Zar Nicolaus II. – war da nicht auch ein wenig Hauch eines Tagträumer?

Ralf.M

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Weil wir hier gerade zu Raymond Poincaré und seinem Russland -Besuch/Sankt Petersburg (13.07. – 23.07.1914) das Thema hatten.

Mich beschäftigt das Thema:

Der russische Zar Nicolaus II. – der letzte russische Zar (* Mai 1868 – † Juli 1918, Alter = 50 Jahre) war wohl im 1. Halbjahr 1914 recht sorglos was sich da in Europa 1914 zusammenbraute.

Nach seiner Meinung lief ja alles bestens, so zum Beispiel:

(1.) im Sport:
  • da hatten wir in Berlin die Weltmeisterschaft in Eisschnelllauf. Der Russe Wasilij Ippolitow (1892-1957) gewann da mehrere Medaillen (500 m/3., 5000 m/2., 1500 m/3. und 10.000 m/1.).
  • da hatten wir in Helsinki (damals Helsingfors) die Eiskunstlauf-Weltmeisterschaften der Männer, Rußland und mit seinem Ftm. Finnland belegte Rußland die Plätze 12 und 13.
  • Da hatten wir in St. Moritz Eiskunstlaufen die der Frauen und der Paare. Im Einzellauf Platz 6 + 7 und Paare Platz 1/Ftm. Finnland.
  • Und dann gab es Norwegen und Schweden auch mit Beteiligung der russischen Elf Fußball-Freundschaftsspiele. Schweden am 05.07.1914 - Ergebnis 2:2 und Norwegen am 12.07.1914 – Ergebnis 1:1.
  • Anmerkung -> Ftm – Finnland. Zu dieser Zeit war Finnland ein „(Groß) Fürstentum Russlands“ (1809 – 1917).
(2. Und in der Wirtschaft sah es auch nicht schlecht aus.
  • Einigen Zeitschriften ist zu entnehmen, die Wirtschaft wuchs schneller als je zuvor, wobei das Bruttoinlandsprodukt mit etwa 10 bis 20 Prozent pro Jahr anstieg.
  • Der englische Schriftsteller >Maurice Baring< (* 1874/London – † Beaufort Castle bei Inverness/Schottland-Highland 1945) schrieb damals: "Es hat den Anschein, als hätte Russland niemals zuvor eine solche Zeit erlebt, in der das Land in materieller Hinsicht derart aufblüht wie jetzt, oder anders gesagt: es scheint als würde die große Mehrheit der Bevölkerung in einer Zeit leben, in der sie weniger Grund hat, unzufrieden zu sein, als jemals zuvor.". Quelle: Dieses Zitat habe ich aus der Zeitschrift „Ogonjok“ Nr.4 vom 03.02.2014. Diese Zeitschrift erscheint seit 1899 immer montags wöchentlich. Verlagshaus „SAO Kommersant Moskau“. Übersetzt heißt „Ogonjok“ = "Feuerchen".
(3.) Der Zar - gemäß seinen Tagebucheinträgen - hatte mehrmals das „Vergnügen“ dem von unzähligen Legenden umwobenen angeblichen Hellseher und Wunderheiler Grigorij Rasputin zu begegnen.
Er mochte diesen Kerl aus Pokrowskoje/Gouvernement Tobolsk/Westsibirien zwar nicht, aber er tat es seiner Frau zu liebe und auch wegen der Krankheit des Zarewitsch, seinen Sohn Alexei Nicolajewisch Romanow.

(4.) Am Geburtstag des deutschen Kaisers Wilhelm II. (* 27.01.1859) frühstückte er zur Feier des Tages gemeinsam mit dem deutschen Botschafter, Graf Friedrich von Pourtalès. Botschafter Deutschlands in Russland von 1907-1914. Mit Ausbruch des I. WK wurden die diplomatischen Beziehungen ja erstmal abgebrochen.

(5.) Zum Jahresbeginn hielt er sich mit seiner Familie in Zarskoe selo (das heutige Puschkin, eine Vorstadt von St. Petersburg) auf.

(6.) Er fuhr dann zu Halbinsel Krim. Und danach nach Rumänien.

(7.) Sie kehrten von da aus auf den Peterhof (Большой петергофский дворец) zurück und danach fuhr er mit seiner Jacht „Standard" zu den finnischen Schären. Seinem Tagebuch zu folge ist dieses Schiff: „Es ist eine große Freude, wieder zu Hause auf dem Wasser zu sein“.

(8.) Der Historiker Lew Lurje vermerkt u.a. weiter, der Zar war begeisterter Jäger. Seine Jagderfolge notierte er akribisch. „33 Fasane, 22 Rebhühner und einen Hasen – insgesamt 56." konnte man aus seinem Tagebuch lesen.

(9.) Ein besonderer Musikliebhaber wie beispielsweise sein Vater Zar Alexander III. war er jedoch nicht. Er konnte zwar Klavier spielen, aber da war seine Frau ihm haushoch überlegen.

Bei aller Eintracht, wenn ich mal so sagen würde/darf, es brodelte in Russland im I. Halbjahr.

Pjotr Durnowo, einer der weisesten Innenminister Russlands, warnte einst den Zaren, wie auch einige andere auch. Pjotr Durnowo war ja Innenmistern Russlands von Oktober 1905 – April 1906.
Und er hatte guten Grund dazu, weil...

(10.) „Am 7. Juli 1914 erlebte Russland den Beginn von Massenstreiks. 10 000 Menschen standen an diesem Tag auf den Straßen. Am 10. Juli waren es dann bereits 135 000. Die Streikenden bekamen bei ihrer Forderung „Nieder mit dem Absolutismus" auch Unterstützung durch die Arbeiter in den Erdölfeldern von Baku. Am 10. Juli erlebte die Streikwelle schließlich ihren von Gewalt und Aufruhr geprägten Höhepunkt. Lenin nannte sie „Arbeiterjugend" – legten in St. Petersburg das Straßenbahnnetz lahm. Auf dem Ligowskij Prospekt schlugen sie einen Fahrkartenkontrolleur mit Steinen zu Tode. Zudem demolierten sie 200 der 600 Straßenbahnwagons. Dabei war die Straßenbahn damals das einzige Transportmittel in St. Petersburg, das sich die Arbeiterschicht leisten konnte. Die Fabriken mussten schließen, da man sie nicht mehr erreichen konnte. Vor der Polizei hatten die Streikenden keine Angst, im Gegenteil. Sie lieferten sich mit ihr regelrechte Gefechte. Erst der Krieg setzte den Massenstreiks ein Ende.“ Zitat aus: „Russia Beyond“ vom 21.02.2014. Verfasser der russische Historiker Lew Lurje (Лев Лурье). Wer etwas mehr über diesen Historiker lesen möchte dann bitte hier: Lev Lurie – Wikipedia

Schließen wir dieses I. Halbjahr 1914 in Russland mit einen Eintrag des Zaren in seinem Tagebuch ab.

Am 25. Juli (gregorianischer Kalender ≙ 12.07.1914 julianischer Kalender) trägt Zar Nicolaus II. folgendes in sein Tagebuch ein:
„Am Donnerstagabend – 23.07.1914 (greg. ≙ jul. 10.07) hat Österreich Serbien ein Ultimatum mit Forderungen gestellt, von denen acht für einen unabhängigen Staat unannehmbar sind. Heute um sechs Uhr ist die Frist abgelaufen. Alle sprechen nur noch darüber."

Ob er wohl damals zu dieser Stunde an einen Weltkrieg gedacht hat?
Russland war ja ein seit 1816 ein verbündeter Serbiens.

Es vergehen gerechnet vom 25.07.1914 dann noch 6 Tage bis Deutschland Russland den Krieg am 01.08.1914 erklärt.
 
Zuletzt bearbeitet:
@Ralf.M
hast Du einen Link zum entsprechenden Tagebuch des Nikolaus? (hab nur was für 1917-1918 gefunden)

Danke für den interessanten Beitrag.
Kannst Du russisch?
 
Hallo hatl,

Meine Russisch Kenntnisse halten sich in Grenzen.
Und ich muss leider sagen, da bin ich selber schuld.
Wer wie ich fast 10 Jahre russisch Unterricht hatte, sollte eigentlich russisch bringen. Aber warum dies so ist, bei mir war es der „Muss“ (DDR).

Zu den Zitaten aus den Tagebuch des Zaren.
Ich habe nicht sein Tagebuch.
Meine >Weisheiten< stammen aus/von:
  • Onlineangebot „Russia Beyond“. Ich lese meistens was da zur Historie steht.
  • Der Beitrag des Historikers Лев Я́ковлевич Лурье (* 19.04.1950/damals Leningrad) war hier für diesen Beitrag im Forum der Zündfunke/Ausgangspunkt.
  • Und ich bemühe mich etwas von Pierre Gilliard (* Mai 1879/Schweiz – † Mai 1962/Lausanne/Schweiz) im Netz zu bekommen. Er war ja als Erzieher und Hauslehrer/Französisch am Hofe des Zaren von 1904 – 1917 tätig und verdankte es einen Zufall dass er nicht von den Bolschewistischen-Cowboys in Jekaterinburg mit ermordet wurde.
Interessant ist ja in diesem Zusammenhang auch die Geschichte des Ipatjew – Hauses.
Anmerkung: Quelle habe ich im Netz recherchiert und selber Zusammengestellt.
  • Das Ipatjew-Haus wurde auf den Grundstück des Landsitzes berühmten russischen Historikers und Geografen Wassili Tatischtschew ( Wassili Nikititsch Tatischtschew – Wikipedia ) erbaut.
  • Auf diesem Grundstück, einer Hanglage, baute in den späten 1880iger ein gewisser Iwan Redikorzew, er war Ingenieur und Minenleiter, eine geräumige Villa.
  • Kurz nach Fertigstellung des Hauses wurde Redikorzew mit Korruptionsvorwürfen belastet. Er geriet in finanzielle Schwierigkeiten und musste 1898 das Haus an den Ingenieur und Händler Igor Scharawjew verkaufen.
  • Dieser Igor Scharawjew verkaufte dann 1908 diese Villa an den Militäringenieur Nikolaj Ipatjew. Näheres zum Haus bitte hier - Ipatjew-Haus – Wikipedia
  • Und deswegen sagt man auch die Zarenfamilie wurde in den „Ipatjew-Haus“ ermordet.
  • 1977 ließ das Politbüro der KPdSU von Swerdlowsk (früher Jekaterinburg) unter der Leitung des 1. Sekretär Boris Jelzin – der Wodka Jelzin – dieses Haus abreisen.
  • Unter Leitung des selben B. Jelzin wurde dann zwischen 2000 – 2003 auf diesen Grund und Boden eine Kathedrale gebaut Namens: „Храм-на-Крови́ во и́мя Всех святы́х, в земле́ Росси́йской просия́вших“; übersetzt -> „Kirche auf dem Blut zu Ehren aller Heiligen, die in Russland strahlen“.
  • Man nennt dies Kathedrale im Deutschen auch -> „Heilig-Blut-Kathedrale“.
  • Wem interessiert wie diese Kathedrale aussieht, bitte hier ->
  • Kathedrale auf dem Blut – Wikipedia
Schlussbemerkung...
Wenn ich solche Geschichten lese, brauche ich dann immer Rachmaninoff‘s „Vespermesse“,op. 37, Untertitel : "Großem Abend- und Morgenlob".
 
Den Pierre Gilliard gibts auf Englisch. Auch auf Französisch. Leider nur.
Es gab wohl eine eine deutsche Ausgabe 1922, doch wird die nicht leicht zu finden sein. Beim zvab.com jedenfalls Fehlanzeige.
 
Einpaar Gedanken zum Nikolaus II.

Barbara Tuchman (August 1914)zeichnet vom N. ein negatives Bild. Dieser habe nur Unglück über sein Volk gebracht. Sie beschreibt ihn als recht herzlos. Nach der Chodynka-Katastrophe, die sich im Rahmen seiner Krönungsfeierlichkeiten ereignete, habe er es sich nicht nehmen lassen am Abend zu tanzen. Sie bringt ein weiteres Beispiel.
Beeinflusst ist dieses Bild von Sergei Witte dessen Memoiren sie u.a. zitiert.
Der Witte ist wahrscheinlich der wichtigste russische Staatsmann im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Es gibt drei Ausgaben seiner Memoiren (Russisch, Englisch, Deutsch
Englisch und Deutsch hab ich gelesen und kann Links bereitstellen. Es sind teilweise unterschiedliche Auszüge seiner riesigen stenographischen Hinterlassenschaft)
Der Witte zeichnet ein vernichtendes Bild des neuen Zaren (ein neuer Paul) insbesondere im Vergleich zu seinem Vater. Der Nikolaus sei hinterhältig und verlogen. Dies sei eine Eigenschaft, wenn nicht mit dem Geschick eines Metternich oder Talleyrand verbunden, üblicherweise im Blutbad enden muss.
Doch sei der Nikolaus so schwach, dass er dazu neige dem letzten Vorsprecher zu einem Thema recht zu geben.

Dominik Lieven hat eine Biografie über den Nikolaus (Nicholas II) geschrieben.
Die Schwäche des Zaren ist auch darin zu erkennen.
Doch zeichnet er ein deutlich anderes Charakterbild.
Ein liebevoller Ehemann und Familienvater, der im Gegensatz zu anderen gekrönten Häuptern das Glück hatte mit liebevollen Eltern aufzuwachsen,
und das Unglück Zar zu werden.
Er sah sich dieser Aufgabe nicht gewachsen und litt darunter.

Und wer hätte sich schon einer solchen Aufgabe stellen können, blos weil ihm die Geburt eine solche zuwies?
 
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