1967. Israels zweite Geburt

Dieses Thema im Forum "Buchempfehlungen" wurde erstellt von ursi, 4. Juni 2007.

  1. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter


    Tom Segev schildert Ursachen, Verlauf und Auswirkungen des Sechstagekriegs, den Israel im Juni 1967 mit seinen arabischen Nachbarstaaten führte. Spannend und kenntnisreich zeigt er, wie dieser Krieg zu einer folgenschweren weltpolitischen Auseinandersetzung wurde, die Israel tiefgreifend verändert hat.

    Am frühen Morgen des 5. Juni 1967 stiegen die Flugzeuge der israelischen Luftwaffe in den Himmel. Bereits wenige Tage später hatte Israel seine arabischen Kriegsgegner besiegt und kontrollierte nun ein Territorium, das um ein Vielfaches größer war als das eigentliche Staatsgebiet. Mit dieser spektakulären militärischen Operation begann der dritte militärische Nahostkonflikt, der als »Sechstagekrieg« in die Geschichtsbücher eingehen sollte. Bis heute sind die Auswirkungen dieses arabisch-israelischen Kriegs für Israel und die gesamte Region spürbar, nicht zuletzt deshalb, weil die wichtigsten damaligen Protagonisten wie PLO-Chef Jassir Arafat, Itzhak Rabin als Stabschef oder Ariel Sharon als Kommandeur einer Panzerdivision noch Jahrzehnte später das Gesicht des Nahen Ostens prägten. Anhand zahlreicher bisher unbekannter Quellen schreibt Tom Segev die erste umfassende Geschichte dieses folgenschweren Kriegs, seiner politischen und gesellschaftlichen Hintergründe und Nachwirkungen. Mit großem Scharfsinn und erzählerischer Brillanz entlarvt Segev dabei den Mythos von der Unvermeidbarkeit des Blutvergießens im Sommer 1967. Der Sechstagekrieg jährt sich im Juni 2007 zum 40. Mal.

    Tom Segev • 1967. Israels zweite Geburt • Siedler 2007 • 796 Seiten
     

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  2. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Rezension NZZ am Sonntag

    Als David gegen Goliath siegte

    Israels Sechstagekrieg und seine Folgen

    Von Klara Obermüller

    Wer alt genug ist, sich zu erinnern, wird diese Bilder nie vergessen: am Boden zerstörte ägyptische Flugzeuge, in panischer Flucht zurückgelassene Schuhe, israelische Soldaten vor der Klagemauer, weinend vor Rührung. Die Welt hing an den Bildschirmen und weinte mit. Israel hatte gesiegt und sich in nur sechs Tagen angeeignet, was es im Krieg von 1948 nicht mehr zu erobern vermocht hatte. So las man es damals und identifizierte sich mit dem kleinen Land, das der Übermacht seiner Feinde getrotzt hatte.

    Auf den 40. Jahrestag hin hat der israelische Historiker und Journalist Tom Segev nun die Geschehnisse von damals neu aufgerollt. Dass das Buch nur die Jahrzahl im Titel trägt, ist bezeichnend. Tom Segev schreibt zwar auch über den Krieg; aber eingehender noch befasst er sich mit der Zeit, die ihn hervorgebracht hat. Ihn interessieren die Zeitumstände, die gesellschaftlichen Verhältnisse, die alltäglichen Begebenheiten, die eine kriegerische Auseinandersetzung möglich oder gar unumgänglich gemacht hatten. Ihn interessieren die politischen Konsequenzen, die aus der militärischen Situation am Ende der Kämpfe gezogen wurden. Bei den Recherchen sei ihm klar geworden, «dass das Jahr 1967 noch nicht zu Ende gegangen ist», sagte der Autor unlängst in einem Interview mit der jüdischen Zeitschrift «Aufbau». Umso wichtiger erscheint es, zu verstehen, was damals geschah.

    In der Tat sind fast alle Konflikte, die den Nahen Osten derzeit in Atem halten, in den Ereignissen des Jahres 1967 angelegt. Und diese wiederum haben ihre Vorgeschichte, ohne die die spätere Eskalation nicht nachvollziehbar ist. Solche Zusammenhänge aufzuzeigen und aus der kollektiven Erinnerung heraus zu erklären, ist das zentrale Anliegen von Tom Segevs neuestem Buch. Wie schon in seinen früheren Werken, «Es war einmal ein Palästina» und «Die siebte Million» stützt sich der Autor für seine Darstellung nicht nur auf politische und militärische Quellen, sondern ebenso sehr auch auf Alltagsmaterialien wie Zeitungsartikel, Tagebuchaufzeichnungen und Briefe. Hier findet er die Belege für jene Ängste und Träume, die politische Entscheidungen oftmals nachhaltiger bestimmen, als es Politikern lieb ist.

    Diese persönlichen Zeugnisse weiss Tom Segev sehr geschickt zu den historischen Fakten in Beziehung zu setzen. Er zitiert, er erzählt, er interpretiert und lässt dabei das Bild einer Gesellschaft entstehen, in das sich die offizielle Politik wie selbstverständlich einfügt. Eindrücklich, wenn auch leider viel zu weitschweifig schildert Tom Segev, wie Israel ab Mitte der sechziger Jahre in eine tiefe Krise geriet, die alles in Frage stellte, worauf die zionistische Gründergeneration gebaut hatte. Während Nasser mit Vernichtung drohte und Terroranschläge die Moral der Bevölkerung untergruben, machte sich im Innern der Gesellschaft eine Untergangsstimmung breit, für die wirtschaftliche Rezession und Abwanderung ebenso verantwortlich waren wie die Spannungen zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen und die Sorge um die Identität des jüdischen Staates. Vor diesem Hintergrund musste der Krieg schliesslich wie ein Befreiungsschlag erscheinen, der unausweichlich war. Der überwältigende Sieg gab dann allen recht, die die Dinge so sahen.

    Im Laufe seiner Recherchen gelangte Tom Segev jedoch zum Schluss, dass das Blutvergiessen vom Juni 1967 so unabwendbar, wie es oft dargestellt wird, nicht war. Mit Hilfe von bisher unveröffentlichten Dokumenten und zum Teil unbekanntem Archivmaterial rekonstruiert er minuziös - leider auch hier wieder viel zu ausführlich - einen Prozess der politisch-militärischen Entscheidungsfindung, der, von Rivalitäten und Eigeninteressen geprägt, keineswegs gradlinig auf die kriegerische Auseinandersetzung zulief. Israel präsentiert sich vielmehr als ein tief gespaltenes Land, das sich von einer schwachen Regierung und dominanten Militärs in einen Krieg hineinmanövrieren liess, dessen Ausgang alles andere als gewiss war. Konzepte für eine Nachkriegsordnung fehlten dementsprechend fast ganz.

    Tom Segev bezweifelt, dass die Panik vor Ausbruch des Krieges wirklich berechtigt war. Er misstraut aber auch der Euphorie, die der Sieg in der Bevölkerung auslöste. Und er macht kein Hehl daraus, dass er die Eroberung des Westjordanlandes und die Einnahme Ostjerusalems für einen Fehler hält, der sich bis heute verhängnisvoll auswirkt. Gleichzeitig geht er auch mit der Gegenseite hart ins Gericht und stellt klar, dass es sich beim Terror der Palästinenser nicht, wie gerne behauptet wird, um eine Konsequenz des Sechstagekrieges, sondern um eine seiner Ursachen handelt. Patentrezepte zur Lösung des Nahostkonflikts hat auch Tom Segev keine auf Lager. Er deutet lediglich an, wo sie seiner Meinung nach liegen könnten. Sein Diktum allerdings, wonach wir immer noch im Jahr 1967 lebten, stimmt nicht eben hoffnungsfroh.

    (Quelle NZZ am Sonntag vom 3. Juni 2007, Online nicht erhältlich)
     

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