Sternbilder wiederum schon.
     
  12. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wie gesagt, aus dere esoterischen Ecke stammend.
     
  13. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Vor einigen Jahren war mal in der Presse, dass jemand behauptete, dass Die Standorte der Kirchen in Deutschland den Sternenhimmel abbilden. Natürlich passend ausgewählt...
     
  14. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    "Entdeckt" wurde dieses Weltwunder in Südwestfalen. Die Kirchen sollen den Sternenhimmel anno 2800 v. Chr. abbilden.

    Was für ein Schmarren.
     
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  15. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Stimmt, dass war ja direkt vor meiner Haustür. Wie da gerade die Erinnerung wiederkommt:

    Das lustigste daran war, dass aufgrund der Wüstungsbildung im Spätmittelalter, bei der hier oft die gesamte Siedlungsstruktur verloren ging, später an völlig neuen Orten neu begonnen wurde.Teils samt Kirche.
     
  16. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Jau, allein das kleine Dorf meiner Kindheit umgeben im Radius von 3 km mindestens 3 aufgelassene, aufgegebene Kapellen/Kirchen. Immer hübsch, wenn der aktuelle Zustand grenzen- und geschichtslos rückprojiziert wird.
     

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