Churchill und die Hungersnot in Bengalen 1943 - Hintergründe

Dieses Thema im Forum "Indien | Ferner Osten" wurde erstellt von jschmidt, 18. September 2010.

  1. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied


    Threads zu Indien sind hier im Forum - ähnlich wie zu Afrika - auch Mangelware. Ich weiss halt zu wenig über diesen Subkontinent, als dass ich das ändern könnte.

    Immerhin bin ich eben auf ein neues und sensationelles Buch gestoßen, welches sich mit Indien im zweiten Weltkrieg befasst -und zwar auf dem Umweg über eine Rezension"Sensationell" ist das Buch für mich deshalb, weil es behauptet und belegt, dass nicht nur zwei Millionen (!) indische Soldaten seinerzeit in britischen Diensten standen, sondern dass

    • 1943 in einer Hungersnot in Bengalen zwei bis drei Millionen Menschen starben,
    • diese Hungernot z.T. Menschenwerk war und dass es insbesondere Churchill selbst war, der die Hungersnot nicht nur hinnahm, sondern Hilfe für Indien bewusst verhinderte.
    Ich habe mit dem - einschlägig ausgewiesenen [1] - Rezensenten Kontakt aufgenommen, und er bestätigte mir, dass die Erkenntnisse der Autorin Mukerjee zum letzten Punkt tatsächlich neu sind.

    Allein von den Opferzahlen her ist da ja ein ganz ungeheuerlicher Vorgang, und irgendwie will mir nicht in den Kopf, dass das 60 Jahre lang im Verborgenen geblieben ist. Frage in die Runde: Was wisst Ihr über die Situation von damals? Wer hat weiterführende Informationen? [2]


    [1] http://www.geschichtsforum.de/150088-post2.html
    [2] Siehe auch die Semesterarbeit http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/savifadok/frontdoor.php?source_opus=205&la=de S. insb. 12 f.
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. September 2010
  2. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Da müßte ich mich erst wieder tiefer einlesen. Den Birma-Indien-Komplex hatte ich mal vor ein paar Jahren angelesen.

    Den reinen Mengenbetrachtungen und angeblichen Prioritäten würde ich sehr skeptisch gegenüber stehen, aus folgenden Gründen:

    1. Ostindien war in der Vorkriegszeit zu einem erheblichen Teil auf birmesische Reiszufuhr angewiesen. Neben der Versorgungsquelle, die 1942 entfiel, ist der belastete Versorgungsweg wichtig: Küstenschifffahrt und Eisenbahnen Birma-Ostindien (beides entfiel im Verlauf 1942)

    2. Das Jahr 1943 sah eine Transportkrise im ostindischen Bereich, da die
    a) Eisenbahnkapazitäten nach Ostindien
    b) die Schiffskapazitäten und Fährenkapazitäten am Brahmaputra
    über Belastungsgrenze beansprucht waren. Das führte auch dazu, dass die militärisch für die Front angeforderten Mengen nicht geliefert werden konnten.

    3. Die indische Kriegsgesellschaft befand sich im Spätsommer 1943 an der Belastungsgrenze, industriell teilweise vor dem Kollaps. Das Land hatte zuvor rd. 10% des Lokkapazitäten und 15% des Waggonmaterials an die Kriegsschauplätze abgegeben. Auch die Schiffskapazitäten waren erschöpft bzw. schon in Friedenszeiten am Limit.

    4. Im Spätsommer 1943 griff aufgrund des sichtbar bevorstehenden/erwarteten Transportkollapses massenhaft und regional in den noch versorgten Gebieten das Bunkern von Vorräten um sich (Hamsterverhalten). Bzgl. Ostindien wurde eine militärische Abteilung eingesetzt, um das mit Repressalien und militärischer Macht zu brechen, da es die transportbedingten Engpässe noch verschärfte.

    5. Auf die geschilderten Engpässe traf zusätzlich die erhöhte militärische "Nachfrage" nach Transportkapazität an die birmesisch-indische Front. Das verstärkte die Überlastungen.

    6. Aus Birma war 1942 eine Flüchtlingswelle von mehreren Millionen Menschen nach Ostindien erfolgt, die bereits "en passent" fast eine Million Tote verursachte (auf den Wegen, Hunger+Unterversorgung in den Camps). Die teilweise in Friedenszeiten schon unterversorgten Bevölkerungsteile stiegen nochmals an.

    Wenn das Buch nicht auf diese Problemkreise eingeht, sind die Schlußfolgerungen höchst angreifbar, weil die Darstellung des Kontext selektiv vorgenommen worden wäre (potentielle Mengen, Lieferprioritäten).

    Man könnte es auf folgenden Punkt bringen: selbst wenn die Mengen in Auslieferungshäfen und in anderen indischen Regionen verfügbar gestanden hätten, wäre zweifelhaft, wie diese hätten transportiert werden sollten. Das durch Getreidetransporte nach Ostinidien etwa die Fronttransporte beschränkt worden wären, was bei der Versorgungskrise 1943 an der "indischen Haustür" auch den Zusammenbruch der Front nach sich ziehen konnte, kann ich mir nicht ernsthaft vorstellen.
     
    flavius-sterius gefällt das.
  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter


    Woodburn Kirby, The War against Japan 1939/45, Band III, listet in Anlage 24 einen Report des Transport-Kommitttes im Spätsommer 1943 auf. Das festgestellte Jahres-Defizit bei den Transportmengen betrug etwa 6210 Mio. Meilen-Tonnen.

    Dafür gab es mehrere Gründe:

    1. die Priorität von Kohlentransporten, durch den Ausfall eines großen Teiles der Küstenschifffahrt bzw. Mangel an Schiffsmaterial
    2. Das Flugplatz-Ausbauprogramm (für die Front an der indischen Grenze sowie die Aufstockung der Luftversortgung für China), "immense tonnages of construction material"
    3. die Belegung durch das Öl-pipeline Entwicklungsprogramm, und die Belegung mit der Strecken "tank waggons"
    4. die Belegung mit Militärzügen
    5. den Aufbau zahlreicher großer Depots im Hinterland der Front

    und besonders erwähnt:
    6. "Food shortages: the incidence of food shortages in many parts of India, and actual famine conditions in certain areas in Eastern and Southern India, had forced a reorientation of food distribution throughout the country. Large tonnages of essential foodstuffs had to be carried from surplus to deficit areas, which often involved hauls over 1000 miles and cross-running of different types of staple foods".

    Das Bahn- und Straßensystem wird als inadäquat für diese Beanspruchungen beschrieben. Die Küstenschifffahrt war 1943 außerdem auf 150.000 Monatstonnen eingebrochen (Vorkrieg: ca. 300.000 Monatstonnen), wobei nunmehr ein Teil der Resttonnage außerdem mit militärischen Frachten belegt war.


    Konsequenzen: Das Kommittee forderte die zusätzliche Bereitsstellung von 310 Breitspur- sowie 70 Meterspur-Lokomotiven mit zusätzlich 18.000 Breitspur- und 4000 Meterspur-Waggons, um den Transport-Engpaß aufzulösen. Unter Berücksichtigung von Reperaturen und steigender Fracht bis 1944/45 beträgt die zusätzliche Anforderung:
    996 Breitspur-Lokomotiven mit 32.600 Waggons
    258 Meterspur-Lokomotiven mit 6.520 Waggons

    Probleme "am Rande": im Juli 1943 wurden sämtliche Bahnlinien-Verbindungen mit Anschluß an Calcutta (das war der Haupthafen für Bengalen/Arakan/Versorgung China) durch die Überflutung des Damodar unterbrochen. Die gesamten Assam-Verbindungslinien wurden damit auf 3.400 Tagestonnen zivil und militärisch reduziert. "Full traffic could not be restored till December 1943". Aus dem Grund mußte zB auch der Fronttransport der 5. und 7. Indischen Division sowie der 81. Westafrikanischen Division, die bis Jahresende in Arakan konzentriert werden sollten, auf die Küstenschiffahrt umgelegt werden. Der Kohlenmangel aufgrund der Streckenunterbrechungen führte dazu, dass Kohlenladungen für Indien aus Südafrika angefordert wurden. Das Frontdefizit an Transportladung betrug im August allein 128.000 Tonnen, dementsprechend wird der Zustand der übrigen Versorgung schlecht ausgesehen haben.


    Ergo:
    - gewaltige zusätzliche Belastungen durch militärische Transporte auf Bahn und Wasser
    - Zusammenbruch des innerindischen Transportsystem zum Ausgleich der Überschuß- und Defizitgebiete, was nicht einmal mehr den Ausgleich an Überschüssen im Lande gestattete, geschweige denn die Bewältigung von außen zugeführte zusätzlicher Tonnage
    - Flutschäden im Sommer 1943 auf den West-Ost-Verbindungsstrecken und Unterbrechung der abfließenden Tonnage aus dem Haupthafen Calcutta


    1941 umfaßte die Indische Armee insgesamt 900.000 Mann, wovon unmittelbar 300.000 in den Nordafrika, Mittleren Osten inkl Irak, Malaya verschickt waren. Ein Kontingent von 150.000 stand an der Nordwestgrenze, rd. 300.000 befanden sich in Rekrutenausbildung, der Rest war in Indien verteilt.

    Bis 1945 wurde die Armee auf 2,67 Mio. Mann aufgestockt.

    Die Angaben sind den HMSO-Publikationen 1957-1960 entnommen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. September 2010
  4. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Ich habe leider nicht mehr die leiseste Ahnung wo ich es gelesen habe, erinnere mich aber wage an einen Artikel, der die wiederholten Hungersnöte in Indien unter britischer Herrschaft behandelte. Das bemerkenswerte war dabei, dass vor der britischen Eroberung die Landwirtschaft im Indischen Subkontinent von europäischen Zeitzeugen als sehr effizient gepriesen (vor allem die hoch entwickelten Bewässerungssyteme) und gerade die Abwesenheit von Hungersnöten verzeichnet wurde und auch dass relativ kurze Zeit nach dem Abzug der Briten keine so katastrophalen Ereignisse mehr eintraten.

    Es kann sein, dass dieser Artikel im Geiste des Antikolonialismus geschrieben wurde, fakt ist jedoch, dass die britische Kolonialherrschaft keineswegs so ein großer Segen war wie so häufig bis heute dargestellt.
     
  5. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Die Nahrungsmittelimporte für Indien 1933-39 waren absolut vernachlässigbar. Die Bevölkerungsschätzungen bewegten sich zwischen 1911 auf 303 Mio. und 1947 mit 414 Mio. (Indien 342 und Pakistan 72 Mio.).

    Die Nahrungserzeugung im Land war ungleichmäßig verteilt, Hunger somit auch eine Transportfrage. Für einzelne Jahre ist der Monsunverlauf prägend (Überschwemmungen), egal wie hochentwickelt die Technik ist.

    Das Eisenbahnnetz 1933/39 sowie die beförderte Tonnage hatte quantitativ etwa das Niveau von Kanada, mit 12 Mio. Einwohnern.
     
  6. R.A.

    R.A. Neues Mitglied

    Diese Landwirtschaft war ja auch die Basis für Indiens Reichtum und einige Jahrtausende Hochkultur.

    Da haben die Beobachter eben gerade gute Jahre erwischt - d.h. die Abwesenheit von Hungersnöten war wohl eher Zufall.

    Grundsätzlich hat ja selbst die bestorganisierte Landwirtschaft Produktionsschwankungen. Und wenn es mal schlecht läuft (zuviel oder zuwenig Regen, Naturkatastrophen wie Überschwemmungen, Schädlingsbefall), dann kommt es in vor-industriellen Gesellschaften regional eigentlich immer zu Hungernöten - weil die Bevölkerungsanzahl sich nach den guten Jahren richtet und die Möglichkeiten tendenziell voll ausnutzt.

    Wobei diese Hungersnöte eben meist nur regional waren, hundert Kilometer weiter kann es schon ganz normale Ernten oder Überschüsse geben.

    Der Schlüssel zur Vermeidung von Hungersnöten liegt also in der Transportkapazität, um diese regionalen Defizite rechtzeitig auszugleichen. Und da kann man davon ausgehen, daß VOR der Einführung der Eisenbahn durch die Briten in Indien die Transportmittel in der Regel nicht ausreichten, um Hungersnöte zu verhindern - das war ja in Europa genauso.

    Ich weiß nicht, wo es solche Darstellungen heute gibt (eigentlich lese ich immer nur gegenteilige ...).
    Aber die Eisenbahn wird man schon als positives Erbe der Kolonialzeit betrachten können.
     
  7. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

  8. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

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