Zeitgenössische Bewertung der Industriellen Revolution

Dieses Thema im Forum "Die Industrielle Revolution" wurde erstellt von John16, 12. Februar 2016.

  1. John16

    John16 Gast

    Hallo,

    ich suche Quellen (etwa Tagebücher, Zeitungen, Flugblätter etc.) aus denen hervorgeht, wie die Industriellen Revolution und deren Folgen, wie Urbanisierung, Massenverelendung etc. von den Zeitgenossen wahrgenommen und bewertet wurde. Alles aus denen etwas über das Denken der Zeitgenossen hervorgeht, sei es positiv oder negativ, kann mir weiter helfen.

    Vielleicht ist der ein oder andere ja schon mal auf solche Zeugnisse gestoßen und kann mir einen Tipp geben.

    Mit bestem Dank
    John
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Der Klassiker ist natürlich Friedrich Engels' über Die Lage der arbeitenden Klasse in England.
     
  3. Hans forscht

    Hans forscht Aktives Mitglied

    Ja, an Marx und Engels würde ich auch denken. Es ist ja bewundernswert wie gut Marx die Finanzkrise im Voraus beschrieben hat. Allerdings war er der Meinung, die Kapitalisten würden den Arbeitern nicht mehr als das allernötigste zum Überleben gönnen, womit er sich im Nachhinein betrachtet sehr geirrt hat, zumal sie als Konsumenten zur Grundvoraussetzung für einen möglichst großen Markt geworden sind. Aber diese falsche Voraussage sagt viel über seine damaligen Beobachtungen.

    Das ist natürlich nur eine von vielen möglichen Quellen.

    Ich könnte mir vorstellen, dass in der medizinischen Literatur und in Berichten von Klerikern einiges zu finden sein wird. Und natürlich in Privatbriefen.
     
  4. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    evtl. nur indirekt bzgl. der Eingangsfrage, aber dafür sehr aussagekräftig:
    William Turner: Regen, Dampf und Geschwindigkeit (Gemälde; dazu die kunsthistorische Literatur)
    Theodor Fontane: Die Brücke am Tai (Ballade; dazu die lit.histor. Sekundärliteratur)

    interessant ist auch Grete Wehmeiers Buch "prestississimo" - zwar ist es primär musik-rezeptionshistorisch, hat aber sehr aufschlussreiche Passagen über die allgemeine Beschleunigung des Lebens durch die industrielle Revolution (und dankenswerterweise dazu auch zahlreiche Literaturverweise)
     
  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Die Brück' am Tay ist aber angesichts der Katastrophe eher technologiefortschrittskritisch. Über die sozialen Verhältnisse sagt die Ballade herzlich wenig aus. Oder überzeugst du mich vom Ggt.?
     
  6. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

    Wenn ich was dazu sagen darf...

    Mir fällt bei so einem Thema sicher auch der Wuppertaler ein, aber auch die „Maschinenstürmer“.
    Literatur dazu findet man unter diesen Begriff bei Wiki.

    Ich meine aber auch, Käthe Kollwitz sollte da nicht außen vor gelassen werden.
    Und m.W. hat da auch einiges Pinselheinrich aufs Blatt gebracht.
     
  7. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    explizit nach den Wirkungen auf die sozialen Verhältnisse war nicht gefragt worden, sondern nach zeitgenössischen Wahrnehmungen bzgl. der Folgen - und die Folgen waren mannigfaltig und breit gefächert (Elektrifizierung, Eisenbahn, etc. etc.) - u.a. der technische Fortschritt wurde als menschliche Hybris literarisch thematisiert, ebenso die Dämonisierung der nicht beherrschbaren Naturkräfte; und in diesem Bereich ist Fontanes Ballade angesiedelt (sehr schön ist der Auftritt der MacBath´schen Hexen!)

    die Veränderung der Lebenverhältnisse deutet die Ballade an:
    »Und unser Stolz ist unsre Brück';
    Ich lache, denk ich an früher zurück,
    An all den Jammer und all die Not

    Mit dem elend alten Schifferboot;

    ebenso den Aspekt der Beschleunigung, der veränderten Zeiteinteilung und Zeitwahrnehmung:
    Unser Johnie kommt und will seinen Baum,
    Und was noch am Baume von Lichtern ist,
    Zünd' alles an wie zum heiligen Christ,
    Der will heuer zweimal mit uns sein, –
    Und in elf Minuten ist er herein

    Ebenso wird die Hybris des vermeintlichen Siegs über die Natur thematisiert:
    Und Johnie spricht: »Die Brücke noch!
    Aber was tut es, wir zwingen es doch.
    Ein fester Kessel, ein doppelter Dampf,
    Die bleiben Sieger in solchem Kampf,
    Und wie's auch rast und ringt und rennt,
    Wir kriegen es unter: das Element

    ...nun ja, die Hexen sehen und machen das ein wenig anders...
    »Hei!
    Wie Splitter brach das Gebälk entzwei.«
    »Tand, Tand,
    Ist das Gebilde von Menschenhand
    .
    «

    Übrigens später, in einer herrlichen Passage in Manns Zauberberg, wird ironisch distanziert das Titanic Unglück als bestrafte Hybris angesprochen.

    Gewiß, die Ballade spricht soziale Verhältnisse, Wahrnehmungen etc. nicht so direkt an wie z.B. quellen zu den Schnaps- und Mietpreisen vor und nach der Etablierung der Eisenbahn, aber auf allgemeinere und zugleich umfassendere Weise sagt sie sehr viel darüber bzw. lässt das alles mit anklingen. Wie Gedichte halt so sind: etwas poetischer als Fahrpläne :)
     

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