Boxeraufstand in China: ein Völkermord Kaiser Wilhelm II.?

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von meisterwinter, 23. Februar 2006.

  1. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied


    Clark widerspricht deiner und meiner bisherigen Darstellung vollständig, die "Boxer" hätten die Christen mit den Kolonialmächten idenzifiziert. (Haben die Boxer nicht viel mehr die Kolonialmächte mit den Christen identifziert?)
    Nach Clark hätten die "Boxer" die Christen eben nicht umgebracht, weil sie sie für Handlanger der europäischen Imperialisten hielten, sondern weil sie die Christen für die Dürre und Heuschreckenplage verantwortlich machten und ihnen geheime Kannibalismusrituale unterstellten. Chlark bezeichnet das als "antichristliche Mythologie".

    Die Dehumanisierung der Gruppe der Christen zu "Teufeln" ist ein wichtiger Schritt Richtung Genozid. Irrationalität der Schuldzuweisungen und natürlich die Ritualmordlegenden erinnern mich stark an den abendländischen Antisemitismus, wobei die Übereinstimmungen wohl zufällig sind bzw. diese Motive des Aberglaubens in verschiedenen Epochen weltweit unabhängig voneinander vorkommen.

    Die Rolle der christlichen Lehre im Konflikt beschreibt Clark eindeutig.
    Die beschriebenen Franziskaner verwirklichten ohne Kompromiss die christliche Lehre der Gewaltlosigkeit. Bischof Fogolla verweigerte die Barrikadierung der Kirche und die Verteidigung der Gemeindemitglieder. Die Gemeinde ergab sich dem Martyrium.
    (Die Heiligsprechung von 120 China Märtyrern (u.a. die beschriebenen Franziskaner) erfolgte 2000 durch Papst Johannes Paul II.)


    Bemerkenswert ist, dass Giuseppe Castiglione (Jesuit und Mandarin am chinesischen Kaiserhof) im 18. Jahrhundert den Erzengel Michael im chinesischen Stil malte. Link zum Bild
    Castiglione malte Luzifer in abendländischer Tradition als gehörnten Teufel, während der Erzengel Michael ein wenig an die chinesische Mode angeglichen wurde.


    Die Phantasie von der Nachfolge des Erzengels Michael im Kampf mit der "gelben Gefahr" spielte aber bereits 1895 Teil der wilhelminischen Propaganda, vgl. Geschichtsforum . (Die Adressaten dieser Propaganda war jedoch die Europäer.) Es handelt sich um eine Instrumentalisierung der Massaker an den Christen durch die Allianz der Imperialisten. Sie waren willkommene Vorwand für weitere Eroberungen in China.
    Anzumerken ist natürlich, dass in der überlieferten "Hunnenrede" die Massaker an chinesischen Christen gar keinen Raum einnehmen. Dort geht es Kaiser Wilhelm II. lediglich, um die China lebenden Deutschen und insbesondere um die Diplomaten. Die Missionare werden von ihm auch nicht expliziert erwähnt!
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. April 2017
  2. Gangflow

    Gangflow Aktives Mitglied

     
  3. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied



    Nein, in #153 findet sich eben dieser Hinweis und die Sicht von Clark ist in dieser Beziehung auch nicht besonders "originell".

    Aber ich werde ausführlicher noch dazu etwas schreiben. Kann nur etwas dauern.

    Vielleicht könnte ja ein Moderator das Thema entflechten und unter die "Ursachen des Boxer-Aufstands" verschieben. Dann hat der gute KW II. seine Ruhe :winke:
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. April 2017
  4. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Indem man Zitate kenntlich macht, lassen sich die Aussagen richtig einschätzen.


    There is perhaps no country in the world in which religious toleration is carried to so great an extent as in China; the only objection that prince or people have to Christianity is that it is a foreign religion, and that its tendencies are to approximate believers to foreign nations.


    (Hudson Taylor 1867)

    Zur zeitlichen Einordnung:

    Wenige Jahre zuvor war der Zweite Opiumkrieg zu Ende gegangen.

    Als Ergebnis des verlorenen Krieges musste Peking 1860 zähneknirschend in den "Vertrag von Tianjin" einwilligen, der die Regierung zur Tolerierung der christlichen Religion und zum Schutz der christlichen Missionare verpflichtete:


    https://en.wikisource.org/wiki/Trea...een_of_Great_Britain_and_the_Emperor_of_China



    https://en.wikisource.org/wiki/Trea...ted_States_of_America_and_the_Empire_of_China
     
  5. Rhys

    Rhys Mitglied

  6. Aoteman

    Aoteman Neues Mitglied

    Neben all den im Zusammenhang mit dem sog. Boxeraufstand hier im Geschichtsforum aufgeworfenen Fragen und deren Antworten, ist es mir als Sinologe wichtig, eine Richtigstellung zur eigentlich fälschlichen und irreführenden Bezeichnung "Boxer" zu geben, bzw. die Erklärung hierzu von dem Sinologen Richard Wilhelm aus seinem Werk "Die Seele Chinas", Frankfurt: 1925, zu bemühen. Dort schreibt Wilhelm auf S. 16: "
    Es gab auf dem Lande allenthalben Selbstschutzvereinigungen gegen das Räuberwesen, das Wege und Stege unsicher machte. Diese Selbstschutzverbände nannten sich I Ho T'uan (Vereinigungen zum Schutz der öffentlichen Ruhe). Es heißt, daß kurz nach- dem in Deutschland das Wort von der gepanzerten Faust gefallen war, dieser Titel umgewandelt wurde in I Ho K'üan (Faust zum Schutz der öffentlichen Ruhe). Das wurde dann fälschlich mit dem Wort Boxer übersetzt, obwohl von Boxen bei der ganzen Sache nicht die Rede war."
     
    El Quijote gefällt das.
  7. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Der ausgesprochen ehrenwehrte Richard Wilhelm war ein bemerkenswerter Mann mit einer ebenso bemerkenswerten Sicht auf seine Tätigkeit als Missionar, wie Gerber es darstellt.

    Aber in diesem Fall irrt sich Wilhelm, da ihm kaum die entsprechenden Dokumente zur Verfügung standen, die komplizierte Genealogie der "Boxer-Bewegung" zum damaligen Zeitpunkt zu erkennen.

    Die "Boxer - Bewegung" (quanfei, abgeleitet aus quan bzw quanshu für "Boxen" als "martial Art Technik)
    hat eine Reihe von Vorläufern (vgl. ausführliche Darstellung im Link).

    Und wird objektivierend in der Regel mittlerweile als "United in Righteousness" (yihe) bzw. im Zusammenhang mit dem Milizbegriff als "Yihetuan" adressiert.

    Für diese Bewegung werden als "Vorläufer" zwei zentrale Organisationen als relevant angenommen. Zum einen die "Big Sword Society" (Dadaohui), - in Shandon - die am ehesten der Beschreibung von Wilhelm entspricht, da sie in der Regel von den lokalen Honoratioren angeführt wurde. Und zum anderen aus dem Umfeld einer Massenbewegung, den "Spirit-Boxern" (in Zihli), die man eher als "soziale Bewegung" interpretieren kann . Ihre "Führer" kamen zumindest nicht aus der Schicht des "niederen Adels" bzw. der Honoratioren, sondern eher aus der Bauernschaft.

    http://www.geschichtsforum.de/thema/frage-zum-boxeraufstand.23032/page-2

    Gerber, Lydia (2015): Christianity for a Confucian Youth: . Richard Wilhelm and his Lixian Shuyuan School for Boys in Quingdao, 1901 - 1912. In: Anthony E. Clark (Hg.): Voluntary exile. Chinese christianity and cultural confluence since 1552. Lanham: Lehigh University Press, S. 117–144.
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. Juli 2018

Diese Seite empfehlen