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Alt 02.04.2017, 20:51   #1
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Spuren muslimischer Sklaven in Nordamerika

Zitat:
steffen04 Beitrag anzeigen
Abd al-Rahman Ibrahima, geb 1760 in Timbo, Guinea. Abd al-Rahman war ein moslemischer Fulami, Enkel eines Kaisers von Timbuktu. Er wurde 1788 bis nach Natchez, Mississippi verkauft.

Which African Prince Was Sold Into Slavery?
Die spektakuläre Geschichte des versklavten Prinzen fand ich so interessant, dass ich mit meinen bescheidenen Mitteln ein wenig recherchiert habe, insbesondere in der englischen Wikipedia. Im wesentlichen habe ich meine Kenntnisse aus dem Artikel Islam in the United States und den dortigen Verlinkungen entnommen.

Nach den dortigen Angaben seien 15 - 30 % der nach Nordamerika verschleppten Sklaven Muslime gewesen. Wie diese Schätzung zustande kam, ist mir nicht bekannt. Tatsächlich war war zumindest der nördliche Teil der vom Dreieickshandel betroffenen Regionen in Afrika schon seit dem Mittelalter unter islamischen Einfluss (Königreich Mali), aber gegen die traditionellen Religionen im Süden (die als Voodoo sogar die Christianisierung überlebten) konnte er sich nicht durchsetzen.

Die wesentlichen Hinweise auf Muslime unter den Sklaven in Nordamerika bilden einige wenige spektakuläre Einzelbiografien.

Der Sklave Estefanico beteiligte Anfang des 16. Jahrhunderts an der Florida-Expedition des spanischen Konqistadors Narváez. Estevancio wurde als Mustafa in einer von den Portugiesen beherrschten Stadt Azemmour im heutigen Marroko geboren. Er wurde als Maure bezeichnet.
An der Entdeckung Amerikas waren also doch Muslime beteiligt ... Nein, stopp. Estefanico war Katholik - wahrscheinlich unfreiwillig.

Der bereits von steffen04 genannte Abdul-Rahman ibn Ibrahim Sori wurde als Königssohn im heutigen Gambia geboren und studierte in Timbuktu. Später als Kommandeur im Heer seines Vaters, geriet er in Kriegsgefangenschaft und wurde als Sklave verkauft. Seine Kenntnisse der arabischen Schrift erregten schnell Aufmerksamt. Er schrieb in arabischer Schrift Briefe an seine Verwandten in Afrika. Er verweigerte die Konversion zum Christentum und nahm auch keinen Sklavennamen an. Das hat einige Zeitgenossen so sehr verwirrt, dass sie ihn für einen Mauren hielten und den Sultan von Marroko informierten, was schließlich zu seiner Freilassung führte. (Warum ausgerechnet Marroko?) Er kehrte nie in sein Heimtland zurück, starb aber in Afrika. Zuletzt hatte er sich an dem von den USA forcierten Projekt beteiligt, freigelassene Sklaven in einer Quasi-Kolonie auf dem afrikanischen Kontinent anzusiedeln, woraus wenig später die Republik Liberia wurde. In Amerika hatte er die christliche Sklavin Isabella geheiratet. Allerdings gelang es ihnen nur einen Teil ihrer Kinder freizukaufen und mit nach Afrika zu nehmen. Der andere Teil der Familie lebt noch heute in den USA.
(In Liberia hielt die große Mehrheit der Amerikaliberaner oder Creolen am angloamerikanischen Protestantismus fest und sorgten sogar für die weitere Verbreitung unter den dortigen Ureinwohnern.)

Ganz anders erging es hingegen Omar ibn Said. Der islamische Religionsgelehrte aus dem heutigen Senegal, geriet in Kriegsgefangenschaft und wurde in die Sklaverei verkauft. In Amerika fiel auch er duch seine Kenntnisse der arabischen Schrift auf. Anders als Abdul-Rahman nahm er jedoch das Christentum an, manche meinen aber auch, er sei insgeheim Muslim geblieben und die Bekehrung sei unter Zwang erfolgt, da er Sklave war. Er übersetzte die Bibel in die arabische Sprache und hinterließ eine kurze Autobioggrafie und weitere Schriften. Er starb in Amerika als Sklave. Obwohl er über 90 Jahre alt war, wurde er nie freigelassen.

Ayuba Suleiman Diallo stammte ebenfalls aus einer aristokratischen Familie im heutigen Senegal. Er wurde in die Sklaverei verschleppt und schuftete in Amerika als Tabakpflanzer. Die verschleppten Sklaven waren häufig isoliert von der eigenen Etnie. Als ein Pfarrer auf die seltsame Alphabetisierung des Sklaven Ayuba Suleiman Diallo lebte er auf einer Tabakfarm und keiner dort sprach seine Sprache, man musste extra einen Dolmetscher, der zumindest eine ähnliche Sprache konnte. Auch er schrieb Briefe an die Verwandtschaft in der Heimat. Seine Gelehrtsamkeit machte auf den Gouverneur Oglethorpe so großen Eindruck, dass er die Abschaffung der Sklaverei in der Kolonie veranlasste.
1735 - 1751 war Sklaverei in Georgia verboten, vgl. History of slavery in Georgia.
Governeur Oglethorpe schickte den Sklaven nach London, dort wurde freigelassen und er konnte schließlich in sein Heimatland zurückkehren. Dort wurde er jedoch später von den Franzosen verhaftet.


Mauren in Amerika
Übereinstimmend ist festzuhalten, dass arabisch alphabetisierte Sklaven Nordamerika zur Kuriosität wurden. Bei den Weißen führten sie zu Zweifeln. Häufig wurde über die Herkunft dieser Sklaven spekuliert. Die gelehrten Prinzen konnte keine "Neger" sein und man bezeichnete sie als "Mauren". Die Unterscheidung von Mauren und Negern ergibt durchaus Sinn, da insebsondere von den Spaniern auch echte Mauren wie Estefanico in die Neue Welt verschleppt worden waren. In Virgina unterschied man im 17. Jahrhundert unter den heidnischen Sklaven Neger, Mauren, Mulatten und Indianer, vgl. What Happened to America’s First Muslims? by Peter Manseau.
Über Sklaven, die keine versklavten Aristokraten, sondern Analphabeten waren, ist fast nichts bekannt. Sie konnten ja auch keine eigenen Schriftzeugnisse hinterlassen!

Die Zerstörung der afrikanischen Identiäten
Eine muslimische Tradition hatte sich unter den Afroamerikanern nicht gehalten. Während der Sklaverei waren afrikanische Identitäten systematisch zerstört worden. Die Sklaven waren häufig isoliert von Angehörigen der eigenen Ethnie. Auch die in der Neuen Welt gegründeten Familien wurden regelmäßig auseinandergerissen. Eine Bekehrung der Sklaven zum Christentum war politisch gewollt und Voraussetzung für ihre Freilassung.
Allerdings gibt es meines Wissens auch keine Hinweise auf das Überleben muslimischer Traditionen in der Kultur der Maroons, d.h. der entlaufenen Sklaven und ihren Nachfahren, die sich über Jahrhunderte im Hinterland versteckt hielten.

Rückbesinnung auf muslimische Wurzeln im 20. Jahrhundert
Im 20. Jahrhundert wurde der Islam von Teilen der Bürgerrechtsbewegung als eigene Kultur wiederentdeckt.
Der erste Versuch einer Rückbesinnung auf den Islam im 20. Jahrhundert war der Morrish Science Temple. Ironischerweise bedient er die Klischees abendländischer Orientschwärmerei. Sie bezeichneten sich als Morrisch, d.h. Maurisch - eine merkwürdige Parallele zur Fremdwahrnehmung der versklavten afrikanischen Muslime. Auffällig sind auch die klischeehaften Oirentkostümierungen von Anhängern des Morrish Science Temple. Eigentlich war das meiner Meinung eher Asien- als Afrikaschwärmerei oder Orientalismus und Islamismus im Sinne von Edward Said. (Ich weise darauf hin, dass Said Islamismus ähnlich verwendete wie Orientalismus und der Name nicht mit dem tagespolitischen Gebrauch zu tun hat. Mit Islamismus meinte Said die westliche Imagination vom Islam.) Ihre Esoterik vermischte christliche, buddhistische und islamische Elemente. Ironischerweise war der Gründer Drew Al, der nach eigenen Angaben in ägyptische Geheimlehren eingeweiht war, auf irgend eine Weise Cherokee. Auch die in ihrem Umfeld entstandene Nation of Islam hatte nur wenig mit der Religon Islam zu tun. Erst spät beschäftigten sich Teile der Bewegung mit dem echten Islam und ließen die Esoterik hinter sich. Malcolm X verließ 1964 die Nation of Islam, pilgerte nach Mekka und wurde sunnitischer Muslim.

Die Frage nach Herkunft und Abstammung der Afroamerikaner spielt seit der Bürgerrechtsbewegung eine große Rolle. Alex Hileys Roman "Roots" und der gleichnamigen Filmreihe machte die Figur Kunte Kinte bekannt, ein Muslim aus dem heutigen Gambia. Die Geschichte beruht nach Angaben des Autors auf mündlicher Überlieferung, was zumindest jedoch bezweifelt wird.
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Geändert von Maglor (02.04.2017 um 21:12 Uhr).
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Alt 04.04.2017, 15:35   #2
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Hier noch mal ein spannender Link auf eine Vorschau zum Buch: Servants of Allah:
African Muslims Enslaved in the Americas by Sylviane A. Diouf.
Zitat:
Diouf notes a tradition among whites, going back fully two centuries, of finding the educated Muslims in their midst not to be African but rather "Moors" or "Arabs" or even "Turks." (Insisting that an educated African is not an African helped sustain the racist ideology that undergirded slavery.) This odd tradition lived on in the twentieth century and explains the confusing tendency of the new black converts to Islam repudiating their African heritage.
Die spezielle Verwendung des Wortes Moor ist auch der Autorin aufgefallen. Gebildete unter den Muslimen werden als Moors, Arabs oder Turks und nicht als Negro bezeichnet. Damit wird auch die Herkunft der Personen von Afrika nach Asien verlegt.
Dieser Diskurs später von afroamerikanischen Esoterikern aufgenommen.
Ironischerweise liegen zwischen dem Tod der letzten kyrptomuslimischen Salzwassersklaven und den ersten afroamerikanischen Versuchen einer Wiederbelebung als Pseudoislam nur wenige Jahre.

Moors, Mohren und Marroko
Die Verwendung des Begriff "Moor" in Amerika ist teilweise identisch mit dem deutschen Wort "Mohr". Mohr bedeutete zuerst Maure wurde, bald aber mit Neger gleichgesetzt und schließlich von diesem Wort verdrängt. Auffällig ist auch die enge Verknüpfung der amerikanischen "Moors" mit dem Sultanat Marokko, englisch Morocco. Das Sultanat Marokko war der erste Staat, der die Unabhängigkeit der USA anerkannt. Kontakte zum Sultan von Marokko führt mehrfach zu Freilassung von Sklaven in den USA, z. B. Free moors of South Carolina. Welche juristischen Folgen die Anerkennung als Quasi-Marokkaner hatte, kann ich jetzt überhaupt nicht einschätzen.

Noch mehr "Moors" und "Turks" in Amerika
Darüber hinaus wurden aber andere "gemischtrassige" Bevölkerung Moors oder Turks bezeichnet, auch so genannte Melungeon, Turks of South Carolina oder auch Angehörige der inzwischen als Natives anerkannten Lumbee. Zu diesem spannenden und zugleich umstrittenen Thema gibt es hier im Forum sogar einen eigenen Thread.
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