Amillenialismus

Dieses Thema im Forum "Religionsgeschichte" wurde erstellt von Aurelius, 13. Mai 2011.

  1. Aurelius

    Aurelius Gast


    Hallo liebes Forum

    Warum setzte sich der Amillenialismus in der katholischen Kirche und auch später im Zuge der Reformationswelle (v.a. Calvin und Luther) durch? Was waren die Auswirkungen?

    Ich würde mich vor allem auch über Buchtipps und sonstige Literaturtipps, die sich mit diesem Thema befassen, sehr froh.

    Danke für jede Hilfe.
     
  2. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Hi!

    Zunächst mal, es heißt Amillennialismus (alternativ auch Amillenarismus )

    Wogegen soll er sich denn durchgesetzt haben? Wo und zu welcher Zeit siehst du denn in der Exegese prä- oder gar postmillennialistische Strömungen vor der Reformation, die so meinungsbildend waren, dass sich der Amillennialismus erst gegen sie durchsetzen musste? Dir ist klar, dass die Grundzüge des Amillennialismus bis auf Origenes zurückgehen?

    Die eindeutigste war der Herrschaftsanspruch der Kirche.
     
  3. hjwien

    hjwien Aktives Mitglied


    Das ist ja ein schönes Wort. Ich mußte erstmal googeln, aber verstanden habe ich es noch nicht so recht. Kann man das bitte nochmal erläutern, das klingt interessant?
     
  4. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Aber klar doch :winke: Ausgangspunkt ist der Millenarismus, also die Auslegung der Offenbarung des Johannes, dass es eine Wiederkunft Christi sowie ein daran anschließendes Tausendjähriges Reich gäbe. Die Auslegung der Offenbarung kennt dabei drei grundsätzliche Auslegungsrichtungen, nämlich den Prä-, den Post- und eben den Amillennialismus.

    Der Prämillennialismus, geht davon aus, dass das tausendjährige Reich mit der Wiederkunft Christus auf Erden erst noch kommt, der Postmillenialismus geht davon aus, dass Christus erst am Ende der tausend Jahre wiederkehrt und der Amillennialismus geht eben davon aus, dass die "1000" in der Offenbarung nur symbolischen Charakter hat, das "Reich Gottes" ist nach dieser Sicht bereits gegenwärtig und die Wiederkunft Christi die in der Offenbarung des Johannes angekündigt wird, lediglich allegorischen Charakter hat. Letztere Auslegung war auch die Argumentationsgrundlage zur Ausübung weltlicher Macht durch den Klerus.

    Und nachdem diese Fragestellung sehr theologisch ist, hoffe ich auf die Disziplin der Diskutanten, das Thema schön im historischen Kontext zu belassen und nicht in eschatologische Fragestellungen der Exegese abzudriften. :winke:
     
  5. hjwien

    hjwien Aktives Mitglied

    Hmm, das ist gar nicht so leicht, nicht über die Grenze zu treten, und ich fürchte fast, ich liege schon zu weit mit meiner nächsten Frage.
    Würde dann das jüngste Gericht damit negiert werden? Und wenn das Reich Gottes schon gegenwärtig ist, dürfte es dann noch ein Fegefeuer geben, so daß man Ablaß bezahlen mußte, um diesem zu entkommen? (Uff, jetzt bin ich wieder im Historischen)
     
  6. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Ja, das ist mir bewusst, wir geben uns einfach größtmögliche Mühe. Ansonsten verlasse ich mich mal auf meine Damen und Herren Kollegen, die hier im Zweifelsfalle einschreiten ;)

    Der Millenarismus bezieht sich konkret auf die Offenbarung 20, 1-7. Die Frage der jeweiligen Auslegung ist, ob diese Textstelle wörtlich genommen wird, so wie im Prämillennialismus oder eben nicht, so wie im Amillennialismus. Aber es wird weder das jüngste Gericht noch das Fegefeuer verneint. Zuerst kommt das Tausendjährige Reich, dann kommt die endgültige Vernichtung des Teufels (während der 1000 Jahre ist er nur weggesperrt) und dann erst das Jüngste Gericht und das ewige Leben. Dass diese wortwörtliche Auslegung bereits in der Frühphase des Christentums kaum mehr Verbreitung fand, finden man in etlichen Schriften der frühen Kirchenväter, wie bei dem von mir bereits erwähnten Origenes, der die Auslegung hierzu gesamthaft im Peri archon festhält, das aber nicht mehr als Primärquelle erhalten ist, aber doch sehr umfänglich rekonstuiert werden konnte. Es gibt dazu kirchengeschichtliche Betrachtungen, dass der zunächst verbreitete Prämillennialismus des frühen Christentums mit zunehmender Ausbreitung und damit einhergehendem zunehmenden Machtgewinn sukzessive durch den Amillennialismus abgelöst wurde. Es gab zwar immer wieder Bewegungen innerhalb des Chrsitentums die prä- oder postmillennialistisch ausgerichtet waren, aufgrund der Verfolgung durch "die Kirche" aber nie wirklichen Einfluss gewinnen konnten, bis es eben zu den großen Umbruchbewegungen der Reformation kam, wobei es eher die kleinen Glaubensgemeinschaften waren, die von den Vorstellungen des Amillennialismus abwichen.
     
  7. Hulda

    Hulda Aktives Mitglied

    In dem Zusammenhang solltest du den Charakter des christlichen Verständnisses von der Herrschaft Gottes betrachten:

    "Mein Reich ist nicht von dieser Welt" gibt dabei mE einen entscheidenden Ausschlag.

    Der Amillenialismus hatte meiner Auffassung nach aus Sicht der damaligen Theologen nicht- wie Lili postulierte- primär machtpolitischen Charakter (vllt habe ich sie aber auch falsch verstanden). Es ging theologisch um die Regentschaft Christi auf Erden, die aufgrund der Ablehnung der Ausübung weltlicher Macht durch Christus selbst konsequenterweise zum Amillenialismus führen musste, also symbolischen Charakter erfuhr, wie Lili bereits erläuterte.

    Interessant ist in diesem Zusammenhang das Werk "de civitate Dei" des Kirchenvaters Augustinus. Entstanden ist es in der Zeit, in der Rom einen entscheidenden Schlag durch die Goten erfuhr, Rom somit als junges christliches Reich erschüttert wurde. Dieser Umstand wird dem Symbolcharakter der Gottesherrschaft noch deutlicheren Ausdruck verliehen haben.

    Wir befinden uns hier zwar auf hochinteressantem, aber "wackeligem", weil theologischem Terrain. Vielleicht ist es noch sinnvoller, die Frage in einem Theologieforum zu stellen, da es viel um messianisches Verständnis usw. bei dieser Thematik geht.
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. Mai 2011
  8. Lukrezia Borgia

    Lukrezia Borgia Moderatorin

    Ich bin etwas in Eile, deshalb (vorerst) nur stichpunktartig:

    Das Fegefeuer ist ein Konstrukt, das so erst im Früh- bis Hochmittelalter geschaffen wird und hat damit mit spätantiker Bibelexegese nichts zu tun. Und zur Gegenwärtigkeit des Reich Gottes ist zu sagen, dass Augustinus nach der Zerstörung Roms durch die Westgoten 410 sein Werk "De civitate dei" verfasst, in dem ausführlich und breit dargelegt wird, dass und wie die Bürgerschaft Christi schon jetzt vorhanden ist - und damit auch der Grundstock des Reiches, das nach dem jüngsten Gericht die Vorherrschaft haben wird.
     
  9. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Ja hast du, die Konsequenz daraus war die Möglichkeit der Teilhabe an der politischen Herrschaft. In einer prämillennialistishcen Vorstellung kann eine Glaubensgemeinschat logischerweise keine weltliche Macht ausüben.

    Edit: die Fragestellung gehört jedoch wirklich in ein Theologieforum @Aurelius, ich fürchte, wir können dir hier nur sehr begrenzt weiterhelfen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. Mai 2011
  10. Hulda

    Hulda Aktives Mitglied

    Mit DER Konsequenz muss ich leben. ;)
    War gestern Abend schon etwas spät, da habe ich wohl nicht mehr so gründlich lesen können...
     

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