Zwangsrekrutierungen (Marine)

Dieses Thema im Forum "Absolutismus und Aufklärung (1648-1789)" wurde erstellt von Comtesse, 6. Januar 2012.

  1. Comtesse

    Comtesse Neues Mitglied

    Weiß jemand etwas zu diesem Thema in Bezug auf England (1770er Jahre)?

    - Wie war da die übliche Vorgehensweise?

    - Wie weitgehend war die Berechtigung zu solchem Vorgehen?

    - Wie alt mussten die "Opfer" mindestens sein?

    Ich habe mal gelesen, dass sogenannte Presstrupps (Darunter mind. 1 Offizier) Hafentavernen etc. abklapperten und quasi jeden Mann einfach so "einkassieren" konnten und derjenige fand sich dann am nächsten Tag als Deckschrubber an Board eines britischen Marineschiffes wieder und zwar auf unbestimmte Zeit. Aber mal ehrlich: So einfach war das doch sicher nicht, oder?
     
  2. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Ich bin mir nich 100% sicher, aber mit dem Bezug Zwangsrekrutierung hat das wohl nix zu tun (vielleicht Praktik im Bezug auf das Piratenwesen).
    War es nicht so, daß alle Seeleute der Handelsmarine auch für die Kriegsmarine verpflichtet wurden. So eine Art Wehrpflicht für Seemänner. Immerhin nützt es der Marine wenig, einfach Männer aus den Kneipen zu rekrutieren ohne zu wissen ob auch seemännische Kenntis vorhanden war. Die englische Marine war ja auch bekannt für sehr gute seemännische Fähigkeiten der Mannschaften, daß kann ich mir mit x-beliebigen Leuten kaum vorstellen.

    Diese "Wehrpflicht" der Seeleute könnte ich jetzt aber auch mit franzöischen Praktiken verwechseln ....

    Mal sehen was unser Spezialisten des 18. Jahrhunderts dazu sagen.
     
  3. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Die Wehrpflicht für Seeleute ist eine französische Idee. Frankreich war eigentlich immer in erster Linie eine Landmacht. Ohne Wehrpflicht hätten sie sonst nie genug Matrosen bekommen.

    Bei den Briten wurden verschieden Methoden gleichzeitig angewandt um Matrosen zu gewinnen.

    1. Freiwillige wurden angeworben mit Hilfe von Rekrutierungsbüro's. Zusätzlich wurden auch Rekrutierungskommado's mit Postern und zum Teil Anwerbeprämien in die Städte und Dörfer geschickt.

    2. Die Marine Society als gemeinnütziger Verein machte eine Grundausbildung zu Seeleuten mit Kindern und Männern, die nicht selbst durch das Leben kamen. Sie wurden dann sowohl in der Handelsmarine als auch der RN eingesetzt.

    3. Pressen: Seeleute zwischen 18 und 55 konnten zur Flotte zum Dienst gezwungen werden. Dafür bekamen sie dann ein Handgeld. Damit wurde manchmal auch Schindluder getrieben, in dem man jemanden eine Schilling in die Tasche schmuggelte und dann nach einer Durchsuchung behauptete das das Geld das Handgeld wäre.
    Es wurden aber nicht nur Seeleute zum Dienst gezwungen. Wer kräftig genug aussah wurde einfach mitgenommen.
    Von einlaufenden Handelsschiffen wurden auch Seeleute zum Dienst in der RN gezwungen.
    Männer die in Kriegswichtigen Berufen arbeiteten bekamen Befreiungsurkunden. Z.B. Werftarbeiter. Hat aber nicht immer was genutzt.
    Pressen kommt von Impress service.

    4. Quota-Männer. Ab 2795 mussten auch Bezirke im Landesinneren Leute für die Marine stellen. Die sollten mit Handgeldern geworben werden. Nur wurden auch gerne Gefangene zur Flotte geschickt, nach dem Motto geh zur Marine und Büsse da deine Strafe ab. Schuldner mit weniger als 20 Pfd. Schulden konnten sich zur Flotte melden und waren frei von der Strafverfolgung.

    Apvar
     
    Zuletzt bearbeitet: 6. Januar 2012
  4. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    Die Behandlung der Besatzungen in der englischen Kriegsmarine war derart brutal ,dass kaum ein Matrose da freiwillig anheuerte. Die Handelsschiffe waren attraktiver, da die Beatzungen neben der Heuer auch kleine Geschäfte im Ausland tätigen konnten. Auf einem Kriegsschiff erwartete einen neben den drakonischen Körperstrafen mit der neunschwänzigen Katze, miserabler Verpflegung nur Kampf und früher oder später der Tod. Die Werber machten in Kneipen regelrechte Jagd auf junge Männer, die sie mit Alkohol abfüllten und zur Unterschrift unter den Heuervertrag nötigten.
     
  5. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Echt? Wie kommt dann der Hohe seemännische Ausbildungsstand in der RN zustande, der Ihr immer als Vorteil nachgesagt wird? Nur durch brutalen Gehorsam?

    Also ich glaube, dass zwar ein kliener Teil auch Zwangsrekrutiert wurde, klar, es gab auch Aufgaben auf solchen großen Segellinienschiffen, die weniger Seefähigkeiten erforderten. Aber ich werde den verdacht nicht los, daß hier mit diesen Zwangsmethoden eine Verwechslung zwischen dem Heer und der Marine vorliegt.
     
  6. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Körperstrafen wie Auspeitschen gab es auch im Heer. Da wahr wohl kein großer Unterschied zu sehen.
    Der Unterschied zum Heer war aber das man eine größere Chance hatte an Geld zu kommen. Durch die Priesenordnung bekamen auch einfache Seeleute etwas Geld ab wenn ein gegnerisches Schiff aufgebracht wurde oder ein Kriegsschiff versenkt wurde.
    Invalidität und oder Tod im vergleich Heer zur Marine könnte auch zu Gunsten der Marine ausgegangen sein, da habe ich aber keine Unterlagen zu. Alle 10 Tage verstarb im Schnitt jemand auf einem Schiff. Und der geringste Anteil daran hatten die Schlachten.

    Apvar
     
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  7. Neddy

    Neddy Aktives Mitglied

    Mahlzeit

    Im wesentlichen stimmen ich Apvar zu; dazu noch einige Anmerkungen zu den Sitten der Royal Navy:
    - Gepresst werden durften nur britische Seeleute und nur in Kriegszeiten;
    - Es gab Ausnahmen, sogenannte Protections, z. B. für Lotsen, Lehrlinge; gerne gefälscht oder mangels Paßfoto (ersetzt durch eine Beschreibung des Berechtigten) verkauft; nach Unabhängigkeit der USA versuchten auch viele britische Seeleute, sich bei US-Consulaten ihre US-Staatsbürgerschaft bestätigen zu lassen, um Ausländer zu werden. Hierbei unterstützten die Konsuln gerne. Diese Praxis war einer der (vorgeschobenen) Gründe für den Krieg von 1812-14.
    - Die von der Marine Society beigesteuerten Zahlen waren vernachlässigbar.
    - Ausländer und mehr und mehr Iren wurden angeheuert.
    - Die Royal Navy nahm entgegen der bösen Gerüchte nur ungern (Klein-)kriminelle, keine Diebe oder Mörder.
    - Für das Pressen war die Marine selbst zuständig. Das bewerkstelligten der "Impress Service" als "Landdienststelle", sowie die Besatzungen der einzelnen Schiffe selbst. Die eher schwachen lokalen Magistrate waren nicht behilflich - ganz im Gegenteil, sie wurden teils selber aktiv, um die Pressgangs zu behindern. Deswegen wurde besonders gerne von einlaufenden Handelsschiffen gepresst - diese wurden ganz erheblich gefleddert, der Käpten bekam dann ein paar Marineleute, die ihm das Schiff in den Hafen brachten und dann an Bord zurückkehrten. (Das war den achso ehrlichen Kaufleuten ganz recht, da sie darauf spekulierten, dass sie den derart gepressten Seeleuten die zum Ende der Reise fällige Heuer nicht mehr bezahlen mussten.)

    Zum Einwand von wegen brutal: Die ganze Welt war damals brutal. Körperstrafen an der Tagesordnung und weithin akzeptiert. Die Verpflegung an Bord von Kriegsschiffen war in der Regel besser, die Arbeit (auf Grund der hohen Besatzungszahlen) einfacher als auf Händlern. Auf Handels- und anderen Privatschiffen ging es häufig wesentlich brutaler zu als in der Marine, da die Behandlung der Seeleute dort im Gegensatz zum zivilen Bereich streng reguliert war. Die Regularien wurden zwar oft übertreten, grenzten die Brutalität aber ein. Es gab zwar schwere und auch unangemessene Strafen, aber das Leben als Landarbeiter oder in den Landtruppen war noch brutaler. Auf See wurde man für Diebstahl noch gepeitscht oder musste bis kurz nach 1800 auch durch die Gasse laufen, an Land wurde man gehängt! Laut Regularien durfte ein Kommandant aus eigenem Ermessen nicht mehr als ein Dutzend Peitschenhiebe verhängen. Für mehr brauchte er offiziell ein Kriegsgericht. De fakto gab es selten mehr als höchstens vier Dutzend Hiebe. Nach damaligen Standards einigermaßen hart, aber nicht jenseits von gut und böse. Kriegsgerichte und Army verhängten schon mal mehrere hundert Hiebe...
    Was die Marine für die sailors unattraktiv machte war, dass sie nicht gehen konnten, wann sie wollten, sondern zum Teil für Jahre auf einem Schiff verbleiben mussten, waren sie erstmal angemustert. Für John Nicol z. B. war DAS der Grund, warum er sich - um mal einen Blick auf Australien zu werfen - auf dem Sträflingsschiff "Lady Juliana" anmustern ließ und nicht auf dem "Krieger" "Guardian".


    Weiterlesen?

    Impressment - Wikipedia, the free encyclopedia

    Rodger, N. A. M., The Wooden World (das sollte für Deine wesentlichen Fragen erschöpfend Auskunft erteilen).

    Post Schreibung 1: Der Quota Act wurde erst 1795, nachdem es praktisch keine Seeleute mehr zu pressen gab - beschlossen. Das war quasi eine zweite Variante der Wehrpflicht, die vielleicht in etwa mit dem preußischen Kantonssystem vergleichbar ist. (http://en.wikipedia.org/wiki/Quota_men)

    Post Schreibung 2: Die Franzosen kannten auch eine Form der Wehrpflicht für Seeleute. Diese wurden in verschiedene Klassen eingeteilt, von denen immer die Angehörigen einer Klasse für eine gewissen Zeit dienstpflichtig wurden. Das galt als gerechtes System, war aber vollkommen unzureichend, da die Anzahl ausgebildeter Seeleute, die hierfür in Frage kamen, in keinem Verhältnis zum Bedarf der Royale stand. Das ist jetzt sehr oberflächlich, da nebensächlich und ich im Augenblick keinen einschlägigen I-Net-Eintrag finde. Bei Bedarf müsste ich nochmal Bücher wälzen.
     
  8. Comtesse

    Comtesse Neues Mitglied

    Vielen Dank für eure - teilweise recht ausführlichen - Antworten. Das hat mich echt weitergebracht.

    Was die praktische Handhabung des "Pressens" angeht, habe ich das jetzt 1.) so verstanden, dass sogenannte "Werber" loszogen und Männer die bereits Seeleute waren für die Marine anwerben wollten, wobei sie manchmal durchaus zu gewissen, unfairen Tricks griffen (Handgeld).

    Außerdem kam es 2.) auch auf See vor, dass einem Handelsschiff ein Teil der Mannschaft abgepresst wurde. Und wie genau ging das dann vonstatten? Und galt das auch nur während Kriegszeiten?
     
  9. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Zu 1. Das anwerben, auf den Marktplätzen und den Rekrutierungsbüro's war kein Pressen. Je erfolgreicher ein Kapitän war, desto mehr Freiwillige kämmen. Vor allem bei Korvetten und Fregatten., bedingt durch das zu erwartende Priesengeld. Linienschiffekapitäne taten sich da schwerer, weil auf Linienschiffen fasst kein Priesengeld zu erwarten war.
    Die Trupps, die zumPressen loszogen waren sogenannte Pressgang's.

    Zu 2. Pressen von Matrosen auf Handelsschiffen ging auch nur in Kriegszeiten. Der Kapitän des Handelsschiffes hätte sich ansonsten an die Gerichtsbarkeit oder Admiralität wenden können.
    Durch die Navigationsact hatte eigentlich jedes Handelsschiff die Segel zu kürzen. So das die RN eine Preßkommando an Bord schicken konnte. Dies geschah mittels Beibooten und sie wurden durch das eigene Schiff gedeckt, so das das Feuer eröffnet werden konnte. Mindestens ein Offizier, ein Unteroffizier und mehrere Vollmatrosen wurden bewaffnet an Bord geschickt. Des weiteren wurde auch nach Deserteuren gesucht.

    Apvar
     
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  10. Neddy

    Neddy Aktives Mitglied

    Pressen bedeutete, dass eine mehr oder weniger große Abordnung der Marine einen Seemann ohne Federlesens mitnahm. An Land wie in See. An Land konnte es durchaus passieren, dass ein sich spontan bildender Mob mal eben die Press Gang auseinandernahm. Bisweilen kam es zu Toten und Marineoffiziere wurden hin & wieder daraufhin vom Magistrat eingeknastet und wegen Mordes der zivilen Justiz zugeführt.

    Die "Werber" waren die Leute, die "Freiwillige" rekrutierten. Das gab es in ganz Europa, war eher eine Abordnung der Armeen und insbesondere die preußischen ebensolchen waren berüchtigt.
    In England richtete der Impress Service an öffentlichen Orten oder einem Pub ein sog. Rendezvous ein, wo sich Freiwillige gegen ein Handgeld ("Bounty") melden konnten. Sicherlich wurde da je nach individuellen Gegebenheiten auch der eine oder andere über den Tisch gezogen. Es gibt die Geschichte, dass ein Freiwilligenanwerber auch einfach den jungen Burschen auf einen Drink einlud, in den ein Shilling (das Handgeld) versenkt worden war. Klöterte beim Exen nun dem Burschen auch noch die Münze in den Rachen, galt das rechtlich so als hätte er "taken the King's Shilling" und sich damit unwiderruflich freiwillig gemeldet. Ob praktiziert, oder gut erfunden, weiß ich allerdings nicht. Mit Gewalt wurde aber tatsächlich nur gepresst und das war im wunderlichen insularen Rechtssystem ein ebenso gutes Recht der Marine wie es ebenso rechtmäßig war, dass man der Pressgang im Gegenzug Prügel antrug...

    Zu 2.) Ja. Man schickte eine Pressmannschaft an Bord, nachdem man den Händler vorher mehr oder weniger freundlich davon überzeugt hatte, das es nun klug sei, in Lee des Kriegers beizudrehen. Die Pressgang sichtete die Mannschaft, durchsuchte das Schiff nach den ganzen Seeleuten, die sich versteckt hatten und nahm eine - m. W. nicht irgendwie festgelegte Zahl - an Leuten mit, die gepresst werden durften. Also wieder die nicht geschützten einheimischen Seeleute sowie den einen oder anderen Neu-Amerikaner unklarer Provenienz.
     
  11. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Zur französischen Variante Marinepersonal zu rekrutieren:

    Das französische Marinepersonal setzte sich zum Teil aus Freiwilligen zusammen. Hinzu kamen die, die alljährlich als Wehrpflichtige zur Armee einrücken mussten. Den Haupanteil stellten jedoch die "inscription maritime", die Eingeschriebnen. Dieses System stammte noch aus der Regierungszeit König Ludwig XIV., es war 1681 vom französischen Staatsmann und Förderer der Marine, Colbert, eingeführt worden. Theoretisch betraf es alle französischen Seeleute: Sie konnten vom 18. bis zum 50. Lebensjahr einberufen werden. Auf Anforderung hatten sie ab dem 20.Lebensjahr fünf bis sieben Jahre zu dienen.

    Quelle:
    Kriegsschiffe der Welt 1860-1905 / Band 3
     
  12. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Die Spanier haben unter Karl III. diese Methode übernommen. Sie hiess bei ihnen "Matricula de mar." Durch den Niedergang der spanischen Handelsmarine kam aber der Punkt, an dem nicht genügend Seeleute vorhanden waren um aus ihnen ein genügend großen Stamm für die Kriegsmarine herauszuholen. Aus diesem Grund wurden die Besatzungen der Schiffe dann zeitweilig mit Armeesoldaten aufgestockt.
     
  13. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Wenn wir schon bei der Personalbeschaffung für die großen Segelpötte sind, so gab es auch große Kriegsmarinen bei den Niederländern, den Russen , den Türken und auch die Dänen waren mit relativ vielen Segelkriegsschiffen vom Anfang des 17.Jahrhunderts bis Mitte des 19.Jahrhunderts dabei.

    Wie wurde hier das Personal herangeschafft? Vor allem, wenn dabei die geringe Bevölkerungsdichte auch eine Rolle spielen könnte.
     
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  14. Neddy

    Neddy Aktives Mitglied

    Die Russen haben wohl noch stumpfer als die Franzosen und Spanier ihre Schiffe mit ungelernten Kräften vollgestopft. An Offizieren haben sie sich insbesondere in britischen Friedenszeiten gerne britische Halbsöldler angeheuert, die dafür durch die englische Krone freigestellt werden mussten. Es gab eine regelrechte britische Gemeinde in den russischen Kriegshäfen, zu der unter anderem auch James Trevenen gehörte, in dessen Erinnerungen die Zeit in russischen Diensten ausführlich beschrieben wird. Auch der amerikanische Freiheitsheld oder nach britischem gusto Pirat John Paul Jones versuchte sich an einer Karriere in russischen Diensten. (Ebenso z. B. die Schweden, wodurch sich Sir Sidney Smith den abfälligen nelson'schen Spitznamen "The Swedish Knight" einfing.) Der seemännische Standard der russischen Flotte war entsprechend niedrig. Wieder eines der fliegenden Zitate Nelsons, nachdem er Ende der 90er Jahre einige Zeit mit einem russischen Geschwader im Mittelmeer kooperiert hatte: "You must outsail a Russian, but lay alongside a Frenchman." (vulgo: Russen ausmanövrieren, Franzosen niederknüppeln.)

    Von den Niederländern weiß ich nichts bestimmtes, diese hatten jedoch bis weit ins 18. Jahrhundert eine recht große Handels- und Fischereiflotte, die in solchen Kriegen, während derer die Niederländer neutral geblieben waren, prosperierte, da sie einen Teil des Handels der kriegführenden Mächte übernahm. Dazu kamen die relativ häufigen Fernreisen in die verbliebenen Kolonien in Ostasien, während derer aus den meisten Landratten recht erfahrene Seemänner gebastelt werden konnte. Damit dürften sie über einen relativ ansehnlichen Personalpool für ihre Kriegsschiffe verfügt haben.

    Ähnliches gilt in kleinerem Maßstab für die Dänen. Dazu kam bei diesen ein recht attraktives Arbeitszeitmodell: Die dänische Flotte hatte als wesentlichen Auftrag die Verteidigung Seelands und die Freihaltung der Verbindungen zwischen den Inseln, nach Jütland, sowie nach Norwegen. Es war also eine veritable Heimwehr. Mit Ausnahme ganz weniger Fregatten, die im Mittelmeer Handelsschutz betrieben, wurde die Flotte im Winter aufgelegt und die Besatzungen nach Hause geschickt. Das erklärt u. a. die britische Eile, 1801 sehr zügig Kopenhagen anzugreifen, da die Flotte noch nicht einsatzbereit war. Insbesondere die norwegischen Seeleute ware noch längst nicht in Kopenhagen, dem dänischen Kriegshafen eingetroffen. Die Dänen schafften es in normalen Zeiten, ihre Flotte mit Freiwilligen zu bemannen, erst als Notmaßnahme und als die britische Ostseeflotte schon Skagen gerundet hatte, griff man als Notmassnahme auf das Pressen zurück.
    Dazu liegen zwei sehr gute Bücher von Ole Feldbaek in Englisch vor: Denmark and the Armed Neutrality 1800-1801. Small Power Policy in a World War, sowie The Battle of Copenhagen.

    Btw: zur Situation in Dänemark könntte ggf. Hina - die hier ohnehin viel zu selten schreibt - noch etwas beisteuern.
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. Januar 2012
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  15. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Über die Dänen hatte ich mal gelesen, dass es eine der ersten Marinen mit Kasernen für ihr Personal war. Auch die sonstige Behandlung bei denen war anscheinend für die damalige Zeit sehr ordentlich.
     
  16. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Diesem Satz muss ich jetzt aber widersprechen.

    Der Grund für das französische bzw. spanische Modell war es gerade, keine ungelernten Leute in die Schiffe zu stecken, sondern bereits ausgebildete Seeleute aus Handels und Fischereiflotte.

    Es war gerade das britische Modell, das aus jeder im Hafen eingefangenen Landratte einen Seemann zu machen strebte (und dieses auch schaffte).

    Bei den Spaniern ist mir eigentlich nur bekannt dass vor der Schlacht von Trafalgar die Schiffe mit allem aufgefüllt wurden was man in Cadiz erwischen konnte. Die Besatzungslisten weisen deshalb bei dieser Schlacht einen ausserordentlich hohen Anteil an "Schiffsjungen" auf. Soldaten für die Bemannung der Artillerie heranzuziehen war dagegen eine übliche Praxis und wurde auch von den Franzosen befolgt. Das Problem kam dann auf, wenn man so wenig echte Seeleute an Bord hatte, dass die Soldaten auch an den Segelmanövern mitmachen mussten.

    Wir haben dieses hier schon anderer Stelle diskutiert, aber die Seegeschichte wird hierzulande zumeist aus der Britischen Sichtweise dargestellt. Franzosen und Spanier waren zur See wesentlich besser als ihr heutiger Ruf und dem Bild, das in der Zeit ihrer größten Dekadenz entstanden ist. Man kann keine weltumspannende Reiche so lange unterhalten, ohne fähige Seeleute zu haben.

    Und gerade das Zitat Nelsons würde ich so verstehen, dass es nicht so einfach war die Franzosen auszusegeln und man sich deshalb an sie heften und sie dann niederkämpfen musste.
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. Januar 2012
  17. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    In den Niederlanden dienten mehr Ausländer als in der Britischen Flotte. An erster Stelle sind Deutsche genannt, dann folgen Schotten. Wobei zum Beispiel auch viele Deutsche als Söldner in den Gebieten der VOC als Soldaten Dienst taten.

    Apvar
     
  18. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Bei den Venezianern dürfte ein Großteil der Besatzungen aus Dalmatinern bestanden haben.
     
  19. Neddy

    Neddy Aktives Mitglied

    Bdaian: kein Widerspruch. Die theoretische Absicht der Spanier war wie die der Franzosen und der Tommies durchaus richtig, ihre Schiffe mit Fachpersonal zu bemannen. Daher beschränkte sich die ursprüngliche rechtliche Grundlage zum Auffüllen der Flotte auch auf Seeleute und war nicht allgemein. Für die enormen Flottenaufwüchse insbesondere während der Revolutionskriege reichte das aber nicht hin. Zwischen Personalbedarf und -angebot klaffte in allen Ländern dann eine Schere auf. Am dramatischsten war diese Lücke bei den Spaniern, da einer marginalisierten Handelsschifffahrt eine nach Zahlen immer noch riesige Flotte gegenüberstand. Die Franzosen steckten irgendwo in der Mitte. Bei den Briten trat das Problem erst später auf (siehe Quota Act, der deren Antwort auf die Erschöpfung des Personalpools war). Es ist in der Tat richtig, dass insbesondere in der Schlachtflotte der Anteil an Landsmen (von denen wiederum außerordentlich viele Iren) im Laufe der Konflikte zunahm. Allerdings konnte die Royal Navy das besser kompensieren, da sie relativ mehr zur See fuhr und diese landsmen irgendwann auch lernten. Währenddessen waren die verbleibenden Schiffe der Franzosen und Spanier im Hafen eingeschlossen und/oder nicht seeklar, so dass der relative Vorsprung der Royal Navy noch weiter zugenommen hatte. Alle drei kriegführenden Marinen füllten ihre Besatzungen also nur der Not gehorchend mit Ungelernten auf, aber die Not der Spanier und Franzosen war einfach größer. Das wußten beide auch - der weitgehende Verlust der Fischerei vor Neufundland nach der Niederlage im Siebenjährigen Krieg wurde in Frankreich als Katastrophe wahrgenommen. Was man beiden Nationen allerdings wirklich vorwerfen muss ist m. E., dass sie sich beide weit weniger um den Erhalt der Einsatzfähigkeit ihrer Besatzungen kümmerten (oder kümmern konnten). Wenn auch auf absolut niedrigem Standard waren Hygiene und Ernährung an Bord der britischen Schiffe denen ihrer beiden Hauptgegner weit überlegen. Daher konnten sie ihre Schiffe zusätzlich zu ihrer technologischen und logistischen Überlegenheit nochmal länger auf Station halten und davon insgesamt mehr.
    Und die relativ höhere Qualifikation sowohl der britischen einzelnen Besatzungsangehörigen als auch der Besatzung als Team sorgten dafür, dass in der Regel die Briten ihre spanischen und insbesondere russischen Gegner ausmanövrieren (und dann ihr Heck bestreichen) konnten, während sie den Franzosen den von diesen ungeliebten Nahkampf nebst Artillerieschnellfeuer aufzwangen.
     
  20. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Im 18. und frühen 19. Jhd gab es auch eine ganze Menge amerikanischer Seeleute. Der Schiffsbau blühte an der Ostküste, und es gingen die klipper des 19. Jhds auf amerikanische Vorbilder wie den Baltimoreclipper, einen schnellen Rahschoner zurück. Bei Trafalgar bestand ein erheblicher Teil von Nelsons Crew aus gepressten amerikanischen Matrosen, und es wurden Zwangsrekrutierungen der Royal Navy vordergründig von den Amerikanern als Kriegsgrund für den Krieg von 1812- 1814.

    Die Amerikaner gingen recht locker mit der Staatsbürgerschaft um, und es forderte diese Möglichkeit natürlich die Möglichkeit heraus, dass sich britische Matrosen dem Dienst in der Kriegsmarine entziehen und als Amerikaner auf amerikanischen Schiffen anzuheuern. Die Briten waren während der napoleonischen Kriege knapp an ausgebildeten Seeleuten, weshalb es dazu kam, dass britische Kriegsschiffe amerikanische Handelsschiffe anhielten und so viele Seeleute aus der Crew zwangsrekrutierten, so dass die Schiffe kaum noch bedient werden konnten.

    Allerdings muss man beim Krieg von 1812-1814 bemerken, dass die Empörung in den betroffenen atlantischen Bundesstaaten wesentlich geringer war, als in Frontier States, die davon gar nicht betroffenen waren,deren "Hawks" aber begehrliche Blicke auf kanadische Territorien warfen.
     
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