Zerfall der Familie??

Dieses Thema im Forum "Die Industrielle Revolution" wurde erstellt von Pamina20, 9. Dezember 2008.

  1. Pamina20

    Pamina20 Neues Mitglied

    Hey Leute,also ich bräuchte mal dringend euren Rat.
    Und zwar soll ich ein Referat über den Zerfall der Familie? halten,aber ich keine ahnung,wie ich das aufteilen soll und was dazu muss und was nicht:motz:.
    vielleicht könnt ihr mir schnell helfen,dass wär echt klasse.Danke schonmal.
    lg Pamina
     
  2. Cécile

    Cécile Neues Mitglied

    Hallo Pamina,

    das hilft dir jetzt vermutlich nicht viel weiter, aber neulich hörte ich von einem - ich weiß jetzt nicht mehr ob er Historiker oder Soziologe war - Wissenschaftler bei einem Radiointerview, dass das mit dem Zerfall der Großfamilie in dem Umfang niemals stattfand, denn es sei eine romantische Verklärung des 20.Jh. der nie dagewesenen harmonischen Großfamilie des 18.Jh.
     
  3. Suedwester

    Suedwester Gast

    Cécilie hat in gewissen Rahmen recht - das, was wir HEUTE als Familie verstehen, also Eltern + Kinder (die sogenannte Kernfamile) - war zumindest seit der frühen Neuzeit nicht anders als heute. Statistich gemittelt irgendetwas um 4 Komma einbisschen (müsste ich jetzt nochmal nachlesen), was natürlich "Singels" genauso umfasst wie Familien mit 14 Kindern als "statistische Ausreisser". (Stichwort: Gaußsche Glockenkurve).

    ABER: In der Frühen Neuzeit zählte wesentlich mehr zur Familie: Bedienstete, Lehrlinge, Gesellen, Einlieger, Altenteiler ... Das große Zauberwort ist hier "Haus" - Zur Familie zählten alle im Haus, besser gesagt alle unter der Hoheit des Hausvaters.

    Jetzt wirds interessant: In der protoindustriellen Zeit waren Wohn- und Arbeitsraum in unmittelbarem räumlichen Zusammenhang. Sprich: Die Werkstatt zum Beispiel war im selben Gebäude wie die Wohnräume von Kernfamilie, Lehrlingen, Bediensteten, Angestellten etc etc etc ... Mit der Industrialisierung (eigentlich schon eher mit der Zunahme der "Bürokratie") trennten sich Lebens- und Arbeitsräume. Das Zusammenleben von Kernfamilie mit all den Mitarbeitern im (Familien-)Betrieb war nicht mehr notwendig -> Ergo der "Hausverband" (Sprich: Die Familie) zerfällt ...

    PS. @ Cécilie: Über die "Erfindung" der Familie ist man sich inzwischen eigentlich einig, daß muss man nicht an einer bestimmten OPerson festmachen.
     
  4. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Dazu kann ich wärmstens ein Standardwerk empfehlen:

    Heidi Rosenbaum, Formen der Familie- Untersuchungen zum Zusammenhang von Familienverhältnissen, Sozialstruktur und sozialem Wandel in der deutschen Gesellschaft des 19. Jhds.


    Als Student war ich nicht gerade ein Fan von ihr, diese Forschungsarbeit ist aber sehr gelungen und lässt kaum Fragen übrig. Abgesehen davon ist ihr Buch auch gut lesbar geschrieben- Ehre wem Ehre gebührt!
     
  5. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Die Glorifizierung der bäuerlichen Lebensformen und der Großfamilie setzte in der Volkskunde schon relativ früh ein mit den Forschungen von Wilhelm Riehl, während die heutige Kulturanthropologie sich einig darüber ist, dass es sich dabei um ein Konstrukt handelt. Rosenbaum widmet sich in ihrer Forschung ausführlich den Familienverhältnissen innerhalb der Bauern, Handwerker, im Bürgertum und im Milieu der Industriearbeiter. Ihr Buch sollte in einer guten Bibliothek verfügbar sein und kostet auch nicht die Welt bei Amazon.
     
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  6. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

    @Pamina20
    dazu müsste man wissen, was mit dem Zerfall der Familie gemeint ist.

    Etwa die Tatsache, dass seit 1780 z.B. in Frankreich, aber wohl nicht nur dort Tausende von Kindern (durchaus auch aus ärmeren Familien) zu Ammen auf das Land gekarrt wurden, weil die Mütter keine Zeit hatten, die Babys selbst zu säugen bzw. weil sie arbeiten mussten. Ammen sprangen also durchaus nicht nur für den Adel ein.

    Aufzeichnungen des Polizeipräfekten Lenoir, 1780 Paris:
    "- 21 000 Geburten, davon 1000 Kinder von den eigenen Müttern gestillt, 1000 von Hausammen, 19000 von Ammen, die auf dem Land zumeist als Bäuerinnen lebten –."
    Der Transport der Kinder aufs Land glich Viehtransporten, dicht an dicht in Körben wurden die Kinder auf offenen Karren oder in Sattelkörben auf dem Rücken von Eseln durch die Gegend geschüttelt.

    Oder meint man mit dem Zerfall der Familien, dass abertausende Väter, Mütter und Kinder in Bergwerken, Fabriken, ja sogar Ton-Werkstätten oft 10, 12 Stunden und noch länger arbeiten mussten, sich also kaum zu Gesicht bekamen? Sie kamen abends/nachts nach Hause um erschöpft aufs Bettlager zu fallen und am nächsten Morgen in aller Herrgottsfrühe auszustehen. Mehr war nicht an Leben, oder kaum.

    Oder ist damit die Tatsache gemeint, dass die Armut viele Landbewohner in die Städte, ja sogar ins Ausland trieb, wo sie hofften Arbeit zu finden, wodurch sie von den Familien getrennt wurden, was also langsam zur Auflösung der Großfamilien führte?

    Alle 3 genannten Punkte kann man als Zerfall der Familien bezeichnen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 15. Dezember 2008
  7. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Rosenbaums Studie geht in aller Ausführlichkeit auf unterschiedliche Formen der Familie im 19. Jahrhundert ein. Zu deinem Vortrag vielleicht noch ein Tipp zur didaktischen Aufarbeitung des Themas:

    Zunächst einmal solltest du charakteristische Formen der Familie im bäuerlichen Millieu, im Bürgertum und in der Arbeiterschaft herausarbeiten. Was verstand man im 18. und 19. Jahrhundert unter Familie? Wer gehörte zur Familie und wer hatte das sagen?

    Welche Änderungen des Familienlebens brachte die Französische Revolution, die industrielle Revolution (und nicht zuletzt auch die sexuelle Revolution) mit sich?

    Schließlich stellt sich die Frage, ob und inwiefern tatsächlich ein "Verfall" der (patriarchialischen) Großfamilie einsetzte oder ob es sich dabei nicht vielmehr um Wertungen handelt, die mehr über den Standpunkt derjenigen aussagen, die einen Verfall der Familie konstatieren.

    Es gibt durchaus eine gewisse Kontinuität einer rückwärtsgewandten Glorifizierung patriarchalischer Vorstellungen.

    So wurde bereits im 19. Jhd ein Verfall der Familie, vor allem bei der Arbeiterschaft konstatiert und die heile bäuerliche Großfamilie glorifiziert, obwohl diese so, wie sich das manche Autoren vorstellten, nie existierte. Charakteristisch an solchen Vorstellungen war die Ablehnung der Veränderungen durch die Französische und die industrielle Revolution und die Propagierung patriarchalischer Familienformen. Das geschah nicht zuletzt auch durch die Nationalsozialisten, die eine Familienpolitik propagierten, die total rückwärtsgewandt war und die Ablehnung der Emanzipationsbestrebungen seit Ende des 1. Weltkriegs beinhaltete. Die Realität des Krieges und die Tatsache, das Frauen ihren Mann stehen mussten, ließen solche Konzepte zur Absurdität werden, doch mit der Restauration der Adenauerzeit wurde erneut der drohende Verfall der Familie konstatiert und Frauen in die Welt von "Kirche, Küche und Kinderzimmer" verbannt. Das änderte sich erst mit der 68er Bewegung, doch im Vergleich mit anderen europäischen Ländern ist die unterschiedliche Wahrnehmung noch heute spürbar:

    So gehen die meisten französischen Mütter arbeiten, während in der BRD noch heute berufstätige Frauen als Rabenmütter diffamiert werden oder "Schlüsselkinder" bedauert werden.

    Der "Verfall der Familie" sollte daher immer auch mit einem Fragezeichen versehen werden, denn häufig geht es nicht nur um Veränderungen traditioneller Familienformen (etwa von der Groß- zur Patchworkfamilie, sondern auch darum, wie diese wahrgenommen werden.
     
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