Zusammenhang Renaissance-Absolutismus

Dieses Thema im Forum "Fragen & Antworten" wurde erstellt von Cedric, 30. Dezember 2019.

  1. Cedric

    Cedric Gast

    Hallo zusammen Ich bin ein Gast und habe in einer Woche eine Geschichtsprüfung über die Renaissance. Nun stellt die Lehrerin bei den Lernzielen folgende Frage: Was ist der Zusammenhang von Früher Neuzeit (Renaissance) und Absolutismus? Als Tipp hat sie noch die Stichworte "Religion" und "Entdeckungen" hingeschrieben. Meine Überlegung ist nun die Folgende: In der Renaissance waren die Menschen voller Selbstbewusstsein und gingen auf Entdeckungsreisen, sie wollten deshalb in Europa die besten Standorte (Häfen, am Wasser), um Handel zu treiben. Die Wirtschaft boomte, es gab reiche Familien, die ganze Städte regierten (z.B. die Medicis in Florenz). Zudem war es auch das Zeitalter der Reformation, die Länder bekriegten sich aufgrund von Glaubensfragen. Mit der Zeit war es aber mehr eine Frage der Macht und nicht mehr der Religion. Und dann kriege ich den Kreis nicht geschlossen mit dem Absolutismus. Dort ging es ja darum, dass nur eine einzige Person herrschte und die Wirtschaftsform war der Merkantilismus. Will sie vielleicht hören, dass die Kolonisation sowohl in der Renaissance als auch im Absolutismus wichtig war - wenn auch aus anderen Gründen? Dass der Handel wichtig war und vorangetrieben wurde? Dass man in der Renaissance im Diesseits lebte und man nicht mehr akzeptierte, alles als gottgegeben anzuschauen? Und im Absolutismus war der König die mächtigste Gewalt - schon von Gott eingesetzt und von dessen "Befehlen" abhängig, aber das war ja nur ein Vorwand, um sich zu rechtfertigen.
    Ich wäre sehr dankbar für Eure Antworten!
    Grüsse aus der Schweiz, Cedric
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Nimmt nicht wunder, dass dich das ein wenig vor Probleme stellt.
    Der Terminus Frühe Neuzeit (FNZ) wird unterschiedlich definiert, grob kann man sagen 1500 bis 1800.
    1450 Buchdruck
    1453 Eroberung Konstantinopels durch die Türken, endgültiger Wegfall Ostroms
    1492 Eroberung Granadas, Ende von al-Andalus
    1492 Entdeckung Amerikas
    1499 geglückte Umrundung Afrikas und Erreichung Indiens
    1517 Reformation
    Das sind so die stärksten Brüche zwischen dem, was wir heute Mittelalter und dem, was wir heute Neuzeit nennen.
    Die Renaissance (die 'Wiedergeburt', eigentlich aus dem ital. rinascimento, warum sich da im deutschen der frz. Begriff eingebürgert hat?) ist aber schon älter, bereits im 14. Jhdt. hatte man v.a. in Italien ein Negativbild der media tempora entwickelt und wollte zur Antike zurück.

    Und woher kam dieses neue Selbstbewusstsein?

    Die Konflikte beherrschten Italien das gesamte Mittelalter, Genua, Pisa, Neapel, Venedig, wobei Genua und Venedig dabei am erfolgreichsten waren.

    Das ist auch schwierig. Denn ein Renaissance-Herrscher war keineswegs ein absoluter Herrscher. Eigentlich ist die Zeit des Absolutismus der Barock (wobei Barock eher in der Kunstgeschichte eine Rolle spielt, als in der Geschichte). Das Problem ist, dass der Absolutismus an sich heute eher umstritten ist. Es gibt Historiker, die ihn ganz in Abrede stellen wollen und andere, die dieses gänzliche Abredestellenwollen mit Irritation aufnehmen. Du siehst, die Fachwelt ist sich da nicht einig. Der Merkantilismus ist - vereinfacht gesagt - im Prinzip eine Wirtschaftsform, die darauf setzt, möglichst wenig zu importieren - allenfalls Rohstoffe, die man im eigenen Herrschaftsbereich nicht hat - und möglichst viel an Fertigwaren zu exportieren, mit dem Ziel möglichst viele Überschüsse zu erzeugen. Das kann natürlich nicht klappen und würde auch heute von Wirtschaftstheoretikern als nicht wünschenswert angesehen.
    Merkantilismus ist aber gleichzeitig auch eine Wirtschaftsform, bei der ein kolonienhaltender Staat den direkten Handel zwischen den eigenen Kolonien oder zwischen den Kolonien und fremden Territorien zu unterbinden. Das hat Spanien im großen Stil versucht: Alle Waren mussten über Sevilla bzw. Cádiz verhandelt werden, selbst wenn der Produzent in Lima saß und der Abnehmer in Kalifornien. Das machte Waren überflüssig teuer und der staatliche Versuch, die Kontrolle über die Warenströme an sich zu ziehen, hatte den Effekt, das legal gehandelte Waren umso teurer wurden, wohingegen Schmuggel blühte.

    Das würde ich für die Renaissance nicht unterschreiben wollen.

    Jein. Natürlich war die Gottgegebenheit ein Rechtfertigungsgrund für alles mögliche. Aber der König stand nicht außerhalb des Systems sondern war Teil davon.
    In den Schriften der Staatsphilosophen vor allem im 17. und 18. Jhdt. wurde die Königsherrschaft auch weniger mit der Gottgegebenheit gerechtfertigt, als vielmehr mit einem teils negativem Menschenbild: Homo hominis lupus. Der Mensch ist des Menschen Wolf. Und weil dem so ist, bedarf es einer Gesetzgebung, die ein Zusammenleben ermöglicht und ein Gewalt, die in der Lage ist, die Gesetzgebung, die das Zusammenleben ermöglicht, auch durchzusetzen.
     
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  3. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

    Das war (und ist) noch mehr ein Prinzip des Kolonialismus im nachfolgenden Industriekapitalismus, praktiziert zB von den Briten, die die Spanier als führende Kolonialmacht beerbten.
    Weil sich die Fragestellung, die Ausgang dieses Threads war, aber erledigt hat, weise ich nur kurz auf Absatz 3 dort hin
    Kampagne der Nichtkooperation – Wikipedia
     
  4. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Der zentrale Konflikt, der sich im Übergang zum Absolutismus am deutlichsten manifestierte, bezog sich auf das Verhältnis von Zentrum zur Peripherie. Oder anders formuliert, vom zentralen Monarchen zum Hochadel bzw. dann auch zum niederen Adel.

    Dieser Konflikt wurde zusätzlich durch religiöse Konfliktlinien aufgeladen, wie man beispielsweise es an der "Fronde" erkennt.

    Der Konflikt zwischen der Zentralgewalt und dem Adel bezog sich im wesentlichen auf die Vorstellungen, wie ein Nationalstaat zu organisieren sei. An die Zentralgewalt wurden zunehmend hohe Anforderungen gestellt, ein leistungsfähiges Militär zu unterhalten. Und daraus resultierte die Notwendigkeit, eine staatliche Verwaltung aufzubauen, die den Anforderungen zur Finanzierung und zur Organisation eines leistungsfähigen Militärs gerecht wird. Im Prinzip damit den "steuerfinanzierten Militärstaat" als Modell für einen Nationalstaat "erfindet". Auch gut an den Niederlanden oder an Schweden zu erkennen.

    Als Nebenaspekt ergibt sich hier einer der zentralen Ansatzpunkte, warum in diese Phase die zunehmende Überlegenheit des Westens fällt. Also durch massive Rivalität induzierter Aufbau von Militär in Kombination mit einer innovativen Technologie im Armee und auch im Marinewesen.

    Die Komplexität der einzelnen Entwicklungsstränge beschreibt Roeck (Der Morgen der Welt) sehr gut und fasst es im Epilog prägnant zusammen.

    Alternativ wäre Vocelka (Geschichte der Neuzeit) zu empfehlen, der ebenfalls eine dichte Beschreibung liefert.
     
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  5. Cedric

    Cedric Gast

    Vielen Dank für die ausführliche Antwort!
     
  6. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Wobei die Niederlande hier ein bisschen aus dem Rahmen fallen. Die Vereinigten Provinzen, also die heutigen Niederlande, wurden nicht durch den Adel dominiert, sondern durch erfolgreiche Kaufleute und Reeder.
    Das Problem dabei ist, das es 2 Strömungen in der Politik gab.
    Zum einen die Oranier und auf der anderen Seite die Regenten. Die Regenten kamen aus der oligarchischen Führungsebene der Städte. Zum anderen waren die Provinzen zum Teil auch eifersüchtig aufeinander. Das hat den Absolutismus in den Niederlanden in seiner Entwicklung gebremst.
    Der Konflikt zwischen den Oraniern und den Regenten kumulierte in den Staathalterlosen Zeiten. Stichwort ist hier „Goldenes Jahrhundert“.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Goldenes_Zeitalter_(Niederlande)
     

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